Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XVII (1912)
- Issue
- Heft 43 (25.10.1912)
- Date
- 1912-10-25
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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I Nr. 43 Seite 411 JUEDISCHE RUNDSCHAU ohne die noch nie etwas Wertvolles auf llrtlcn geleistet wurden ist. — Wir wollen gewiß nicht -* wie uns der Verband c11lgcg1־nhnltcn wird — der Jugend eine Parteibrille aufset/en oder sie in einem Sinne erziehen, auf den das Niet/schesche Wort (ieltung haben könnte: ״Mau verdirbt einen Jüngling am sichersten, wenn man ilm verleitet, den Cileich• denkenden höher zu achten, als den Andersdenken• den“, aber wir wollen wcgräumcit die lahmen Kompro• misse und den faulen Frieden und die Jugend lehren, dall nicht sie für 0111 Programm, sondern das Programm für sie da sei, und dall es modifi• ziert werden imill, wenn cs sich zeigt, dall über sein Schema hinaus noch Fragen ihrer harren, an die heranzutreten sie sich stark genug fühlt. Wir wollen ihr die Notwendigkeit einer universell-jüdischen Arbeit klariuachen, keine Opportiinitätspolilik treiben, sondern die Lehren a\1s der Not der Zeit ziehen, vor der der Verband, wenn nicht gelegentlich ein* mal einer seiner Vereine in einem ״Pressereferat“ zufällig mit der Nase darauf gestoben wird, die Augen /.inuaeht und der gegenüber er in Anbetracht seines enghegrenzlen Aufgahenkreises auch versagen muil. Und wir hoffen, dall, wenn erst einmal ein ernster Anfang gemacht ist, and» ein Teil 1111• scrcr Absichten realisiert werden kann, denn — ״zu überzeugen fällt keinem Ueherzcuglen schwer!“ — Ich habe im vorstehenden der dringlichen Aufforderung des Vcrbaudsorganes, dall sich doch die zionistischen Verhaudsmitglicdcr zu dem ״Angriff“ Dr. Weinbergs ״endlich einmal“ äußern möchten, persönlich — wenn auch vor• läufig aus zwingenden Gründen in engerem Rahmen, als ich ursprünglich wünschte Genüge getan, ich habe also für meinen Teil nicht mit Luther gedacht: ״Mit Disputieren macht man sie nur 7,or* niget; und halsstarriger, denn sie sind allzu stolz und vermessen.“ Ich fürchte, ich keime schon jetzt die Argumente, die Dr. Weinberg und seinen ihm etwa noch entstehenden Assistenten, von denen, welchen die Neutralität bald schon heiliger als das von ihnen zu rettende Judentum geworden ist, ent• gegengeliallcn werden, aber ich gehe noch immer die Hoffnung nicht ganz auf, daß derartige De• batten den Verbnndsoffiziellen und Offiziösen zeigen werden, daß weder sie noch ihr System unfehlbar sind und noch lange nicht alle, die ihre Arbeit bemängeln, Querulanten und 1;111.1( i kor zu sein brauchen, daß aber auch nicht alle ihre Kritiker nun auch zugleich Gegner sein müssen, sondern daß auch sic von gleich aufrichtigem Interesse für die wahren Aufgaben des Versandes beseelt sein können wie seine Leiter. r: AUS AUCR W£IT •־ Deutschland ln der in München erscheinenden Monatsschrift ״J a n u s“ veröffentlicht I lerr Cheskcl Zwi Klötzel einen Artikel unter der Ueherschrift ״Das große Hassen“, in dem. er recht eigenartigen Anschul(• ungen über die Empfindlingen Ausdruck gibt, die der deutsche Jude dem Nicht Juden gegenüber zu hegen pflegt. Seine Ausführungen scheinen uns wyder die Verhältnisse richtig zu schildern, noch zeugen bestand durchgehend aus erprobten älteren Senioren, während im Ivriaboot auf Nr. ] ein diesjähriger Junior ruderte. Nach einem verfehlten Start gab cs 100 m weiter einen weiteren Start auf der Strecke. Nach hartem Kampfe fiel die Führung auch diesmal dem V. J. St.