Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XVII (1912)
- Issue
- Heft 33 (16.8.1912)
- Date
- 1912-08-16
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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GrMliHtiiliinitrM: 9 ■1 und (—7 Uhr! 11ul>1 Snnn.brml uml SnnnUy Rtdokllon jUill.rhc Runduhil ן IIIKI.IN W.15, Slrh.Urbr Slratt. ». ן Ttl.|>l1un1 Amt UMtnH (WS. ן S[1(ech«luml״ ״״ml D׳>nnrr,tlf | 5b Uhr «■ilmiiM.^1. XVII, Jalngaiig Ausweis Schekel! Nürnberg 30,Porz 1,—, Berlin •1,—, ״K:nJimah“*ßcrlin 5,-, Wesel 3,—, Kattowitz 1,״■ Mark. Londesorganihatlonibeitrüge; 1. U r t 8 g r 11 [> p e 11: Giiesen 20,־•*, Königsberg 3,־•, Wesel 1,— Mark. 2. li i n 1. e 1 p e r s o n e n: Dr. Mai-Zerkow 5,—, Dr. H. Hoppe-Königsberg 5,—, Otto Colin 10, -, W. K. 5,—, Dr. K. Wolfskchl-Münchcn 20,—, L, Roseitblatt-Rcgcnsbtirg 5,—, A. Natzler-Regensburg 5, , Rechtsanwalt Dr. HiUse-Bun/lau 10,—, Gideon fochaiiaan Heymniin-Beilin 5,— Mark. 3. V c r s c 11 i c (1 e 11 e $ p e n d e n: Kattowitz 3,55 Mark. Eingang vom 8.—14. August 1912: Schekel: 4 J. -, L .־! n a e s o r g a n i s a t i o n s b e i t r ii g e: 07,55 Mark. Gesum teingang: Schekel: 5308, L n n 11 e s - o r g a n i 8 a t i o 11 s 0 e i t r ii g e: 15 033,03 Mark. Adresse für Geldsendungen: Zionistische Vereinigung für Deutschland, Berlin W. 15, Siiclisisclie Strati« 8. Postscheckkonto: Berlin 8091, Bank, kontot A. H. Hcymann & Co., Berlin, Unter den Linden 59. Kulturkonflikt Offene Aussprache hat schon manches leidige Verhältnis gebessert, manche Gegensätze gemildert und ein friedliches Nebeneinander er• möglich׳, wo inan früher glaubte, in jedem Falle und unter allen Umständen gegeneinander wirken zu müssen. Ferdinand Avenarius, der Her• ausgehet־ des ״Kunstwart“, hat den Wunsch, das Prinzip der Aussprache auch auf jenes Gebiet anatwenden, auf dem nach So in hart das ״gröflte Problem der Menschheit“ beruht: auf die Judenfrage. Genauer gesagt: auf die kulturelle JuJcnfragc. Vor einigen Monaten war die Aussprache in den Spalten des ״Kunstwart“ bekanntlich durch «inen Aufsatz Moritz Goldsteins, betitelt: ״Deutsch •jüdischer Parnaß“, eröffnet worden. Der Aufforderung des Herausgebers, die Erörtcrungen fortzuspinneii, folgten etwa neunzig Autoren, unter denen sich bezeichnenderweise nur sechs Nichtjuden befanden. Aus diesem Wust von Einsendungen hat Avenarius nun «ine Auswahl getroffen, von der er sagt, er sei sich bewußt, ״absichtlich keinen von jüdischer Seite rnitgctciltcn Gedanken unterdrückt zu haben, der sc'ncr Einsicht nach wesentlich oder charakteristisch war“. Und so kommen denn wohl auch die Vertreter aller irgendwie wesentlichen Anschauunüber die deutsch-jüdische Kulturfrage zu Worte, Auf jüdischer Seite die Vertreter der mehr oder minder konsequenten Assimilation und des bewußten Judentums, bei den Nichtjuden, meist Leute, die durchaus deutschnational empfinden, aber den Antisemitismus weit von sich weisen, und andererseits ein ausgesprochener Antisemit, dessen Judophobic ihn das jüdische Gespenst in allen Ecken in hundertfacher Verfffölkrung erkennen läßt*). Daß eine solche Diskussion — die sich von ״er seichten und wichtigtuerischen Art der so beliebten Rundfragen über das Judentum himmeiweit unterscheidet — nicht auf das Blatt beschrankt bleiben konnte, in dem sic angcschnit* len worden war, ist verständlich. Ebenso selbstverständlich ist es, nach Sombarts Erfahrun* *) Wir empfehlen dringend, die Acuflcrungen dort wchzulc8cn, •wo sic erschienen sind. ״Der 210 nlsmua erntrebt für das jUcllncIio Volk cllo Cchaffun׳? einer off ent« llch-rcebülcb jjo-Icbcrtea SXc!