Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XIX (1914)
- Issue
- Heft 10 (6.3.1914)
- Date
- 1914-03-06
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
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Das müssen wir uns doch einfür allemal klar machen . und müssen darum alles daranset/en, den Lebenswillen des Volkes auch im Galuth zu stärken; mul wenn sich dieser Lebenswille, was ja ganz natürlich ist, auch darin äußert, daß er Kulturwerke in der Sprache des Volkes hervorbringt, daß er für den Schutz und die Entwicklung dieser Werke Schulen in dieser Sprache verlangt, so dürfen wir am allerwenigsten Halt! rufen. Gewiß würden wir es lieber sehen, wenn diese Werke in unserer Nationalsprache geschaffen würden, aber wenn dies nicht der Fall sein kann, dann dürfen wir nicht dem Schema das Leben opfern. Die Erfahrung hätte uns da schon manche Lehre geben können. Man kann seit Jahren beobachten, welche Folgen die antijiddischc Parole zeitigt. Man ist in zionistischen Kreisen theoretisch für das Hebräische und spricht faktisch ־— polnisch und russisch. Und der Verlust an nationalen Werten, der dadurch entsteht, daß ein jiddisch erzogener Intelligenzler unter dem Einfluß jener Parole zum Polnischen übergeht, kann durch eine noch so gut gemeinte und tüchtige nationale Arbeit des Betreffenden kaum wettgemacht werden. Man kann sieb heute nicht mehr darauf berufen, es sei einem Intellektuellen nicht möglich, jiddisch zu sprechen, denn die Sprache sei hierfür nicht genug ausgcbildet; wäre dies aber doch wahr, dann gehörte es zu unsern vornehmsten Pflichten, das Jiddische in dieser Richtung auszubauen; statt dessen finden es manche von uns für gut, solche Bestrebungen, wie sie sich in dem kürzlieh erschienenen Jahrbuch ״der Pirikes“ manifestiert haben, vornehm zu belächeln. Wir Zionisten können dem Jiddischen gegenüber nur eine Parole haben: Es muß überall erhalten und gekräftigt werden, und nur für das Hebräische kann und darf es aufgegeben werden. Wir müssen unter unsern Genossen die Ueberzeugung erwecken, daß die Aufgabe des Jiddischen zugunsten einer nichtjüdischen Sprache ein Akt des nationalen Verrates ist. Ob Jabotinskys Plan, in Rußland hebräische Schulen zu errichten und so ein hebräisclies Geschlecht heranzuziehen, Aussicht auf Erfolg hat, vermag ich nicht zu beurteilen. Das aber scheint mir sicher, daß die neuerdings auigekommene Parole hebräisch-polnisch oder hebräisch-russisch das allcrgcfährliebste ist, was man für ein Schulprogramm ersinnen konnte. Denn — darüber dürfen doch gerade wir Zionisten uns am allerwenigsten täuschen — im Galuth ist . alles Leben gegen ein gesprochenes Hebräisch. Selbst die Konferenz der Histadruth konnte für Europa nur an Gruppen von Hebräischsprechenden, nicht an das Hebräische als Volkssprache denken. Wenn nun aber das Kind durch die. jüdische Schule der natürlichen Volksspräche, dem Jiddisch, entzogen wird und man ihm dafür UN DSC;; ‘ n eine Verbinduii;׳ d,::.; Hcbräbchcii mit der Landessprache gibt, dam! wird dieses I luvMu.ch die Konkurrenz der Landessprache nicht ertrageu und unsere jüdischen Selmlen werden uns ein r1ic;r,;üdi3d!cs Geschlecht erzogen haben. Wir werde» Zirkel von Hebräisclisprechenden haben, und hinter ihnen wird kein Volk stehen. Wenn Zionktrn mit dem Man hebräischer Sclmlgrümltm1;r11 Vermiede machen wollen, dann muß es dort geschehen, wo das Volk nie 11t jiddisch spricht, wo wir also nichts zu verlieren haben. Wo aber das Jiddische Volkssprache ist, da ist auch die jiddische Unterrichtsspräche das natürliche und es wird an uns liegen, darüber zu wachen, daß den hebiäischen Unterrichtsgegenständen die gebührende Aufmerksamkeit geschenkt wird. (Leider ist mir über dm Um fang des hebräischen Unterrichts in den von den amerikanischen Poale Zion gegründeten jiddischen Hilfs-Schulen, die nach einer Mitteilung des ״Jüdischen Arbeiters“ jetzt 1300 Kinder erziehen, nichts bekannt.) Man könnte sich denken, daß unter dem Einfluß Palästinas das Jiddische — natürlich nur partiell — hebraisiert wird, daß vor allem die Aufnahme neuer Termini für das geistige Leben aus dem Hebräischen erfolgen könnte. Heute freilich wird das Jiddische mehr und mehr e n t hebraisiert, germanisiert. Bertlyczcvvski, gewiß ein Berufener, 11 at kürzlich in den -Nethibotli“ hierüber sehr bittere Bemerkungen gemacht. |Man macht —• schreibt er — die Muttersprache geradezu zu einem Deutsch und nimmt ihr den letzten Rest jüdischcr Scelenhaltigkcit.“ Es zeigt sich aber liier sprachlieh ein Problem, das für die Zukunft des Jiddischen von entscheidender Bedeutung ist. Nur als jüdische Kultur kann die jiddische ihre Einheitlichkeit bewahren. Heute lebt sie ganz und gar von der jüdischen Vergangenheit; und die vielgcriihmte Einheit der amerikanischen und russischen Kultur des Jiddisch ist aucli nur durch die gemeinsame Wurzclung im Ghetto erklärlich. Was wird geschehen, wenn dieses Band nicht mehr sdn wird? Ich kann beim besten Willen nicht daran glauben, daß eine jiddische Kultur in Rußland und in Amerika, getrennt durch die Verschiedenheit so gut wie aller Interessen, auf die Dauer eine Einheit bilden können. Es ist mir deshalb sehr verständlich, wenn jetzt die weitsichtigen Jiddischisten ihre Hoffnungen auf eine neue religiöse Bewegung setzen, welche die Entfernten einander nahe bringen wird. Gewiß könnte sie das. Aber wird sie kommen? Auf Wunder können und sollen wir nicht bauen. Und so scheint mir, daß nur ein großes gemeinsames Volksideal, an dessen Verwirklichung alle Teile des Volkes durch Generationen mit gleicher Energie beteiligt sein können, eine einheitliche Entwicklung der jiddischen Kultur in allen Weltteilen verbürgen kann. So ist der Zionismus dem Jiddischen ebenso notwendig, wie das Jiddische dem Zionismus. Man möchte wünsehen, daß endlich einmal diese Ansicht hüben und drüben sich durchsetzte und einem sinnlosen Kampfe ein Ende bereitet würde. * ».80 Ij "63 | s* <—־- ' ‘ ' h ' 26| ו ׳1 t;?.■