Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XIX (1914)
- Issue
- Heft 8 (20.2.1914)
- Date
- 1914-02-20
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 80 / JU EDI SC HE RUNDSCHAU Nr. 8 presse /u publizieren, den innerjlidisclicii Streit vor ein iiicbtjüdisehe», sachlich nieht 11וו-1;ן1)1ו Informiertes Form» zu bringen. Aber mmi darf nicht vergessen, dal) gerade die Zionisten seit Ia11|׳er /.eit systematisch und voll Eifer die große Tagespresse mit Kundgebungen und Darstellungen in ihrem Sinne überschwemmt Ijaben, dal) sie raffiniert alle Kanüle /u benutzen verstanden, um ihren Parteiinteressen dort zur lieeiuflussung des Urteils der uiehtjüdisclien Leser zu dienen. Da war es erforderlich, auch die ü e g c 1. k u n d g e b u n g denselben Kreis e n z ti unterbreiten, zumal cs sich ja dabei auch um die Stellung der deutschen Juden zu ihrem deutschen Vaterlandc und zu ihren nichtjüdischen Mitbürgern handelt. Die Notabeln-Erklärung ruft in ihrer Passung und in ihrem Oedankengange die Erinnerung an die Resolution des Z e n t r a I v c r c i n s wach, in welcher sieh dieser mit den Zionisten auseinandersetzte. Auch dort wurde, wie jetzt, nur den agitatorisehen Störenfrieden aus dem zionistischen Lager der Stuhl vor die Tür gesetzt. Nur mit ״diesen" /ionisten halten die Unterzeichner der jetzigen ״Er• ktaruug" eine fernere Zusammenarbeit auch auf neutraleu üebieten nicht mehr für möglich. ״Wer friedlich mit u ns a r h c i t cn will, ist uns w i 11 k o in m c n", mag er sonst sieh zum /ionistisehen Programm und zur zionistischen Partei hekennen. Auch hier wird wieder der Unterschied zwischen den besonnenen Zionisten׳ und den augenblicklichen, den Frieden bedrohenden Agitatoren und Führern der zionistischen Partei gemacht, Wenn die ersteren, wie z. B. Max Nor d a 11 in seinem Briefe an Sokolow, gegen das jetzige Treiben der letzteren mit Erfolg ihre Stimme erheben und die zionistische Parteileitung wieder in ihre Hände bringen; wenn sie die Taktik der Gewalt und der Eriedensstörung beseitigen, daun wird es möglich sein, den heutigen Rill durch die Judcnhcit wieder zu uberbrücken und zu beseitigen, sich wieder zu vereinigen zu gedeihlicher Zusammenarbeit auf den neutralen üebieten trotz des Fortbestehens prinzipieller Gegensätze. Denn die heutige Strcitvcrkündigimg und Kampfansage gilt nur nach der alten Formel: rebus sic stantibus, d. h. so lange die jetzigen Zustände in der zionistischen Partei fortbesteben. Alle aufrichtigen und friedliebenden Juden wünschen, dal) eine Aenderung dieser Zustände bald eintreten und damit die Grundlage des Friedens gegeben sein möge.“ , Merkwürdig, wie diese Auslassung auf beiden Seiten hinkt. ״Eine geistige Bewegung wird man nie mit Protesten und Erklärungen niederzwingen“: Das gebt doch gegen die Antizionisten? ״Im freien Kampf der Meinungen mul) schließlich der Sieg der Wahrheit erstritten werden“: das haben doch wir Zionisten immer wieder betont. ״Aber die zionistische Parteileitung hat kein Vertrauen auf (so!) diesen loyalen Streit der Geister, sie bringt die Taktik der Gewalt und die Kampfmittel des Terrorismus zur Anwendung.