Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XVIII (1913)
- Issue
- Heft 43 (22.10.1913)
- Date
- 1913-10-22
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 460 J U EDI SCH E RUNDSCHAU Nr. 43 u!1ü Sehen ja Tschcberj.ik au! der Straße begegne!. Drei bis vier Tage n.'idi der Auffindung der 1.eiche hatte er Schcnja nenelvcn, der ihm erzählt iiahen soll, er wäre zusammen mit Andreas im Garten von Sai/etvs Grundstück spaziert und sie waren von einem unbekannten Manne fortgej,׳11׳l worden, I>as Aussehen dieses Mannes hätte ihm Sehenja nicht geschildert; er hatte and) nicht >;es;1;:t, (laß der At;in 11 einen schwarzen Hart tritt׳. Heilis hatte er gekannt. I )er Verteidiger K a r a 111 s c h e w s k i fragt den Zeugen, oh Detektive mit ihm gesprochen hätten. /enge: ״Die Detektive gaben mir Schnaps zn trinken, führten uns weg und hel'ahlen, das und das zu sagen.“ Verteidiger; ״Haben sie Ihnen nicht den Rat gesehen, gegen Heilis aus/.usagen?" /enge: ״Ja.“ Verteidiger (i r 11 s *! n b e r g: ״wart 1111 halten Sie bei dem ersten Verhör vor dem l hiicrsiichungsrichte!׳ gesagt, dali in.'in lieber die Tselteberj'ak und ihren Anhang vernehmen solle? Warum iiahnicu Sie an, dali sie von dem Mord des Knaben wußten?“ Zeuge; ״Weil bei ihnen Zusaimnvnkünftc stattfanden.“ —- Verteidiger; ״Welche?“ Zeuge; ,,Vcrscltiedene Beamte mit Kokarden und amlere.“ Die Aussagen dieses Zeugen waren im allgemeinen so konfus, sn widerspruehsvoll, dall die Auklage mit ihnen nichts aii/nfangeii wtilite, Ls gelang jedoch, fcst/nstelkn, dall die Detektivs Rollstscltuk und Wygramnv, die gleichfalls Belastuiigszeuget! sind, ihn unter den schrecklichsten Droht!!!• gen gezwungen halten, gegen Heilis atisaisageii. Zur Kennzeichnung des Staatsamt aii noch ein Detail. Es war heim Lokalaugcnscitcin. Da wurde u. a. auch die Wohnung der Tscheburjnk visitiert. Eine Zeugin Mali/kajn, die unter der TschebcrjaU wohnt, behauptete, sie hätte am Tage des Mordes den gellenden Schrei eines Kindes und ein starkes Geräusch gehört. Die Tschcherjak stellte dies in Abrede und erklärte, man könne überhaupt nichts hören, was in ihrer Wohnung vorgclit, Nun stellten Richter und Geschworene durch einen Versuch fest, dali die Angaben der Mali/kaja richtig sind, dali man nämlich im unteren Stocke alles hört, was im oberen vorgeht. Alle hörten es, nur der Staatsanwalt behauptete, nichts gehört zu haben. ״Der Staatsanwalt will die Wahrheit nicht hören,“ sagte jemand von den Experten, Und die Worte stimmen, Er will eben nicht die Wahrheit kennen . . . Notizbuch Im letzten Heft der Zeitschrift ״Im Deutschen Reich“ stellt ein Artikel von Dr. Felix (in Id man 11- Oppeln; ״Gegner des (i I e i c 11 b e r e c 111 i - g u n g s k a m p f e s.“ Die größere Hälfte dieses Aufsatzes handelt von den N'ationaljudeti; der Vcrfasser sagt selbst, dali diese sich n i c 111 gegen das Gleichberechtigtmgsidea) wenden, sondern bloß den W e g angreifen, den der Zcntralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens geht. Da das gröliere Publikum sich gern an die Schlagwälder eines Artikels hält; finde!) Sie nicht, Herr Dr. Goldiuanii, dafi Sie der jüdischen Octfentlichkeit ein falsches Urteil naltelcgcn, wenn Sie eine Gruppe, die den Weg des Z c n t r n 1 v c r e i 11 s für unrichtig hält, als Gegner des G I c i e 11 b e r c c h t i g 1t n g s k n m p - fcs schlechthin bezeichnen? Der ,,Deutsche Tag“, .eine in Eisenach ahgehaltene Versammlung deutsch-völkischer Vereine, sandte eine Depesche an den Reichskanzler, um dessen Aufmerksamkeit ״auf die durch polnischen Boykott vcranlallte starke jüdische Ei n w a n d c - r u 11 :.