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Jüdische Rundschau · 1914-01-09 · Heft 2 (9.1.1914) · page 2

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XIX (1914)
Issue
Heft 2 (9.1.1914)
Date
1914-01-09
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Seile 12 JUEDISCHE RUNDSCHAU Nr 2 Ein Nachtrag zum Kapitel: ״Zentralverein und Konsequenz“ Von Dr. H o p p c - Königsberg (Schluß.) Auch in der B c k ii in p f u n g des N 111 i o 11 a 1 1 Judentums machen sich die Zeiitralveiciiislulirer [zahlreicher Widersprüche und Inkonseipien/en schulilij׳. Die 1!ihrer des Zentralvereins und die ihn.•11!nahestehenden Kreise bestreiten mit größter leiden- [Schädlichkeit, dal! die Juden eine Nationalität, eine! Nation sind, obgleich bis zur Mitte des vorigen Jahrfhunderts und darüber hinaus die Be/eichming der ן Juden als jüdischer Nation in Rcgicrungskundgchungcu [und von der Tribüne der gesetzgebenden Körperschaf- |teil gang mul gäbe war; ja, die Bezeichnung ״jüdische Nation'1 wirkt auf sie vielfach Wie das mte Inch auf den Stier, und mit gröllter Energie erklären sie, das Judentum sei nur eine Konfession. Aber dieselben Männer, die dies behaupten, können nicht umhin, unter Umstanden in demselben Atemzuge auller der Konfession noch andere Momente zu nennen, die den Juden gemeinschaftlich sind und sie als (icineüiscliaft charakterisieren. So sagt der zweite Vorsitzende des Zentralvereins, (ich. Rat l uchs, in dem Referat, das er in der erwähnten üeneralvcrsaminlung des Zentralvereins vom 27. Mürz 1913 hielt, über, ״Zentralverein und Zionismus", a einer Stelle (,,Im deutschen Reich“, 1013, S. 221): ״Der Verein will die Staatsbürger einen, für die deutsch die Nationalität, jüdisch d i e G I a u b c n s g c nt ׳•ins e h a f t, d a s Bek e n n t n i s i s t.“ Und au einer andern (S. 220) ״Das Judentum mag einst eine Nation, ein Volk g e w e s e n sein, 11 e u t e sind die Juden des Westens nur eine religiöse 1111 d soziale G r 11 p - pierung im Staate.“ In demselben Satze lieillt cs aber gleich hinterher: ״ein Stamm in der Nation, keine Nation“ (richtiger hätte es geheilten: ein Stamm im Volke - sc. im deutschen - - kein Volk‘). 111 ־ c 11 s gestellt also zu, dal! die Juden nicht nur eine religiöse Gruppierung, eine religiöse Gemein- Schaft, sondern auch eine soziale Gruppierung *ד und dal! sie vor allem ein Stamm sind, ,,ein St.iniiu im deutschen Volke“. Und kurz vorher betont l uchs direkt: ״Ich lasse den judi-ciu:11 Gemeinsiiiaftsgcdankcn nur gelten als S t a in 111 c s;׳ e 11 a 11 - ken“ (im Original gesperrt geilrnckt), also m> In einmal als religiösen lleiiieiuschafisgcdaiiken. Und auf S, 218 lieillt es: ״Wenn Assiniil.iiit 1111 um heilit, mit geheiligtem Brauch des Vaterhauses brechen, die l־!rsclieiniingeii jüdischen Geistes und!11111scheu Herzens, jüdischen 11 e in 111 e s mul jüdischen 1'a in i 1 i e 11 s i 11 n s aufgelieii, wenn es lieillt, das eine preisgeben 11111I das andere amielimen, nicht weil es das Bessere, sondern weil es das andere ist, so wird jeder dieses Asshiiilanlcntuin bis in den Grund seiner Seele verabscheuen. Wir wollen auf deutschem Boden an deutscher Kultur mitarheiten (das wollen lind tun die deutschen Zionisten auch) und treu bleiben dem, wes wir aus jüdischem Hause aus jaliriiuudertelanger,■ jahrtausendelanger jüdischer Geschichte als berechtigte E i g e 11• a r t unseres Stammes (!) mitbekommen haben.