Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XIX (1914)
- Issue
- Heft 7 (13.2.1914)
- Date
- 1914-02-13
- Page
- – (sequence 16)
- Language
- German
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h,! 'י, 11־ t ,׳ L H ו 1US .4. Seite 16 JUEDISCHE RUNDSCHAU Nr. 6/7 Hinsicht. Es gilt also, einen solchen in der nächsten Zukunft erst zu schaffen. Nun ist cs gerade die Frage der Möglichkeit, die den eigentlichen Schwerpunkt der jüdischen Landarbcltcrfragc in Palästina ausmacht, Die Frage ist, ob die einmal in nationalem und wirtschaftlichem Interesse als unumgängliche Notwendigkeit erkannte Forderung» jüdischer Arbeit sich innerhalb der gegebenen wirtschaftlichen Verhältnisse durch■ zusetzen vermag. Ob nicht vielmehr diese gegebenen Verhältnissc der von außen in sie hineingetragenen Forderung gar zuwidcrlaufcn. Wenn man nun einmal diese viclumstrittcne, besonders in Palästina im Mittelpunkt alles sozial• und uationalpolitisclicn Interesses stellende Frage einer endgültigen Lösung — in der Theorie mindestens — näher zu bringen entschlossen ist, — dann tut man gut, von allen frommen Wünschen gänzlich abzuschcn und sich gewissenhaft an die Tatsachen zu halten. Eine feststehende Tatsache ist cs, daß einerseits die Zahl der in den privat wirtschaftlichen Kolonien8) heschädigten jüdischen Landarbeiter in steter Abnahme begriffen ist, in schroffem Gegensatz zur dauernden Vcnnclmmgstendcnz aller anderen Berufe und Stände. Anderseits aber haben es überhaupt die dreißig Jahre kolonialwirtscliaftlichcn Lebens nicht vermocht, den Typus eines jüdisch-landwirtschaftlichen Lohnarbeiters zu schaffen. Unter den erwähnten, gegen* * wärtig in unseren Kolonien beschäftigten 5—600 jüdischen Tage* löhnern und Monatsarbeitern dürften sich kaum einige finden, die ein Jahrzehnt hindurch in ihrem Berufe ausgeharrt haben, und fast kein einziger, der die Absicht hätte, diesen Beruf zur Grundlage seiner Zukunft zu machen. Dieser Umstand tritt schon auffällig genug in der Tatsache des so gut wie alleinhcrrschcmlen Junggesellentums unter den Arbeitern zutage. Wodurch lassen sich mm diese Tatsachen erklären? Es sind meines Erachtens zwei Umstände oder Tendenzen hier im Spiel, von denen eine allgemeiner Natur ist, während die andere auf spezielle Zustände hinweist. Es sind einerseits in unserer kolonialen Landwirtschaft die elementar*Wirtschaft liehen Voraussetzungen für das Aufkommen und die gesicherte Fortentwickelung eines jüdischen Landarbeiterstandes tatsächlich nicht vorhanden. Der Bedarf an Arbeitskräften ist von vornherein durch die zahlreiche arabische Bevölkerung in einer Weise gedeckt, die für unsere nationalen Zwecke nicht gerade wünschenswert, vom rein wirtschaftlich-unternehmerischen Standpunkte aber als ideal zu bezeichnen ist. Auf der niedrigsten Stufe menschlichen Bedürfnisses sich wohlfühlend, ist der arabische Landarbeiter jeder denkbaren Konkurrenz überlegen, mit Ausnahme vielleicht der seines chinesischen Kollegen. Daf) der jüdisch-europäische Arbeiter, der Mann mit dem Plus an Kultur und dem Minus an Muskeln, jemals imstande sein würde, dem eingeborenen Araber auf rein a) Der Ausdruck ״privatwirtschaftlich“ bedeutet hier in Privatbcsitz befindliche bloßen Erwerbszwecken dienende Betriebe, wie sie in allen jüdischen Kolonien vorherrschend sind. Ausgeschlossen sind also einerseits die nationalen Farmen, in denen die jüdische Arbeit selbst* verständlich 211m unverbrüchlichen Prinzip erhoben ist, an* dcrerscits aber auch Privoteigentümern gehörende Siedlungen, wie z. B. Mi g dal und Poria, deren Gründung durch vor* nehmlich ideale Faktoren bedingt war und die keineswegs reinen Erwerbs zwecken dienen. — Ueberhaupt ist das Entscheidende für die Benutzung jüdischer oder arabischer Arbeit nicht Privatinitiative oder Kolonisations* esellschaft, sondern die Erwerbsmäßigkeit oder ichterwerb s m ä ß i g k e i t des Betriebes. ökonomischem Boden den Rang abzulaufen oder sich ihm auch nur