׳ aus Russisch-Polen und Galizien in Deutschland zu richten“. -- ״Sämtliche Anwesende sind der Anschauung“, fährt die Depesche fort, ״dali das deutsche Volkstum, das sich der ungünstigen Heeinfliissimg durch das einheimische Judentum nur mit Miiltc erwehrt, durch den neuen starken Zustrom in seinem Bestehen gefährdet wird, und bitten Ew. Exzellenz, die Einwanderung zu verhindern und die schon erfolgte durch A 11 s w e i s u n g c rt unsehädlieh zu machen.“ Natürlich, wenn das deutsche Volkstum bedroht ist, müssen alle Mittel rocht sein; und die germat’brhe Gastfreundschaft ist doch ein leerer Wahn ... Einiges Statistische aus dem letzten G e - in e i 11 d e b I a 11 der jüdischen Gemeinde zu Herlitt: An den Feiertagen (Rösch haschonuh) fanden Haupig'ottesdienstc statf in 20 Sälen mit 32 348 Plätzen und Jugemlgottesdicnstc trt 17 Sälen mit 7818 Plätzen (zusammen 40 3M1 Platze). Die Ge- 111 ei Ilde baut gegenwärtig drei Synagogen mit 6700 Plätzen. Die Bausutrmtett für Synagogen in Berlin betragen seit PHD etwa '2(150 000 M. Der Generalgou verne 11 r vo 11 Warschau hat am 12. September eine obligatorische Verordnung erlassen, die den Passus enthält: ״Jog- Udtcs Auftreten, das die Bildung, Unterstützung!,der Ermunterung eines Boykotts einzelner Personen oiier ganzer Nationalitäten und Bevölkcrungsklassen /uni Zweck 1t.1t, wird verboten.“ Nachdem der schärfste Boykott, den das edle polnische Volk gegen die Juden verhängt hat, lange genug gedauert hat, daß es ärger nicht mehr werden kann, entdeckt der t loitvertieur der polnischen Hauptstadt sein tuettscheiifreundliches Herz und verbietet den Boykott. Ganz nach dem Pogrom-Rezept: .venu alles ausgcpUimlert war, kam die Polizei und verbot das Plündern. Rußland ist doch ein Kultursuiat, man muh das Prestige wahren , . * Die Petersburger Gesellschaft für Kunst mul Wissenschaft hatte Georg Brandes eingelailcn, in Petersburg: Vorträge zu halten. Brandes nahm den Vorschlag an. Als er aber auf dem russischen Konsulat in Kopenhagen eilten J’all für Rußlaiul vcrlangte, wurde ihm bedeutet, d1׳f) man ihm einen Pall nach Rußlaiul mit Rücksicht auf seine Konfession nicht ,umstellen könne. Auf seine Einwendung, daß er konfessionslos sei, wurde ihm bedeutet, daß in einem ,solchen Falle die Konfession der Eltern maßgebend sei. Die bloße F:ilnti-itflucht eines Juden wird also noch nicht prämiiert, er muß schon richtig überlaufen. Um die jüdische Schule Die jüdisch!• Volksschule ist der Gegenstand des Streites zwischen dem Gviueindchund und dem I.ehrenerhand. 111 dem Leitartikel der vorige» Nttm- Hier wurde unser Stand!! inkt fcstgcstcllt, der nur sein kamt; für die jüdische Schule. Die jüdischen Lehrer können unserer Hilfe in ihrem Kautjtfe sicher sein. An große Erfolge allerdings glauben sic selber nicht; und wenn auch Herr Steinhardt die Statistik des D. J.G. B., wonach die überwältigende Mehrheit der Gemeinden keine jüdischen Volksschulen wünsch(, für tendenziös lind einseitig erklärt, so zweifelt doch mich er nicht daran, daß in den weitesten Kreisen der iletilschen Jndeulieit kein Vetständ- 11 i s für die überaus wichtige Lebensfrage xarlrtmlen ist, daß die liberale Mehrheit der deutschen Juden der jüdischen Selutlfrage völlig teilnahmslos gegenüberstellt (wo nicht gar feindselig aus Unkenntnis oder ״Liberalismus“). Glauben die Lehrer, diese .Mauer von Indifferenz durch ein Flugblatt, eine