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Jüdische Rundschau · 1912-12-27 · Heft 52 (27.12.1912) · page 2

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XVII (1912)
Issue
Heft 52 (27.12.1912)
Date
1912-12-27
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Seite 51)4 JUED1SCHE RUNDSCHAU Nt• 52 oder besser: künstlich gefärbtes und li»r die schmalen IHcrarischcu Bedürfnisse eines Kritiklosen PuMikums hinreichender Ableger dieser ,Wissenschaft), arlveilen die geistigen Kräfte des jüdischen Ostens schon fast ein halbes Jahr• limitiert fieberhaft an der Erreichung des ihnen einzig würdig und eistrebensweit erscheinenden Zieles: eines selbständigen, a.if allen (iebielen der Knust originell-jüdischen Kulturlebens. Nicht als ob nicht die Krankheit der ״Wissenschaft des Jndcn.nins“, an der sieh die Westler so krampfhaft als den» einzigen lebendigen Erbteil ihrer Vergangenheit wie an einem letzten Halt fcstklnmmern, vor etwa hnmlert Jahren auch nach dem Osten eingeschleppt worden wäre und dort, wenn mit*.ו in anderen Eortnen, ihre einsehläfermle und in die schnierzlose Selhstvernichttmg hiiiüberlcilende Wirkung geübt liiitte — mit Schauder!lenkt «las Iler/an jenen kühlen, unnatürlichen, weil von der Masse des Volkes isolierten Ma-kilisuitis, der, geblendet vom Glanze eines kur/eu Aufleuchtens kosmopolitischer Ideen in Europa, alles Heil in der Aneignung einer möglichst allgemeinen, allmeuschliclicn, d. 11. europäischen Bildung erblickte und der, ähnlich wie seiner Zeit die französische Revolution den naiven Glattheit halte, dali mau üott nur durch ein energisches Dekret ahsehaffen brauche, um sieh endgültig seiner störenden mul das klare wissenschaftliche Streiten Imltenden Allgcgcnwart zu eniledigen. Alter dort hat der gesunde Volkskörper, der 1ms im Westen so gut wie fehlt, gegen dieses Ciift mul seine tmvermcidliehe Hcglcitcriu oder Nachfolgerin, die kosm.t• politische Oleichmachersauce, Gegengifte erzeugt, die in verhiiltuismiiliig kurzer Zeit die Oberhand gewannen: ich meine die Bestrebungen des kulturellen Nationalismus, die in einem heißen Ringen um die Erhaltung der bedrohten nationalen Eigenart ihren natürlichen Ausdruck fanden. So entsteht die eigentümliche mul wohl einzigartige Doppelkullur, die wir heute im galizisch-russischei! Ostjudentum mul seinen Kotouinlsiedclungen in den Großstädten der übrigen Länder, vor allem New York mul London, finden. Einerseits bildet sich das Hebräische, die mittelalterliclie Sprache des offiziellen Judentums, zu der für modernes Empfinden durchaus geeigneten Sprache einer profanen, jüdischen Nationallitcratur aus, die freilich nur in d i e Volkskreise dring(, die einer alten Tradition gemäß ihre Jugend ״jüdisch“, d. h. hebräisch erzieht. Dem Am liorozini ist diese Literatur in ihrer Ursprache uii/tigiinglieli. Das hängt »»"•!!