Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XIX (1914)
- Issue
- Heft 2 (9.1.1914)
- Date
- 1914-01-09
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Telephon: Amt Uhiand 845, 846, 868, Postscheckkorvtor Berlin Nr# 17392. ך׳\״ן y v.3 ח ר-£ c') l . -יי ׳־■״״-.*V ff r~~\ ח n i1J U c 3 חח ס Nummer 2 Berlin, den 9. Januar 1914 — 11. Tebeth 5674 XIX. Jahrgang. Der Kampf um die hebräische Schule Die Haltung des deutschen Auswärtigen Amtes Das ״I I a m b 11 r g c r Israelitisch c I a - 111 i I i c 11 b I a 1t“ berk'lilel über ein Inicrvicw mit ■einem Hcamten des Berliner Auswärtigen Amtes, der begreiflicherweise den Beschluß des Kuratoriums billißt. Wichtiger als diese Meinungsäußerung eines Beamten ist seine die offizielle Haltung der Deutselten Regierung aussprechemlc Antwort auf die Fräße: ״Welche Haltung wird das Auswärtige Amt Weiterhin gegenüber den Agitationen, dem Feiner- und Scliii!erstreik an den palästinensischen Lehranstalten des Hilfsvereins eiunebmen?“ Hierauf erwiderte der Vertreter (Fes Auswärtigen Amtes: ״W i r werden in di e s c in i 11 n e r j ii d i - scheu Streit, wie gesagt, strikte Neutralität bewahren, soweit nicht Angriffe auf einen einzelnen deutschen Juden oder .111' eine einzelne unter deutschen! Schutz stehende Anstalt ein Einschreiten unserer Konsularbeamfcii erfordern. Dieser konsularische Schutz ist Herrn l)r. Nathan und den Schulen des Hilfsvereins in Jerusalem letzthin zuteil geworden. Er würde erforderlichenfalls auch einem deutschen Zionisten im Auslande gewährt werden.“ Daß es die di-utsrhcn Verficter mit dieser •■irikivn Neutralität ernst nehmen, zeigt folgendes an die ״Welt“ gelangte Telegramm aus Jerusalem, vom 2. Januar: ״Der dcutsclic (ieneralkonsnl Sehmidi tu Jmisalem crmiidüigf die fi'ühere Leiterin der Miitlelienschule des Hilfsvereins zur Veröffentlichung (ulgender Erklärung: ,Ich wäre nicht mit Polizei in die Schule gekommen, wenn ich den wirklichen Zustand gekannt und geahnt hätte, mit welcher Ruhe ohne Schülcraufmzung die Lehrer ihren Unterricht unterbrachen. Ein Con1mut1iqu£ des Hilfsvereins Der Hilfsverein der deutschen Juden sendet uns einen Bericht über eine S i t z. 11 n g seines Oes c 11 ii [ t s f ii 11 r e 11 d e 11 Ausschusses, die .׳im 4, Januar stattgcfundcn hat. Hier erstattete l)r. I’.ml N a 111 a n Bericht über seine Reise nach Palästina. Aus der Menge hochinteressanter Details, die dieser Bericht enthält .־ wir bedauern, ihn wegen seiner Länge nicht in extenso abdruckcn zu können —, sei folgendes angeführt. I >r. Nathan beruft sich auf einige Sätze aus der Broschüre von l>r. Tschlenow, die die Tätigkeit des Hilfsvereins anerkennend besprechen. Er nennt diese Broschüre ״eine Broschüre von 1913“; Dr. Tschlenow war im 'Frühling 1912 in Palästina, als die ״verbesserte“ Schulpraxis des Hilfsvereins noch nicht durcligeführt war, die Broschüre wurde bloß erst 1913 ins Deutsche übertragen. Das beißt, cs mit der Wahrheit genau nehmen. Dr. Nathan erklärt, daß der Hilfsveiein ״nichts weiter tut, als sich gegen einen plötzlichen, gewaittätigen und unmotivierten Ueberfall zur Wehr zu setzen“. Ein schönes Bild: der Hilfsvcrcin als imschuldiges Lamm! Die Vorgänge in Jerusalem werden hierauf in derselben Weise geschildert, wie dies in den bekannten in die allgemeine Presse lancierten Notizen geschah, mit den kühnsten Korrekturen der Wirklichkcit. Vor allem wird wieder das ״unpädagogisdie“ Verhalten der Hilfsvereinslchrcr, mit David Ycllin an der Spitze, gerügt; Dr. Nathan ist freilich ein besserer Pädagog, der die Kinder durch Karusseifabrten, Kinokarten und im Notfall durch Geldgcscheukc darüber belehrt, welches Untdrriclilsprinzip das richtigere ist. Sehr interessant ist auch, daß Dr.