Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XVII (1912)
- Issue
- Heft 43 (25.10.1912)
- Date
- 1912-10-25
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 410 }UED1SCHE RUNDSCHAU Nr. 43 den materiellen Aussetzungen, die Dr. Weinberg an der neutralen Jugendbewegung zu machen sieh herechte glaubt? Hei der einen, der Wesentlichsten, möchte Ich ganz kurz meinen Standpunkt präzisieren. Weinberg genügt der Geist der Bewegung nicht, er sieht ׳las Uebel im Fchleu des Ideals, an dessen Stelle «:in Schlagwort getreten ist. Und da muH gesagt werde!., dal! allerdings der ideale Schwung der gegenwärtigm Bewegung die, welche mit grollen Erwartungen an ihren Aufbau mit herangegangen sind, enttäuschen muß. Das ist zum Teil Schuld der Leitung, zum Teil nur des Programms, ich habe nieninl ein Hehl daraus gemacht, dal! für mich I lerr l>r. Apfel nicht der ideale "Leiter einer großzügigen, allumfassenden Jugendbewegung ist — nicht etwa, weil Ci in politisch-jüdischen Fragen sich von mir in sein•:!• Auffassung unterscheidet, sondern weil er — ein *endant zu Messer, dem Hnnsnl>111ul-I‘iihtcr — das 11« d in dem Ztisammenbringcii einer möglichst zahlrcii ten und untereinander divergierenden Masse unter r nen Mut erblickt, ohne jemals ernstlich hedacht 1 ג haben, ob nicht die Seele und die Innigkeit der Auffassung des Judentums des eiii/elneii unter d.in oberflächlichen und auf die breite Masse zugcschaittcucn Bindemittel, mit dem mau alle Stellen bestreicht, wo Kisse klaffen, Schaden nehmen könnte, ob iiicli:: ferner die Züchtung der Ansicht, dal! eine rührselige und pathetische äußerliche Einigkeit besser sei, als ernsthafte Beschäftigung mit vitalen jiidiselten Fragen und daraus resultierende feste Stellungnähme, ein Fehler sei. Trotz alledem wird matt auch als sachlicher Gegner Herrn Dr. Apfel seine Anerkennung für seine organisatorisch und propadattdistisch durchaus nicht gering einzusehät/ende Arbeit versagen dürfen. Aber eine wirklich großzügige Auffassung der Jugendbewegung ist Herrn Dr. Apfel, der sielt auch in mancher Hinsicht etwas allzu strikte an die Intentionen der Gönner des Verbandes hält, nicht gegeben, Er läßt es ruhig dahin kommen, daß das Programm der ״Neu• tralitat" dahin interpretiert wird, daß nicht nur — wie auch durchaus wünschenswert — nach außen hin die einzelnen Vereine, wie auch der Verband als solcher nicht Partei ergreifen, sondern auch inner• halb der Vereine ein Maulkorbsysteni eingcführt wor* den ist, das auf die Dauer nur die Frlütuug jedes geistigen Lehens bringen muß. Das Programm jedoch, zu dessen Verfechter er sielt gemacht hat, und das die Kreise aufgestcllt halten, die einesteils einen heilsame« Schrecken vor der zunehmenden Taufserielle und wachsenden Zahl der Mischehen empfanden, andererseits aber auch den Zionisten einen Knüppel zwischen ijjc Beine werfen wollten, genügt — und das betone ich nicht zum ersten Male nicht, um die gesamte jüdische Jugend, um die matt wirbt, auf die Dauer atiszufülleit. Wenn ich seihst eine Zeillang in dieser Bewegung mitgearbeitet halte und ihr noch heute nominell aitgchüre, mich auch weiter für sic interessiere, so geschalt das nicht etwa aus der L'rwnrtung heraus, daß mir und meinen Freunden hier neue jüdische Werte und Impulse geschenkt werden würden, sondern aus dem!,(liehtgefüllt heraus, daß jeder Zionist besitzt oder doch besitzen sollte, wenn er eine Gelegenheit erblickt, die wenigstens die schwache Möglichkeit bietet, für n n d e re einen Mittelpunkt zu schaffen, Von dem aus das jüdische Ideal unter weite, uns nicht über- Jüdische Ruderregatta Als wir vor Jahren in meinem Heimatsorte den Versuch zur Gründung eines jüdischen Turnvereins machten, trommelte auf Geheiß des Gemeindepascltas