ן etwa mit tincr Abneigung der ungebildeten Masse geg.ii das Hebräische, welches seit ,zwei Jahrtausenden als die Sprache der geistigen Aristokratie gilt, zusammen - das jiidische Volk liebt die Sprache, in der cs täglich betet —, sondern mit der ökonomischen Lin- Mauscliel, Glückauf! (Z u r u 1• g*r ü IIu 11 g des a 111 j z io 11 iא tis chc 11 Uehcinkomitees der Lilie raten.) , . . MaiisclicI sjiürl, da» es ihm jetzt endlich an den Kragen geht... Er hatte blil/s»im»ll heraus, was wir sind. Maiiselielleimle sind wir... (Ilcr/I.) Ei, ei, Herr Manschet, schönen guten Morgen! Wir können wollt ein Stück /iisanimcngclui? Ich machte mir um Sie schon etwas Sorgen! Na, um so ,chöaee ist das Wiedersehnl *- Wie gclit’s < ein Maulwurf auf der SehinderwieseV Wirft u niett heut’ ein neues Drcckloch auf? — Was macht י uw Ihre werte Speicheldrüse? — Manschet, Ol, «kauf! Ja, das bist t ri... Nicht erst seil heut’ geboren! Wir sahn Di• h überall, geliebter Mann! Schon M o s 1 nagelte die langen Ohren Dir melanelio«iscli au den Pfosten an! Ob ״VivatI“, ״Hurra!“, ״Eljcn!“ brüllt die Kehle, — Einst sperr: t Du sic vielleicht mit ״Ikinsai!“ auf! -־ Es ist die gl ich! liehe Mauschclseelc! — Mansche!, ÜL!(■kaufI Im Zirkus sah Dich schon der Makkabäer! Hübfch nackt ‘ Und innen griechisch-liberal! Doch lag den Gricchcninob das Acull’rc näher. Und dieses war Dir bitterlich fatal! ... — Wie man sich da so niedlich operierte*), — ״,ilw־l vvdst cs rccl,t authentisch auf! — Ihs da» kein Uumicszoichen mehr blamierte! . . . — Mansche!, Glückauf I ״) Makk. I, 1, 15. inögliehkeit, seine Zeit und sein ohnehin karglielies Einkommen für eine gründliche jüdische Bildung zu verwenden. Andererseits hat aber der im letzten Jalirhiiudeit in der jüdischen M isse ausiuechende I leißlumger nach fesselnder, nervs'itatispamieiider t Jiileiiiailimgslrktüie fimligc (leister auf den Gedanken gebracht, europäische Schundliteratur dem jüdischen Plebs in der ihm einzig verständlichen jüdischen; besser: jiddischen Spraehe vor/.iilcgeu. Das war <lie (ieimrlsslmule der ״jüdisch-deutschen“ Literatur, die heute zu so großem Ansehen gelangt ist. Es ist begreif־ lieh, tl.iil sieh bald Männer fanden, die um ihr durch europäische Schtimlware sittlich bedrohtes Volk ernstlich!»!•sorgt waren, und die י!• gefährliehe (irollstndlpflnu/c durch eine gediegene, bodenständige mit! wahrhaft bildende Literatur zu vrsclzcii suchten. I hui dieses gelang ihnen. Dabei ist es nicht ohne Bedeutung, daß der erste große Jargomlieliter, Mcndele Moclter Sforim, seine Jugendwei he in hebräischer Spraehe schrieb mul als reifer, einsichtsvoller Mann ju die J.ugoiiliteniliir überging, um dort epoeliemachend zu wirken. Und es ist ebenso kein Ztifall, daß der seihe Memlele als (ireis seine Jargonwerke wieder eigenhändig ins llchrüischc iiherlrug. Diese Erseheiuimg des Meherganges vom I h bräischeu zum Jiddischen und umgekehrt begegnen wir seit Memlele sehr häutig, was ein deutliches Zeichen dafür ist, daß diese beiden Kulturen stark ineinander überfluten und!las Produkt eines Geistes, einer Psyche sind. Aeiißerlich bekundet sich dies auch darin, daß die bedeutendsten hebräischen Werke der Gegenwarl fast gleichzeitig in jiddischer Sprache erseileinen, ebenso wie der Hebraist ein guter Kenner der besten Jargonlitcratur werden kann. Heiden Literaturen gemeinsam ist ihr durchaus nationales Gepräge,!las ja die gewöhnliche Erseheimmg in einer im Aufstieg begriffenen Uteralui ist, und wie es besonders bei dem stark nationalen Empfinden des heutigen Ost- Judentums nicht anders zu erwarten war. Mau würde jedoch ungerecht