>&&tlittQ tu Palöotlxm«** Dncelcr Progrnmm« gen, daß die sogenannte Judenpresse sich wieder einmal in allen Tonarten darüber ausgeschwiegen hat. Denn das ist ja eben die Politik der ״Verschleienmg“, die so lange Jahre hindurch von Juden und liberalen Nichtjudeii zum Schaden beider betrieben wurde und gegen die sich Avenari us in seiner eigenen Aeußcrung zu dem Thema auf lehnt. Lange wird's nicht dauern, und er wird von diesen Leuten - trotz seiner ausdrücklichen Ver• wallt 1111g zum Antisemiten gestempelt und in seiner literarischen und wissenschaftlichen Be* deulutig herabgesetzt werden. Dieses Vorgehen dürfte allerdings noch blamahlcr ausfalien und noch mehr auch den Schein des Rechts entbehren, als in Sombarts Fall. •Denn Avenarius wägt vorsichtig seine Worte, zügelt sein Temperament und gibt sich keine Blöße. Er enthält sieh jedes Werturteils, und verzichtet darauf, vlie Schuldirage irgendwie in die Erörterung hiiicin/uziehcu. Er rechnet mit den gegebenen Verhältnissen, und diese Verhälttiisse scheinen ihm sich zu einer Krise, zu einem ״Kiilturkraeh“ zuziispitzcii. Er hat den Glauben, daß :»ich einer derartigen Katastrophe durch eine Aussprache ״wie sic erwachsener und vernüuftiger Männer würdig ist“, Vorbeugen lasse. ״Wir wissen, daß es Arbeiten gibt,“ sagt Avenarius, ״für welche die Juden besser befähigt sind, denn wir, und glauben, daß wir für andere besser befähigt sind, denn sie, wir hoffen, daß bei ernstem Willen beiderseits ein freundliches Nebeneiuanderwirken möglich wäre, aber wir sind überzeugt, daß dies auf die jetzige Weise nicht lange mehr geht.“ Letzten Endes erscheint Ihm als Aufgabe: ״die Arbeit von Juden und Nichtjndcn derart zu organisieren, daß beide ihre, der mciischliehen Gemeinschaft nützlichen Vorzüge höchstmöglich entwickeln können, während sic sidi gegenseitig mindcstmöglich hemmen.“ Avenarius hat vor jüdischer Art, wo sie sich gibt, wie sie ist, jene Achtung, die der wirklich national Empfindende dem nationalen Besitzstand eiiies anderen Volkes immer entgegenbringen wird. ,,Den Wert eines rassigen, sich selbst bewußten Judentums gering zu schätzen, das schiene mir nach all den Werten, die es gcbildet hat, eine •nahezu erstaunliche Dummheit. Wir achten den Zionismus durchaus, sind aber fern davon, den Juden, die ihr Volkstum pflegen wollen, deshalb ihr Wohnrecht in Deutschland oder ihre Zugehörigkeit zum deutschen Volk im politischen Begriff abzustreiten. Die Bereicherungen der Gesaintkultur durch jüdisches Wesen können nur um so besser wirken, je rassiger, je natürlicher sie sind,“ Pie Herren Geiger und Konsorten werden Mühe haben, Avenarius zu überzeugen, daß sie als berufene Hüter des Deutschtums es besser wissen müßten. Avenarius׳ ,Grundforderung, daß die ״Sprechsale“ erst einmal geöffnet werden sollen, ist von jüdischer Seite schon einmal erhoben worden. Theodor Herz! hat die öffentliche Dis- Mission der Judenfrage in allen ihren Teilen immer wieder verlangt, und wir Zionisten haben sie stets angestrebt, weil wir wußten, daß das Judentum bei