Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XVII (1912)
- Issue
- Heft 49 (6.12.1912)
- Date
- 1912-12-06
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Nr, 49 JUEDISCHE RUNDSCHAU Seile 475 Status quo Von Af al pi. Durch «las Ringen zwischen Balknnvölkcrii und Türkei sind die europäischen Grolhnächtc nicht schlecht genasführt worden; ihr ״Status quo“, der jahr/chute• lang ängstlich konserviert wurde, ist nicht mehr, und \yir könne״ es den Balkanstaatcn nicht venlenken, wenn sie sich über die alte Tante Europa weidlich lustig machen. Hei allem Mitgefühl für die arme Türkei, die f1־r ihre ganz unchristliche religiöse Toleranz «ms gegen• über ein besseres Schicksal verdient hätte, können wir ihren Gegnern unsere Hochachtung nicht ver* sagen. Ihr Nationalwille hat den Sieg errungen über Schlendrian und Kismet. Sie haben diesen National• willen in Taten umgesetzt und gezeigt, da» das Lehen mächtiger ist als ein Status quo, der in den Akten der Regieningskanzleicn verbrieft und versiegelt liegt. Für uns Juden sind die Balkancreignisse in mehr als einer Heziehung lehrreich. Unsere Assiniilantcn wollen ja im besten lalle auch nichts anderes als »lie Aufreehlerhaltung eines Status quo, «ler ihnen eine ungestillte Ver• dauuug verbürgt. Deshalb erscheint ihnen jede selbst• bewußte nationale Regung in der jüdischen ״'Glaubens• gcmeinschaft" als revolutionäre Störung der religiösen Ordnungen, und die Rabbineu werden als Polizeitruppe mißbraucht und müssen den Gläubigen die Note des Golus als ״gottgewollte Abhängigkeit“ rechtfertigen. Dali Israel in der Zerstreuung verharren müsse, wird als unbedingt erforderlich erklärt zur Aufrechterhai• tung der Gleichgewichtslage der Menschheit; und nun kommen die bösen Halkanvölker — pardon, die Zionisten — und bringen den schönen Hau ins Wanken. Zu Hilfe, zu Hilfe, dem Status «pio! Wir haben mit diesen so lange verachteten Haikau• Völkern überhaupt manches verwandschaftliche Schick- 6al. Auch sie litten unter allgemeinen Vorurteilen. Der Hammeldiebstahl erschien als der typische Ausdruck ihrer nationalen Ligenart, wie die Juden als ״Wucherer“ und ״Schacherer" im Volksimmde lebten. Und Operetten und Witzblätter waren unersehöpflieh in Karikaturen von Halkantypcn und — Juden, wenn es galt, die westeuropäischen Lachmuskelu zu reizen. Die nationale Empfindlichkeit der siidstavisehen Völker wurde von der öffentlichen Meinung so lauge millachtet, bis sic durch die Hravour ihrer Leistungen die Mißachtung in Hochachtung umwandelten. Wahrlich, wir Juden können von den Balkan Völkern lernen! — Nicht Kanonen und Maschinengewehre haben den Sieg der Verbündeten errungen, sondern ein ideelles Moment: die elementare Wucht nationaler Hegeisterung! Denn wohl kann eine Nation vernichtet werden vom Feind; dann hat sie zu existieren eben aufgchört. Aber wenn die Vernichtung der Nation nicht möglich war, dann kommt auch wieder ihre Stunde, sei es nach Jahrzehnten oder nach Jahrhunderten des Druckes. Und ein Neidgefühl würgt uns am Halse, wenn wir die Berichte der Kriegskorrespondenten lesen Mit Blumen geschmückt waren Flinten und Kanonen, als die Völker in den Freiheitskampf zogen. Kein Thcrsitcs war in ihrer Mitte, der schmähsüchtig über die Helden herfiel; kein Lphialtes fand sich, der /um Verräter geworden wäre. — Und mit was für Ge seilen müssen wir uns zum Teil herumschlagen! Wir führen