Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XVIII (1913)
- Issue
- Heft 28 (11.7.1913)
- Date
- 1913-07-11
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seile 286 JU EPISCHE RUNDSCHAU . Nr. 28 Auf die scharfen Worte, die der Verfasser weiterhin gegen die Formen unserer Propaganda richtet, wollen wir hier, wo es darauf ankain, das Erfreuliche seiner Arbeit in das rechte Licht zu rücken, nicht cingchcn, Sic bieten wenig, was nicht irn Laufe der letzten Wochen immer wieder und wieder vorgebracht wäre, ohne damit an Richtigkeit zu gewinnen. ,Achnlich wie (jeheirnrat Fuchs rechnet er uns unsere Stellung zu Sombart als Hauptverbrechen au. Wenn hier wirklich der Grund all der Feindschaft liegt, die sich in den letzten Monaten gegen uns riehtete, so können wir ruhig sagen: ״Der Kampf war unvermeidlich und wir tragen gewiß nicht die Schuld, wenn die Gegensätzlichkeit der Gesinnung sich gerade in diesem einen Fall mit besonderer Schärfe erweisen mußte.“ Die wohlgemeinten Mahnungen, mit denen der Artikel schließt, sollten sich deshalb nicht so einseitig an die Adresse der Zionisten wenden. Das Urteil der Geschichte darüber, wer an diesem Kampfe die Schuld trägt, wird gcrechter ausfallen, als die Stellungnahme, m der selbst ein so wohlmeinender Palästinafreund wie Dr. Rosen gelangen konnte. Die Einweihung der Höheren Israelitischen Schule zu Leipzig Ein seltenes und deshalb um so froheres Fest war am 25. Juni 1913 der jüdischen Einwohnerschaft Leipzigs bcschicdcn, die Weihe des Hauses der Höheren israelitischen Schule. Kurz, aber ehrenvoll ist die bisherige Geschichte dieser jungen Gründung. Es war ein erfreuliches Zeichen für das Erstarken des jüdischen Geistes in Leipzig und für das steigende jüdische Selbstvertrauen, als Rabbiner l)r. Carlebach, der mutige Vorkämpfer des gcsct/estreucn Judentums, gestützt auf den Beistand einiger treuer Freunde, unbekümmert um Zweitel, Anfechtung und Spott kleingläubiger Gegner, zu Ostern vorigen Jahres in engen Mieträumen eine hollere Schule, bestellend aus einer Realschule und einer höheren Mädchenschule, für die Leipziger jüdische Jugend ins Leben rief. Von vornherein hatte er sich ein hohes Ziel gesetzt. Im Mittelpunkt des Unterrichts sollten die jüdische Sprache und das jüdische Wissen stehen, auch in der Stundenzahl das erste aller Fächer; auf der religiösen Grundlage des gesetzestreuen Judentums sollte die Erziehung zu deutscher staatstreuer Ge• sinnung beruhen. Dieses Erziehungsprogramin in seiner bewußten Eigenart zur Verwirklichung zu bringen, war die Aufgabe des ersten arbeitsreichen Jahres. Während so Rabbiner Dr. Carlebach mit Hilfe seiner treuen Lehrerschaft an dem mühevollen Werke tätig war, die so verschiedenartig vorgcbildeten, aus dem verschiedensten Milieu herstammeiideu Kinder zu Mitgliedern eines homogenen Schulkörpers umzubildcn, entstand auf eigenem Grundstück in der Gustav-Adolf-Stralte 7 ein stattlicher Bau, der jetzt nach seiner Vollendung zu den schönsten und modernsten Schulhäusern Leipzigs zählt. Der liebenswürdigen Einladung des die besten jüdischen ',Namen der Gegenwart vereinigenden Kuratoriums und des Direktors der Schule, Rabbiner Dr. Carlebach, folgend, hatte sich am Nachmittag des 25. Juni 1913 in der prächtigen Aula des Neubaucs eine stattliche, festlich gestimmte Versammlung eingefunden. Königliche und städtische Behörden hatten ihre Vertreter