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Jüdische Rundschau · 1913-05-09 · Heft 19 (9.5.1913) · page 1

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XVIII (1913)
Issue
Heft 19 (9.5.1913)
Date
1913-05-09
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Jf. ) V'3 U ' u Lj Nummer 19 Berlin, den 9. Mai 1913 — 2. ijar 5673 XVIII. Jahrgang ffDer Zionismus erstrebt für das jüdische Volk die Schaffung einer &f f entllch-rechtllch gesicherten Heimstätte In Palästina•14 Baseler Programm# h 1 |1;11 Die ausserordentliche Tagung־ der Z. V. f. D. am 1. Mai 1913 in Berlin Unsere Tagung vom ersten Mai hat die Antwort erteilt auf den Angriff, den der ,,Zentralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens“ ohne jede innere Berechtigung und ohne zw in* gende Gründe gegen den Zionismus gerichtet hat. Die Resolution, die wir gefallt liabcu, hält sich fern von jeder unnötigen Schärfe und beschränkt sich darauf, Tatsachen festzustellen und die Kon- Sequenzen bekannt zu geben, die wir aus der veränderten Stellung des Zcntrulvcrcins ziehen müssen. Diese Konsequenzen sind ein Gebot unserer persönlichen Ehre und eine Notwendigkeit für das deutsche Judentum. Die einstim mige Entschließung der deutschen Zionisten ist gleichzeitig eine deutliche Aul wort auf den Versuch des Zentralvereins, zweierlei Zionismus zu konstruieren, um die Vertreter der einen Richtung gegen die der anderen auszuspielen, und unsere Gegner dürften aus diesem Vorgang die Leine ziehen, daß ein jeder Angriff, der von außen in noch so geschickter und vermeintlich taktischer Weise gegen den Zionismus gerichtet wird, eine einmütige und geschlossene Partei zur Abwehr bereit findet. Unfähigkeit verdecken wollen, auf ihrem urspriinglichcn Arbeitsgebiet etwas Positives zu erreichen. Wir werden deshalb Erfolg haben, weil unser Programm innerlich wahrhaftig ist und deshalb von weiten Kreisen, an die wir uns werden richten müssen, verstanden und geachtet wird. Man war sich während der Tagung .־»he# keinen Augenblick im unklaren darüber, daß dem Kampf, der uns aufgezwungen wurde, an unseren grollen alljüdischen Zielen gemessen, doch nur eine untergeordnete Bedeutung zukommen kann. Deshalb wurden auch bei dieser Gelegenheit mit besonderer Betonung die eigentlichen Ziele unserer nationalen Propaganda aufgczcigt und mit allem Nachdruck auf den Beschluß unseres letzten Delegiertentages verwiesen, welcher der Leitung unserer Landsmannschaft die erforderliehen Mittel zur Durchführung ihrer Aufgaben gewähren soll; und cs ist zu erwarten, daß die Delegierten, sobald sie in ihre Heimat zurückgekehrt sind, in ihren Gruppen von neuem auf die eminente Bedeutung hingewiesen haben, die der Stärkung unseres Landorganisationsfonds für unsere weitere Arbeit zukonimt. Natürlich gibt es auch bei uns Leute von schärferer Tonart und solche, deren persönliche Anlage sie mehr zum Ausgleich der bestehenden Gegensätze drängt — das ist so in jeder Partei und wird hoffentlich auch auf alle Zeit im Zionismus so bleiben — aber darin sind wir uns alle einig, daß es in Fällen, wo die Ehre und das Ansehen der Partei und des einzelnen Zionisten angegriffen wird, keinen vermittelnden Standpunkt gibt. Um dieser Meinung beredten Ausdruck zu geben, sind unsere Freunde aus allen Teilen des Reiches nach Berlin geeilt und wir sind ihnen zu Dank verpflichtet, daß sic dem Ruf unseres Zentralkomitees so willig und in so großer Anzahl Folge geleistet haben. Aber auch die Berliiier nationaljüdische Bevölkerung