Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XVII (1912)
- Issue
- Heft 20 (17.5.1912)
- Date
- 1912-05-17
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 20 J U EDI SCH E RUNDSCHAU Seite 175 Zahl er mit 35 000 migibt, ״von denen ״Hein die größere Hälfte auf Jerusalem entfallt“. Kaum bei dem Judenthema angclaiigt, fängt der Autor an zu stolpern. Das geht aber so vielen ah״• lieh, daß cs langst verfehlt wäre, aus unrichtigen Angaben oder Ansichten über die Juden die all ge• m eine Zuverlässigkeit oder Glaubwürdigkeit eines Autors in Zweifel zu ziehen. Sonst würden auch gar zu Wenige ernsthafter Kritik slandlialleu können, denn auf ]׳hinderte im übrigen urteilsfähiger Leute kommt kaum einer, der die schwierig* ״Jiideuprobe“ zu bestehen vermöchte. Schon Lnrelis Zahlen, sind so falsch, dall sie tendenziös scheinen können, Wer der Verbreitung der deutschen Sprache‘hu sorgfältig nachgeht, tlali er die 12 Arahcrkiudcr einer deutschen Dorfschule in Galiläa vermerkt, der sollte uns nicht die Zahl der deutsch• (resp. jüdischdeutsch) redenden Juden um volle *10000 verkürzen und sollte auch nicht mit Stillschweigen an den 10 jüdischen Dörfern mit ihren 10 000 Einwohnern gleicher Sprache vorübergehen. ln Wirklichkeit stehen den Lorchschen 2100 ״Kerndeutschen“ und H00 dcutschredenden Eiligeborenen nicht weniger als 75 000 Juden gegenüber (wovon an 45 000 in Jerusalem), die dem Vcrbreitmigsgcbiet der deutschen Sprache ziizurcdmeu sind. Schlimmer aber als die falschen Ziffern sind die Behauptungen Lorchs über die D e u t s c 11 f e i 1111 ־ 1 i c h k e i t des Zionismus, ״der mit Erfolg hemüht ist, die hebräische Sprache zur Sprache des ji'1dischen Volkes zu machen“. I Heran knüpfen sich weitere Bemerkungen, die sich gegen die zionistischen Bestrebungen ״im Interesse des Deutschtums“ wenden, und die e.u noch falscheres Bild gehen, als die gerügten Ziffern. Es stimmt nämlich das genaue Gegenteil dessen, was Lorch glauben machen möchte. Vor den modernen Palästina-Bestrebungen, deren ausgesprocheiiste Form der Zionismus ist, war unter den Juden Palästinas das Französische die äugestrebte Weltsprache, und erst seit der neuen Ein- Wanderung wird von jüdischer Seite planmiillig die Beibehaltung und Pflege der d c 1118 c 11 e 11 Sprache betrieben. Seit dem Beginn der zionistischen Tätigkeit im Lande ist auch die deutsche Ein fuhr nach Palästina so rapid gestiegen usw. usw. Von vielen wird cs direkt schon als für die jüdischen Bestrebungen in Palästina bedenklich empfunden, dall sie allzu deutsch soneinen. Deutsche Sprache, Mandel mit Deutschland, die /.ioindische Zentrale in der deutschen Keiehsliauptsladt ך —, alles das sicht wahrlich nicht nach einer Ci c ( ä h r d u 11 g des Deutschtums durch den Zionisnuis in Palästina aus. Freilich stellt Lorch hier die Bestrebungen nach Rückkehr zur hebräischen Sprache als die Gefahr für die deutschen Interessen hin. Aber auch das mit Unrecht. Demi die hebräischen Bestiebilligen wenden sich nicht gegen die Deutschsprachigkeit, sondern gegen die ״ S e e h s z e 1111 s p r a c h i g k e i t “ , der man (tatsächlich!) in den Kindergärten wie in den Kolonien begegnet, und die ein unmöglicher Zustand ist. Im höheren Sinne aber wendet sich ״das Hebräische“ überhaupt nicht gt gen etwas, sondern cs will sein, mul ist ein Bestandteil des neuerwacliendcn eigenen nationalen Lebens des Juden. Andererseits ist das