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Jüdische Rundschau · 1914-01-16 · Heft 3 (16.1.1914) · page 11

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XIX (1914)
Issue
Heft 3 (16.1.1914)
Date
1914-01-16
Page
– (sequence 11)
Language
German
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Nicht als wir einst, glühend vor unbändigem Verlangen, uns zu bekennen, in die träge Welt hinausriefen, daß wir sind; nicht als wir später traumselig dem Wunder einer Befreiung zwischen Abend und Morgen entgegenharrten und den Schritt der Weltgeschichte vor unseren Fenstern zu hören wähnten; und nicht als wir, gereift und gesichert in unserer Anschauung, ans klaren Blickes und gefaßten Herzens über die Aufgaben von Generationen besprachen und den Grundriß der Arbeit entwarfen; sondern jetzt ist der mächtigste Augenblick — jetzt, da nicht von uns an das Leben, da von dem Leben an uns die Forderung ergeht. Die Forderung, der standznlialten wir alle Kraft der Auflehnung und des Opfers aus unseren Seelen holen und hingeben müssen. Wie groß ist die Gewalt und Herrlichkeit des Augenblicks! Gestern noch gingen wir in lässigem Schritt, gestern noch beschieden wir unser Gewissen: ״Die Zeit ist nicht reif“, ״nur keine Willkür — nur nicht das Tempo überstürzen“, ״ein wenig' hier, ein wenig dort, und es wird geraten“ — da wird von ungetreuer, von läppisch ungetreuer Hand das lebendig״ Werk gefährdet, Zweckdienst und Selbstsucht bedrohen das heilige Herz, und aufgestört aus unserer Ruhe, emporgcriittelt aus unserer Ueberlegenheit stehen wir vor dem heischenden Augenblick, alle weisen Regeln entstürzen unseren Hiinden, und siche, die Zeit ist reif geworden, weil -wir nunmehr nicht länger auf ihr Reifen warten dürfen. Eben noch versicherten wir ״Wir haben noch nicht die Kraft“ — nun fordert sie der Augenblick von uns, und ■wir haben sie, weil wir sie haben sollen. Man mag es bedauern, daß uns die Pflicht, das palästinensische Erziehungswerk unverzüglich In unsere Hände zu nehmen, nicht von unserem Plan und dem Gang unserer Unternehmungen, sondern von einem unvorhergesehenen, vielleicht unvorhersehbaren •Verhalten der — anderen diktiert worden ist. Aber unendlich stärker ist das Oefühl in uns, daß eben dies der Weg des Lebens ist. Unser Denken steckt die Wegzeichen ab, mißt die Entfernungen, berechnet die Mittel; aber dann kommt wie ein Sturmwind der Augenblick, überrennt unsere Maße und unsere Aufstellungen, zwingt uns größer, zu bauen, weitsichtiger zu rechnen; und wir sind nicht entmutigt, nein, angefeuert und beglückt: weil er unser Aeußerste8 von uns fordert. Diese Forderung hat ein doppeltes Angesicht: säe meint Verbundenheit und Kampf. Daß wir mit der Verbundenheit ■urul mit dein Kampfe Emst machen. Daß wir in der Verbundenheit und im Kampf unser Aeußerstes hergeben: an tätiger Liebe und an Angriffsmut. Uns ist vielfältiger Kampf auferlegt, uns ist vielfältige Verbundenheit gewährt; aber wir wissen, daß es für uns über allem Streiten einen großen Krieg und über allen Gemeinsamkeiten einen großen Bund gibt: den Krieg gegen das Geschlecht des Scheins und der Geschicklichkeit, das sich die Herrschaft anmaßt; den Bund mit dem Geschlecht der Echtheit und der Entscheidung, das sich ein freies, unmittelbares und vollständiges Menschenleben aus der Erde des alten Landes ergräbt. Beiden, diesem Blind und diesem Kampf, bringt der Augenblick, in dem wir stehen, die Weihe der Kraft. Man hat uns von ״alijüdir.cher“ Seite vorgeworfen, daß wir uns. um den palästinensischen Jischub mehr kümmern als um die ״Positionen des Gohis“. Ja, das ist so: man mag seine Geschwister noch so sehr lieben, es gibt eine Sorge, die unvergleichlich ist — die Sorge um sein Kind; und der Jischub ist unser Kind. Aber ich meine, daß wir uns um ihn nicht zu viel, sondern zu wenig kümmern. Nichts fördert einen Menschen so stark wie ein Kind haben und das Rechte für es tun. Unser Werk trägt uns empor. Aber wir stehen noch zum jungen Jischub nicht lebendig so, wie man zu seinem Kind, zu seinem Werk stehen soll. Wir sind mit ihm noch nicht wahrhaft verbunden. Wir wissen noch zu wenig von seinem Leben und wir tun noch zu wenig für sein Leben. \ Dieser Augenblick bedeutet Größeres als irgend ein früherer für die Herstellung einer wahrhaften Verbundenheit zwischen uns und dein Jischub. Wir haben ihn oftmals angeregt, beraten, unterstützt. ׳ Aber wir haben uns nie so völlig mit seiner Sache identifiziert, wie wir es jetzt tun müssen und tun wollen. Wir müssen und wollen zu ihnen, die unser Kind sind (wie wunderlich, daß ich an sie, unter denen viele viel alter sind als ich, wie an lauter junge Leute denke), sprechen: ״Nicht m i t euch leiden wir, wir leiden euer Leid. Eure Wunde ist unsere Wunde und eure Empörung unsere Empörung. Ihr braucht uns euren Willen nicht mitzuteilen; er ist zur selben Stunde in uns erwacht. Ihr braucht unsere Hilfe nicht anzurufen; die Fülle, unserer Kraft ist euer. Denkt nicht, daß wir fern seien: fühlt doch, unsere Hand ruht ia

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