entsandt, Deputierte der großen jüdischen Verbände, der jüdischen Wissenschaft und des jüdischen Lehrcrstandcs waren anwesend, auch die Führer der Leipziger Gemeinde wohnten der Feier bei. Außer den Festrednern waren an hervorragenden Persönlichkeiten noch zu bemerken Davis Tr i et sc 11- Berlin, der Verfasser des Palästinahandbiichcs, Gcmeindevorsteher David Magnus- Leipzig und Rabb. Dr. Nathan Borges - Leipzig. Ein Vortrag des Schüler-Chors, ״Brüder, reicht die Hand zum Bunde“, leitete den Aktus ein. Es folgte sodann ein eindrucksvoller Prolog, von einem Schüler deklamiert. Darauf ergriff im Namen des Kuratoriums als Vertreter des Vorsitzenden Geh. Regierungsrat Barth Rabbiner Dr. Hildesheimer- Berlin das Wort. Nachdem er dem Dank an die Staatsbehörden, an alle Freunde und Förderer herzliehen Ausdruck gegeben, richtete er seine Betrachtung auf das Wesen der neuen Schule. Ein weihevoller Augenblick war es, als nunmehr Rabbiner Dr. Carl cbach-Lübeck, der greise Vater des Direktors, im Namen der beiden konservativen Rabbinerverbände das Wort zu einer kernigen Ansprache nahm. Ein Frankfurter Schwesterinstitut, die Freie Schulvereinigung Agudath Jisroel, übermittelte ihre Glückwünsche durch Schuldirektor Prof. Dr. Lange- Frankfurt 8. M., der aufs eindringlichste den Wert der jüdischen Schule für das jüdische Leben betonte, da sie allein jüdische Persönlichkeiten schaffen könne. Daß die neue Schule ein Beispiel werden solle, an dem alle sich aufrichten könnten, die mit Ernst eine Renaissance der jüdischen Gemeinschaft und ein Erstarken lies historischen Sinnes erstrebten, daß sie zielbewnUte, treue Juden, die ״ach richtiger Erkenntnis der sächsischen Behörden beste Burger des Staates erziehen möge, diesem Wunsche verlieh namens der Zionistischen Vereinigung für Deutschland Rechtsanwalt Dr. Klee herzliehen Ausdruck und knüpfte daran die Erwartung, bald in Berlin eine ähnliche Schule erstehen zu scheu. Die Bedeutung der Leipziger Anstalt für das gesetzestreue Judentum Deutschlands hob der Vertreter des Berliner Rabbinerscminars Rabbiner Dr. Wohlg e m ut 11 hervor, ferner sprachen für das LchrerkoUegium Prof. Dr. Trattb, für den Verband Jüdischer Lehrervereine Oherkantor Frank- Leipzig und für die Vereinigung jüdischer Lehrerbünde und die Konferenz. israelitischer Lehrer im Königreich Sachsen Lehrer S o m in c r f e I d - Chemnitz. All diese hoffnungsfreudigen Wünsche der Behörden, der jüdischen Wissenschaft und der jüdischen Schulpraxis erwiderte Direktor Rabbiner Dr. Carlebach in längerer Ansprache. Ein Chorgesang aus der ״Iphigenie in Aulis“ von Gluck, ״Frciidcnklängc, Festgesäuge“, vom Schülerclior ,ausdrucksvoll vorgetragen, schloß die Feier. Es folgte .darauf eine Besichtigung der Räume, deren zweckmäßige ,Einrichtung allgemeinen Beifall erntete. Später fand im ״Krystallpalast“ ein Schauturnen der Knabenklassen ,1 bis 5 statt; dann vereinigte nochntals am Abend ein Festessen die Teilnehmer zu froher Geselligkeit, wobei noch manch treffliches Wort über die junge Schöpfung gesagt 1'wurde. Am nächsten Morgen aber begann im neuen Hause die stille, ernste Arbeit, um das zu halten, was der Tag der Weihe versprochen hat. Jacques Adler. TURneii ilSPOrt Die zweite Jüdische Ruder-Regatta am Sonntag, den 13. Juli 1913 findet, wie schon mitgetcilt, auf dem Crossiiisce statt. 