Hebräische nicht, und anekdotenhafte Zeit und eine cpigoiiistiscli-miwesenhalte Sphäre wahre Echtheit in ihrem Sinuc als echt auslcgtc. Diese Auslegung war Schnitzlers Glück. Denn sonst wäre er, der Sieghafte, vielleicht vernichtet worden, wie so vieles echtes Schöpferische von dieser Entwicklungs-Zeit und . ihren Handlangern zerbröckelt und zerstäubt wurde. Allerdings — seine ureigene Art stammt aus jener Sphäre, wenigstens Ihrem Wesen nach. Schnitzler ist ein Kind dieser im ungeberdigen Chaos «ach der groben Kultur- Harmonie ringenden Zeit der letzten Jahrzehnte, deren wogendes Geistcswechsclspicl die Menschen mul ihre Ziele in eine Art Rausch der steten Wandlung ver* setzt, aber zugleich als Gegenspiel die Trübheit des s 11 c 11 c n d c n Wechsels und der gesuchte 11 R u 11 c in sich schließt, 111 dieser gärenden, stetig zer* störenden und hastig neu bauenden Sphäre wurde ein Mangel des heutigen Judentums zu einem guten Heller ain Werk: der Mangel nämlich, der allen mul allein anhaftet, das nicht den Rückhalt am Dinglichen hat; cs ist das Fehlen der Distanz zu den Dingen und das ipinlilative Mal) an ihrer dauernden, mich im Wandel dauernden Griimlwescnheit. Der Jude, welcher in einer neuen Kultur aufgeiiominen werden wollte und nur in sie ciutrctcn konnte, um den Preis seiner eigenen Kultur, dem fehlte eben — da schon die eigene Kultur durch sechzig Generationen eine Relation geworden war — jetzt erst recht das dingliche Maß. Und in dieser •Zeit der steten Neuänderung konnte er mithin, weil er unbewill nicht sein eine W e 11 s p r n c 11 c neben dem Douisclicn, Englischen und Französischen. Da aber die Juden -• auch in Palästina, das durch die Vorkchrseiitwicklung mehr oder minder wieder zum Mittclpunkt der ganzen alten Welt wird —• auf eine W e 11 s p r a c 11 c angewiesen sind, so wird das Deutsche mit der ztmchincmlen Einwanderung hier von Jahr z.u Jahr besser Fuß fassen. Es kann also gerade im Interesse des D e u t s c h t u in s wahrhaftig nichts Dümmeres ausgedacht werden, als Fritze Lorchs Kampf gegen Juden mul jüdische Bestrebungen in Palästina, »len er heilt e mit dies e 11 mul vor einiger Zeit mit alliieren nachgewiesenermaßen falschen mul irreführenden Angaben und Behauptungen propagierte, as AUS ÄLL6R WaT ZJeutficJifan d ״Die Israelitische Wochenschrift" in Gebweilcr hat sich neuerdings hohe Ziele gesetzt. Sic glaubt ihrer neuen äußeren Form auch einen besonderen Gehalt geben zu sollen. Da kommt ihr der Streit in der Allianz, gerade gelegen, und sie ist — obwohl sie es ahlehnt, als deutsches Organ der Pa* riser Allianz, zu gelten — Woche für Woche mit niedlichen Sensationen aus ״zuverlässigster Quelle“ versehen. Da hat sie denn jüngst auch den Zionisums in recht ungeschickter Weise in den Kreis ihrer hochpolitischen Erörterungen gezogen: Herr La zarus, der derzeitige Geschäftsführer des deutschen Laudcskoinitces der A. I. U. — der n. b. niem a 1 s Zionist gewesen ist hat lange b e v o r er in einem irgendwie gearteten Anstclluugs- Verhältnis zur Allianz stand, als Mitglied der Organisation an Herrn Gclicimrat Landau einen Privntbrief gerichtet, der — wer weiß auf welchem Wege_— der Redaktion in Gehweiler in die Hände geraten ist. Herr Lazarus entwickelte darin den Plan der Umwandlung der D. C. G, in eine kulturelle und wirtschaftliche Organisation des deutschen Judcntuius. Seinen Vorschlag motiviert er u. a. mit folgendem Satz: . Sie alle bilden ein jüdisches Proletariat, dessen Ideal ein zionistisch-jüdischer Staat ist, ein jüdisches Gemeinwesen außerhalb Deutschlands und außerhalb Europas, leb sollte meinen, daß es keiner Abwanderung bedarf, und daß sich in Deutsch* I a n d selbst das erreichen I ä ß t, was die Zionisten erstreben; wenn auch nicht in der Form eines jüdischen politischen Staates, so doch in der eines jüdischen Kullurstaates.