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Jüdische Rundschau · 1912-01-26 · Heft 4 (26.1.1912) · page 1

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XVII (1912)
Issue
Heft 4 (26.1.1912)
Date
1912-01-26
Page
– (sequence 1)
Language
German
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X I I I I I I I I I I I Abonnements ך■• I tu( di• «rütlirnllich am Fitil•; er• Klieinrtula ״JOdiithe Rundachau" k.i.t-n bei der K1!>r<liI10n und bei allen Pnitämlon viedeljälirlich t.SOM.. außerhalb Deulaclilanda und Oealer• eeich-Uffarna M,! für Mitglieder jüduchrr Vereine im Stinmrllxiug durch den Verein 1,— M. Verlag JUdtaeli• Rundaciiau E. (1. in. b. II, BERLIN W.I5, S:1eb.l״be Straß« 8. Telrphoni Ami Ul.land bis. Cca<brdU)lun1lrn: 9-1 und 4—7 Uhr, außer Sonnabend und Sonntag. rl X. r׳~ ״x j! J ״k ׳׳•- ו " '/■ / 1 J t ר ־ ׳ / i! ב׳ ■ *, I \ ' X j Lj x J n,r\ n n ־ «!\ . ־ ׳. ' ^. - x«. j v. ■״i Anzeigen koiten fiif die!Mit• ״!«־>נ* »vier «Irren K*u1i1 40׳ l’f.j .Sfr!ko• Anjri״»(c und •(iruKln* towi« Vrrrmi• Mitteilungen und .Klein« Anifigto* □ 0 nur 50 1'fenuig, Q Q Manuskripte w< nlen.wrnn Port«» l>f tlitgl« *tet« rurii«k^raamit. H«tl«»kt1nr»Mil1lulll M111V1 »üii VunniU igt, ItcdnUtlnn JUdUcho ItumUchou 14I.HUN W. IS, .SUclnUche Strnfle®. Trlepliam Ami UM«m) HIS Sprediituntirn!)ifntlag und DnnnenUf 5-6 Ulif natJtmilUgt. ~ר n r\ 3״ f i I ע ü d r Nummer 4 ר־־"׳, ץ־־־ ח f") / u ') ר׳ X i U /" 1; c7־ rx n c~~j n ח rף ״ ciLiü ü dJüJCj Berlin, den 26. Januar 1912 — 7. Sch’bat 5672 XVII. Jahrgang Ausweis ächckch Berlin 1.-־, Ratibor 65,—, Glognu 7, ־ , Oslrowo 2,~*. Cosel 23,—, Königsberg 31, , Bisch• Weiler 1,י־ M. Landcsorgnnisationsbcitrüßc: 1. Ortsgruppen: Berlin 3,—. Ratibor 65,—, Glogau 3,—» Königsberg 9, —. Wiesbaden (noch für 1911) 1 ü,—, Üiscliwciler 2,- M. 2. Einzelpersonen: Ednmnd Lcvy, Berlin 5, , Dr. Orubcr, Glogau 5,—, Rechtsanwalt Dr. Sclircuer, Glogau 5,—, David Wolffsohn, Köln 201),—, Marcus Marx, Heidelberg 2(),—, Zahnarzt Theodor, Königs• berg 5,—, Leonhard Weißbrein, Königsberg 5,—, Geh. Snmtätsrat Dr. Sachs, Schünlanke 10,— M. 3. Verschiedene Spenden: Bosen 43,93 M. Eingang vorn 18. bis 24. Januar: Schekel: 133,-- M., L a n d e 8 o r g a n i s a t i o n s b e i t r ä g e: 390,93 M. Gesamteingang: Schekel: 51(1,—, Landeso rga n 1 s a I i o n s h e i 1 r;1 g e: 2391,93 M. Beim Zionistischen Zentralbureau direkt ringegangen: München 3,— M. Berichtigung aus Nr. 3. 1. Durch einen Druckfehler sind .101, statt 10, — M. Schekel aus Halberstadt ausgewiesen. Au der Addition ändert sich nichts. 2. Es muH lieifJen: Apotheker Boschwitz, Jeihiitz, niclit Heßwitz. Adresse für Geldsendungen: Zionistische Vcrcinigung für Deutschland, Berlin W. 15, Sächsische Stranc 8. Postscheckkonto: Berlin 8091, Bank• kontor A. H. Heymann & Co., Berlin, Unter den Linden 59. Nach den Wahlen Wenn diese Zeilen in Druck gelten, sind die letzten Stichwahlen zum Reichstage noch nicht entschieden. Aber es läßt sich bereits heule feststcllcn: Der ״Ruck nach links4', von dem in den letzten Monaten so viel die Rede gewesen ist, ist vollzogen. Die Antisemiten im engeren Fraktionssinne verlieren den dritten Teil ihrer Mandate (14 Sitze im neuen Reichstag gegen 21 im alten) und teilen somit das Schicksal, dem alle Mittclparteien in Deutschland ent• gegenzugehen scheinen. Man hüte sich, an diesem Ergebnis den Rückgang oder das Fortschrciten der antisemitischen Gesinnung zu messen. Mau konnte zu argen Fehlschlüssen gelangen! Denn die grolle Frage dieses Wahlkampfs ״Rechts oder Links?44, auf die ja eine leidlich klare Antwort wurde, mußte naturgemäß politisch minder be• deutuugsvolle Ueberzeugungsfragen in den