unseren nationalen Kampf nicht mit Kriegswaffen, sondern mit den Waffen «ler Logik und des Mannesstolzes. Das Schwert schmieden wir uns zur Pflugschar und die Lanzen zu Rebmessern. Gärten und Acckcr wandeln wir nicht 741 Einöden, sondern die Einöden sollen sich zu Gärten uml Aeckern wandeln. Blut fließt allerdings auch in diesem Kampfe, — Wenn der Wächter unserer Weinberge in Ercz Israel von einer heimtückischen Flintenkuge niedergestreckt wird. Aber wir können dem Gott der Geschichte ver trauen, und auch unsere Stunde wird kommen, mag cs auch lange dauern, bis der Begriff des Status quo bei den jüdischen Großmächten am grünen Tisch niedergerungen ist. — Wie nannte doch der griechische Ministerpräsident die europäischen Großmächte? Respcktablc alte Damen! — Das offizielle Judentum, wie es auf den Kanzeln und von der Gemeindestube aus gepredigt wird, ist eine respektable alte Dame. Wenn diese Dame die Hände ringt, weil ihr böse Buben den Status quo zerschlagen, so wird sie sich dereinst genötigt sehen, dem veränderten Status in Israel Rechnung zu tragen. » AUS ALLCR W.e.LT Deutschland Die liebenswürdige Gepflogenheit, die Kanzel zur politischen Propaganda gegen den Zionismus zu mißbrauchen, bürgert sich immer mehr ein. Unsere Nürnberger Freunde sahen sicj> veranlaßt, einen derartigen Vorfall durch «len folgenden ״Protest“ im ״Fränkischen Kurier" zu brandmarken: Protest. I lerr Rabbiner Dr. Freudcnthaf hat es für richtig befunden, in seiner Samstag-Predigt vom I. heit, «len lokalen Verwaltungsbehörden derartige ältere Bestimmungen in Erinnerung zu rufen. Da iin und «len Grundsätzen der neueren Gesetzgebung widerlö. November «I. Js. die zionistische Bewegung I sprechet}, dürfte ihre Aufhellung wohl nur eine Frage anzugreifen und herabzusetzen. I'der Zeit sein. Jedenfalls sind sie auch jetzt schon für die Entwicklung «les jüdischen Kolonisationswerks in Auf «lie Angriffe seihst werden wir an anderer Stelle antworten. Wir erachten es aber als «msere Pflicht, dagegen zu protestieren, daß die Kanzel benützt wird, um Bestrehungen, die viele Gcmcindcmitgliedcr aus eitelster Ucber/.eugimg unterstützen, herabzusetzen. Wir sind «ler Ansicht, daß von der Kanzel herab wahre Religiosität, Erbauung, Belehrung und Versöhnung gepredigt wird, aber nicht die Be* kämnfiing politischer Gegner. * Wenn Herr Rabbiner l)r. Freudenthal die zionistischc Bewegung zu bekämpfen als seine Pflicht ansieht, so möge «lies in öffentlicher Aussprache geschehen, aber nicht von der Kanzel herab und nicht an einer Stelle, die eine Diskussion aus* schließt. Politik gehört nicht auf die Kanzel, «las ist eine liberale l;or1ler111tg. ■ Zionistisch«: Vereinigung für Deutschland Ortsgruppe NUrnbcrg-FUrth. Das Straßburger Organ der Pariser Allianz, das über «lie Gepflogenheiten des nolitischcn Kampfes schon seit langem recht mcrkwürtligcn Anschauungen huldigt, greift «lie Sache auf und hcliandclt sie unter der lieberschrift: ״W i c d c nt J u d e n t u in W 11 n «I e n geschlagen werden.