Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XIX (1914)
- Issue
- Heft 3 (16.1.1914)
- Date
- 1914-01-16
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Der Kampf ff?3 © er Der deutsche Generalkonsul ln Jerusalem über den Sprachenkampf Eine authentische Erklärung, Bekanntlich hat man versucht, den Sprachenstreit zu einer politischen Aktion zu stempeln, welche die deutschen Interessen schädigen könnte. Diesen Deu• tungen ist durch folgendes Telegramm aus Jerusalem ein für allemal die Spitze abgebrochen, dessen Text vom Generalkonsul Schmidt durch* gesehen und ausdrücklich genehmigt worden ist. Jerusalem, den H. Januar 1914. ״Die Herren Ben Jehuda und David Jcllin hatten mit dem deutschen Generalkonsul Schmidt eine längere Unterredung, in welcher sic ihm ausführliche Erklärungen über den Sprachenkampf machten. Der deutsche Generalkonsul erklärte, er habe von vornherein nicht den Eindruck gehabt, als ob die Bewcgunggegen Deutschland gerichtet sei. Dieser Eindruck sei jetzt noch verstärkt. Er ist der A n s i r h t, daß die. Sprachenfrage eine deutsche Inter* essen nicht unmittelbar berührende, interne jüdische Angelegenheit sei. Er müsse aber gegen die Art und Weise Ver- Wahrung eitilcgen, in welcher gegen den Hilfs* verein vorgegangen wurde.“ Diese authentische Erklärung des deutschen Oenerallconsuls in Jerusalem bestätigt, was wir vom Beginn des Kampfes an unseren Gegnern vorgehalten haben: daß wir einen Kampf um das Hebräischc, nicht gegen das Deutsche führen. Wir hoffen bestimmt, daß der Generalkonsul auch noch einsehen wird, daß Palästina in der Art und Weise, wie es sich gegen die ihm drohende Gefahr gewehrt hat, nicht zu weit gegangen ist und daß es den Hilfsverein, im Hinblick auf sein Vorgehen, noch recht glimpflich behandelt hat. י Zum Bericht Dr. Nathans Die Erwiderung des Zionistischen Actions-Comitäs Vom Zionistischen Actions-Comitc gellt uns folgende Erklärung zu: Herr Dr. Paul Nathan hat in der Sitzung des geschäftsführenden Ausschusses des Hilfsvereins der Deutschen Juden am 4. Januar über seine Reise nach Palästina einen Bericht erstattet. Dem an die Presse versendeten Gomtnuniqud müssen wir in cinigen Punkten entgegentreten. Herr Dr. Nathan hat den Inhalt des Schul- Streites als eine rein pädagogische Frage darzustellen versucht. Wenn dies richtig ist, so muß festgestellt werden, daß alle für Schulsachen in Palästina kompetenten Faktoren das System des Hilfs- Vereins entschieden verurteilt haben: sowohl der gesamte Verband der Lehrer Palästinas (Mcrkas Hninorim) als auch der weitaus größte Teil der vom Hiifsverein selbst angestellten Lehrer. Die Fachleute, an ihrer Spitze der• bekannte greise Gelehrte, Pädagoge und Schriftsteller, David Jellin, der seit 24 Jahren im Dienste der Jerusalemer Schulen steht, haben sich mit unbedingter Entschiedenheit gegen die in der fetzten Zeit vom Hilfsverein durchgeführte Zurückdrängung der hebräischen Sprache in den Hilfsver- «inssdiulen ausgesprochen. Als Kronzeugen gegen sic versucht Herr Dr. Nathan Herrn Dr. E. W. T s c h t c n o w anzuführen, der sich in seiner Schrift ״Fünf Jahre Arbeit in Palästina“ mit Anerkennung über die Tätigkeit des I Hilfsvcrcins geäußert hat. Das Urteil Herrn Dr. Ts chic no vvs über das neue System des Hilfs- Vereins erhellt aber daraus, daß er gleich Herrn Dr. Schmarja Lev in und Herrn Uschcr Ginzberg (Achad Haam) aus dem Kuratorium des jüdischen Instituts für technische Erziehung in Palästina ausgetreten ist, als auch hier auf Verdrängung