“ Das kann jeder Zionist, jeder Nationaljude Wort lur Wort unterschreiben; denn das ist nichts mehr und nichts weniger, als Ausdruck national jüdischer Gesinnung, die unbewußt in vielen. Juden steckt, die den Ausdruck ״Nationaljiidc" perhorrcszicrcir. Was sind denn ״die Erscheinungen jüdischen Geistes und jüdischen Herzens, jüdischen Gemütes lind jiiclisehen Familiensinns“ anders als jüdische Nationaleigciischaltcu? Geheimrat Puchs wird doch wirklieh nicht behaupten wollen, dal! er, wenn er von jüdischein Geist, Herzen, Gemüt, Familiensinn spricht, den (ieist, Pamiliensinn usw. meint, wie er der jüdisehen Religion eigentümlich oder durch die jüdische Religion in ihren Bekennen! hcrvorgcitifeii ist, wenn auch die jüdische Religion als die Hmiptemaiiation jüdischen (ieistes im Laufe der Jahrhunderte oder Jahrtausende ihrerseits auf die Entwicklung der jiiclischeu Nationaleigenschaften einen Einlltili gehabt hat. Das Widersinnige, das ״jüdisch“ bei jenen Eigenschalten auf die Religion z.u beziehen, ergibt sich scho״( wenn man dem etwa christlichen Geist, Christliebes Gemüt, christlichen Pamiliensinn oder moliainmcdanischcn Geist, mohammedanisches Herz usw. : gcgeiniherstelien wollte. Dagegen kann man von deutj schein I lerzen, französischem Geist, englischem Selbst- *) Volk ist mehr ein politischer, Nation mehr «m anthropologischer Begriff; ein Volk kann aus mehreren Nationalitäten bestellen, z. B. das deutsche russiscl'c, österreichische, eine Nation unter mehreren’ Völkern verteilt sein, z, B. die deutsche (germanische) m Deutschland, Oesterreich, Rußland, Schweiz. ) Uebrigcns ist es nicht richtig, daß die Juden ״soziale Gruppierung“ sind, sondern sie tu nur eine andrr» ״1,.!,•״־ eine haben nur eine aniferc soziale Gruppierung, soziale Schichtung als die übrige Bevölkerung. bewußtsein iis.v. sprechen. Es sind das alles Nationaleigensehaltcn, und so ist auch klar, daß der jüdische Geist, das jüdische Herz, der jüdische Pamiliensinn nicht Rcligioiislugcudcii, nicht Rcligionscigeiischaftcn, sondern Natioiialcigcnscliallen, Natioiiallugciidcn sind. Mau braucht übrigens nur au den jüdischen Geschäftsgeist oder Geschäftssinn zu erinnern, mit dem doch sicher die Religion trotz. So 111 hart nicht das Alindestc zu tun hat, ferner an die Ausdrücke: ״jüdisches Wesen, jüdische Intelligenz, jüdischer Wilz*, um sofort zu erkennen, daß das Wort jüdisch in allen diesen Verbindungen nur auf das Nationale gellt. Und wenn von jüdischer Geschichte gesprothen wird mul zahlreiche Vereine fiir jüdische Geschichte und Literatur in Deutschland bestehen, so handelt es sich doch wirklich nicht um jüdische Rcligionsgcscliiclite und jüdische Religionslileratiir, sondern um jüdische Nationalgcseliielite, um Geschichte und Literatur der jüdischen Nation, des jüdischen ״Volkes“. Puchs selbst lallt gelegentlich das voll den Zentralverciiilern so verpönte ״jüdische Volk“ gelten, es entschlüpft ihm ganz unbewußt, was übrigens gelegentlich auch andern Wortführern tler Definition: ״Judentum ist nur eine Religionsgemeinschaft“ passiert. In der Rede zur Einweihung der Lehranstalt für die Wissenschaft des Judentums im Jahre 1007 sagt (ieh.-Rat E uchs, der im Aufträge des Zentralvereins sprach, in An- Wesenheit des preußischen Kultusministers dem Wortlaut des Manuskript!» nach (Im deutschen Reith, lü()7, Seite 283) folgendes: ״Ist unser Stamm ein Volk des Buches, so müssen die Hüter des Buches seinem (sc. des Zentralvereins) wärmsten Interesse begegnen." Puchs bezeichnet also hier ganz, unzweideutig ״unseru Stamm“, d. h, die Gesämtlich der Juden, als ein Volk, als ein Volk des Buches. Er hatte auch ebenso gut sagen können: ״ist unser Volk ein Volk des Buches, so usw." In dem Aufsätze: ״Zur Jahrhundertwende des Emaiizipationsedikts“ (Im deutschen Reith, 1912, Septemberlieft) sagt Puchs (S, IUI): ״Wer hat denn das Volk der Priester, der Kriegei und der Ackerhauer, das Volk, das der Welt den Typus des Gelehrten gegeben hat, der ohne Absicht auf Erwerb, Gewinn umi Ruhm lernt, bloß um zu lernen, zu einem Haufen Schacherer und