“ Aus «len gehässigen Bemerkungen, die das Blatt dem Protest beifügt, geht hervor, «laß die Zionisten diejenigen sein sollen, die in diesem Falle ein Cltilul begangen haben. - Da hört «loch eigentlich jede Diskussion auf, und wir müssen sagen, «laß solche Anschauungen «Icnn «loch das stärkste sind, was wir unter der Flagge ,Liberales Judentum“ haben in die Welt gehen sehen. Die ״Allgemeine Zeitung des Judentums“ befaßt sich in ihrer letzten Nummer an leitender Stelle mit «lein Artikel: ״Das große Hassen", der vor einigen Wochen in «ler Halbmonatsschrift ,.Janus" erschienen ist. Mit Behagen gibt Herr Geheiiurat Geiger an der Spitze «les Artikels die Fußnote wieder, die «liese Arbeit als «las ״überaus ehrliche, offene Bekemitnis eines überzeugten Zionisten“ bezeichnet. 'Wir haben gleich nach Erscheinen des Heftes darauf hingewiescii, «lall «liese Bemerkung geeignet sei, einer irrtumlichcii Auffassung von der Tragweite dieser Auslassungen und den Gefühlen der Zionisten gegenüber ihren nichljndischcn Mitbürgern Vorschub z«1 leisten und «lall die Stellung des Verfassers in dieser Frage keineswegs als zionistisch gelten dürfe, Die Wahrhaftigkeit, die mau doch auch gegenüber dem politischen Gegner nicht außer acht lassen sollte, hätte erfordert, daß Herr Geheimrat Geiger — wenn er schon dieser Fußnote Raum gab — auch linserc Verwahrung zur Kenntnis seiner Leser brachte. Russland Der jiiilischc Dumnahgcordnctc Friedmann äußerte sich in einem Gespräch mit dem Petersburger Berichterstatter einer Warschauer jüdischen Zeitung, er werde jetzt täglich In Hunderten von Telegrammen aus der Provinz, bestürmt, zugunsten ausgewiesener jüdischer Familien in Südrußland sowie in den Dörfern «les Ansialltmgsrayons zu intervenieren. In jüngster Zeit sind allein aus den Dörfern der Gouvernements Wohlynicn, Poilolicn und Jekatcrinaslaw mehrere hundert jüdische Familien ausgewiesen worden. Die jüdischen Abgeordneten der Duma, fügte Friedmann liiu/ii, sind nicht in «ler Lage, irgend etwas für diese Unglücklichen zu tim, da ihre Vorstellungen um[ Beschwerden an zuständiger Stelle stets erfolglos bleiben. Amerika die Entwicklung «les jüdi Palästina von geringer Bedeutung und rechtfertigen in keiner Weise die Beunruhigung, die infolge des neuen Icrusalcmer Erlasses in einem Teil der jüdisehen Presse Platz, gegriffen hat. Risch«)״ L e Z i o n ist jetzt «lie Möglichkeit gegeben, einer neuen Entwicklung entgcgcnzugchcn. Die Stagnation, die hier in den letzten Jahren zu verzeichnen war, hatte ihre hauptsächlichste Ur- Sache in der Hodcuknapphcit «ler Kolonie. Dieser Tage gelangte mm der bereits vor längerer Zeit seitens der J. C. A. erworbene Boden, der an unsere Kolonie grenzt, unter «len Kolonisten zur Verteilung, lieberhaupt wurde das Verhältnis «ler Kolonisten zur J. fl. A. kontraktlich geregelt. ־ Die Bewachung unserer Kolonie wurde «ler Wäeliterorgauisation ״ll.ischouier“ überirngeii, «lie auch die hcuai'lihartcu Kolonien IU e r- Jakob lind Rcelioboth ühenfaeht. Der Waail der Kolonie befallt sich mit der Frage, wie man «lie immer mehr zunehmende Teuerung in unserer Kolonie mildern könnte. Aus Rcchobotli wird berichtet: Die erfreulicherweisc immer wachsende Zahl der jüdischen Palästinarciscmlcn, die naturgemäß auch unsere Koionien in steigendem Maße aufsuclien, hat schon seit langem (las Bedürfnis nach gut eingerichteten Hotels in den jüdischen Kolonien gezeitigt. Bis jetzt nahmen die Kolonien Sichron-Jakoh und Gcdcrah (Katra) darin eine bevor/iigte Stellung ein. In letzter Zeit hat nun der Kolonist Ch.irl.ip in Rcchoboth einen recht hübschen Bau in schöner Lage für Hutclzwccke aufführen lassen. Rcchoboth ist nämlich sowohl bei den Touristen als auch bei «len palästinensischen Städtern wegen seines gesunden