der hebräischen Sprache gerichtete Beschlüsse gefaßt wurden. Was aber die Schrift Dr. Tschlenows anlangt, so ist sic im russischen Original vor V/a Jahren erschienen und basiert auf den vor zwei Jahren in Palästina gesammelten Beobachtungen. Schon damals konstatierten Nahestehende, wie auch die Schrift deutlich anführt, daß der Hilfsverein in seinen Schulen germanisierende Tendenzen zu pflegen beginne. Herrn Dr. Tschlenow, der die Schulen nur vorübergehend besichtigte, konnte das damals noch als eine von übertriebener Sorge für das Hebräischc eingegebene Befürchtung erscheinen. Seither aber bat der Hilfsverein ״große Fortschritte“ in dieser Richtung gemacht und die Beschlüsse des J Kuratoriums haben jede Möglichkeit eines Zweifels beseitigi. Die über die ■ Sachlage gut informierten Lehrer Palästinas erhoben aber, wie uns bekannt ist, sogleich nach Erscheinen der russischen Schrift eben wegen der jetzt von Dr. Nathan angezogenen Stelle ernste Vorwürfe gegen Herrn Dr. Ts chicnow und erklärten schon vor einem Jahre, wenn der Hilfsvcrcin seine Tendenz nicht ändern sollte, werde die Bekämpfung seiner Schulen tmaushleiblieh werden. Herr Dr. Nathan darf gewiß das gerechte und unparteiische Urteil Herrn L)r. Tschlenows betonen. Dieses Urteil aber ist nicht, wie das Zitat aus der infolge der raschen Entwicklung in diesem Punkte überholten Schrift glauben machen will, eine Billigung, sondern vielmehr eine Verurteilung der in den Hilfsvcreinsschulen praktizierten Zurückdrängung der hebräischen Sprache. Mit Entschiedenheit weisen wir die Behauptung zurück, als ob die von der zionistischen Bewegung unterstützte Forderung der palästinensischen Lehrerschaft und des ganzen arbeitenden Palästina nach der gebührenden Berücksichtigung der hebräischen Sprache zu einem Konfliktzwischcn Zionisten und religiösen Elementen geführt hätte. Bei dem Kampf um die hebräische Sprache haben religiöse Momente weder auf der einen noch auf der anderen Seite bestimmend mitgewirkt. Die Bevölkerung Palüstinas, die bisher zu David Jellin und den übrigen Lehrern Vertrauen hatte, hat dieses Vertrauen zu ihnen nicht verloren, seit sie der Hilfsverein zum Verlassen ihrer Stellungen gezwungen hat. Die extrem-orthodoxen Kreise aber haben den Cherem, mit dem sic die Hilfsvcreinsschulen belegt hatten, jetzt ausdrücklich aufrecht erhalten. Nur e i!1 e n Gegensatz in der palästinensischen Judenheit hat der Sprachenkampf aufgczcigt: den Gegensatz zwischen der arbeitenden Bevölkerung, zu der die Kolonisten, die Arbeiter und die Wächter in den Kolonien und alle produktiven und gebildeten Elemente in den Städten gehören, einerseits, und der zum Glück immer einflußloser werdenden Schicht der an das stete Almosennehmen gewöhnten Chalukah-Elcmcntc andererseits, die keine eigene Ucbcrzeugung haben und sich die Meinung jedes ״Wohl- ״Der Zionismus erstrebt für das Jüdische Volk die Schaffung einer äff ent• üsh»rcehtllch gesicherten Heimstätte ln Paliatlaa*“ Baseler Programm. tiiters“ zu eigen imielien. Solche Elemente wußten die Gegner der freien Entwicklung der hebräischen Sprache für sich zu gewinnen. Ihre Meinung aber als Ucbcrzeugung der religiösen Bevölkerung auszugeben, ist absurd und bedeutet eine Rrüskienmg des religiösen Judentums. Die Lehrer und die Schüler glaubten, im Einvernehmen mit dem weitaus größten Teile der Bevülkerung, das heilige Gut der hebräischen Sprache vor rücksichtslosem Eigensinn schützen zu müssen, in ihrer Handlungsweise nichts als ״Strcikhandiungcn“ zu sehen, entspricht dem Standpunkt eines Unternehmers, der mit seinen Arbeitern in Lohn- Streitigkeiten gerät, nicht aber dem einer gemeinnützigen jüdischen Organisation. Ein Brief aus Jerusalem Die ״Jüdische Zeitung“ druckt einen Brief von einem auch uns bekannten Ingenieur ab, der in Jerusalem ansässig ist. Wir entnehmen dem Schreiben folgende Schilderung der bedeutungsvollen Vorgänge in den Jerusalemer Hilfsvereinsschulen: ״Inzwischen bemühten sich die Herrschaften um die Seminaristen. Mit Peitsche und Zuckerbrot. Dem Zuckerbrot sind einige erlegen. Durch Geldgeschenke (ä 50 Frcs.), Versetzung in höhere Klassen, Zurückholung von Ausgestoßenen wurden ca. 23 von 120 gewonnen. Diese Gentlemcn lud Dr. Nathan zu einem Feste ein, regalicrte sie mit Bier und schönen Worten, t'dchtf höcl’.ste:״cnhändig mit den Händen, die er sieh von einem senilen Chaeliani Basthi küssen ließ, Ziga״ retten unter seinen Getreuen herum. So hat er, aer so viel über die Demoralisation der Jugend zeterte, die schwerste Schuld auf sich geladen. Er hat junge Seelen korrumpiert. Und das sollen die künftigen Lehrer des Landes sein. Mit dieser Gesellschaft haben er׳ und sein würdiger Ephraim Kohn das Seminar eröffnet, ohne den Gründer und Direktor D. Jcllin auch nur zu verständigen. Das Kündigungsgesuch war noch nicht erledigt, man wartete vergeblich auf einen Bescheid, aber die wackeren Lehrer Hielten trotz aller Provokationen Ruhe. Endlich kommt der Streich, der als ein Scltandmal ewig auf dem Leibe des Hilfsvcrcins brennen wird. Am Dienstag abends wurde ein Ukas herausgegeben. Die Lehrer, welche gekündigt haben, sind vom Dienste suspendiert. Dieser Bescheid gelangte nur den wenigsten in die Hände. Ich war bis spät nachts mit zwei Lehrern zusammen. Die hatten keine Ahnung von der Suspendierung. Am nächsten Morgen gingen sie zur Schule. Sie erfuhren voneinander, was sich zugetragen hatte. Die Kinder waren versammelt. Die Lehrer waren da, aber niemand von der Leitung oder neue Lehrer, die sie hätten ahlöscu können. Sie nahmen also bis zur Ordnung der Verhältnisse den Unterricht auf. Erst in der zweiten Stunde kam Direktor Kohn, mit ihm der deutsche Generalkonsul, dessen Kawassen und eine Menge Gendarmen, die das Haus und die Gänge besetzten. In rüdester Weise wurden die Lehrer hinausgewiesen. Die Kinder wollte man mit Gewalt zurückhaitcn. Es spielten sich unbeschreibliche Szenen ab. Die Kinder schrien und weinten. Sie fürchteten sich vor den Soldaten und wollten nicht von ihren Lehrern getrennt werden. Schließlich mußte man auch sie entlassen. Schreiend und weinend klammerten sie sich an ihre Lehrer und Lehrerinnen und zogen mit ihnen fort. Als ich mittags von diesen Vorgängen erfuhr, eilte ich nach Sichren Mosche, dem Schauplatz: der Ereignisse. Der Platz glich einem Heerlager. Allerorten So'datcn und aufgeregte Buben und Mädeben. Am Abend ging ich wieder nach Sichren Mosche. Aber nun bot sich ein anderes Bild. Die Soldaten waren endlich abgenickt. Aber die Gassen ringsum waren angefüllt vom Jubel unzähliger Kinder. Singend und schreiend, da und dort, von selbst in Reihen geordnet, umstanden sie ihre Lehrer, die sie für die neuen Schulen einschrieben, denn sofort wurden von den Lehrern selbst neue Schulen eröffnet. Es war ein unbeschreiblicher Jubel in den Kindern, als sic hörten, daß sic nun rein hebräische Schulen mit ihren alten Lehrern haben sollten. Aber am nächsten Morgen wurden die kleinen Zöglinge buchstäblich mit Gewalt in die alte Schule gebracht,