Hintergrund drangen und teilweise unbeantwortet lassen. So sind die Freisinnigen, die 1007 Stichwahlgeschäfte mit den Antisemiten gemacht hatten, diesmal durch die eindeutige Parole ihres Parteivorstandes der Vielen gewiß nicht ganz leichten Entscheidung zwischen Antisemiten und Sozialdemokraten enthoben worden, und man• ehern Techtelmechtel in Eschwege-Schinalkalden und an anderen Orten wurde dadurch ein Ende gemacht. Den Nationallibcralen gilt die Par• tei des Herrn Bruhn noch immer für hiiudnis• fällig, und die Antisemiten werden ihre Stich• wahlerfolge diesen ״Liberalen“ kaum weniger zu danken haben, als der eigenen Anhänger• schar. Die Heuchelei der Nachwahl in G i e ß e 11• Nidda wurde da wieder einmal ganz offenbar. Demi diesmal wurde Herrn Werner von der Reformpartei nicht ״aus Versehen“ die nntio• uallibcralc Hilfe. Bei der Neigung mancher Juden In der deutschen Politik, sich soweit rechts als möglich zu stellen, soll man bei diesen Rcsul• ״Der Kionisimr: cr.ilrcbt ftlr dan jn<.2:;cho Volk dloSclmCaim׳ einer iiffontllcL-rccLGIcl» ££cclel.׳;.<xn IlelinuUllto ln PaL.fii.4iia.“ Dr.oclcr Programm. taten ein recht deutliches ״Nicht vergessen!" vermerken. Daß vollends das Zentrum die Judenfrage diesmal, wo es ״ums Ganze“ ging, nicht zum Prinzip erhoben hat, versteht sieh bei dieser eigenartigen Partei von selbst. Fs braucht überdies die antisemitischen Strömungen im Reichstage, um seine ach so theoretischen Grundsätze der Toleranz zu eigenem Nutz und Frommen demonstrieren zu können. — Was bedeutet uns Juden nun die Veriimlcrung in der Zusammensetzung der Volksver* trclung, die sich unter Umständen zii einer Mehrheit der links stehenden Parteien auswachsen dürfte? Die ablehnende Stellung, die die Sozialdcmokrntic, die stärkste Partei des neuen Reichstages, der Erörterung aller das Judentum hetreffenden Fragen gegenüber ciimimmt, ist he* kaimt. Man versteckt sich hinter die gewiß nicht ganz ehrliche Parole: ״Eine besondere Judenfrage erkennen wir nicht an, wir kämpfen für die Befreiung alles dessen, was Menschenantlitz trägt!“ Damit ist eine Totschweige-Mehrheit, wie bisher, gegeben. Ferner wird in allen Fragen, die die jüdische Religiaiisübimg hetreffen, die Schwächung des Zentrums und Verniclirimg der radikalen Elemente unsere Interessen schädigen. Diesen Tatsachen gegenüber soll eine Besserung gleichsam nach der politisch-ästhetischen Seite nicht unterschätzt werden: Die guten Sitten und der politische Anstand besonders uns Juden gegenüber werden in der neuen Zusammensetzuug des Reichstages stärker vertreten sein als in der alten. Das bedeutet für uns keinen geringen Nutzen. Die fortwährenden Kränkungen, unserer Menschen- und Bürger- \vtirde, die man sich von der Reichstagstrihüne wählend der letzten fünf Jahre ungehindert erlatihen durfte, werden hoffentlich von einer Mehrheit, in die auch einige Zentrumsleute einzurecluieii sind, nicht geduldet und gebührend zuiiickgewiesen werden, und die antisemitische Propaganda, die bisher vom Reiclishause ausging, wird eingeschränkt werden. Gerade weil wir unsere Hoffnungen auf die neue Konstellation im Reiche nicht allzuhoch spannen, wollen wir ein Ergebnis der Stichwahlen noch mit besonderer Genugtuung vermerken: Es ist der wohlverdiente Durchfall Sanitätsrat Dr. Mugdans, der so lange auf exponiertem Posten den Typ des jüdischen Rene• gaten zu unserer Schande vertreten hat. Wie sehr sich das politische Bild dieses Muster• abgeordiietcn mit seinem jüdischen deckt, das zeigt der folgende ״Nekrolog“, den die ״B. Z. am Mittag“ seiner politischen Tätigkeit im Reichstag widmet: ״Ihr (der konservativen Stichwahlparole) ist auch Dr. Mugdan in Görlitz zum Opfer ge• fallen, ein Vorgang, der nicht ohne eine ge* wisse politisch-sittliche Bedeutung ist. Herr Dr. Mugdan hat während dieser acht Jahre seines Glanzes nichts fester im Auge gehabt, als daß er zu seiner Wiederwahl .in Görlitz unbedingt die Hilfe der Konservativen haben müsse. Dies war der Leitstern seines parlamentarischen Lebens; darüber vergaß er seine Vergangenheit und seine früheren Freunde. Nun ist aller Mühe Lohn dahin. Strebsame liberale Politiker werden ans diesem Erlebnis sich eine Leltre entnehmen können.