“ * Hieraus folgt nach der gewiß recht aufrichtigen Meinung der Herren in Gehweiler, Paris, Charlottenbürg oder sonstwo ״Des Rätsels Lösung“, daß nämlich nicht mehr und nicht weniger geplant sei, als die Ueherfülmmg der gesamten D. C. G. ziiiii Zionismus. M n 11 tut so, als w ii II t e m a n nicht, daß der Zionismus die Lösung des jüdi- .selten Problems lediglich in Palästina nn&trebt, und daß deshalb der damals entwickelte Plan unter Umständen im parteipolitischen Sinne dem Zionismus direkt widerstreben müßte. Zu allem Uchcrfltiß erfahren wir noch, daß der betreffende Brief — trotz gegenteiliger Versicherung der Redaktion — falsch zitiert worden sein soll. Wir wollen herzlich gerne glauben, daß cs diesen deiiklich war, nicht gehemmt durch das andern Mensehen Innewohnende stete Maß und Messen am Dauernden, Dinglichen. Die Beziehungen, die Relationen genügten; sie stellte der Jude — ich meine den sogenannten intellektuellen Juden der letzten Jahrzehnte — unbedenklich her, die Zusammenhänge wurden geschaffen, das Komplizierte darin war Bedürfnis, und das Komplizierteste schuf der Jude leicht, 1111• beschwert vom Ballast eines eigenen festgewurzelten Dingwcsens, das sonst im Menschen steckt. Aus dieser Menschcnkategorio stammt Arthur Schnitzler seinem Gruiulwesen nach, und in das Wesen der Zeit, welcher diese Menschen Helfer ihres Wer* deits sind, wuchs er hinein. Doch mit reinen Sinnen, die nicht die Beziehung zum sinnlich Erlebten wegwerfen, Diese Oabe machte ihn schöpferisch und ist der Segen seines Schaffens. Er ist nicht der ewig Ringende um den Segen des Gottes, seines Gottes, er ist auch nicht einer von den Wenigen, denen das Erfassen des Sinnes verliehen ward in ihrem Schaffen, Diese sind die Gutterwältlten, die Genies. Schnitzler ward das Schaffen aus den Sinnen zuteil, das Schöpferische der Tage, -- obwohl er Jude ist mul weil er Jude ist. Ihm gab sein Schaffen nicht den grollen Augenblick, da die Zusammenhänge alles Seienden sich dem Begnadeten, Genialen erhalten und lösen, nicht das Sich-gauz-Erfassen im Wandel des Jclis ward sein Teil, sondern in ihm wurde der sinnenerschautc Moment schöpferisch, der Lchcnszcitbruchteil, der nicht nach Zusammenhängen fragt, weil die Sinne ihn Herren und ihren Gesimmngsverwandten niemals einleuchten wird, weshalb wir Zionisten dem- Tieiben der Pariser Alliance-Leitung nicht ruhig Zusehen konnten und w c s 11 a I b unsere Gesinnungsgenossen an allen jüdischen Dingen Anteil nehmen, auch wenn ein unmittelbar zionistisches Interesse nicht vorliegt. Durch alberne Verdächtigung unserer Motive kann dieser Mangel jedoch nur unvollkommen verdeckt werden. Der neue Reichstag hat in diesen Tagen seinen ersten Militäretal verabschiedet. Da ermangelt denn der Verlauf der diesjährigen Jmlemleliatte nicht des Interesses. Als nämlich im Vorjahre den Freisinuigeu von sozialdemokratischer Seite, aus ihrer schwächlichen llaltiug in dieser Frage ein Vorwurf gemacht wurde, da verwies