Broschüre und sogar durch eine Diskussion auf dem Gciiiciinlctagc durchbrechen zu können? Es gibt nur ein Miltcl, für die jüdische Schule Interesse und Sympathie zu schaffen: das ist, Interesse und Sympathie für jüdische Dinge überhaupt zu wecken, jüdische Gesinnung zu wecken. Wenn die Lehrer einselten werden, daß die ablehnende llalltmg der meisten deutschen Juden von ihrem ״Libcralisniits“ hcrsinmiiit, werden sie sich vielleicht bedenken, ob sie weiter die Vorkämpfer für diesen Liberalism 11s sein wollen. Wenn wir erst das Judentum in Deutschland jüdisch erzogen haben, wird es uns erlauben, seine Kinder jüdisch zu erziehen, Ja es wird es verlangen. ״Durch jüdische Gesinnung zur jüdischen Schule!“ Dieser Weg ist lang und steinig, aber er ist ein Weg; der deutsch-jüdische Liberalismtis aber ist ein Kreis, in dem sich die Lehrer drehen, ohne den Ausgang ztint Judentum linden zu können. Leipziger Feierklänge Au den Festtagen in Leipzig, zu helfen Tausende von Fremden, Deutsche und Ausländer, zusammengeströmt waren, wurde in den Straßen der Stadt ein Flugblatt als F e s t / e i t u 11 g uusgerufeu und!nassenha ft für 15 Pietmige verkauft, das nichts anderes als ein wüstes antisemitisches Pamphlet darstcllt, Dr. Heinrich Pudor, der berüchtigte Judenfresser, ist der Verfasser und Herausgeber. Er erklärt, es gebe nichts Gemeinsames zwischen ISt3 und HM3; das deutsche Volk fühle sich heute im Joche der Fremdherrschaft zufrieden, die von den Juden ausgeübt werde. Sogar der Kaiser fördere sie. Er greift dem Urteil von Kiew vor und hegt die Zuversicht, dort ״werde man sie kriegen“. Er rät dem deutschen Mittelstand 711m Boykott gegen die Juden. Er preist Deutschlands Große im Id, Jahrhundert und nennt das heutige Deutschland: ״Klein und von den Würmern des Seniitentiiiiis angefressen“. Er ruft Eittjuirung über I ״Sldavenjoch und Knechtschaft in der Hand der vcr- | derbtesten Rasse der Erde: der Judeusippc“ und emp-; fieltlt ״unseren großen Almen“, aus ihren Gräbern j einporzusteigen und den heutigen Deutschen, eiligei denk zu sein, da fl sie Germ,men sind, ״das edelste der! Volker". j Heber die grotesken Auslassungen dieses Muster- ן germaiten könnten wir mit Stillschweigen hinweg-! gelten; die tmerltftru* Geschmacklosigkeit könnt.' uns i kalt hissen, dali dieser Patentpatriot unter Mißbrauch einer der heiligsten Erinnerungen des deutschen Volkes sein Machwerk als ״Aufruf mt rnei 1 Volk“ üheisdireiht; aber es ist sehr traurig, daß das deutsche Volk es sieh gefallen läßt, an seinen Fest- Ingen mit solchen Produkten überschüttet zu werden, Die iletilschen Juden Italien an ihrem Teil ehrlich luitgcarbcitct an der Grolle des deutschen Reiches; daß einzelne Don (pitixotes uns verlästern, ist zu ertragen, aber die Mehrheit des Volkes müßte die Lächerlichkeit und den Unsinn brandmarken. Aber wir wissen ja, darauf ist nicht zu /üblen, A11 uns liegt es, in unserer eigenen Würde den Trost zu finde 11. Gruppenverbandstag Rheinland-Westfalen Am 12. Oktober d. Js. fand die Jahrtst,!gütig des Grnppenverbamlcs ״Rlieinland-Westfaleii׳' in Liber* fehl statt. Auf der von f)elegierten aus den in Betracht kommenden Gruppen stark bc.mditcu Ver- Sammlung war die ,,Zionistische Vereinigung für Deutschland" durch Herrn i :irlcisekretä.