unser Rabbiner ein gewallig Volk zusammen und explizierte, indem er die I lande gegen den lliinmet streckte, daß er sich unmöglich ein jiidi« seltes Turnen vorstellcii könne, und unser Versuch scheiterte trotz unseres Mutes an der Ucberinacht der gegnerischen Einflüsse. — Tempora nintantiir! Jetzt haben wir schon jüdisches Rudern und sogar schon eine jüdische Ruderregatta. NfHüdieh ist es erst ein Anfang. Die beiden älteren jüdischen Rtidcrvcrcinc, die kudenihteiluiig der Vereine Jüdischer Studenten und der Jüdische Ruderklub ״Ivria", beide in Berlin, hatten sich zusammengetan, tim der diesjährigen Rudersaison durch Veranstaltung einer kleinen Regatta einen offiziellen Abschluß zu gehen. Der dritte zurzeit existieteiule Ruderverein, die Uiiderahtcihuig des Jüdischen Tum- Vereins ßarkoehha in Hamburg, ist erst int Anfänge seiner Entwicklung mul konnte diesmal nur durch die 'Entsendung zweier Mitglieder das Interesse au der Sa eite bekunden. Es war schon spät in der Saison, als *man 'daran ging, den Gedanken in die Tat 111nz11sclz.cn. Es wurde beschlossen, zwei Viererrcnneit über 20(10 m, einen Seniorvierer und einen Jtiniorvierer zum Austrag zu bringen, und beide Vereine machten sieh Ahttc September an ein eifriges Training. Außer den Sonntagen standeil gewöhnlich nur die späten Abendstunden zu utiserer Verfügung, und gar •111 zugängliche Kreise der Jugend getragen werden kann. Die Mitarbeit au einer solchen Bewegung hätte für litis zu einer stolzen Freude werden können, wenn wirklich nicht nur zahleimiäßige mul mehr äußerliche Erfolge erzielt worden wären und matt einen starken Hauch jüdischen Geistes als Nach- Wirkung ihrer Arbeit in der gesamten jüdischen Jugend Deutschlands verspürt halte. Oh sie freilieh genügt hätte, uns, die wir gewohnt sind, absoltit eindeutige und mmmwuudcuc Thesen für jüdische Arbeit auf/ustellen, mm ganz atiszufülleit, möchte ich mit Fug und Recht bezweifeln, denn liehen der!Tage der jüdischen Jugend Deutschlands gibt es noch eine Jttdenlrage universeller Natur, vor der die Augen zu/tikiieifeii wir nicht Phlegma oder Uebcrlegiing genug besitzen. Jedenfalls wäre alter, wenn der Geist der Jugendbewegung stets durch und durch bewußt jüdisch gewesen wäre, die Uj!- cinigkeit int Verbände wohl nicht so groß, mul ein in jeder Hinsicht ersprießliches Zusammenarbeiten von Zionisten, Liberalen und auch den I!errett vom Schlage des IT.iiikfurter Moiitefiore-Vereins, die das aktuelle, jüdische Lehen prinzipiell aus ihren Dehatten verbannt haben, möglich gewesen. Die Dinge kamen aber nicht so; die hurcaukralisch strikte Durchführung der Prograimnsätze wirkte vielfach ertötend auf das geistige Lehen, Die Neutralität an sieh ist nun einmal nichts, wofür man sich begeistern kann, soll es aber das Judentum sein, wofür man andere begeistern will, so muß mau diesen anderen schon konzedieren, sielt hei dieser Gelegenheit auch eine selbständige Auffassung vom Judentum zu bilden und diese gelegentlich zu vertreten. Schließt man alter, wie es viele Verbaiulsvcrciite teils theoretisch mul praktisch, teils nur praktisch tun, die Diskussion über das lebendige Judentum, den Gedaukcnaiist.'iiiseh bildender und neue, ungewohnte geistige Kost verdauender junger Köpfe aus, so hat mau glücklich das Kunststück fertiggehracht, die miilisaut erweckte Begeisterung wieder aus Mangel an Nahrung allmählich absterben zu lassen. Denn nichts festigt einerseits die Ueber/.eugung mehr und trägt andererseits mehr dazu hei, Irrt inner zu beseitigen und zur gegenseitigen Toleranz und Gerechtigkeit zu erzielten, als die häufige Gelegenheit, im internen Kreise über die brennendsten Tagcsfrngcu mul über die Onnulged,׳mkei! des Judentums mit gleich intcressierten Altersgenossen zu