man auf das kommende Jahr, in dein möglicherweise eine Mehrheit der Linken eine entschiedene Stellung eiilnchmcii könne. Die Mehrheit der Linken ist jetzt gegeben und — die Verhandlungen boten genau das gleiche Bild, wie in allen früheren Jahren. Ein allgemein ge* haltcner Antrag Ablall lag der Besprechung zugrunde. Der Kriegsminister spielte zunächst den Gekränkten und wies die gemachten Vorwürfe mit Entrüstung von sich. Er erklärte, er Stände auf dem Boden der Verfassung und versteckte sieh und die ihm unterstehenden Bezirkskoimnaudos i 111 übrigen, wie in allen bisherigen Fällen, hinter das Auswahlrecht des Offizietskorps. Seine Taktik ist die, schwarz weiß zu neunen. Eingehend befaßte sich der Abgeordnete Goihcin mit einem Schulfall, der allerdings so kraß liegt, daß die Versuchung, die Angelegenheit von der hcitcr-satyrischcii Seite zu nehmen, nalielag. Herr G 01 h e i 11 wartete denn auch mit ein paar recht geschickt improvisierten Stmnpfsinnsverscn auf, 3Te die Lacher auf seine Seite brachten. Die Frage seihst wurde dadurch allerdings nicht gefördert, und die deutschen Juden, die von dem neuen Reichstag eine entschiedene Stellungnahme zu ihren Gunsten erwarteten, sind um eine Hoffnung ärmer. Von den übrigen Rednern beteiligte sich nur noch der christlich-soziale M11 ni m an der Aussprache über diesen Punkt. Der Herr Kriegsminister kann mit dem Ergebnis zufrieden sein und denkt wohl vergleichend und in heiterer Gcimitsstiinniung an den weniger erfolgreichen Strauß, den er erst kürzlich mit den Vertretern der katholischen Weltanschauung zu bestehen hatte. Ja, damals war’s auch ernst gemeint! . . . SIOfilSTISCfie ßetjcöUNÖ XIII. Delegiertentag 26.-28. Mal (Pfingsten) 1912 ln Posen, ״Rcichshallcn“, Herderstraße Tagesordnung! Montag, den 27. Mai. Vormittagssitzung (0 Uhr präzise). a) Geschäftsbericht: Erstattet vom Vorsitzenden. R.-A, Dr. Artur Ifantke. b) Finanz-Bericht: Dr. Hans lleymann. c) Begrüßung durch das engere Aktions-Komitee. d) Begrüßungsansprachen der zionistischen und nationaljüdisclien Organisationen in Posen. als Ganzes geben, wenn — sic rein sind. Es ist ein glückliches Schaffen. Und Schnitzler schafft glücklich. hn Jahre 16*15 — glaube ich — erschien sein ״Anatol“. Sieben Szenen aus der Gesellschaft, aus den Gesellschaften, Szenen von sinkenden Augenblicken der Liebe, die einem Menschen das Leben bilden. Episoden — eine Szene führt diesen Titel —, menschlich •gewöhnlich und doch mehr. Denn sie sagen: Dies ist das Erleben, das ihr sucht, ihr Menschen, danach ihr mit der Kraft des erfassenden Willens strebt, cs ganz in euch zu nehmen! Episoden nur, einfach oder kompliziert, aber immer Episoden, gelenkt in ihrem Geschehen von den Sinnen! Sie können sich zu Szeuenfolgcn, zu einem Reigen zusammeuscliließcn, doch das ist ein loses Band; denn jede steht für sich allein in'dem Ganzerlassen und Ganzeriehen unserer Sinne jenseits aller Zusammenhänge, die die Menschen aus den Ewigkeiteu herloiten Wullen, um seihst in die Ewigkeiten hineiu/iir.igen. Und der Weg, der die Menschen mm ihrer Enge ins Freie führt, ist eben der Pfad, der von leuchtender Sonne beschienen, wie sic nur der Frühlingsnbend kennt, über das reine Sicb-Versenkcn in den Augenblick, in die Vielheit der vollen Augenblicke des Menschenlebens zu dem wundervollen Abendsomienglanz der letzten Episode lührt, zum Sterben, zum Erleben des Sterbens. (Schluß folgt.)