-Boot zu, das den Vorsprung sicher hielt und bis zum Ziel auf drei Längen vergrößerte. Unter dem Jubel ihrer Bundesbrüder gingen die V. J. St.'cr. als sichere Sieger durchs Ziel und errangen damit zuin ersten MaJe der» Wanderpreis der Zionistischen Vereinigung. Prächtiges Wetter hatte die ganze Veranstaltung' begünstigt. Eine gemeinsame Kaffeetafel, bei der der Vorsitzende der Ivria, Herr Referendar Exilier, die Preisvertcihmg vornabvn und warme Worte der Begeisterung für unseren schönen Sport fand, schloß sich an den harmonisch verlaufenen sportlichen Teil. Ein zwanglos arrangierter Tanz hielt den größten Teil der Teilnehmer noch bis gegen 7 Uhr zusammen. Im nächsten Jahre, am 6. Mai, soll die Regatta im größeren Rahmen wiederholt werden. Zu den beiden Vicrcrrcnnen dieses Jahres soll ein drittes treten, das voraussichtlich im Rennboot ausgefahren werden wird, und für das ein in Silber getriebener Pokal aus der Kunstgcwcrbcschulc Bezalel als Preis in Aussicht genommen ist. Außerdem sind Rennen im Einer und Zweier vorgesehen. An dieser Regatta werden sich die Hamburger wohl schon beteiligen können, und wir werden dazu ein größeres Publi• kum und einen weiteren Kreis einladcn mul werden hoffentlich die entsprechende Gefolgschaft finden. Diese Gefolgschaft braucht der Rudersport vor altem anderen. Wie wir die Welle brauchen, die SA|C von einer Itcsoudcrx tiefen oder gar zionistischen Auffassung des jüdischen Problems, Aus einer Fuß• nute, die der Arbeit beigegehen ist, scheint jedoch liervoivugelieii, daß die Redaktion des ״Janus“ die von Herrn Klötzel nieder,•;«:!egten Anschauungen für den Niederschlag einer besonders zionistischen (je• siiimmg' hält. Jedenfalls ist die Fußnote dazu angetan, eine derartige Ueherzengmig im unbefangenen Leser auikoiniaeii ✓.11 lassen.. Die ״Zionistische Ver• eiiiigiing für Peulsclilaml“ hat sieh daher au die Redaktion des Blattes gewandt mit dem Ersuchen, einer entsprechenden Richtigstdhiiig Raum zu gehen. * Auf dem II. Deutschen Snziologcntng, der am Anfang dieser Woche in der Berliner I laiulelshochschule tagte, gab cs eine lebhafte Auseinandersetzimg zwischen den Vertretern der Rassentlieoric und den Verfechtern der Anschauung vom überwiegenden Einfluß des Milieus auf die Entwicklung lieft Individuums, Privatdu/cnt Dr. Franz Oppenb e i m e r halle ein Referat über ״R a s s e 11 - 111 e o r e t i s c h e (i e s c h i c 111 s p 11 i l <1 s <> p |! i c“ übernommen. Er zog mit viel Temperament gegen die Grundlagen der Rassentlieoric zu Felde und geißelte vor allem die immer mehr üherl1;md1K׳hnu׳mle (iermanoinanie, die sogar bei den Inkas germanisches Erohcrcrhhit glaube konstatieren zu können. Während dieser Darlegungen fehlte es nicht r.11 Protesten aus der Versammlung, und als der Redner Chamberlains Buch ״Die ()rund läge 11 des zwanzigsten Jahrhunderts“ als ein wissenschaftlich vollständig wertloses Buch bezeichnen:, verließ ein Teil der Versammlung den Saal unter lebhaften Ausdrücken des Protestes. Vom Standpunkt der Rassentlicorctikcr gemäßigter Richtung erwiderte Prof. Werner So m hart. Er naiiutc die Leugnung aller rassemniißigeii Verschiedenheiten einen Unterd r ii e k t e 11 s t a 11 d p unkt im Gegensatz zu dem Hcrrenslanilpmikt, den Oppenheimer den Rassentlicoretikeru zuschricb. — Wir werden in unserer nächsten Nummer noch ausführlicher auf diese Diskussion, die fiir uns — nicht nur wegen der Persönlichkeit der Männer, die sie ausfoclitcri — van besonderem Interesse ist, zurückkoinjiien. Bemerkt sei noch, daß der Berichterstatter des ״Ilerlijier Tageblatts“ über die Ausführungen Sombarts nicht berichten durfte, während Oppenheimers Referat ein reichlich bemessener Raum zugeteiit wurde. Das provisorische Komitee der Aginlas ,{Israel sendet uns einen Bericht über eine zweitägige l'lciiarsitzung, der wir folgendes entnehmen: Nach Erledigung zahlreicher organisatorischer Arheilen wurde die (iründimg