Krämerseelen In׳r.1bdrüek111׳ wollen?" Und auf S. 101 lieillt es: ״Dabei können wir und müssen wir unserer Glaubensgemeinschaft und 1111• serer S t a 111 m e י g c s e 11 i c 111 c treu bleiben. Stolz in der Eigenart sein und treu lestlialkn, hat unlängst unser König 111 bezug aul die deutschen Stamme gesagt. Ein stolzes und edles Wort, für das wir ihm Dank wissen, und das v,ir auch auf unsere St a tu 111 e sc i g e 1t n r t beli e 11 e 11 können. Wir können stolz sein, nielit, weil wir uns als auserlesenes Volk betrachten, sondern weil wir die PI r I) e n d er ältest e 11 K 111111 r sind, weil ״das Judenvolk es ist, das seit den Propheten den großen ethischen Ton in das Mensehheitskoiizert gebracht und weil das große tragische Pathos, das die natürliche Welt versittlichen will, doch am Ende aus Juda stammt mul erst von dort in das Christen• tum libergegangen ist." (Dieses Zitat aus Somhart macht sieh I uchs hier offenbar ganz zu eigen.) latent lebt 111 der Brust dieser und vieler Juden, die sieh gegen die Bezeichnung Nationaljude sträuben, das Bewußtsein, daß sie nicht so sehr durch die Religion als durch die Abstammung, durch das U|ut, durch die nationale Gemeinschaft ans Judentum gebunden sind, aber sic wollen es durchaus nicht zugeben. Doch da passiert ihnen gelegentlich sogar das. Unglaubliche, daß sie in einem in ihrer Monatsschrift veröffentlichten Aulsatz wiederholt das Wort ״national" in bezug aut das Judentum und die Juden wiederholt gebrauchen bzw. anstandslos gebrauchen lassen. Es ist ein Aufsatz vyn Gustav Prcytag, den die Herausgeber sicher doch mit Billigung des Vorstands ״Im deutschen Reich“, Aprilheft 1012, an leitender Stelle veröflentliehen, betitelt: ״Ikr Streit über das Judentum." Nun konnte* man ja sagen, daß die I lerausgeber nicht die Verantwortung für alles, was in den von ihnen aufgenommenen Aufsätzen stellt, tragen können, sondern daß für die Einzelheiten der Autor veiantwortlich sei. Es will aber das ״Unglück", daß Gustav F re ytag den Aufsatz gar nicht seihst der Redaktion eingereicht hat, die daun weiter nichts getan hätte, als iim eben aiifzuitelimen — denn Gustav P r e y t a g war 1912 schon längst tot — sondern cs handelt sich, wie einleitend in dem seiner Eorm nach als Originalartikcl gedruckten Aulsatze bemerkt ist, um den Abdruck eines zum ersten Male 1800 erschienenen Aufsatzes aus einer kürzlich erschienenen Sammlung von Aufsätzen Gustav Freytags., Dieser Aufsatz mit seinem Inhalt hat den Herausgebern von ״Im IXutsehen Reich" so gut gefallen, daß sie ihn unverändert aufgenommen haben. In dem Aufsätze heißt es nun (S. 1(13 u. 164): ״Aber wer darf sagen, daß voller Ausdruck schöner Empfindung ihrer (der Juden) nationalen Anlage versagt ist, da ihr hartes Erdcuschieksai sie bis zur Gegcnwärt zwang, ihr ganzes kräftiges Gemütsleben vor Haß und Spott heimlich im verschlossenen Hause zu verbergen, und wie sollte die heitere Liebe zum Leben und das kräftige sichere Behagen in einem gedrückten und verfolgten G e s c 111 e c 111 e gedeihen? Uns scheint, «laß es ehrlicher und christlicher wäre, die tüchtigen Seiten des jüdischen Wesens, welche sieh in einem langen Jahrtausende der Unfreiheit und Isolicrung ,־!ungebildet haben, auf Rechnung ihrer na• t i o 11 a len Kraft zu schreiben, als da eine 11 a t i 0 - 11 a I e Untugend zu schelten, wo die wertvollen Leistungen einzelner unter ihnen etwa gemeinsame Mängel erweisen." G u s t a v P r c y t n g also, der, wie «las Zil.1t und der ganze Aufsatz beweist, den Juden so gerecht und wohlwollend gegenüberstclit, tragt kein Bedenken, von 11 a t i o 11 a I e r A n I a g 1׳ , n a t i o ״ a I e r K r a f t, nationaler Untugend der Juden zu sprechen, wie ja auch sonst die meisten Nichtjmlcn, auch