Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XVII (1912)
- Issue
- Heft 8 (23.2.1912)
- Date
- 1912-02-23
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 8 JUEDISCHE RUNDSCHAU Seile 61 ״Eine Verleumdung.“ Hei Uner Besprechung der Wahlergebnisse /um Iktuseheii Reichstage haben wir unter anderem die in der Praxis durchaus nicht immer einwandfreie Haltung des Freisinns gegenüber den Juden ln•• «.ווןoclieii. Das gibt der ״Hreslauer Zeitung״ Aulalt,!!!יו unter obiger Snitzniarke in recht unflätiger Weise /״ beschimpfen. Wer schimpft hat ja in den meisten J-.illen unrecht. Eine bündige Widerlegung der bc• |1;mp!eten Tatsachen wiire geschmackvoller und .׳'ich ־ mutiger gewesen. Denn sie erlorderte den Mm zur Unwahrhaftigkeit. Sollte sie dennoch versucht werden, so werden wir den Herren dienen. Inwieweit ist denn aber die ״Hreslatier Zeitung״ iilnihaupt legitimiert, sich /um Verteidiger des Frei- Minis gerade 111 dieser Sache auf/uwerfen? Es ist »loch tlu׳ Breslauer Zeitung•’, die durch ihre andauernden Ytihet/uiigen gegen den Katholizismus, die auch il.n ii dem .,Judenblatte" /!!geschoben wurden, wenn sh von nichtjüdischen Redakteuren stammen ־ dem '.:,iisemitisnius immer neue Nahrung /u geben pflegt. 1 ml war es nicht erst jüngst die ״Breslauer Zeitung", die die Haltung der russischen Regierung gegen die .Miierikanischen Juden beinahe mit demselben Eifer, den sie uns gegenüber an den Tag legt, verteidigte, da diese Juden doch meist Revolutionäre seien, die sieh v o m L e i h e zu halt e n U u III a n d w o h I h e r e c 111 i g t sei? I >as hat ein I rc i s i n n i g e s Blatt geschrieben, was kaum reaktionäre deutsche Blatter der russischen Bogrompresse naeh/ulügcn wagten. Diese ״Breslauer Zeitung" sollte erst mal vor der eigenen Türe kehren, ehe sie anderen Ecuieu ״Schmutzerei" vorwirft, wenn diese anderen Tatsachen behaupten, die doch der ״Breslauer Zeitung" recht gut bekannt sind! Nur ein billehen nachdenkcn, verehrte Kollegin, auch wenn’s aut die alten Tage etwas schwer wird! Und nicht wieder schimpfen - denn das ist doch nur ein Zeichen von schlechtem (iewissen .... seine (hitlicr/igkcit und seinen ehrenwerten Charakter ein sehr beliebtes Mitglied unseres Hundes, dem er seit ls!11 angeliortc und auch in dem Wandel der Anschauungen, der sich seitdem in der Bur• scheiiMuaft vollzogen hat, Treue hielt." J u g e u d b e w c g u 11 g. tum" schrieb R. A. Nehab Im ״Liberalen Juden• Hosen über den neu• gegründeten neutralen Jugeiidvereiu, noch ehe er existierte. In Ho.en besteht ein Jiigemlbuud, der Zio* nisten statutarisch ausschliellt. In einem Flugblatt kemi/eieluiete die Zionistische Jugcndgruppc dieses Verhalten gebührend. Dieses Flugblatt, ״harmlos und kindlich von der Zionistischen jugcndgruppc unter• /dehnet", erscheint Herrn Nehab als vorgesclio* bene Sache. Der neutrale Jiigeiidlmtid stellt dahinter! Sonst galt umgekehrt der neutrale J. J. B. als vorgeschoben, die Zionisten als Drahtzieher. Aber liier paflt's besser umgekehrt. Und diesen Angriff der Zionisten auf die Liberalen verwendet Herr Nehab, um gegen den neutralen Verein zu kämpfen, bevor er noch existierte. Fiel dein Verbände in den Rücken. Schmählich und mit allen Mitteln. Eingesiaiidener• mallen. Doch wo bleiben die Stimmen, die sich über einen ״Fall Schüncmaim" entrüsteten? gestorben. Dr. I hrenfeld