׳ Nathan sich auf die ״alteingesessenen religiösen Elemente“ in Jerusalem stützt und beruft. Er hat vermutlich einen ״Der Zionismus erstrebt für das jüdlsdio Volk dl© Schaffung einer öffent* stch-rcchtMck gesicherten Heimstätte In Palästina.“ Baseler Programm. Teil der CliaUik.'ih-Juden auf ähnliche Weise ״überzeugt“, wie einen Teil der Kinder. Wie er es aller' dings angestellt hat, daß diese strenge Orthodoxie, die ihn angeblich ״flehentlich bat“, die Schulen des Hilfsvereins fori/uführen, ״damit die Kinder nicht den zionistischen Lehrern ausgeantwortet würden“, den B a 11 n atifhob, den sie über die I lilfsvereinsschulen wie über alle modernen Schulen verhängt hat - davon schweigt des Sängers 1 löflichkeit. Dafür hat Herr Dr. Nathan gesorgt, daß wenigstens ein Teil der Schüler den zionistischen Lehrern nicht ausgeantwortet wurde. Ein Teil der Schüler wurde einfach ein gesperrt und nicht zu den Lehrern und Schülern gelassen, nach dunen sie verlangten. Nach Anhörung des Berichtes wurde auf Antrag des Herrn Dr. Simon einstimmig Herrn Dr. Nathan der Dank des (iesdiäftsfüliremlen Ausscluisses votiert mul seine sämtlichen vorläufig in Palästina getroffenen Maßregeln gebilligt. Dann wurde beschlossen, die’ Diskussion zu vertagen. Die einstimmige Votierung des Dankes war für diese vornehme Körperschaft einfach gescllsclraftliehe Pflicht■( l<־1־. Nathan wird erleichtert aufgealmet lialieii: j e t A w ar er wieder unter Kulturmenschen. Die deutsche Presse וווו jüdischen Streit Der Hilfsvcrcin hat es passend gefunden, für seinen Kampf gegen die liebriiisclic Renaissance die deutsche iiielitjüdische Presse zu mobilisieren. In Anbetracht dessen, daß uiiiiifonnierte Leute cigentlieh keinen Anlaß haben, sensationell klingende und von sozial hochstehenden Personen gelieferte Nachrichten nbzuleluieii, müssen wir uns wundern, wie wenig Erfolg der I lilfsvereiu batte. Eine ganze Anzahl vöu' minder 'wichtigen und einige wenige größere Blätter brachten seine Tataremiaehrichten, einzelne gelegentliche Telegramme, die eine dauernde Wirkung weder auf die Leser noch auf die Haltung der Blätter selbst haben. Das einzige grolle Blatt, das den ״deutschen“ Standpunkt eiiiiiimnit, ist die ,,Kölnische Zeitung“, die aus Tcniplcrkrcisen bedient wird, bei denen ja diese Haltung gut zu verstehen ist. Die wichtigsten .Blätter haben sich vollkommen neutral verhalten, zum Teil sogar unsere Meinung geteilt (wie z. B. das offiziöse Organ der bayerischen Regierung, die ״Bayerische Staatszeitiuig“). ־ Wir müssen uns aber vor Augen haben, daß es uns nicht darum zu tun sein kann, daß die deutsche Presse für uns Stellung nimmt. Unser Kampf ist ein jüdischer Kampf, in den wir Nichtjuden nicht hineiiiziehcn wollen. Unsere Gegner glaubten sich unser nicht anders erwehren zu können: mm denn, wir verstehen ihre schwierige Situation. Aber w i r begnügen uns damit, tatsächliche Unwahrheilen richtigzustellen und falsch Informierten getreue Aufschlüsse zu geben. Im übrigen wende״ wir uns mir an die Juden, bei denen wir Verständnis für unsere alle in dem Juden tu me dienenden Bestrebungen voraussctz.cn. Stimmen aus der Türkei Constantinopel, 6. Januar 1913. (T c 1 e- ,um unseres K o r r c 8 p o n de n t c!1.) Dreider angesehensten mohammedanischen Notabein 1s veröf*entliehen in den Konstantinopeler Tagesirren die Erklärung, daß sie m dem in Haifa ■richtenden jüdischen Technikum ein großartiges jld für die kulturelle und wirtschaftliche Ent- ״״,r der Vilajcts Syrien und Beirut erblicken, nanzc einheimische Bevölkerung sei damit cm- ״״len, daß als allgemeine Unterrichtssprache das iräischc cingcfuhrt werde, daß Türkisch und isch obligatorische Fächer, fremde Sprachen Gleichzeitig veröffentlicht der bekannte türkische Politiker A g a i e f