debattieren. Bei Tolcrienuig dieser Maximen, die die Jugemlvereinc zu einer imposanten Tribüne für das Lehen der jiidiselten Jugend gemacht hätten, wäre es möglich gewesen, eine wirkliche Bewegung im wahren Sinne des Wortes zu schaffen, die vielleicht manchen Leisetreter ahgcschrcckt, dafür aber alle geistig Intcressierten Kreise der jüdischen Jugend angezogeu hätte. Mau hätte sielt keineswegs seltenen dürfen, an alle Kreise, die am höchsten aufgestiegeiten nicht ausgenommen, lieranziilreten und ihnen zu erklären: ״Hier sind die verschiedensten Parteien und Hielttungen beisammen, manches trennt uns unteremander, uns alle aber einigt der starke Wille zur Erhaltung des JudentumsF* Und mau hätte denen, die ztnn Taufbecken eilen und die Vermischung propa* gieren, immer wieder um! wieder den Eehdeliand* schult in einer Weise vor die Füße werfen, sie zur öffentlichen Diskussion lieratisforderit sollen, der sie nicht hätten entrinnen können. Wie schwächlich und manchesmal sah die zackige Lima auf unsere harte Kudcrarhcil herab. Für den Scniorviercr hatte die ״Zionistische Ver* ciiiigting für Deutschtum!'‘ gemäß ihrem Programm, die jüdische Tuntmul Sportbewegung eifrigst zu fördern, einen schönen Be/.alelteller als Wanderpreis gesiifiet. Für die Junioren haßen die beiden Ruder• vereine ans sieh heraus gleichfalls einen Wunderpreis gestiftet. Beide Preise sollen nach dreimaligem Siege, gleichgültig, oh hintereinander oder nicht, in den dauernden Besitz, des betreffenden Vereins übergelten. י Der 20. Oktober kam heran. Trotzdem wir der Veranstaltung einen ziemlich internen Charakter gegelten halten und /. B, von Einladungen und Veröffcutlichiiugcii, außer einer kurzen Notiz in der ,,Jüdischen Rundschau", altgesehen hatten, konnten wir mit Freude festslelleu, «laß eilt zahlreiches Publikirnt den Weg nach Nicdcrschüucwcidc nicht gescheut hatte, um mt unseren sportlichen Kämpfen Anteil zu nehmen. Gegen 200 Menschen standen auf der Terrasse unseres Bootshauses, während etwa 'jO im begleitenden Motorboote Platz genommen hallen. Pünktlich um 3 Uhr fuhren die Junioren zum Start, 2 km flußabwärts,, gegenüber dem Restaurant ״Ncplmislieim", und stellten sielt als erste dem Starter. Beide Boote kamen flott vom Start. Im heftigen Kampf um die Führung gelang es dem y. J. Stern itt einer gewaltigen Wasserwolke die Spitze zu nehmen und den Abstand hei 1200 nt bis auf etwa 3 Längen zu vergrößern, liier zog ihr Schlagmann den traditionellen Juuiorkrchs und' er• zahm ist in Wirklichkeit das Auftreten des Ver- |),•indes bisher nach außen gewesen. Man hätte vor allem Lehen und Kampf, Kampf nicht untereinander, sondern gegen alle Feinde des Judentiims, predigen sollen, weniger sielt darauf heschränken sollen, ängstlich das kostbare Porzellangehiltle der unentwegten Neutralität zu hüten, sottdem es auch den extremsten Parteien int positiven Judentum ermöglichen sollen, ohne Verleugnung ihrer selbst und ihrer Ideale, ohne Scheuklappen vor dem Munde lind mit Ellbogcnfreiiicit freudig an der Arbeit nach innen und außen initzuschaflen. Aber man er* zieht auf die Dauer höchstwahrscheinlich im Verbände keine Streiter, keine KainpfiiaUircit, sondern Duckmäuser, die in der Parität das Heil sehen und sielt in selbstgefälliger Freude an ihren zahlenmäßigen Erfolgen berauschen. ־ Nicht die Ziffern aber soll man prüfen, sondern den Geist; wohl vermag das geschickt aufgebaute und mit tönenden Worten geschmückte Programm noch heule vielleicht n:uc I hinderte junger Juden aitzulocketi und gegebenenfalls auch eine Zcitlang zu halten; diejenigen alter, die, dem fremden Einfluß im hastenden Lehen draußen fast erliegend, nach einem Gleichgewicht suchen, um nicht wankend zu werden im Judentum, diejenigen also, denen