gehörte der orthodoxen Richtung an und war früher Rabbiner in (inesen. Der heka-mte jüdische Gelehrte Dr. H, Brody bc• trauert in dem Verstorbenen seinen Schwiegervater,, Bosnien Demnächst begibt sich Juden Bosniens bestehende Palästina zu einer Pilger- Reisegesellschaft wird auch Die Generalversammlung der russischen Chowewe-Zion Am 14. d. M. wurde in Odessa die General• Versammlung der ״Gesellschaft zur Unterstützung jiidi• scher Ackerbauer und Handwerker in Palästina und Syrien" durch den Vorsitzenden, Ingenieur M. 11 ss i s c h k i 11, eröffnet. Die Tagung fällt mit dem dreißig jährigen Jubiläum der Gesellschaft zusammen und gestaltete sich deshalb besonders feierlich. Außer 2U0 Delegierten aus allen Teilen des rtissi• scheu Reiches nahmen zirka 800 Gäste an den Be• ratungen teil. Die zionistische Organisation war durch das Mitglied des Engeren Actions-Comites, Dr. Victor Jacobson, vertreten. Es herrschte• eine gehobene Stimmung, In seiner Eröffnungsrede gab der Vorsitzende eine allgemeine Ucbcrsieht über die kolonisatorischen lind kulturellen Leistungen der Gesellschaft in den drei Jahren seit der letzten Generalversammlung, hr wies insbesondere auf die Bestrebungen der Gesell• Schaft zur Selihaftinaehung der jüdischen Landarbeiter und zur Förderung des höheren hebräischen Schulwesens hin. Sodann gedachte er der in der Berichts• Periode verstorbenen hervorragenden Zionsfreunde und Mitglieder der Gesellschaft, M L, Lilienb 111 m , E. L. L e w i n 8 k y , S. 1:. R a b b i 11 o witz u. a. An den Geschäftsbericht knüpfte sich eine leb• hafte Debatte, an der u. a, die Herren llillel Zlastopolsky (Kiew), Dr. Cb iss in (Jaffa) und M. K I c i 11 m a 11 n tcilnahmcu. Es wurde insbesondere der Wunsch ausge» sprachen, die Gesellschaft möchte der jüdischen Land- Arbeiterfrage in Palästina mehr Aufmerksamkeit zuwenden. In Erwiderung darauf teilte Präsident M. Ussischkin mit, daß das Komitee in Aussicht genommen habe, auf den der Gesellschaft gehörigen Grundstücken nächst den Kolonien Ri schon •Le• z i o 11 und C 11 e d e r a n e 11 e A u 8 i e d 11111 g e 11, jüdischer Landarbeiter — nach dem Muster der Landarbeiterkolonie Lin-Ganmni bei Pethach-' TikxvaU — zu schaffen. Diese Mitteilung wurde mit .stürmischem Beifall aiifgciiomincn. Im weiteren Verlauf der Beratungen wurde bcschlossen, einen Fonds im Betrage von 20 000 Rbl, auf den Namen der Vorkämpfer der Chibbath-Zion- Bewegung M. Ussischkin und^ Dr. E. W. Tschlcnow zu gründen. Dieser F'onds ist zur Schaffung •landwirtschaftlicher Kolonien in der Umgebung von Jerusalem bestimmt. Eine unter den Teilnehmern veranstaltete Sammlung für diesen Fonds, ergab einen namhaften Betrag. nr GLOSseM פ\־ Judentreue in! Wandel der An schauu n g e n. Der Verband ehemaliger alter Herren der Breslauer Burschenschaft Germania, i. A.: Wöllstein, E. Fraenkel, widmet seinem verstorbenen Müglicde, Sanitätsrat Emanucl S. einen Nachruf, in dem cs heißt: ״Er war durch sein liebenswürdiges Wesen, Ein Redakteur. Das Gcigerblatt las man eine Zeitlang nicht, weil es dcgouticrtc. Jetzt liest man es wieder. U111 des Humors willen. Die Programmartikel zum neuen Jahre nahmen jeden Vcrgleich mit dem Buch der jüdischen Witze auf. Kritik erbeten, ״aber möglichst nicht in anderen Blättern, denn deren Lektüre vermeide ich!