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Jüdische Rundschau · 1914-03-06 · Heft 10 (6.3.1914) · page 1

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XIX (1914)
Issue
Heft 10 (6.3.1914)
Date
1914-03-06
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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i— Abonnements •uf die wöchentlich im Freitag er- ■chcinende ״Jüdlacha Runclachaii1* | kosten bei der Expedition und bei •Uen Poitämlern vierteljährlich 1,50 M., •ußerheib Deutschlands und Oesterreich-Ungorns 2,— M.j für Mitglieder jüdischer Vereine im Sammelbeiug durch den Verein 1,— M, JUillid!• nuinlsclmu, O. m. b. 11. I BERLIN W. 15, SttdwUdi• Straße 8.! Telephon! Amt Uhlsnd 815, 816, 868, Postscheckkonto! Berlin Nr. 17392. Anzeigen kosten für die sedfisgeapsltene Petitxeüe oder deren Kaum 40 Pf.ן Stellen« Angebote und .Gesuche sowie Vereins- Mitteilungen und ״Kinne Anreigen* O O O O nur 30 Pfennig. 0 O O O Manuskripte werden, wenn Porto beiliegt, stets xurückgesandt. RednktionaschluS! Mittwoch vormittags. Rsdskllon Jti<ltsd!s Rttnilsdiaa BERLIN W. 15, Sächsisch• Straß« 8. Telephon! Amt Uhlsnd 845, 846, 868. Postscheckkonto! Berlin Nr. 17392. ף_ין O/ <־׳) fl 3\ u J ר ' ( ü L Nummer 10 | .I Berlin, den 6. März 1914 8. Adar 5674 XIX.Jahrgang. Ausweis Schekel: Hamburg 400.— M. Landesorganisationsbeitrüge für 1913: 1. Ortsgruppen: Memel 53.— M. 2. Einzelpersonen: Heinrich Maier, Hambürg 10.— M. Landesbeit rüge 1914: Hamburg 400.—, Halber- Stadt 30. - M. Propagandafonds 1914: Zahnarzt Schcrcschewski, Heilbronn 10.—, Berlin: Rechtsanwalt Greifenhagen 5.—, Rechtsanwalt Erich Cohn 10.—, Abraham Schwadron, Zlaczow (Galizien) 18.— M. Eingang vom 26. Februar bis 4. März 1914: Sc 11 eke1: 400.— M. Landcsorganisationsbeitrage 1913: 63.— M. Landesbeiträge 1914 : 430.— M. Propagandafonds 1914: 43.- M. Gesamteingang: Schekel: 743.— M. Laudesorganisationsbeiträge 1913: 18 778.27 Mark. Landesbeiträge 1914: 1067.— Mark. Propagandafonds 1914: 3622.— M. Adresse für Geldsendungen: Zionistische Vereinigung für Deutschland, Berlin W15, Sächsische Straße 8. Postscheckkonto: Berlin 8091, Bankkonto: A. H. Heymann & Co., Berlin W 56, Hinter der Katholischen Kirche 1. Helden Verstreut unter Nachrichten und Meldungen gleichgültiger oder unwichtiger Tagesvorgänge, fand sich dieser Tage in einem hebräischen Blatt eine Mitteilung, die wohl jeden, der sic las, aufs tiefste erschütterte.*) Sie berichtete nicht von Kämpfen, die das ganze Volk aufwühlen; nicht von Unternehmungen, die Milliarden kosten; nicht von Elementarereignissen, die das Antlitz der Erde verändern: sondern von einer privaten Angelegenheit eines Einzeln c n. Und doch hat diese private Angelegenheit eine Schwere, ein' Gewicht, eine Wuqjit, daß den Millionen darob der Atem stocken müßte. Ein alter Mann, der wohl kümmerlich genug in einem kleinen russischen Städtchen lebt, läßt den älteren seiner beiden Söhne hinausziehen, um in Ercz-isracl an dem Erncucrungswerke des alten Volkes zu arbeiten. Der junge Mann stellt sich auf Vorposten: eine der ganz wenigen jüdischen Siedlungen östlich vom Jordan, eine in das ungastliche Gebiet der streifenden Beduinenhorden vorgeschobene Position, Dagania wird sein Arbeitsfeld. Nur ganz eifrige und in nie rastender Arbeit erprobte *) Die Mitteilung lautete, wörtlich übersetzt: Vor einiger Zeit wurde der jüdische Landarbeiter Mosche Barsky in Dagania von unbekannten Arabern überfallen