ebenbürtig an die Seite zu stellen, — da? ist ganz ausgeschlossen. Infolge dauernder Gewöhnung um! wohl auch durchschnittlich stärkerer Körper-Konst! tution*) ist der arabische Arbeiter in der eigentlichen Land• arbeit, ganz besonders aber in der überaus schweren Spaterarbeit, bei weitem leistungsfähiger als der ungeübte, schwerer Arbeit ungewohnte jüdische; ein Vorzug, der schon allein dem Araber die Beherrschung des Arbeitsmarktes sichert. Wozu sich aber ein zweiter, nicht minder entscheidender Faktor gesellt: daß der Araber, infolge einer für den Europäer kaum faßbaren Bedürfnislosigkeit, imstande ist, für einen weil niedrigeren Lohn zu arbeiten, als der Arbeitslohn, der für den jüdischen Arbeiter das Existenzminimum bedeutet*). Sei stehen in unseren Kolonien den 5—(»00 bei der mehr qualifizier• ten Arbeit beschäftigten Juden - etwa 6—7000 die eigentliehe Feld- und Spatenarbeit verrichtende Araber gegenüber, wozu noch die ganz bedeutende Zahl der in der Land- und Hauswirtschaft der Kolonisten beschäftigten arabischen Frauen und Kinder iiinziizurcchncn ist. Und dieses arabische Element in unseren Kolonien ist in fortwährender Zunahme begriffen; cs gewinnt mit jeden! neuen jüdischen Unternehmen dermaßen an Zahl und Macht, daß jede neugegründete jüdische Existenz vier arabische Existenzen zur Folge hat. — Wenn ich nun dieser speziellen, in besonderen Verhältnissen begründeten Ursache noch eine andere allgemeiner Natur hinzufügen will, so fühle ich mich fast in der Situation jenes bekannten Festungskommandanten, der auf die Frage seines Königs, warum er die ihm anvertraute Festung kämpflos dem Feinde übergab, meinte: Erstens war kein Pulver da, zweitens .... 111111 folgten diesem höchst zureichendem Grunde eine ganze Reihe anderer Erklärungen. In der Tat, aus der Tatsache einer unbesiegbaren Konkurrenz seitens der eingeborenen arabischen Bevölkerung ergibt sich von selbst die absolute Unmöglichkeit für das europäische, allzueuropäische jüdische Arbcitcrdcmcnt, unter solchen Umständen sich auf die Dauer zu behaupten. Wenn ich trotzdem noch eine andere, mehr allgemeine Tendenz in den Kreis dieser Betrachtungen zielten will, so geschieht es nicht nur deshalb, weil diese Tendenz nun einmal vorhanden ist, und darum Erwähnung verdient, sondern weil durch die Erörterung gerade dieses allgemeingültigcn Faktors eine wichtige Bcgleiterscheinung der palästinensischen Landarbeiter-Kalamität ins richtige Licht gerückt und auf ihre wirkliche Triebfeder zurückgeführt werden soll. (Schluß folgt.) *) Eben wegen dieser Vorzüge des Arabers besteht eine sehr geringe Aussicht, daß derselbe jemals oder sagen wir in naher Zukunft durch den ihm sonst an Bedürfuislosigkeit wohl glcichkominendcn Jemeniten verdrängt und ersetzt , werden könnte. Das wird übrigens neuerdings auch von objektiven palästinensischen Sachkundigen zugegeben. In Pc t h a eh 1 i k w a 11, das selbst wohl die Hälfte der gesamten arabischen Arbeit konsumiert, ist es bis heute dem Jemeniten wie dem jüdisch-europäischen Arbeiter tatsächlich nicht gelungen, in der eigentlichen durchweg in arabischen Händen liegenden Feldarbeit Fuß zu fassen. *) Es wären noch viele andere Gründe sowohl wirtschaftlichcr wie moralischer Natur für die Bevorzugung der arabischen Arbeit zu nennen, so u. a. die bei der Ernte usw. sehr wichtigen Hilfskräfte, die der arabische Arbeiter wohl stellen kann, der jüdische aber nicht; ferner die Unterwürfigkeit und Gefügigkeit des ersteren gegenüber der Hyperemp- Endlichkeit des letzteren. — Es ist übrigens merkwürdig genug, daß der jüdische Arbeiter, sobald er zu kleinbäuerlieber Selbständigkeit gelangt und selber fremde Arbeit benötigt, gewöhnlich dem Araber vor seinem Kollegen von estem den Vorzug gibtI In der Landarbeitersiedlung Bfr* acob soll diese Praxis sehr üblich sein, V«n&twwtLS«4»]1L1 Huso Eezmtaa.'WUaMndwi Verlag 1 Ja&Ucii» Sa&daaW 0 jeV.tt, BerUaW.l*. 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