“ Seit Dr. Nathan das ausgezeichnete Wort ״Terrorismus“ gefunden hat, weil) jeder antizionistischc Leitartikler, was er uns vorwerfen kann. Wo ist dieser ״Terrorismus"? Etwa darin, daß wir Geld für die hebräischen Schulen z.usamnienbringen? Niemand ist genötigt worden, etwas herzugebcu. Die Judcnhcit Deutschlands uml der ganzen Welt brauchte nicht durch terroristische Mittel gezwungen zu werden, ihre Pflicht zu erfüllen. Sic tat es mit Freuden. Wann sind wir dem ״loyalen Streit der Geister" ausgewichen? Etwa als das Antizionistische Komitee allen seinen Anhängern verbot, in den öffentlichen Versammlungen, die wir gegen seine Entstellungen einzuberufen genötigt waren, das Wort zu ergreifen? Wir haben keine offene Auseinandersetzung zu scheuen; unsere Gegner aber werden nicht müde, unsere Bestrebungen herabzusetzen und gleichzeitig zu erklären, zu einer Erörteruug unserer Prinzipien sei hier, das heißt überall, ״nicht der Ort". ״Mit Blutvergießen“ wollten wir die Eröffnung des Technikums hindern I Endlich ist es unmöglich geworden, die beschwörenden Worte Ben Jehudas an Dr. Paul Nathan zu verdrehen. Endlich muß selbst der Verbohrteste eiiisehen, dal) Ben Jelmda erklärte, daß er fürchte, die natio.nalgesiunte und zu jedem Opfer fähige Jugend Palästinas — auf die stolz zu sein alle Juden fürwahr gute Ursache haben -- werden wie eine Mauer vor dem Technikum stehen, in die man mit Gewalt werde Bresche legen müssen, um es cinzuwciheu: zu einer Knltstiitlc* der Assjuiilation. Du findet der Hamburger Leitartikler das rettende Wort: ob die Zionisten Blut vergießen oder ob sie in ihrem blinden Fanatismus ihr Blut hin• geben , das macht keinen IJ111 e r s c h i e d in der Taktik der Gewalt I Wahrlich, dieser Sopiiist hat kein Recht, den Stolz, über das mannhaft freie Ge• schlecht in Ercz Israel mitzufühlen. Er kennt doch ein Bedenken: ob cs gut war, in die allgemeine Presse zu gehen. Aber er tröstet sich rasch: die Zionisten haben doch ״seit langer Zeit systematisch und voll Eifer die große Tagespresse mit Kundgebungen und Darstellungen in ihrem Sinne überschwemmt“; da konnte mau nicht anders. Wir möchten fragen, wo denn diese Kundgebungen und Darstellungen erschienen sind? Die allgemeine Presse brachte gelegentlich eine Notiz über eine zio• nistische Veranstaltung, und auch die meist nur, wenn der Gegenstand von allgemeinem Interesse war, wie z, B. in den Bcilis-Protcst Versammlungen. Sonst hat die große ragesprcssc, die fast ausschließlich in den Händen assimilatorischer Juden ist, ängstlich darüber gewacht, daß keine zionistische Acußerung ihren Weg in die Ocffcntlichkeit finde. Der Hamburger Leitartikler könnte seine Leser fast graulen machen . vor der, Schlauheit und Findigkeit der Zionisten, die ״raffiniert alle Kanäle zu benutzen verstellen,“ Bloß: es ist nicht wahr. Flöchstens in der letzten Zeit sind Dinge in die Presse gekommen, die zu uusern Gunsten wirken mußten: einige Berirhtigimgen tatsächlicher Unwahrheiten über uns, mit denen die allgemeine Presse überschwemmt worden war, uiui die ״Erklärung“ der Antizionisten. Dal) nicht alle Gegner des Zionismus «len Standpuukt des ״Familicnblattes“ teilen, beweisen die folgendeii Aeußerungeu, «lenen manche weitere anztireihen wäre. I)ie Berliner ״J ü «Ilse h e Press c“ bringt folgendes ״Eingesandt1‘: ״Zu der in der vergangenen Woche in den Tages- Zeitungen veröffentlichten autiziomstischen Erklärung ist uns aus dem Leserkreis eine Zuschrift /״gegangen, der wir «las Folgende entnehmen: . . . Das in den liberalen Zeitungen erschienene Inserat, in dem gegen den Zionismus Stimmung gemacht werden soll, hat überall große Erregung gegen die Unterzeichner der Erklärung hervorgerufen. Die allgemeine Ansicht ist, daß, wie immer man zum Zionismus stellt, «lie Art, wie hier gegep ihn '’(»gegangen wird, schärfsten* zu verurteilen ist. Der Inseratenteil deutscher Tages- Zeitungen ist nieht «las Fclil, auf dem Kämpfe innerjüdiscfier Natur auszufechten sind. Dafiir sind die jüdischen Zeitungen, Vereine, Versammlungen «las geeignete Forum. Jedenfalls ist es sehr erfreulich, daß fast ausschlicßhcli ״liberale“ Juden es sind, die ihren Namen für die Annonce hergegeben haben, und ilali jedenfalls die Orthodoxie in ihrer Gesamtheit sich von einer Kampfesweise fcrngchaltcn hat, in der kein Ruhm zu holen ist.