sein, wollte man diesen Literaturen einen allgemeinen künstlerischen Wert absprceheii mul behaupten, daß sie im rein Nationalen stecken geblieben seien. Mich dünkt, daß manche ihrer Werke überzeitlichen Charakters sind und hei ihrem Bekamitwcrdcii von den europäischen Knnstverständigen einen sehr ehrenvollen Platz, iu der Weltliteratur angewiesen bekommen. Und wenn man bedenkt, daß hier alle Kräfte zunächst noch im Wachsen und l*'!»rtschreiten begriffen sind, (lall kaum die erste Generation' der Schaffenden atisgestorbcii ist, und daß der junge Nachwuchs hinter seinen älteren Zeitgenossen kaum zurückbleibt, so sind wir gezwungen, diese ״östliche“ Kultur iiir die (legenwart und die nächste Zukuuft als d i e jüdische Kultur anztisprechen. Die Enkel waren jene Itaiidvoll Viecher, Di!• »len Pompe jus nach Judäa rief! (Sie Iiatlen damals schon »len feinen Riecher, Wenn wo iin i Untergrund ein Unheil schlief!) I ml I1aj:1־ll’!•>. .nu ll in die ei;'m u ilmlen, ll.ts hilUluu SjH׳;ci1 11.ihm man gern iu Kauf! lic •er,!11-111 (inj gehorchen uls dem Juden! Mansche!, (dückatil! Wie trieft das Maul von edelster Grimasse, Als Held J.ose phus hin zu Fehle ziehtI Nur keine Augst! Die kluge Mansche hasse Merkt noch zur Zeit, wo fctt’rer Weizen blüht! — Das Vaterland erliegt dem grimmen Rauher, Der grolk• ßlutstrom stürzt in wildem Lauf. In Rom, da grinst ein liher.iler Schreiber — Mausehel, Glückauf! Das war am Rhein der grolle Talmudhnsscr Der Doktor Reuchli n hat Dich gut gekannt! Wie floß auf ihn Dein duftend Kölnisch Wasser, Der über Deinem Volke hielt die tiaiiu! — Des l)e1Hu1zia11tenlums erles'ner Ritter3 ... Manch Pfefferkorn stolit uns im Schlunde auf! Zcrhoilit man sie, so schmeckt es schlei1nigd)itlerl — Mausehel, Glückauf! Wollt’ iu Berlin vor liumlerlfüufzig Jährchen liiii kleiner Jude Reformator sein! Den grolScn Enkeln fällt es nachts als Märchen Noch llaim mul wann hei Magendrücken ein. Die finau/iereii gerne gute Sachen Und nehmen neu im Itriuicrhlut die Tauf'! — Wie soll man ohne Geld Pogrome machen? ... — Mausehel, Glückauf! Diese vielleicht kühn erscheinende Behauptung erhält noch eine besondere Ikuiclilcuelitimg, \\!1m mau die Tatsache liiiizufügt, daß fast all»• iibrigell als selbstbewußte Juden produktiven Schrift• steiler der Diaspora nach I leihimll oder seelischer Physiognomie dem < Kljmlcntiini angeboren. Du• I■'rage, was wir westeuropäischen Juden im allgeiiu iisei! und wir deutschen Juden im besoudvien hei einer solchen Sachlage der Dinge tim sollen, und vor allem, was wir in unserer unglückseligen Vereinzelung tun k ü n n e 11, ist nicht, wie Goldslein glaubt, als rein literarische Präge isoliert von der UuterMiduiug der Betlingungen des jüdischen Lebens im (ioltis überliaupt /u behandeln, soinkni muß unserer Mei* innig nach als Teilfrage d»׳s länger bekannten und anerkannten zionistischen oder besser: Achad-lia- Autistischen Problems betrachtet werden. ״Liberales Judentum“ Zu «feil verwerflichsten Mitleln, mit den»• 1 »las liberale Jiidenimn seine n*rr-»h.1lt in den Gemeinden aufrecht /u erhalten sucht, z.ihlen die fortwähreiulen Vcisiulic, diejenigen Mitglieder, tlic nidil in Deutschland geboren sind, des Wahlrechtes zu berauben, sobald man hoffen darf, durch »hcsc ,Maßnahme tlic* Opposition zu schwächen. Diese Bestrebungen, die ebenso wenig als jüdisch gellen »Imh u wie als liberal, kennzeichnen deiitluh »he Rnt.islroplicu-dimmimg, die sich der I lerren angesichts der zunehmemieii Natiouali• sieruug der 1!c11ls«11»-11 Jmleuheil bemächtigt hat. Trauen sie skh doch jedesmal erst daun ans Lieht, wenn untrügliche Anzeichen Kunde «lavot geben, daß die Jiltcralc Mehrheit in der t»elrcffe1׳»len Gemeint!!