solche, denen jede Spur von Antisemitismus fehlt, in den Juden eine nationale Gemeinschaft, eine Nation sehen und sie in wissenschaftlichen Werken und Aufsätzen als solche bezeichnen. Audi Schriftlcitung und Vorstand des Zentralvereins hat daran nicht den geringsten Anstoß genommen, sondern läßt die ״ominösen" Satze des P r c y 111 g scheu Aulsatzes ruhig und ohne Bedenken passieren; ja, man kann sagen, daß der Vorstand mit der Veröffentlichung: des Aufsatzes, «len er des Abdrucks im eigenen Organ lange Zeit nach dem Tode «les Autors für wert befunden hat, gezeigt hat, dal! er mit Inhalt und Ausführungen des Aulsatzes in allen Punkten einverstanden ist, zumal der Aufsatz, abgesehen von der Angabe der Quelle, ohne Zusatz und ohne Kommentar geblieben ist. Man wird also, wenn der Zentralverein in wunder-. barer Konsequenz weiter gegen das Nationaljudentiim und die Anwendung der Begriffe ״Nation", ״national", ״Volk" für die Gemeinschaft der Juden zu Felde zieht, auf seine eigenen Veröffentlichungen und auf die Ausführiingeu seiner Führer selbst 11111 weisen können. Und nun noch ein Zitat, das zeigt, daß auch die Zentralvercinsführer vom deutschen Standpunkte .1118 eigentlich niilits Schlimmes iin Bekennen des Natioii.iljiidenturiis sehen und die Verketzerung der Zionisten, als seien sie deswegen schlechte Deutsche, als ״verhängnisvollen Irrtum“ beklagen. Pin so enragierter Antizionist wie der Sytuliku* des Zentralvereins, l)r. Holländer, betonte 1*111 in einer Polemik gegen die bekannten Ajlikcl «les Professors Kollier über die Jtiilenfrage, der den Juden das ״Los von der nationalen - Synagoge sowie laule und Misrhelu•“ empfahl, daß Nationaljudentiim sich mit Deutschtum und deutscher Gesinnung durch• aus vereinigen lasse: ״Man kann die nationale Idee f 0 r d a * 11 c 111 i g e Judentum (sic!) durchaus ahlchncii, man wird aber nicht verkennen dürfen, «lall auch die sie 11 zu einer jüdischen Nation bekennen, durchaus nicht schlechte Deutsche sein müssen. Auch darin liegt einer der vielen verhäng* nis voll eil Irrt um er, die in «ler iXbatte so häufig wictlerkehrcii. Auf welcher Grundlage ich mich als Deutscher fühle, ist ganz gleichgültig. Die Hauptsachc ist, daß ich am deutschen Staat und am deutsehen Volk hänge und ihm mit meiner Kraft redlich zu dienen gewilt ibln. Dann habe ich Anspruch auf Gleichberechtigung.“ (״Im Deutschen Reich“, 1911, S, 197). Man traut seinen Augen nicht, wenn man das jetzt liest. Sind das wirklich dieselben Leute, die zwei Jahre später die Generalversammlung vom 30. März 1913 in Szene gesetzt haben, wo mit ganz entßpgcngcsctztcn Argumenten operiert worden ist, um die jüdischnationale Gesinnung der deutschen Zio• nisten als unverträglich mit dem Deutschtum, als vaterlandsfcindlieh zu denunzieren? Das nennt man eben — Zentralvcreins-Konsequenz. Duisburg Das Londoner Blatt ״The Zionist" berichtet in seiner Dczcnihcrniinnncr über die Duisburger Vorgange. Es heilit in dein Artikel: ״Es lockt einen liberalen Juden immer, deutscher und antisemitischer als ein preußischer Junker zu sein . . . Diese Af- Eire ist peinlicher und erniedrigender als die Beilis- Affäre, denn sie enthüllt die moralische Korruption von Leuten, die sich Juden nennen," I >ic Regensburger ״Deutsche Israelitische Zeitung" leitet eine» Artikel ihrer Ntim- 111er vom 23. Dezember so ein: ״Aus Duisburg berichtete die ,Jini. Rundschau* (Nr. 44, vom 31.0ktober 1913) über eigentümliche Vorgänge. Wir warteten acht Wochen auf ein Dementi. Es erfolgte nicht." Und nun folgt die Darstellung der Vorgänge. Wir wissen, daß die ganze Welt noch viel länger auf ein Dementi wird warten müssen; wenigstens bis an die Zeit, da Mcschiach kommt.

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