war sich der Tragweite unserer Tagung sehr wohl bewußt und gab durch ihr Erscheinen während der öffentliehen Tagung zu erkennen, daß sie den Beschlüssen unserer leitenden Männer rückhaltlos beipflichte. Das ist in diesem Augenblick um so wertvoller, als das Versagen des Zentralvereins allen bewußten Juden in Deutschland neue arbeitsreiche Aufgaben zuschiebt, an denen alle unsere Freunde im Lande tätigen und opferbereiten Anteil werden nehmen müssen. Die Gründung eines neuen, wahrhaft neutralen Vereins zur Wahrung unserer staatsbürgerlichen Rechte, die von der Versammlung gefordert wurde, wird binnen Kurzem in die Wege geleitet werden, und die deutscher! Zionisten werden diesem Verein ihre Mitarbeit nicht versagen. Es wird sich alsdann zeigen, daß unsere Organisation so stark, und die Arbeitsfreudigkeit eines jeden einzelnen von uns im Dienste des Judentums so groß ist, daß wir auch diesen Kampf in ganz anderer und weit erfolgreicherer Weise werden führen können, als jene, die durch ihren verzweifelten Vorstoß gegen den Zionismus ihre Bericht über die öffentliche Sitzung Dr. Hantkc eröffnet um 5 Uhr die Sitzung mit der Begrüßung der Delegierten und der Gäste, im Namen des Gescliäftsführenden Ausschusses der Zionistischen Vereinigung für Deutschland mul erteilt das Wort Herrn Dr. Klee: Meine Damen und Herren! Selten ist für mich ein Auftrag so wenig erfreulich gewesen und selten habe ich einen Auftrag so ungern übernommen wie heute dieses Referat. Es ist für jeden eine wenig erfreuliche Situation, gezwungen zu sein, unter eine bestimmte Spanne seines Lebens einen Strich zu machen. Ich ziehe einen Stricli unter eine fast 20jährige Zugehörigkeit zu einer Organisation, von der ich gern anerkenne, daß sie ihre Meriten hat, mul in der ich viele Jahre lang gern mitgearbeitet habe, Ich habe an der Wiege des Zentralvereins gestanden als junger Student, ich habe in in,in eben Versammlungen mit großer Liebe für ihn nespniclieu. Vor 20 Jahren bedeutete uns die Begi iiiultiug des Zentralvereins eine T a t. Sie war für uns in Deutschland die erste Manifestation des jüdischen Willens, sich offen und frei zum Judentum zu bekennen. Wie bedauerlich, daß gerade vom Zcntralverein der Gedanke der Einheit des deutschen Judentums preisgegeben wird! Ich habe diesen Gedanken bei den verschiedensten Gelegenheiten betont und vertreten, habe in diesem Sinne bei der Begründüng des ״Verbandes der deutschen Juden“ ge- Sprüchen, habe auch mit Rücksicht auf diesen Gedanken bei der letzten Tagung des ״Deutsch-Israclitisehen üemeindebundes" für den Frieden gewirkt. Der Zcntralverein ist ursprünglich herausgewachsen aus einer Kampfbroscliüre des verstorbenen Dr. Raphael L ö w e n f e I d ״Schutzjuden oder Staatsbiirgcr“. Siewar eine Antwort auf gewisse Vorküiiunnisse in der Berliner Gemeinde. Die Broschüre grift in unverantwortlicher Weise das orthodoxe Judentum an. Wir stimmten damals begeistert dem verewigten Hirsch!Hildesheimer zu, als er in seiner vornehmen Art bei aller Wahrung seines Standpunktes sich dahin präzisierte, daß gegenüber dem Gemeinsamen, was alle deutsche Juden verbindet, letzten Grundes bei uns zurücktreten müsse, was uns trennt. So habe ich auch noch aus ähnlichen Motive« auf unserem Breslauer Delegiertentag für Teilnahme an den Arbeiten des Zentralvereins gc* sprechen. Nun ist es anders geworden! Jahrelang haben wir mit dem, was uns an der Praxis des Zentralvereins mißfiel, zuruckgehaltcn und das Einende gegenüber dem Trennenden in den