“ Das Kapitel ״Mugdan im Reichstag“ ist geschlossen. I!offen wir, daß dieser Mann und alle seine Gcsiimuiigslosigkeitsgenosscu recht bald ganz von der politischen Tribüne Deutschlaiuls verschwinden. Im Ganzen ist das Ergebnis der Neuwahlen für uns nicht unerfreulich. Aber wer sich auf die Psyche der deutschen Juden versteht, der wird wissen, daß sie in Fragen der inneren deutschen 'Politik nur allzusehr zu verfrühten Hoffnungen neigen. Uns Zionisten, die wir aus der Geschichte und aus den Vorgängen in anderen Ländern gelernt haben, ist es da eine — nicht immer angenehme — Pflicht, als Warner aufzutreten. IX1־m wir können die Gegenwart klarer erkennen, weil wir wissen, wo unsere Zukunft liegt. Die dritte Reiclisduma und die Juden Vom Dtmiaüepuücrteu Ab Nisselowitsch. Anläßlich ck׳s Sessionsschlusscs der dritten Rcichdiima äußert sich der Duinndcputicrtc Nisselowitseh über die Haltung der Duma gegenüber den Juden wie folgt: Ein Bitteres Gefühl von Kränkung und Empörung hat die letzte Session in den Herzen aller Dcpu• tierten zurückgclassen. Denn eigentlich konnte sic niemanden befriedigen. Mit großem Apploinh sind die Oktobristcn bei der mit Ungeduld erwarteten Eröffnung der letzten Session nach der Ermordung Stolypins mit einer Interpellation über die politische Geheimpolizei auf den Blatt getreten. Und schließlieh gaben sic sich mit der schwachen Antwort des Ministeriums des Innern zufrieden. Von der oktobristisclicn Interpellation ist nichts anderes zurückgeblieben, als der antisemitische Eindruck ihres Auftretens mul ihre Vereinigung mit den offenen Pogromhetzern. Ueberhatipt hat die letzte Dumasessioii mir das eine Positive gebracht, daß die Oktohri.sten, die man bisher gewohnt war, als die gemäßigten Liberalen an/iischcn, sich nicht mir mil den Nationalisten, sondem auch mit den extremsten Rechten verbündeten. Dies trat insbesondere bei der Beratung der Gesetz- Vorlage über die Gleichberechtigung der Russen in Finnland, ferner als sie für die Interpellation über, den Uitualmord stimmten, und bei der Beratung des Gesetzes über die städtische Selbstverwaltung in Polen zutage. Das Zeichen zu diesem offenen Front- Wechsel hat der Führer der Oktoluisten, Gutschkow, selbst gegeben, als er eine Interpellation über d!c Ermordung Stolypins .mit dem Satze begann: ״In Kiew hat der Jude Mordo Bagrow usw. usw.“ Ich habe, sagt Nisselowitsch, wohl jede Möglichkeit ergriffen, die Haltung der Oktohrisfcn ins richtige Licht zu setzen. Und so wie der erste Tag der Session begann, in Haß gegen die Juden, so wurde die ganze Session im Zeichen der wildesten Judenfeindsdiaft, wie sie die einstigen Pogromhelden stets verrieten, zu Ende geführt. Auch die Polen haben uns nicht verschont. Auch diese sonst klugen Politiker der Opposition glaubten, daß sie durch ihr llcrvortrctcn als Antisemiten von ihren neuen Freunden im rechtesten Hügel etwas erreichen können, ohne deshalb ihre Sympathien im linken Flügel cinztihüficii. Und gerade die Haltung dieser schlauen Politiker ist für die gegenwärtige Lage der Juden in Rußland äußerst symptomatisch.

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