und meuchlings getötet. Seine Kameraden von der Arbeitergenossenschaft Dagania richteten an seinen Vater, der in einer kleinen Stadt des Kiewer Gouvernements lebt, einen Brief, in welchem sic ihm ihr Beileid zu seinem großen Verluste ausspiachcn. Darauf erhielten sic folgende Antwort: ״Sehr geehrte Freunde, Arbeiter yo n Daganial Ich habe Euren mit Blut und Tränen geschric* benen Brief erhalten. Ich fand darin echte Worte aus der Tiefe liebender Herzen, die in einem ewigen und unzerreißbaren Bunde stehen. Teure Brüdcrl Unerwartetes Unglück ist über uns gekommen, wir haben einen großen Verlust erlitten — aber ich glaube, daß Ihr nicht den Mut verlieren werdet. Ich hoffe im Gegenteil, daß Euch das Andenken meinc9 verstorbenen Sohnes Kraft einflößen ״Der Zionismus erstrebt für das jüdische Volk die Schaffung einer öffentlieh-rechtlich gesicherten Heimstätte in Palästina." Baseler Programm. Männer bauen nn dieser Außenschanze unseres Werkes. Der junge Mosche Barsky ist ein unermikllichcr Arbeiter und ein guter Kamerad; die Genossen schätzen und lieben ihn. Da zieht eines Tages eine Schar der Söhne Ismaels vorbei; es kommt zu einem nächtlichen Ucbcrfall, und im gerechten Kampf um Frucht und Fortgang seiner Arbeit fällt Mosche, Die Feinde sind verjagt, das Werk ist gesichert und geht weiter. Aber eine Dumpfheit liegt über der Ansicdlung; nicht nur der Schmerz um den Freund beklemmt die Brüder, auch Zweifel und Sorge beschleichen ihren frohliehen Mut. Und mit trüber Seele schreiben sic au den Vater des Daliingegangencn, sagen ihm ihren Schmerz und suchen den seinen zu trösten. Aber wie ein Nebel liegt es über den Feldern, wie eine drohende Woike über der Wüste im Osten. Bis die Antwort des alten Mannes aus Rußland eintrifft. ״Wir haben einen teuern Freund verloren, einen Solm and Binder, den wir liebten; aber wir wollen nicht verzweifeln. Er hat sich für unsere Zukunft geopfert; an uns ist cs, daß das Opfer nicht vergeblich sei. Nicht sollt ihr mich trösten in meiner Trauer; meine Trauer ist eure Trauer, mein Schmerz ist euer Schmerz. Und wir alle dienen einem Ideal. Mir ist noch ein Sohn goblicbcn — er sei euer. Er setze das Werk seines Bruders fort, er hebe den Spaten auf, wo er dessen Händen entfallen ist.“ Und der Nebel hebt sich von den Feldern, die drohende Wolke von der Wüste. Wo solche Väter um solche Söhne so trauern, da ist nicht Tod, sondern Leben. War nicht dies unser Schmerz die Zeiten her, daß die Größe gestorben schien in Israel? Unsere Feinde warfen uns vor, wir seien versunken in Materialismus, wir kennten nichts als schnöden Schacher. Unser Ideal sei der volle Geldschrank, und wenn es hoch komme, weitliehe Ehren und klingende Titel. Uns fehle die wahre Ehrfurcht und die selbstlose Hingabe. Unsere Feinde hatten nicht ganz Unrecht; sic sahen uns lieblos, mit den Augen des Hasses, wird, den heiligen Kampf zu Ende zu führen und die große Idee zu verwirklichen, für die mein Sohn in Eurer Mitte sein Blut und sein Leben geopfert hat. Gesinnungsbrüder 1 Ich will Euch nicht nur für die Worte Eures Beileides danken, sondern auch selbst Euch mein Beileid aussprechen; denn mein Schmerz ist auch Euer Schmerz. Wir wollen miteinander hoffen, daß das Blutopfer meines Sohnes und Eures Bruders Mosche in Gnaden aufgenommen und daß cs vielleicht das letzte Opfer auf dem Altar unserer heiligen Idee sein wird. Mit Zionsgruß und herzlichem Beileid Euer Euch schätzender Hirz Barsky.