Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XIX (1914)
- Issue
- Heft 8 (20.2.1914)
- Date
- 1914-02-20
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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Wir leben in einer Zeit, in der der landwirtschaftliche Lohnarbeiter* stand in den alten europäischen Kulturländern, wo *er seit Jahrhunderten eng mit der Scholle verwachsen ist, unfehlbar seiner Auflösung entgegengeht. Und dieser, in Form einer massenhaften Landflucht in die Erscheinung tretende Auf* lösungsprozeß ist nicht etwa auf sekundäre, außerhalb der | landwirtschaftlichen . Lebensverlüiltnisse liegenden Faktoren,! wie etwa die Anziehungskraft der Großstädte und die höheren Industriclöluie, zurückzuführcn, sondern ist, wie vornehmlich 1 Vandervclde bewiesen hat'1), in der Natur der ländlichen ' Sozial* und Wirtschaftsverhältnisse begründet. Es ist nachgewiesen, daß Lohnverhältnisse hier nicht entscheidend sindc). Es ist vielmehr das in allen Ländern höherer Kultur hervortretende Bestreben ׳(er besitzlosen Lohnarbeiter, sich von ' der Lohnsklaverei, in der Landwirtschaft doppelt so drückend und entwürdigend wie in der Industrie, endgültig zu einaiizipieren. Der Landarbeitcrstand, infolge wirtschaftlicher und kultureller Inferiorität, auf der gesellschaftlichen Stufenleiter am niedrigsten stehend, kann sich auf einer höheren Stufe allgemeiner Kulturcntwicklung nicht mehr behaupten. Die Folge dieses durch den allgemeinen Kulturfortschritt hervorgenifenen Aufstieges des niedrigsten Standes ist in Deutschland, vorzüglich in Ostelbien, bekanntlich die!, daß die einheimischen I Lohnarbeiter mehr und mehr durch ausländische, aus Gcbktjm J niedrigerer Kultur stammende ersetzt werden. Diese allgcmeine Erscheinung der Landflucht ist nun auch in Palästina — im jüdischen, kulturell hochstehenden Palästina — seit Jahr und Tag zu beobachten, worauf auch hauptsächlich die erwähnte stete Abnahme der bereits in den Kolonien lebenden jüdischen Lohnarbeiter zurückzuführen ist. Daß aber Iauch hier diese Erscheinung nicht lediglich auf ungünstige Lohnverhältnisse usw. zurückzuführen ist, wird von Karnern der Verhältnisse bezeugt und wurde u. a. auch in einer im Jahre ‘91j) gefaßten Resolution der palästinensischen Arbeiterorganisation ״Hapocl-Hazair“ hervorgehoben7). Ebenso klar und einleuchtend jst es, daß die elementaren, im Wesen der 6) Emile Vandervelde. L’Exode rural et le retour aux champs. Paris, Felix Alcan. 6) Vgl. Bonn, Der Rückgang der englischen Landbcvölkeruiig (in: t,Nation", 1901, S. 101). Weitere Belege finden sich in meiner hebräisch geschriebenen Abhandlung über die ländliche Masse (הסוו כפרי) im ״Haschiloah“, Bd. XXVII, 55, 412, 513. 1 הצעיר" (י hf vom 11. November 1910. Der Wortlaut ist in meiner erwähnten Arbeit wiedergegeben. Lohnarbeit überhaupt begründeten Ursachen der Landflucht in unserer palästinensisch-jüdischen Kolonisation in viel starkerem Maße wirken, als in den europäischen Ländern. Handelt, es sich doch hier nicht um ein autochthones, mit der Scholle verwachsenes Landarbeiterelcincnt, sondern um ״Landarbeiter‘', die es erst gestern ~ und zwar aus vornehmlich idealen Motiven — geworden sind. Allein die hochgehenden Wogen idealer Begeisterung zerschellen bald an den rauhen Klippen der Wirklichkeit, und der ungewohnte Pflug wird mit dem gewohnten Waitclcrstab vertauscht. — Es sollte nun jedem einsichtigen, mit der Macht der Tatsachen rechnenden Beurteiler von vornherein klar sein, daß, warn cs unmöglich ist, auch die wenigen, bereits in den Kolonien lebenden jüdischen Lohnarbeiter der Landwirtschaft' (und damit dem Lande überhauptl) zu erhalten, es erst recht ein ganz aussichtsloses Bemühen sei, einen ganzen Stand jüdischer Landarbeiter unter den ungünstigsten Verhältnissen neu ins Leben zu rufen. ln Summa: Wirkt die allgemeine Tendenz der Landflucht ländlicher Lohnarbeiter unfehlbar dahin, da fl sich die Zahl der bereits in unseren Kolonien lebenden jüdischen Landarbeiter fortwährend verringert, so läßt diese elementare Tendenz, zu der sich in Pa - lästiua noch der Faktor einer vernichtenden Konkurrenz seitens einer Bevölkerung niedrigor Kulturgesellt,allcauf die Schaffungen!es lebe ns - und leistungsfähigen jüdischen Landa rb e i-1 e rsHanjde s^_ g eri cIHe tc 11_Be s t re b u n g cn als völlig aussichtslos erscheinen. So sicher cs aber ist, daß auf diesem Wege die Bevölkerung unserer Kolonien eine bedeutende Verstärkung nicht erfahren wird, — ebenso klar und unabweisbar ist die Notwendigkeit, der mächtig aiisdiwcllcnden Flut arabischer Lohnarbeiter in unseren Kolonien einen Damm entgegenzusetzen. Die Mehrzahl unserer Kolonisten zieht cs vor, die Arbeit auf ihren Gütern von Lohnarbeitern besorgen zu lassen, und zwar nicht nur iu den Pflanzungs-Großbetrieben, sondern auch in den feldwirtschaftlichen Kleinbetrieben, wo Selbstarbeit des Besitzers als eine absolute wirtschaftliche Notwendigkeit erkannt ist 8). Ist aber der immer mehr hervortretende Gegen- H) Auch diese unerfreuliche Erscheinung ist in erster Reihe aut die außerordentliche Billigkeit der arabischen Arbeit zurückzuführen. Wenn der jüdische Kolonist selber die Arbeit auf seinem Gute besorgt, dann kommt er• sich vor, als arbeite er selbst gegen einen Tagcslohn von 60 Pfennig, da er sich durch eine solche ״Ausgabe“ die Arbeit immerhin ersparen kann.