Ach m c d in der Konstantinopeler Tageszeitung ״Terdschuman Hakikat" einen Artikel, in welchem er die Berechtigung der hebräischen Unterrichtssprache vom Standpunkte des türkischen Gesetzes aus darlegt. Palästinenser In Berlin Der Klub palästinensischer Jugend in Berlin hat in seiner außerordentlichen Sitzung vom I, Januar folgenden Beschluß gefaßt: ״Wir erfahren zu unserem großen Schmerze, daß drei ehemalige Zöglinge der I lilfsvereinsschtilcn in Palästina, die noch dazu Palästinenser sind, die Studierenden rin der Berliner Universität David Co 11 en, Shulmann und Bnruchin, heimlich nach Palästina gereist sind mul dort an Stehe der ausgetretenen Lehrer des Iliifsvcmns Lehrämter in den I lillsvereinsselmlen übernommen haben. Sie halien damit die Solidarität der palästinensischen judenscli.'iit, die in der einmütigen Stellungnahme der Lehrerschaft und der Schüler gegen den Hillsverein so überwältigenden Ausdruck gefunden hat, gröblich verletzt. Sie haben Verrat geübt, indem sie sich gegen ihte früheren Lehrer gewandt und in das Lager der Zerstörer unserer Kulturwcrtc übergegangen sind. Wir sind atifs tiefste empört, daß diese Leute, die Treubrueh an der nationalen Sache verübt haben, die palästinensische Jugend unsere nationale Sprache lehren wollen und sich noch erkühnen, daran* hinzuweisen, daß sic Palästinenser sind. Wir, Söhne Palästinas, halten ihr Vorgehen für eine Schmach und beklagen cs aufs tiefste, daß palästinensische Landes- Kinder sich dazu Iwrg! Feit, der jüdischen Bevölkcrimg• Palästinas in den 'Lagen des Kampfes um ihre höchsten Kulturgüter in den Rücken zu fallen. Angesidils der gesamten jüdischen ()Öffentlichkeit sagen wir uns von ihnen los und streichen sic aus der Reihe unserer Mitglieder.“ Hiese Erklärung ist 11. a. gezeichnet von Pinchns Cohen, dipi. Agronom, gewesenem Leiter der Privaten Mittelschule in Haifa, aus Sichrem Jakob; Jakob L 11 b m a n 11 - C )1 a b i b, Absolvent einer I lilfsvereinssdiule; J. J. Reichert, Absolvent des Lehrerseminars in Jerusalem und gewesenem Lehrer an der Hilfsvcrcinsschuk in Haifa. Grusenberg über den Sprachenkampf Die 41״ a z c f i ra h“ bringt eine Unterredung mit O. O. (i r u s e 11 b e r g , dem aus dem Beilis- Prozeß berühmten Verteidiger, der sich in scharfen Worten gegen die Politik und das Vorgehen des 1 lilfsvereins ausspricht. (irusenberg kann cs nicht begreifen, wie Menschen es vermögen, allein auf die Kraft ihres Geldbeutels gestützt, in ein ihnen fremdes Gebiet einzmlriugen und in demselben ihre eigenen Absichten und Meinungen geltend zu machen. Die Arbeit in Palästina kann nicht rein piiilanthropischc Zwecke verfolgen: diejenigen, die diese Arbeit angeregt haben und fiir sie ihre besten Kräfte daliingcben, sehen viel mehr in ihr, als das Beglücken eines Häufchens orientalischer Juden. Für sic bildet sie ein Mittel zur Schaffung eines Zentrums der jüdischen Auferstehung, und an der Spitze der gesamten nationalen Auferstehung steht für sie die Auferstehung der nationalen Sprache. Welches Recht hat denn der Hilfsverein, sich dieser Aufcrstehimgsarbeit in den Weg zu stellen, den Z'onisten und der palästinensischen Judcnhcit seine Ansichten und seine Tendenzen aufzudringen? Eins von beiden: will der Hilfsverein wirklich in Palästina .arbeiten, so muß er der Stimme der dortigen Juden Qehör schenken; wenn er aber dieses nicht tun will, dann soll er Palästina mit seiner Arbeit verschonen und seine Tätigkeit in ein Land verlegen, mit dem nicht so viele Hoffnungen und Erwartungen verknüpft sind. Zur Beachtung! 1 n for m a t ion s ma teri aI über den Kampf um das hebräische Schulwerk in Palästina stellt das Zionistische Zentralbureau, Berlin W. 15, Sächsische Straße 8, Interessenten auf Wunsch zur Verfügung.