“ Entzückend. Vogel Strauß, der den Kopf im Sand verbirgt, aber mit den Fußen Artikel schreibt. Titelbild des ״repräsentativen Organs für das gebildete Judentum". Es wäre au der Zeit, Herr Geheimrnt, auch einmal die Augen zu öffnen, und nicht nur mit der Schreibmaschine Politik zu machen! Sie würden sich dann docli viel• leicht die Blamage ersparen, der Sie rettungf.los an• heimfallen, wenn Sic einen so vorsintflutlichen Stand• pmikt formulieren: ״Wir wollen und müssen den ostvmopäischen Juden ein Territorium verschaffen, nur nicht P a l ä s t i n a." Bisher sagte man hoch• sicns: es braucht nicht gerade Palästina zu sein. Doch Sie fühlen eine Verpflichtung, der Judcnhcit stets neue Offenbarungen zu geben. eine aus sephardischcn Reisegesellschaft nach und Studien fahrt. Die nach einem geeigneten ß AUS ALL£R wen De itfsch fand Daß während der landwirtschaftlichen Woche in Berlin immer eine gehörige Portion Antisemitismus verzapft wird, ist nicht neu. Da aber in diesem Blatte von einem Einsender vor den Reichstagswahlen für die Wahl konservativer Kandidaten durch Juden Stimmung gemacht wurde, so sei mit• geteilt, daß die antisemitische ״Begeisterung" bei der diesmal im Sportpalast stattgehabten großen Agrariervcrsammlung erheblich größer war als sonst. Die Häuptlinge kündeten ein Erstarken der antisemi• tischen Bewegung an, und nicht mir W n 11 g e 1111 c i in und Roes icke, sondern auch 41er zum Reichstag hinaiisgewähltc Herr v. Oldenburg hielt eine anti• semitische Tiraile großen Stils, in der er u. a. bcliauptcte, der ganze letzte Wahlkampf sei ein Kampf des internationalen Judentums gegen den chrisllichen Staat gewesen. Natürlich, wie hätte auch sonst Herr v. Oldenburg unterliegen können! Dazu mußte sich schon das ״internationale Judentum" vereinigen und dem freikonservativen (!) Gegner des westpreußischen Granden Wahlhilfe leisten. In 11er ״Deutschen Tageszeitung", die bekannt■ lieh immer behauptet, nicht antisemitisch zu sein, stand zur Begrüßung der vereinten Agrarier ein Gedicht zu lesen, das folgende. ״Perle" birgt: ״Der Landbuiid, der Landbuud! Und wenn das östliche Geschmeiß, Das nichts von Lamhuanns Ernteschweiß, Und nicht von deutscher Treue Preis, Von Wechseln nur und Schachern weiß, Den Namen hört, wird's kreideweiß.“ (I) Der Verfasser ist ein deutscher Professor, dessen Name allerdings in begreiflicher Schamhaftigkeit vcrschwiegen wird. Und dieses ״Geschmeiß" sollen deutsche Juden unterstützen, dessen Herrschaft ver• ewigen helfen'? Buss fand In der Debatte über das Militärdienstgesetz hält die Reichsduma den Artikel aufrecht, durch den jüdischen Familien, deren Angchörige sich dem Militärdienst entziehen, eine Geldstrafe von 3(50 Rubeln aufcrlcgt und auf die Ergrcifung des Flüchtlings eine Belohnung ausgesetzt wird. Böhmen Der Prager Oberrabbiner Dr. Nathan Ehrenfeld ist am 17. d. M. Im Alter von 65 Jahren ländlichen 'Icrraiii Umschau halten, auf dem sich eine Anzahl bosnischer Sephardim als Ackerbauer nicderlasscu könnte. Hs handelt sich um eine Gruppe junger, zum Teil verheirateter Leute, die bereits in Bosnien in der Landwirtschaft tätig waren. Türkei Wie die Zeitungen berichten, liat Rabbi llaim N;11111111 Schritte bei der Regierung unternommen, die darauf ah/ielen, seine Demission rückgängig zu machen. Dieses Vorgehen Rabbi Nalumis er• regt in allen Kreisen der Konstantinopler Judenschaft um so peinlicheres