in erster Linie die Wohltat einer tatkräftigen und darum zukunftssichcrcn Jugendhewe* gütig zugesichert war, werden die auf ilre Reellmmg kommen, werden •die ans der Jugendhewegütig im jetzigen Stadium das mit nach I lause nehmen können, was sie brauchen, tim nicht den inneren Halt ganz zu verlieren? Ich glaube cs kaum, denn den Scltärferblickemleu unter ihnen mtiß der starke Aiiklang au Spießbürgerlichkeit, die Angst vor allen ,,Extremen", die aufdringliche Verwässerung der dnrgereicliten geistigen Kost mit falsch angewandten! Patriotismus und schaler Alltäglichkeit unangenehm auffallen. In nichts ist die Jugendhewegütig über das Maß der Schablone hinausgewachsen, in nichts überragt sie analoge Gebilde anderer Religioiten, und doch ist die heutige Zeit so;uigefüllt von gewaltig großen Gedanken, so schwanger mit idealem Hochgefühl, daß auch für den Jtigendvcrhand, der sein Heil im Mittelmäßigen sucht, noch etwas .׳!!>• fallen könnte, wenn er nur die Furcht vor einer teilweise« Durchlüelicning der sclhslcrricldctcn papicriicii Mauer ahstreifeu könnte, die ihm das lu lle Tageslicht feruhält. Mau kamt es uns Ziottisleu da• her wirklich nicht verdenken, wenn wir, die \> 1r in der Erwartung, daß doch vielleicht mit der Zeit noch nianelics besser werden kann, noch zum Teil in der Jugc!1d״־Bewcg1mg" mitarheitcu mul weiter mitarbeiten werden, von Zeit zu Zeit einmal uns dagegen ntifleltnen, daß eine Organisation, die unter vielversprechenden Auspizien gegründet wurde, ihr Seltifileitt so völlig ins Fahrwasser der Gleich• niachcrci und der Mittelmäßigkeit steuern ließ. Und tu,111׳ kann cs uns nicht verdenken, wenn wir ans dieser etwas stockigen Atmosphäre Erholung suchen in dem Gedanken, daß über kurz oder laug doch einmal eine großzügige zionistische Jugendorganisation ge• schaffen werden muß, die — durchaus nicht in Gegnerschaft zum Verband «las iiaeli/uhnleu ver• stielten wird, was er an der Jugend verabsäumt hat: sie mit pulsierendem jüdischen Lehen zu erfüllen und ihr die prickelnde Unruhe und die Sehnsucht nach etwas Großem lind Erhabenem ins Blut zu impfen, zeugte dadurch die übliche Konfusion in seiner Mannsehaft*). Audi im Ivriahoot wurde gleich darauf dieser Tradition, und zwar durch den Mann auf Nr. 3, Rechnung getragen. Nach diesen Zwischenfällen gelang es der technisch überlegenen Ivriainauiiseliaft im zähen Kampfe das verlorene leiiain wieder gutzum,ulten 11ml die I tiliruiig au sielt zu reißen. Kurz vor dein Ziel war bereits klares Wasser zwischen den Booten, als die V. J. St.-Maimsehatt sich noch einmal zu einem mächtigen Endspurt ztisamuienraffte. Schlag auf Schlag verringert sich der Vorsprung von Ivria, Dicht aufcmnmlvr taufen die Boote durchs Ziel. Eine nnbeschreihliche Aufregung hat sieh des Publikums beniächligt. Alles stürzt herunter zum Zielrichler: Ivria siegt mit 30 ent Vorsprung. Ein schöner Eiidkauipf, der an Spannung kaum einem der Kämpfe der großen Regatten uaehsteht. Ivria war der Sieg wohl zu gönnen. Ihre Junioren waren tecluiielt unbedingt weiter, ihre Arbeit war ausgeglichener als die der V. J.St’.en, die allerdings über die größere Kraft im Anriß und über die größere Ausdauer verfügten. Alles in allem ein schönes Reimen, hei dem vor allem das Publikum auf seine Kosten kam, Leitier hinkte das etwas hrustsehwa :Ite Motorboot hinterher, und seine Insassen zttgen es vor, tlas /.weite Reimen am Ziel zu erwarten. Voller Spannung sah mau auf den Kampf der Senioren, liier gingen die V. J. St'.en unzweifelhaft mit größeren Chancen ins Rennen. Ihre Mannschaft ) Amu, der Red. Krebse ziehen oder krebsen nennt der Ruderer einen technischen Fehler, bei dem der betreffende Ruderer zu tief Wasser greift und die Gewalt über seinen Riemen verliert.