solcher Aussprache nur gewinnen konnte. Die Verweigerung dieser Sprechpliitzc, war das stärkste Mittel, durch das das Adsimilationsjudemum glaubt, uns bekämpfen zu können. Wieviel dadurch für ein gedeihliches Zusammenleben von Juden und Christen gcwonneu werden könnte, zeigt der erste aufrielitige Versuch im ״Knnstwart“, dem wir Dank schulden für die vornehme und taktvolle Art, in der er sein Vorhaben durchgeführt hat. Das selbstbewußte Judentum und der Zionismus haben bei diesen Erörterungen nicht schlecht abgeschiiiUen. Wir glauben aber auch, daß Mo* ritz (10 111 s t e i 11, mit der Art, wie er unseren Standpunkt vertreten hat, dem Ansehen unserer ganzen Gemeinschaft gedient hat. Von dieser Plattform aus führen wir den Kampf gegen den Antisemitismus. Wo cs gilt, für unsere verfassuugsmäßigen Rechte ein/.utreteii, da werden wir uns den Vertretern aller Auffassungen im Judentum als treue Waffcugefährten zugesellen. Wo es sich aber darum handelt, die Kulturkreise zwischen Judentum und Deutschtum abzugren* zen, da werden wir wohl auf lange hinaus — hei verständigen Nichtjndcn mehr Verständnis und Achtung finden, als bei denen, die unseres Blutes sind und sich nach unserer wohlhcgründcteil Ueberzeugung auf dem falschen Wege be• finden. Die Aussichten des Angola-Projektes Die Verhandlungen zwischen der ״Ito" und der portugiesischen Regierung über den Plan einer jüdiselteii Ansicdlung in Süd-Angola sind, wie der Frankfurter Zeitung" berichtet wird, nach dem vorläufigen Scheitern nunmehr wieder aufgcnoimnen worden. Wie die portugiesischen Zeitungen berichten, wird mit dem am 7. August aus Lissabon abfalirciulcn Dampfer, der alle Zwischenstationen an der portugiesiscltcn Westküste besticht, sich eine jüdische K0111mission nach Süd-Angola begeben, um dort an Ort und Stelle die Ländereien zu besichtigen, die für diese Kolonisation ins Auge gefaßt sind. Da dieser langsame Zwiscliemlainpfer gewählt wird, und nicht der am 1. jedes Monats aus Lissabon abfalirende Schnelldampfer, der nur in den größten i täten anlegt, so scheint daraus liervorziigelien, daß kein Aufcnthalt in Luanda, dem Sitze des Gencr.ilgouveriicurs von Angola, geplant ist, sondern daß direkt vielleicht nach Mussatnedes gefahren werden soll, wo die Schnelldampfer nicht anlegcii. ln Süd-Angola steigt nach einer schmalen Küstcn/onc das Gelände sofort scharf in die Höhe: dort, in dem Höhenklima, ist die Ansicdlung geplant, etwa 200 Kilometer von der Küste und etwa 350 bis •100 Kilometer nördlich von der deutsch-portugiesischen Grenze, jedoch steht noch nicht fest, ob im Hinterlande von Atossamedcs oder im Hinterlande von Bcngnclla; zunächst war das letztere geplant. In Portugal steht man dieser Kolonisation mit sch,• geteilten Meinungen gegenüber. In der Presse wird besonders ein ״Das Hochland von Judäa" überscltrk'heuer Leitartikel in der großen Lissaboner Zeitung ״Piario de Notieias“ vom 29. Juli sehr bcachtet, in dem u. a. ausgeführt wird, daß aus einer solchen ausgedehnten Niederlassung bedeutender jüdischer Massen auf den Hochländern von Süd-Angola für, Portugal Verwickelungen und Gefahren entstehen können, die man wohl überlegen müsse. Der Ver* fasse? des Artikels schreibt, daß ihn keinerlei Aniniositat gegen die Juden beherrsche, keinerlei Haß, Ab* neigung oder auch nur ein Schatten schlechter Laune