von drei Fonds heschlossen, von denen der eine für Thora-Zwecke und Erziehung, der zweite für Pnlästinaarbcit, der dritte für ökonomische Zwecke dienen soll. Endlich wurde ein scharfer Antrag gegen die Absicht der ״Liberalen Vereinigung“ eingebracht, Ellen zu sanktioliieren, die religiös unzulässig sind. Mit Rücksicht darauf, daß die orthodoxen Rabbinerverbände z.u diesen Beschlüssen der Liberalen Stellung, nehmen werden, wurde von einer Resolution vorläufig Abstand genommen. Von Wichtigkeit ist der Entschluß, der sich mit den ungarischen Orthodoxen beschäftigt. Die •Kattowitzcr Konferenz, halte die außerordentliche Schwierigkeit erwiesen, die der I ler.inziehiiiig der 1111• gariscltcii Gesinnungsgenossen im Wege stehen. Es wurden von dort Forderungen gestellt, die nicht in orthodoxen Gemeinden organisierten Juden ausz.u- «schließen. Nach langen, hinter den Kulissen geführten Verhandlungen, die einen greifbaren Erfolg nicht hatten, ist mau jetzt den Ungarn so weit eiltgegengekoniiiien, daß die Toleranz, die mau in der unsere Schiffe trägt, so brauchen wir die Gunst und das ideelle und materielle Interesse weiter Kreise, die mit teilnehmender Liebe unsere Bestrebungen verfolgen. Nicht ohne Grund erscheint der Deutsche Kaiser in jedem Jahre auf der Ruderregatta’ in Griiiiau. Die V. J. St'.eil sind ja in der glücklichen Lage, an dem Kreise ihrer alten Herren einen gewissen Rückhalt zu haben, die Ivria jedoch, die sicli bemüht, den rudersportlichen Ocdankcn in weitere jüdische Kreise zu tragen, steht heute noch so gut wie allein. Sic kann sich auch in der licutigen Form erhalten. Aber wo die Sonne eines frohen Mäceiiatentums lächelt, da blüht alles ganz anders als im Nebel finanzieller Sorgen. Viele Gönner mit offenen Händen lind ein Hedad der Jüdischen Ruderei! ' _ J. L. Gesetz, betreffend die israelitische Rcllgionsgcmcinschaft und Kirchcnvcrfassung der Israelitischen Religionsgemeinschaft in Württemberg. Verlag der Hofbuclidruckcrci Carl Orüninger in Stuttgart. Preis 60 Pf. und 5 Pf. Porto. Das seit dem Jahre 1S2S bestellende Israelitengesetz. hat wegen der eigenartig geordneten Verhältnisse der israelitischen Religionsgemeinschaft, die in Württemberg wie die evangelische und katholische Kirche einheitlich organisiert ist, von jeher ein hervorragendes Interesse beansprucht. Die erste und zweite von den bürgerlichen Verhältnissen und dem Schulwesen der Israeliten handelnde Abteilung dieses Ocsctzcs ist infolge der staatsbürgerlichen Gleich- Stellung der Israeliten mit den übrigen Staatsangchörigen längst aufgehoben, dagegen war die dritte Aufnahme üben wollte, sehr ernstlich verletzt ist. (Der Beschluß geht dahin, daß in Ungarn nur die Mitglieder der orthodoxen (icmeiiideu wählbar sind.) Dali ׳dies Vorgehen nicht dazu beitragen kann, der Agudn Sympathien zu erwecken, liegt auf der Hand. Die Kandidatur des Täuflings Mugdan in dem im «Sinne des preußischen Wahlrechts jüdischsten Kreise Deutschlands, gibt natürlich auch der radikalen Presse zu ״lieblosen“ Kommentaren Anlaß. Unter der Spitzmarke ״Mngtlaii der Christ“ schreibt die ״Welt am Montag“: ״Dr. Mugdan, der Albert Trägers Nachfolger im Landtage werden soll, ist öffentlich und auch im Reichstage wegen seines angeblich nicht ganz kom• plcttcn Rcligioiiswcchsels aiigeredet worden. Die Aufstellung zum Landtage gibt Anlaß, auf die An• gelegenheit zuriickziikouimcn und eine ,klci.ic Anfrage' an den Herrn Kandidaten zu richten. Die ,Wi״;er-Zeilum׳' hat vor längerer Zeit eine Stelle aus dem Briefe eines iFmials im Reichstage sitzenden Mannes veröffentlicht, die so lautet: ,Ich habe nie :mfgchörl, mich als Jude /u fühlen und werde es mich in Zukunft weiter tun, trotz meines Austritts.1 Als der Autor dieses Briefes wird allgemein Herr Dr. Mugdan hc/cichnct, der doch im Reichstage eine ,Verletzung seines christlichen Gefühls* beklagt bat. Herr Dr. Mugdan wird gewiß erfreut sein, daß wir ihm Gelegenheit geben, sich zu der Verbindung von christlichem Gefühl und jüdischem Gefühl, die ihm das Gerücht nachsagt, zu äußern.