Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XIX (1914)
- Issue
- Heft 1 (1.1.1914)
- Date
- 1914-01-01
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
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Ich spreche hier nicht von den jüngsten Vorfällen in Jerusalem, die man sich nur durch die Trübung des Urteilsvermögens in einer Zeit der außerordentlichen Erregung erklären kann -- eine geistige Störung, die die Leiter des Hilfsvereias in ihrer Vorz.weifiung die Grenzen des Erlaubten verkeimen ließ. Und wenn jetzt einzelne den Hilfsvcrcin der Unrcdlichkcit oder der bewußten Täuschung zeihen, wenn manche glauben, daß die Leiter des Hilfsvereins während ihrer ganzen langjährigen Tätigkeit im Lande ihre wahren Absichten geflissentlich verhüllten und abwarten wollten, bis der Hilfsvcrcin seine Position im Lande genügend gefestigt haben würde, daß aber in Wirklichkeit diese Herren niemals irgendwelche Sympathien für das Hebritische empfanden und ihr scheinbar gegenteiliges Verhalten nur den Zweck hatte, Einfluß auf die jüdische Ocffcntlichkcit zu gewinnen, — wenn einzelne unter uns so denken, so befinden sic sich entschieden im Irrtum. Keine Organisation der Welt hat noch jemals eine derartige Takiik verfolgt; man kann ja nicht zehn Jahre lang eine Maske tragen ־und im Ernst glauben, daß man durch derartige Mittel einen Uebergang vom ,,Heiligen“ zum ״Unheiligen“ schaffen kann. Nur Neulinge in der Politik brächten es fertig, derlei Schleichwege zu gehen; wir haben aber keinerlei Grund, die Leiter des Hilfs- Vereins für so naiv zu halten. Es gibt ja nur zwei Möglichkeiten: entweder wußten die Leiter des Hilfsvcrcins, daß sie durch Konzessionen an das Hcbräischc ihren Einfluß auf die jüdische Ocffcntlichkcit vergrößern können, — dann mußten sie ja auch wissen, daß ihr Einfluß von ihrem Verhalten zur hebräischen Sprache abhängig sei. Oder aber die Herren^vom Hilfsverein kalkulierten, es würde ihnen im Laufe der Zeit möglich sein, die öffentliche Meinung durch andere Vorziige ihrcr Arbeit für sich einzunehmen, "ohne daß sie ähre Zuflucht zum Hebräischen nehmen müßten: dann wäre nicht einzusehen, weswegen sie von allem Anfang an einen Bund mit der hebräischen Sprache schlossen. Es bliebe also nur noch eine dritte Eventualität: die Leiter des Hilfsvcrcins mochten geglaubt haben, daß Palästina sich im Laufe der Zeit soweit entwickeln würde, daß es von selbst zur Erkenntnis gelangte, das Hebräischc könne bloß die Elemente der Kultur vermitteln, ein geistiger Fortschritt sei aber ohne die Herrschaft einer europäischen Sprache und Kultur nicht möglich; mit anderen Worten, die hebräische Kultur reiche bloß für die Ausbildung in Kindergärten und Bürgerschulen aus, sei aber für die Lehrziele höherer Unterrichtsanstalten oder gar Hochschulen unzulänglich, Die Leiter des׳ Hilfsvereins mochten abo angenommen haben,׳ cs würde ihnen, wenn die Bevölkerung Palästinas erst die volle Reife erlangt hat, leicht fallen, in den höheren Schulen de 5 Landes die deutsche Sprache zur herrschenden inaclien, worauf die Volks- und Mittelschulen eben <Jen1 Beispiel der höheren Kultur folgen würden. Wäre aber dies die wahre Meinung■ dieser Herren gewesen, warum haben sie dann bei jeder Gelegenheit die Einführung der französischen Unterrichtssprache in den Schulen der Alliance verurteilt, warum haben sie immer wieder auf die Gefahr lungewiesen, die dem palästinensischen Kolonisationswerk von einer solchen falschen Methode droht? Sie mußten sich ja sagen, daß sie durch eine derartige Kritik sich ins eigene Fleisch schnitten, da die Einführung der deutschen Unterrichtssprache an Stelle der fran/ösisehen an der Sache selbst absolut nichts ander;, ,!> Gegner einer fremden Unterrichtssprache ihnen ■110 ״״. fühlbar ihre eigenen Argumente gegen das •Französische• Vorhalten würden. Allein in Wirklichkeit liegt hier weder eine Irre, führang der öffentlichen Meinung, noch ein bewußt auf ein bestimmtes Ziel hin angelegter Plan, noch auch Rc. wohnliche Baucrnschlauheit oder verschmitzte ״Taktik“ vor, vielmehr liegen den Vorgängen, die die Krisis der Hilfsvcreinsschulen in Palästina hervorgerufen haben, tiefere Ursachen zugrunde. Diese Krisis ist keine zu. fällige und unvermittelte, wie viele glauben, sondern sie stellt sich als eine notwendige Folge der Ent- Wicklung des palästinensischen Kolonisationswerks in den letzten zehn Jahren dar. Und ebensowenig wie diese Entwicklung sich mit einem Male vollzog, entstand auch die Krise des Hilfsvereins nicht von gestern auf heute, ln der Entwicklung der Völker gibt es keine plötzlichen Uebergängc, immer sind Brücken da, die von einer Epoche zur anderen überleiten, und zuweilen können dir Erbauer einer solchen Brücke sich mit dem Gedanken nicht nbfinden, daß sie überflüssig geworden ist, nachdem die• jenigen, für deren Ueberfülirung sie erbaut worden ist, auf Nimmerwiederkchr nach dem jenseitigen Ufer;elangt sind und ihrer nie wieder bedürfen werden, (u׳. schichtlichc Entwicklungsvorgänge spielen sich ni<1*־! im Raum, sondern in der Zeit ab und die Brückei ubergängc von einer Epoche in die andere sind nicht für Passanten bestimmt, die hin und zurück gehen, sondern sie führen nur nach einer Richtung — vorwärts! Daraus ergibt sich für die Erbauer solcher Brückcnüber• gänge eine tiefe Tragik, wenn sic an ihrem einmaligen Standorte verharren und an dem allgemeinen Fortschritt nicht teilnehmen. Zwei Momente sind es, die die zionistische Organisation gemäß den Aufgaben, die sie sich gestellt hat, von den anderen jüdischen Organisationen unterscheiden. Erstens ist sie im Gegensatz zu den bloß Jüdischen hebräisch, zweitens im Gegensatz zu den rein Plübnthropischcn politisch. Die Alliance brachte Universelle ist jüdisch, das heißt französisch-jüdisch und ״wohltätig“. Der Hilfsvcrcin wurde ah Verbindungsglied, als ein Brückenübergang geschaffen. Einerseits nahm er die Besitztümer der alten Epoche in sich auf, andererseits war er ein klein wenig bemüht, sich den Lebensbedin• gungen des neuen Renaissance-Zeitalters anzupassen. Es lag in der Natur der Dinge, namentlich in den natür• liehen Entwicklungsvorgängen des jüdischen Lebens, daß diese neue Organisation ein Janus-Gesicht annchinen mußte. Eine Brücke schwebt zwischen zwei Ufern, aber sie verbindet diese und muß gewissermaßen dem dies• seitigen wie dem jenseitigen Ufer gerecht werden. Und es ist j^ kein bloßer Zufall, daß der Hiifsvcrein gerade