Klimas und seiner intelligenten Bewohnerschaft als Sommerfrische sehr geschätzt, Es befindet sich daher dort noch ein zweites Hotel in einem gemieteten Hause, das sich ebenfalls eines sehr regen Zuspruches erfreut. Auch in NelFZionah wurde dieser Tage ein Hotel eröffnet. •l/OM*ßeZALeL״ ln einigen Wochen wird Herr Prof. Boris Schatz sich mit einer reichen Kollektion von Waren ans den Werkstätten «ler Ktinstgewerheschule Bezalel in Jerusalcin nach Amerika begehen. Dort sollen Aus- Stellungen der Bc/ald-fir/eugnisse veranstaltet werden, und cs ist zu hoffen, «laß diese Ausstellungen die Popularität des Bezalel in Amerika erheblich steigern werden. Sowohl für «len Absatz von Waren wie für die Gewinnung von Freunden und Förderern des Bezalel wird die Reise des Herrr. Prof. Schatz von großem Nutzen sein. Es wird bekannt, daß die amerikanische Regienmg nicht beabsichtigt, zum Ersatz des am I. Januar ablaufendcn Vertrages mit Rußland ein neues Ab• kommen zu treffen oder einen modus vivendi cin/u• gehen. PALACSTINA-RUMDSCHAU Kürzlich erschien ein Erlaß des neuen Gouver• ncurs von Icrtisalcm, M u h a d d i B c y, der die Frage des Bodcucrwerbs durch ausländische Juden ׳/um Gegenstände hat und die Lokalbehörden auf die einschlägigen früheren Verordnungen hinweist. Dieser Erlaß .hat in verschiedenen Blättern zu alarmierenden Nachrichten lind unzutreffenden Kommentaren An• laß gegeben, indem die Sache so dnrgcstcllt wurde, als habe die Konstantinopcler Zentralregieriing «lein Gouverneur Anweisungen erteilt, «len Juden in Paläslina den Griinderwcrb zu verbieten oder zu erO schweren. Demgegenüber können wir auf Grund authentischer Informationen versichern, «lall der frag• liehe Erlaß des Jerusalemer Gouverneurs keineswegs Der ״Bund Jüdischer Korporationen“ hat als einen Sonderdruck aus seiner Zeitschrift eine Bro ‘schüre von M. Calvary: ,,Die Aufgabe des dcut• sehen Zionismus", erscheinen lassen. Wir cmpt'eh* len diese Arbeit als ein hervorragendes Hilfsmittel bei der Propaganda in gebildeten, speziell akadcmischen Kreisen. Der Preis der 20 Seiten starken Schrift, die ihircli uns bezogen werden kann, be• trägt JO Pf. * Für die W i n t e r k a m p a g n c ist ein allzeit bewährtes Mittel die Broschüre. Hierfür empfehlen wir besonders die Sammlung ״Die Jüdische Gein c i n s c h a f t“, cingclcitct durch die Schriften: Goldstein: ״Begriff und Programm einer jüdi• sehen Nationalliteratur“; Schüler: ״Der Rassen• adcl der Juden". Die Schriften sind vom Jüdi• sehen Verlag, Berlin W 15, Sächsische Str. 8, zu beziehen. Persönliches Kurt BI u m c n f c I d , der Generalsekretär unseres Zionistischen Aktionskomitees, gibt seine Verlobung mit Frl. Jenny Flurwitz, unserer eifrigen Königs* berger Gcsinmingsgenossin, bekannt. Die Redaktion der Jüdischen Rundschau schließt sich der Reihe «ler Gratulanten mit den herzlichsten Wünschen an. Verordnungen, und cs entspricht einer von den neu• ernannten Gouverneuren vielfach geübten Gepflogen• Austen ceMeittDeN Berlin. Unter «len Zuwendungen, die dem Flilfs• verein der Deutschen Juden für die Opfer des Baiknnkrieges zugegangen sind, befindet sich eine Sa nunhing amerikanischer Juden aus New York von 20000 Mark und ein Beitrag der Jüdischen Gemeinde-Berlin von 15 000 M. Gemeinsam mit der Großloge für Deutschland U. O. B. B. hat der Fiilfsvcrein zu den bereits verwendeten 25000 Frs. zur Linderung der