111 jüdischen Kreisen bringt man ihr allgemein ein reges Interesse entgegen. Der Kunstmaler und Radierer Dr. Hermann Struck hat für die Regatta einen wertvollen Ehrenpreis gestiftet; der Ehrenpreis wird in dem Jtimoren-Renneii, in dem die Vereine die Erfolge ihrer diesjährigen Ausbildung zeigen werden, zum Anstrag kommen. Für das erste Seniorenreiincn Isat der Deutsche Kreis der Jüdischen T u r 11 e r s c 11 a f t einen silbernen Pokal als Wandcr* preis ausgesetzt. Die Regatta wird am Sonntag einen stattlichen Zuschauerkreis auf dem Crossinsec versammeln. Die Zuschauer faltreu auf dem Dampfer ״l'reya", der sie zur Regatta befördert, durch die schöne Gegend an der Oberspree, verbinden also den Besuch der Regatta mit einem der beliebtesten Nachmittagsausflüge. Der Dampfer fährt pünktlich um 12'4» Uhr von der Sehillingsbrücke (Schics. Huhnh.) ab; cs sei hier darauf aufmerksam gemacht, daß er laut Polizei- Vorschrift zur angesetzten Zeit abfaiircn muß, daß also zu spät Kommende das Recht auf Beförderung ver- Heren. Nachzügler fahren 2.40 Uhr vom Görlitzer Bahnhof mit der Vorortbahn nach Zeuthen und gehen dort um 3.30 im Restaurant ״Hankels Ablage“ an Bord. Auf dem Crossinsec steht cs den Zuschauern frei, im Restaurant ״Ziegcnltals" an Land zu gehen, um dort Kaffee zu trinken und die Regatta vom Land aus zu beobachten, oder während der Rennen auf dem Dampfer zu Weihen, der am Ziel vor Anker geht. Pünktlich um 0 Uhr tritt der Dampfer die Rückfahrt nach Niederschöitcweide an. Dort findet im Rcstaurant ״Kyffhäuser“ in einem reservierten Saale ein gemütliches Beisammensein statt, währenddessen die Preise verteilt werden. Von 11 Uhr ab sind Wagen der elektrischen Bahn nach dem Schlesischen Bahnhof reserviert. ln den Rudervereinen wird seit Wochen eifrig für die Regatta trainiert, auf dem gemeinsamen Boots- Steg des V. J. St. und der ״fvria“ in Niedc'rscliöncweide sind fast täglich Mannschaften bei angestrengter Tätigkeit zu beobachten. Die Regatta hat unter den jüdischen Ruderern eine erfreuliche sportliche Be* gcistcrung entfacht. Die Hamburger Bar Kochhaner treffen in diesen Tagen hier ein und haben auch ihr eigenes Boot hierher schaffen lassen, in dem sic das Rennen fahren werden. Es haben endgültig folgende Mannschaften gemeldet: Für das erste Scnioren-Rennen: Vom V. J. St.: Kahn, Dr. Jacobi, Lehmann, Liemann, St. L. Davidsolm; von der ״lvria“; Bader, Schrnerl, A. Hirschfehl, E. Hirschfcld, St. Heller. Für das zweite Scnioren-Rennen; Vom V. J. St.: Pütz, Dr, Orkin, W. Kretschmer, L. Davidsohn, St, Liemann; von der ״lvria": Behrend, Röhr, Perez, Hcnschel, St. Mandelbaum. Für das Junioreii-Rciincii: Vom V, J. St.: E. Davidsohn, Lcwin, E. Pimier, Dr. Knellcr, St. Pütz; von der ״Ivria“: Cohn, Goldstein, Wolff, F. Ilirsch* fehl, St. Hermann; vom Bar Kocliba-Hambtirg: Blankenfeid, Levy, Dr. Fink, Goldschmidt, Sf. Sahngcr. lhllets zur Regatta i״kl. Dampferfahrt sind im Vorverkauf zum!*reise von M. 2,-• (auch für Nachziigler) gegen Voreinsendung des Betrages (auch in Briefmarke») bei eaud. jur. Ludwig Davidsohn, Chnrlottenburg •l, Roscherstr. 5, und im Bureau der Jud. Turnersdiaft, W. 15, Bleibtreustr. 