“ Eine Erklärung der Großloge des U. 0. B. B. I >cr geschäftsführende Ausschuß der Oroßloge für Deutschland VIII, U. O. B. B., sendet uns folgctulc ״Erklärung zum jüdischen Parteikampf": ״Die Verbitterung im jüdischen Parteikampf hat eine Höhe erreicht, die als gefahrdrohend bezeichnet werden muß, der Kampf wird in einer Form geführt, die ein gemeinsames Arbeiten aueli auf denjenigen Gebieten erschwert, wo Einhelligkeit möglich ist. Die allgemeine Ocffcntlichkeit — nicht die jüdische bloß — sieht mit Bcfrcmdung diese gegenseitige Zcrficischimg. Eine Minorität, die von allen Seiten von Feinden umgeben ist, ist nicht in der Lage, sich eine derartige Bekämpfung zu leisten. Ein Wort der Mahnung ist «lamm geboten. Diese Mahnung wird im gegenwärtigen Augenblick nicht die Wirkung haben können, daß Friede und Versöhnung auf den heiß umstrittensten Punkten des jüdischen Parteikampfes urplötzlich sich einstellt, aber eines wird mul darf sie vielleicht erzielen, daß der Kampf in ruhigerer, mehr unpersönlicher Form geführt wird, daß fiir gewisse Streitpunkte der I*ressekämpf eine Zeitlang eingestellt wird, ohne daß die Gegner ihre sachlichen Positionen aulzugcben brauchen. Dieses Wort des Friedens möge bei allen denen G/hör finden, die cs angeht, Es ertönt aus den! Rahmen des Ordens, der als einzige jüdische Organisation die verschiedensten Partciuugen und Richtungen im Judentum auf eine gemcinsame Basis zu einigen verstanden hat, es kommt aus derjenigen Organisation, die durch «Ire» Jahr•■ zehnte hindurch eine wahre Friedensorganisation gcwesen ist. Der geschäftsführende A 11 s s e h u f) der Oroßloge für Deutschland VIII, U.O. B. B. (gez.) Timcndorfe r.“ Wir finden diese Erklärung sehr begreiflich. Die Mittel, die im Kampfe gegen den Zionismus seit neuester Zeit angewendet werden, haben den herechtigtcn Protest auch vieler Gegner des Zionismus hervorgerufen. Wir wissen, daß siel־! die Erklärung tles U. O. B. H. nicht gegen uns richten kann. Hoffentlich wird sic dort verstanden werden, wo sie hinzielt. Und der Frankfurter ״Israelit" schreibt: ״Wir brauchen nielit zu betonen, welch' ent• schieden gegnerische Stellung wir zum Zionismus aus religiösen Gründen einnehmen. Wir können auch vollkommen begreifen, wenn gesittete und vornehm denkende Männer sich von der zuweilen unerhört «lemagogisch-terroristisclien Kampfesweise gewisser zionistischer Kreise aufs tiefste abgestolieii und augewidert fühlen. Allein das darf uns nicht hindern, uns entschieden gegen die von dem nntizionistisrhen Komitee beliebte Kaiiipfesvveise nuszusprechen. Eine von kraftvollem Idealismus erfüllte Bewegung wie den Zionismus schlägt man nicht durch Verrufserklärung tot, und es ist namentlich nicht zu verantworten, daß das Komitee, statt «len Kampf auf den innerjüdischen Kreis und auf «lie jüdischen Blätter zu beschränken, die politische Tagespresse in diese Streitigkeit«.^ hincinzicht und dadurch den peinlichen Schein erweckt, als handle es sich um eine leise Verdächtigung der patriotischen Gesinnungen der Zionisten. Wir glauben nicht, dal) das Komitee damit den Beifull der jüdischen Ocffcntlichkeit finden wird.