Vordergrund geschoben. Das ging, so lange auf beiden Seiten der gute Wille vorhanden war, zusammen zu arbeiten. j)icscr gute Wille ist auf seiten des Zentralvereins geschwunden. Ich richte nicht gegen bestimmte leitende Persönlichkeiten des Zentralvereins irgendwelche Vorwürfe. Ich bin überzeugt, daß z. B. eine so lautere, sittlich so hochstehende Persönliclijecit w ie Gehei in rat Fuchs außerordentlich schwer zu der Stellungnahme gedrängt worden ist, die er jetzt angenommen hat, und ich werde mich von der Ueberzcugung nicht abbringen lassen, daß hinter den Kulissen gewisse radikale Elemente geschoben haben, Leute, deren Wünsche selbst noch über die angenommene Resolution hinausgehen. Wenn man die Resolution gelesen hat, kann man zunächst zu der Ansicht kommen, daß kein Zionist austreten müsse. Denn es gibt keinen Zionisten, der «lern Phantom gleicht, das der Zcntralverein sich konstruiert und auf das er einschlägt. Wir deutschen Zionisten lieben unser deutsches Vaterland mindestens so treu, wie die luden, die Mitglieder des Zentralvereins sind. (Lebhafter Beifall.) Wir wollen die Vorwürfe der Herren nicht allzu tragisch nehmen. Wer hat sich In Deutschland nicht schon Mangel an vaterländischer ״nationaler“ Gesinnung nachsagcn lassen müssen! Ich erinnere mir an das Zentrum zur Zeit des Kulturkampfes oder der lllockpolitik. Das Schicksal der fortschrittlichen Volkspartei, zu der sich die meisten Mitglieder des!Zentralvereins bekanntlich rechnen, war es, Jahrzehnte für nicht ״national“ zu gelten. Freilich konsequent ist der Zentralverein nicht. An seine sozialistischen Mitglieder wagt er sich nicht, auch an die jüdische Orthodoxie nicht. Und die ist doch genau so ,,national“ wie wir Zionisten. Sic betet dreimal täglich für die Zukunft des jü- 1 dischen Volkes in Zion und Jerusalem, sie feiert ihre Feste als nationale Erinnerungen des jüdischen Volkes, sie bittet um Tau und Regen zu einer Zeit, in der ihn der Boden des heiligen Landes braucht, zu der aber diese Bitte bei uns hier sinnlos ist. Und doch bat der Zcntralverein sich nicht gegen die Orthodoxie gewendet. Es ist zu deutlich, cs geht lediglich um den Kampf gegen den Zionismus. Der Zcntralverein hat ein bitteres Unrecht begangen. Unsere Organisation ist an Leistungen und Opferfreudigkeit, an Idealismus und Hingebung m groß, als daß der Zcntralverein überhaupt sich hätte fortreißen lassen dürfen, über uns zu Gericht zu sitzen. Der Respekt vor der großen Idee, der wir dienen, hätte ihn daran hindern sollen. Dem Zcntralverein stellt eine Organisation gegenüber, die eine weltumspannende Idee vertritt. I)ie Idee der Erlösung des gesamten jüdischen Volkes aus physischer und seelischer Not. An diese Organisation und an diese Idee reicht der Zcntralverein mit seinen doch immerhin beschränkten Aufgaben, die er auch nicht immer mit Erfolg erfüllt, in Keiner Weise heran. (Lebhafter Beifall.) Es ist ungehörig gewesen, mit der Säge der Resolution an einen lebenden Baum sich lieranzuvvagen, in dessen Schatten vielleicht — wer kann das wissen — Enkel und Urenkel jener Verfasser der Resolution einst Schutz und Trost finden könnten. Was die Resolution zum Vorwurf macht, wird ja oft genug dem Gesamtjudentum vorgeworfen, bisher nur immer von antisemitischer Seite. Es ist außerordentlich betrübend und gefährlich, daß Juden sich diese Argumentation zu eigen machen. Diese Waffe kann sich eines Tages gegen jene kehren, die sie heute' gegen uns . . \

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