25, zu haben. Am Dampfer kosten die Billets 2,50 M. Bei den englischen Athlctikmcisterschaftcn, die alljährlich mit internationaler Besetzung ausgetragen werden und nächst den iin vierjährigen Turnus veranstalteten großen ״Olympischen Spielen" die hedeutsamstc leichtathletische Veranstaltung der Welt repräsentieren, waren zwei Juden erfolgreich, S. S. Abrahams gewann mit einem Sprunge von 6,85 in den Weitsprung und D. H. Jacobs konnte sich in der Viertclmcile bei scharfer Konkurrenz als Zweiter placieren. * Beim großen akademischen Turn• und Sportfest, das am Sonntag in Berlin zum Austrag kam, errang Carl Abraham, das Mitglied der akademischen Sportabteilung des Bar Kochba, im Stabhochsprung den zweiten Preis. Ein jüdisches Gemeindejahrbuch fm Verlage der ״Zionistischen Vereinig u 11 g für D e u t s c h 1 a n d“ wird noch rechtzeitig vor dem Kongreß ein Jüdisches Gemeinde- Jahrbuch zum erstenmal erscheinen. Die vielfachen Notstände unseres ücincinilclcbcns werden nicht eher behoben werden, als bis cs gelingt, das Interesse der breiten Masse der Mitglieder für die Angelegenheiten der Gemeinde zu gewinnen und sie über die Mangel und die Wege der Abhilfe atif/uklären. Au dieser wichtigen Arbeit fordernd milzuwirken, ist die Aufgabe des (nniciiulejalirlniches. Wer immer im öffentlichen jüdischen Lelien und insbesondere im Gemeimleleben gestanden hat, wird cs als einen Notstand empfunden haben, daß - abgesehen von verstreuten Aufsätzen in den Zeit- Schriften der verschiedenen Richtungen — zuvorlässiges Material zu diesen Fragen bisher noch nicht zusammeiigetragen ist. Inwieweit mm das mne j.lirhuch dieser Aufgabe gerecht wird, mögen einige Artikelüberscliriftcn und die Namen «ler Verfasser, die wir heratisgreifeii, belegen: Gemeinde und Schule. 'Von Dr. Ernst Kalmus, Hamburg, — Unsere Feste. Von Rabbiner Dr. Joseph, Stolp, - Wirtschaftspolitische Aufgaben der Gemeinden. Von Handelsredakteur Hans Goslar, Berlin. Die Sprache des Gebetes. Von Dr. Heinrich Loevve, Berlin. -- Die Verhältniswahl in den jüdischen Gemeinden. Von Dr. Elias Straus, München, — Ausländer und jüdische Gemeinden. Von Dr. Victor, Wandsbek. —־ Die Finanzwirtschaft der Gemeinden. Von Dr. Max Kollcnschcr, Posen. Außer seinem bellctristisehen Teil wird das Buch noch ein besonders übersichtlich geordnetes Kalendarium enthalten. Der fest gebundene Band wird bei einem Umfange von 112 Seiten nur M. I,~ kosten. Der ״Reichsverein Deutscher Juden“ Der Beschluß unserer Vertraucnsniännervcrsamm* lung, mit Rücksicht auf die Vorgänge im ״Zentralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens“ eine neue Organisation der deutschen Juden zu gründen, die bei völliger Neutralität für die Wahrung der Rechte der Juden einzutreten hat, wird nunmehr verwirklicht werden. Die Vorarbeiten zur Begründung dieser Organisation sind abgeschlossen. Die neue Vereinigung wird den Namen ״R c i c h s v e re i n deutscher Juden füllten. Mitglieder können sowohl einzelne Personen als auch jüdische Organisationen in Deutschland werden. Die Aufgaben des ״Reichsvercins“ sind Wahrung der Rechte der dcutsehen Juden, sowie Förderung gemeinsamer Arbeit auf politischem, wirtschaftlichem und kulturellem Gebiet. Erfüllt von dem Bewußtsein der geschichtlich bewährten Anhänglichkeit der deutschen Juden an ihr Vaterland soll der Rcichsverein die Mitarbeit der deutschen Juden an den positiven Aufgaben des Vaterlandes erstreben. Zu den verschiedenen Riehtungcn innerhalb des Judentums wird der Reichsverein selbstverständlich keine Stellung nehmen. In den wichtigsten deutschen Städten, in denen Juden wohnen, sind bereits Vertrauensmänner gewonnen. Die vorläufige Leitung hat Rechtsanwalt Dr. Klee in Berlin übernommen.