“ Daß es sieh um eine ״leise Verdächtigung der patriotischen Gesinnungen der Zionisten" handelt, scheint uns bei so klaren Ausdrücken, wie sie die Erklärung gebraucht, und bei einem Ganzsciteninscrat eine zu schwache Bezeichnung. Der Zionismus soll dort vielmehr vor ganz Deutschland als deutschfeindlich proklamiert werden. Es hilft nichts, dal) das Antizionistischc׳ Komitee wirklich leise angedeutet hat, was der Hamburger Leitartikler breit «iarlegt: dal! sich «lie Erklärung nur gegen einen Teil der Zionisten richte, Die Ocffcntlichkeit hat für solche Feinheiten kein Verständnis. Und wir müssen offen sagen, dal) nucli wir kein Verständnis für solche Unterscheidungen haben. Jede Idee hat die Anhänger, die sie verdient. Wir vertreten ein großes Ideal, dessen wir würdig zu sein streben. Außerdem sind wir jung und fühlen Kraft in uns. Das Antizionistische Komitee vertritt das Ideal, die jungjüdische Bewegung totruschtagen. Es versucht auch, sieh dieser Idee würdig zu zeigen. Bloß: die Kraft hat 1׳s nicht, Und darum greift es zu solchen Mitteln, die jeder Jude, der für die WÜrdi; seiner Gemeinschaff Sinn hat, verurteilen muß, Gott sei Dank, diese Mittel sind imwlrksnin. * Aus Hamburg wird uns geschrieben: Infolge der unausgesetzten Angriffe des ״Hamburger Israelitischen F'amilleublattea“ gegen den Zionismus, nniuenl• lieli wegen der Stellungnahme des Blattes zu der von den jüdischen Notabel» veröffentlichten ״Erklärung", hat sieh Herr Redakteur S. M eisei*, ein Nichtzionist, veranlaßt gesehen, aus der Redaktion des genannten Blattes auszuscheiden. Ein Rabbiner über die ״Erklärung“ Aus Stuttgart wird uns geschrieben: Die antizionistischc ״Erklärung“ hat auch in den besonnenen n i c h t zionistischen Kreisen der ,denkenden Judcnhcit wenig Anklang gefunden. Selbst in diesen Kreisen hält man die Kampfesmethode, die hier eingcschlagen wird, für ganz verfehlt. So nahm am vorvergaugenen Sabbath einer der ango scheusten Rabbiner Deutschlands, dessen strenge Neutralität in allen jüdischen Parteiangelegenheiten bekannt ist, Herr Kirche 11 rat Dr. Krön er, ganz im Gegensatz, zu seiner sonstigen Gewöhn• heit in öffentlicher Predigt Stellung zu den gegenwärtigen Parteikämpfen in unserer Mitte. Er gab seinem Schmerz, darüber Ausdruck, daß innerjüdische Streitigkeiten in solcher Art vor die nichtjüdische Ocffcntlichkeit gezerrt und dabei die anderen einer ״bisher nie geübten Kampfesweisc" beschuldigt werden. Es sei tief bedauerlich, dal) sich Juden soweit hätten vergessen können, gegen die eigenen Brüder vor aller Welt Anklage zu erheben, die gceignet sind, über die ganze deutsche Judcnhcit Un• heil hcraiifzuhescliwören. Wenngleich auch auf der andern Seite schwere Fehler begangen worden seien und dadurch eine starke Erregung erklärlich sei, so dürfe doch der Kampf nicht mit solchen Waffen geführt werden. Zum Schlüsse gab der Redner der bestimmten Erwartung Ausdruck, daß die streitende» Parteien bald wieder den Weg zur friedlichen Zusammenarbeit finden möchten. ״Im Kampf um die hebräische Sprache“ Unter diesem Titel gibt das zionistische Actions- Coinitt’ soeben eine neue Broschüre heraus, die gecignet Ist, überall, wo man «lie Entwicklung des Sprachen* kampfeg in Palästina verfolgt hat, das größte Interesse zu finden. Die cn. HK) Seiten, starke Schrift betont die Bedeutung der Wiedergehurt der hebräischen Sprache für «las üsnmtjuilentum, stellt das Schul• wesen Palästinas und die Rolle der Schulen des Hllfsvcrclns dar und orientiert dann an der Hand von Tatsache 11 material über den Verlauf des ganzen Kampfes. Der Broschüre von Paul Nathan wird eine ebenso sachliche und vornehme, als grüudliehe Abwehr zuteil. Die Broschüre Ist vom Zionistischcn Zcntralburcau (Berlin W. 15, Sächsische Straße 8) in jeder gewünschten Zahl kostenlos zu beziehen. . i I I I /