“ Der trauernde Vater hat sich's an diesem Brief nicht genügen lassen, sondern gleichzeitig seinen jüngeren Sohn nach Dagania geschickt, einen sympathischen Jüngling, der ebenso fleißig und hingebungsvoll bei der Arbeit ist, wie sein älterer Bruder. aber scharf. Wir stritten um Rechte, aber vergaßen nur allzu oft unserer Würde; wir eilten in eine bessere Zukunft, aber verloren nur allzu oft das Gefühl für die hohen und strengen Pflichten, die unsere Geschichte uns aufcrlegte. Unsere Führer, auf die wir bauten, auf die wir uns verließen und beriefen, waren die Besitzer der größten Gcldsäcke und der längsten Titel. Wo wir fühlten, daß wir ein hohes Ideal brauchten, um vor uns selbst zu bestellen, liehen wir es von Fremden. Wir hatten Dichter und Künstler, Gelehrte und Erfinder, Philanthropen und Mäzene. Aber wir hatten keine Helden! Denn uns fehlte unser uns selbeigencs Ideal, das uns emporriß über uns selbst, das uns fähig machte, das Unmögliche wahrzumachen; und nur der ist ein Held, der tut, was unmöglich ist. Allein wir haben ein Ideal und wir haben Helden. Als auf den Ruf eines Mannes Tausende und Tausende aus allen Ländern der Welt kamen und zu dem Ideal schworen, das er als ein rauschendes Panier vor ihnen entfaltete, da fühlten wir: wir haben ein Ideal. Man verlachte uns und schleuderte uns das eine, höhnende Wort ״Unmöglich“ entgegen. Wir wagten cs, die Besiedelung jenes ״syrischen Küstenstreifens“ als das jüdische Ideal zu verkünden. Man bewies uns, daß dürre Sanddünen dort liegen, wo einst Milch und Honig floß, und nannte uns etwas herablassend Utopisten. Wir bemühten uns, unserer alten heiligen Volksspräche neues Leben einzuflößen, und man hieß uns bedauernswerte Schwärmer. Aber dieser ״syrische Küstenstreifen“ wird zu einem jüdischen Lande. Vor wenigen Wochen erstaunten die ״Möglichen“, daß Palästina Wohltaten zurückwies, die mit einer Demütigung gepaart waren. Vor wenigen Wochen noch erklärten sie das Hebräische für unmöglich, um sich dann doch zu belehren. Was hatte die tiefe Wirkung, daß eine Sprache, die aus ״pädagogisclien Gründen“ unverwendbar gewesen, nun doch tauglich erschien? Was wirkte so zauberstark? Nichts anderes war es als das Ideal, als die Taten von Heldenmut, die der Kampf gezeitigt hatte. Als Männer im silbernen Haar ihr Brot und die Stätte jahrzehntelanger Arbeit verließen, um vor dem Nichts zu stehen — aber in Ehren; als arme Leute, die .jeden Pfennig zuratchaltcn müssen, ganze Monatseinkünftc und mehr auf den Altar ihres Ideals legten; als Verhetzung und Streit die ruhige Festigkeit derer nicht erschüttern konnten, die ihres Weges sicher waren: da beugte sich auch der Starrsinn und anerkannte. Die Größe lebt wieder in Israel. Als wir Kinder waren, erzählte man uns von der spartanischcn Mutter, die ihren Sohn mit dem Worte zur Schlacht entließ: ״Mit dem Schilde oder auf ihm!“ Man lehrte uns von Winkelried, der die feindlichen Speere in seiner Brust auffing, um seinen Brüdern den Sieg zu erkaufen. Unser» Kindern werden wir von Mosche Barsky in Dagania sprechen und von seinem Vater, den Helden. Unsere Helden sind nicht mehr die Männer mit dem meisten Geld und mit den längsten Titeln; sondern die mit dem stärksten Herzen und dem reinsten Willen. Unsere Helden sind wieder Helden; unser Volk wird leben. Ehre unseren Führern zur Größe — und Mut und Kraft uns, die wir unser»• Weg gehen! H.

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