׳ R o s e n * bäum vertreten. Auch tler Direktor de. ״Naüonal* fonds“, Herr Justi/rat Dr. B o d c 1! h e 1 in e r, wolmtc zu unserer Freude den Verhandlungen bei. * Wie überall in Dviilschlinil, so zeigte die Bcweguug auch in unserem Bezirke im letzten Jahre eine ansteigende Kurve. Vieles hätte, wie der Schriftfitltrer des Verbandes, Herr H. Dülken- Küfn, der die Verhandlungen leitete, weil der Vorsitzende, Herr Dr. Fiat z, nicht erschienen war, selbst zugab, besser gemacht werden können, wem! die vorhandenen Kräfte richtig ausgenut/t worden wären, wem. jiAer an seiner Stelle seine Pflicht getan und die Arbeit geleistet hätte, die man hilltgcrweise von ihm hätte erwarten dürfen. An der Geschäftsführung des Vorstände» wurde denn au eit aus der Mitte de׳ Ver.-arnmhing scharfe Kritik geübt. Bei den Neuwahlen wurde der Silz des Grt1j1p.‘nverbände.! nach Elberfeld verlegt Zum V r i z.'iulen wurde Herr Dr. Grüneherg, zur Schriftführerin Fräulein Mjrj.im Epstein, zum Kassiere; Herr Bankier Willy M 0 y e r Schwelm gewählt. Dieser Vorstand wird durch Beisitzer aus den eiii/clncn Ortsgruppen zum Arbeitsausschuß vervollständigt. Fine ausgedehnte Besprechung fand da; Kapitel: Winterarbeit. In längeren Ausführungen sprach Herr Justi/rat Dr. Bodenhciiner über das Thema: ״Der Nntiomilgedaukc in unserer Agitation.“ Das Reterat bot zahllose Anregungen zu einer über.ru; lelha't.n Diskussion. Wenn and! die Ansichten der Redner in manchen Einzelheiten au cin nide.g'n ■en, s 1 ergab sich doch eine erfreuliche Uebercinstimniinig der Meinungen darin, daß in der Betonung »mscrer natiotutlcu Werte in Verbindung mit unserer Palästinaarbeit die wirksamste Werbearbeit für un-ere Idee zit erblicken ist, daß wir uns bei aller Ruhe und Vornehmheit des Tones darüber stets klar sein 1 müssen, daß die Voranstelluug unserer nationalen Idee in der Propaganda die Bedingung ist, mit der unsere Bewegung steht und fällt. Von erheblicher Wichtigkeit war ferner eit! Beschluß des Verbandstages, der im Wortlaut liier niitßctci'.t sei: , Der Gruppen,er?am! beauftragt den V rüantl des Rheinisch*VthMtäli •eiten Gruppen־, erbau ie• zur Entla dung der Zentrale die Arbeit der Einziehung des Schekels und des Organisasie-nsbeitrages zu übernehmen,“ A« alle Ortsgruppen und Vertiauensmänner, die es angeln, ergeht daher unser dringemies Ersuchen, ihrerseits dazu heizutrageu, uns diese Arbeit zu ermöglichen und so leicht wie möglich zu gestalten. Nur wenn' alle < ilieder unseres komplizierten Organis.Uinitsniechanisnttts regelrecht arbeiten, ist cs uns möglich, unsere Pflicht .סי zu erfüllen, daß man am Ende des Arbeitsjahres wird sagen Können: Der Gruppen verband hat gut gearbeitet. Und nur wenn der Grujipetiverband gut arbeitet, kann uns von imserer Zentrale in Berlin die geistige mul materielle UnterstilIzimg geboten werden, die erst ein reges zionistisdics Lehen im Bezirk ermöglicht, Arbeit«• freudig beginnt daher der Vorstand seine nicht leichte Aufgabe und fordert nochmals alle Freunde zu cnergheher, opferwilliger Mitarbeit auf. Im Anschluß au die Jahresversammlung des Gruppenverbandes ״Rheinland-Westfalen“ fand am Abend eine gutbcsiichtc öffentliche Versammlung statt, Eröffnet wurde tler Abend durch einen von Herrn Jii.-.ti/rat Dr. Bmlenheimcr begründeten, einstimmig imgenoifimenen Protest gegen die Schmach, die das offizielle Rußland gegen unser Volk zu verüben versucht. - Snclami referierte Herr Wille Meyer über den XI. K< ttgrefl. — Herr Parteisekretär Rusenbäum sprach über Detailfragen, und seiü.eBlicI» ergriff Herr Kaplanski, einer der Führer der Fraktion Poalci-Zion, der als Gast anwesend war, das Wort, um seine Stellung zur Frage der Universität und ihre vorläufige Bedeutung im Vergleich zur eigentlichen