“ Auch der ״Vorwärts“ weiß recht Pikantes aus der Vergangenheit des vielseitigen Mannes aufzutisclien: ״Bis zu welchem Grad die fortschrittlichen Juden Berlins ihre Selbstentniamiung treiben können, und was andererseits diesen Mannesseelen von der Leilmig ihrer Partei geboten werden kann, davon legt die Aufstellung des Sauitätsr.ites Dr. Mugdan als Kandidat für die Abgeordneteiiwah! Zeugnis «1b. Bekaiuitlicli hat der S.mit.itsrat Dr. Mugdan die Heils- Wahrheiten der christlichen Kirche durch die Taufe ciw 1 r(1r1S111n11s|’«1rivi uic juuiMiicr ..... didaten nicht mehr opportun erscheinen ließ. Den Wissensdurstigen könnte der fortschrittliche Abgc* ordnete Dr. Eickhoff nähere Mitteilung machen. Vor uns liegt die Abschrift eines Briefes des Sanitätsrats |>r. Mugdan, worin er zugibt, erklärt zu haben, dall er hei einer Stic 11 w a h i z. w i s c h c 11 Stöcker und einem Sozialdemokraten für Stöcker eint reten wolle. Diese Fr- »klärting sei aber nicht öffentlich, sondern in Bekaimteiikreiscii abgegeben worden. . . .“ Für jeden Freisinnigen muß es jedenfalls eine Genugtuung sein, zu selten, wie wenig seine Partei im 1. Wahlkreise auf die Sympathien und die Wahlliilfe der dort ansässigen Juden angewiesen ist. Galicien Der Sohn des Wiinderrahbi von Sadagora Aron F r i cd m a 1111, der seinem Vater in der Würde nachfolgen wird, befindet sich erst im 16. Lebensjahr. /lähmen Dr. Salomon Bondy, der in Prag fast 50 Jahre laug seiner ärztlichen Praxis nachgegaiigen war, starb dort kürzlich im Alter von 78 Jahren. Er hinterließ etwa SOI) (HK) Kronen, größtenteils für jüdische Wohlfahrtsciurichtuugcii der Stadt. Darunter 80 000 Kronen für ein neues jüdisches Hospital. Interessant ist, daß das bisherige jüdische Krankenhaus stets zu 75 Prozent von Christen besetzt ist, da die Statuten auch Abteilung, das Kircbcnwcscn betreffend, noch in Gelhing geblieben. Diese als veraltet und in einzelnen Beziehungen als drückend empfundenen liest immungen machten schon «eit Jahrzehnten den Wunsch nach einer Reform rege. Nach öffentlicher Bekanntniacliiiug einer von der K. Israelitischen Oberkirchenbchördo entworfenen Kirchenverfassung sowie nach Beratungen in den beiden Ständckauimcrn haben Gesetz und Kirchciiverfassung unter Berücksichtigung der geäußerten Meinungen und Wünsche ihre jetzige Gestalt erhalten. Gesetz und Kircliciivcrfassung halten an der seitherigen Einheitlichkeit des israelitischen Kirchenwesens, verbunden mit einer wirksamen Staatsautsiclit, fest, räumen aber der israelitischen Religionsgenicinschaft in ihrer Gliederung als einzelne Kirchcngemciiidcn und in ihrer Vereinigung als Landesverband eine erheblich größere Selbständigkeit als bis* her ein. Soweit eine staatliche Mitwirkung in dent Gesetz vorgesehen ist, beruht diese auf dem einstimmig und nachdrücklich geäußerten Wunsche der Israeliten des Landes, die auf Grund der mehr als SO jährigen Erfahrungen mit dem Gesetz von 1828 hierin eine wesentliche Stärkung der Stellung der israelitischen Religionsgemeinschaft im öffentlichen Leben des Landes erblicken. Da in dem neuen Gesetz eine unter den bezeichnten Gesichtspunkten eingehende und zeitgemäße Regelung des israelitischen Kirchenwesens in einem deutschen Staat vorliegt, so wird die neue Kirchenverfassung auch weit über die Grenzen Württembergs hinaus von großer Bedeutung sein und überall auf das lebhafteste Interesse rechnen dürfen. ±