׳ abgewirtschaftet hat. In Duisburg, wo, wie wir in der Vorwoche meldcleii, zwei unserer Freund«: in »lic Repräsentanz gewählt wurden, sind!lies!• Elemente wiederum aut Werke, und es ist vielleicht lohnend, die Wege und Schliche, auf denen mau »lorf «len Gewaltakt durch- Zufuhren siichl, au dieser Stelle einmal niedriger zu hängen. Wir kalten uns dabei au einen Aufruf, »len eine Reibe bisheriger mul m iigew.dilier Rcpiasen• tauten mul Stellvertreter »ler Gemeinde »larmiter auch »li!• beiden /»misten an ihre Wähler gerichtet haben, Es licillt dort:■ ״Die am IH. 11. M. vollzogene Repr.isfiil.mteuw.ihl eniligte mit einer Nietlerlage »ler sogenannten libelalen Paitei. Wie bei *ler vorletzten,' im Dezember lötlö vorgenommenen Wahl, so drohte auch ietzt wieder eine Reihe sieli .,liberal*' pennender Per-, sonen, deren Betätigung .011־ jüdischem (ieöict sich seit Jahren in »ler Erfüllung ihrer Su iHr/.ihlmigspflicht erschöpft, unter Hinweis auf ihre Steuerkraft, aus »ler Gemeind!• ans/ulreten. Von ״religiösen Bedenken“, «lic allein nach »lern (»setz vom 2S, Juli IS70 den Austritt aus der jüdischen Synagogen- ׳eiueinde recht fertigen, kann hei diesen Herren überi.'iiipt keine Rede sein. I >01!■h jene Drohung wollte mail die Mehrheit *ler (iememile.uigeliongeii zwingen, auf »lic (ielienihuaclmng der eigenen Ansicht bei »Ich Wahlen zu verzichten mul »lei Minderheit »las J•'cid zu räumen. Am Li. »I. M. laml im Restaurant ״Fürst Bismar»*k“ hier eine Versammln»״ stritt, die der Vorstarul der Synagogeiigemeintle mit der Tagesordnung einberufeu halle: ״Stellungnahme des Vorstandes zu der jetzt getätigten Rcprascniantenwahl••. Zu dieser Es leierte in Wien beim vollen Glas»• Der Herr von I, ö we n s t e i 11 «len Ri!»* 1,׳sratssitzt Wie lieblich roch der Pnlcnfnrisrlirittsuanc Das Zinnistcnbliit in Rroltobv/! Da lag die Siliar «ler Sterbenden uml Toten Im Rinnstein bleich mul blutbc-pru/t /u Haut'. Der Klulle-Zar riet» lächelnd sich die Püdcii. -- Mausehel, Glückauf( Das kann aiieli ״fromm“ sein! 111 »len NViijahrstagcu Durchwatschclt mit (Jebctlmeli er »lic St.ult Und halt es zärüich schonend eingeschlageu In ,,Freie Presse“ oder ״Tageblatt". Von Juden spricht er sanft uml leise immer Und hört’ s«»gar bisweilen gänzlich auf. ,,Pst! Kiiuler! l’-t! Das Mädchen kommt ins Zimmer!*4 Mausehel, Glückauf! Doch nun?? So wild?? Nicht mehr zum Stiefellecken Gibt Mauschclcheit den Saft des Mmulcliens aus?? Er braucht ihn jetzt zu idealen Zwecken. Was bracht' ihn so gewaltig ms dem Haus?: Das Volk der Juden drangt zu neuem Leben! Spritz, Mausehel, spritz den g 1 f t' g c n Speichel drauf! Ersticke jedes m ä n n | i c 11 - h o h c S t r ebc nl Mausehel, Glückauf I Berlin. C. Kaiser.

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