Befremden, als der (iroßrabbiner erst vor einigen Tagen wiederholt feierlich versichert hatte, sein Rückt,׳itts-bntsehhiß sei u 11 w i d c r r 11 f I i c h. Auch hatte Rabbi Naliiim in seinem Dcmissionsgesueli au die Regierung das Konsistoriuin (Mcdschliss gism.ini) ungesetzlicher Handlungsweise bezichtigt, ohne daß er diese Anklage -- trotz der Aufforderung der Regierung — bisher naher präzisiert hätte. Vielmehr beschränkte er sich darauf, der Regierung mit/iitcilen, er sei bereit, falls diese die Deuüssion der Hohen Pforte nicht unterbreiten wolle, sein Rücktrittsgesuch zuriickzii/iehen. — Unter diesen Umständen sicht man der Entscheidüng des Ministeriums mit gespannter Erwartung entgegen, Jedenfalls hat Rabbi Nalmin durch sein mehr als sonderbares Verhalten auch die Sympathien derjenigen Kreise verloren, die bisher als seine unhedingien Anhänger galten. Wie uns ein weiteres Telegramm meldet, hat der Min i s t er r a t das Demissionsgesuch Na-!1 tt m s abgelebt! t. Die Einberufung des Mcdschliss Uni u 1111 (Nalionalvcrsamm• u n g) ist wahrscheinlich. Danach scheint die Meldung deT Konstantinopler jüdischen Blatter, der Großrabbincr habe Schritte unternommen, um seine Demission zurückzuziehen, auf Wahrheit zu beruhen. Die formelle Ablehnung des Dcmissionsgesuchs durch die Regierung dürfte nach vorheriger Uehereinkunft mit dein Großrabhincr erfolgt sein. Wie sich nunmehr die Differenzen innerhalb der Gemeinde klären werden, insbesondere, wie sich da* Verhältnis des Großrahhincrs zur aschkcnasischcn Goineimlc und zu seinem Konsitoriuin (Mcdschliss dsclüs* mani) gestalten wird, läßt sich noch nicht übersehen. Amerika Die Zahl der jüdischen Bevölkerung von New York betrug nach einer statistischen Studie, die Mr. Joseph Jacobs im Aufträge der New Yorker Kcbilla herausgibt, am I. Januar 1012 ungefähr 006(500 Seelen. Bisher wurde die Zahl der Juden in New York auf weit über eine Million geschätzt, Mr. Jacobs hat aber auf Gnind umfangreicher statistischer Nachforschungen festgcstellt, daß die jüdische Bewohnerschaft von New York sich am I. Juli 1010 auf 825 000, am gleichen Tage des Jahres 1011 auf 882-100 Seelen belief und seither durch die Ein- Wanderung und den Geburtenüberschuß auf 006000 Personen gestiegen ist. PALA€5TINA-RUNDSCHAV Am 24. Tebctli (13. Januar) fand auf der Farm Kincrcth der Palestine Land Development Company die zweite Jahresversammlung der in den jüdiselten Kolonien Galiläas tätigen jüdischen Landarbeiter statt. Es wurde ein Zentralkomitee von drei Mitgliedern eingesetzt, dessen Aufgabe hauptsächlich die Vermittlung landwirtscliaftlichcr Arbeit und die Erteilung zuverlässiger Informationen über die Arbeit*• Verhältnisse in den einzelnen jüdischen Ansiedlungen Galiläas bilden soll. Es wurde ferner besclüosscn, eine Lcihkassc für die Mitglieder der galiläisciicn Landarbeiter-Organisation cinzurichten. . * Die Vorstände der jüdischen Kolonien Ln Judäa beabsichtigen, gemeinsam einen Tierarzt anzustellen. Die galiläisciicn Kolonien sowie die Kolonien Sichron Jacob und Ched e r a in Samaria werden bcreits regelmäßig von einem sehr tüchtigen Tierarzt besucht, der seinen Wohnsitz in Haifa hat. Der־ selbe hat auch die Vichvcriichcrung in allen galiläisciicn Kolonien durchgeführt. Mittwoch, den 31. Januar, sprach beim Pascha von Jerusalem Djaüdat Bey eine jüdische De-