Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XVI (1911)
- Issue
- Heft 30 (28.7.1911)
- Date
- 1911-07-28
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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■ iri'-x״. ■I. .i 1tU *W• a ״׳* ““ *uiwtWil Seile 340!*•'iliistina-Kcssoi'l! Kein einmal eins gegen den zwar über ilie Kultur beim Kongreß reden, aber nichts imiclien könne. Und ich habe geglaubt, bei diesem Kongreß würde man (loch endlich auch einmal etwas tun.... Also wieder nicht. . . . Na, und sehlielllieh bekam ich jetzt die Tages• o rtl n tt n g zu Gesicht. Ich hatte gedacht, mindestens drei Tage würden für die Eragen der'praktischen Palästinuarbeit reserviert sein. Und was sehe ich: Nicht einmal ein Referat vom Referat über Palästina! Nicht Handel in Palästina, . . . Also wirklich, lieber geehrter Herr Redakteur, antworten Sie mir im Hriefkasteu: Soll ich nicht lieber zu Hause bleiben? Oder das Reisegeld a (Junta einer Palästina-Reise beiseite legen?" ♦ Das Schreiben enthält noch viele andere Bitterkeiten, die wir aber unterdrücken ztt sollen glaubten. Freilich dürften sie beim Kongrell darum ntir um so schärfer zur'Sprache kommen, denn der sonderbaren Ueberraschungen, deren der Hriefschreiher atdler den zitierten noch eine ganze Reihe an führt, gab es in der Tat in der letzten Zeit bei uns gar zu viele. Errichtung eines Arthur Hirsch-Fonds In einer sehr sympathischen Weise hat der Jüdische Turnverein Bar-Kochba Berlin das An• denken seines kürzlich verstorbenen Vorstandsmit• gliedes, des auch in unserer zionistischen Bewegung wohl bekannten Herrn Arthur Hirsch zu ehren verstanden. Der Verstorbene, der als Hauptkassen• wart des Bar-Kochba schon seit fast einem Dutzend Jahren furnierte, hatte sich um die Finanzen des Ver* eins, insbesondere um die Schaffung eines leider noch kleinen eisernen Reservefonds des Bar-Kochha-Fomls Verdienste erworben. Der Bar*Koel1ha bat mm ein• gedenk gerade dieser Tätigkeit beschlossen, den Bar• K (י c h b n F o n d s fortan Arthur Hirsch-Fonds zu benennen und ilm auf eine andere, festere und breitere Grundlage zu stellen. An der Spitze des Fonds steht ein Kuratorium, bestehend aus den Herren Dr. Find Hirsch, einem Bruder des Verstorbenen, Ingenieur Julius Katzkv und Rechtsanwalt Dr, Max Zirker. Es wäre auch für unsere Anhänger, die wir der stillen, opferfreudigen Arbeit Arthur I lirsch’s viel verdanken, recht angebracht, durch Spenden diesem Fonds eine recht respektable Hohe zu verschaffen, zumal die Arbeit, die die jüdischen Turnvereine leisten, noch immer viel zu wenig von unseren Freunden anerkannt wird. Etwaige Beiträge nimmt entgegen: Rechtsanwalt Dr, Z i r k er zu Berlin, Alcxniidcrstr. 3$ a. Das Ergebnis der Alliancewahlen Nach einer Pariser Meldung des Londoner ״Jcwish Chronicle" ist das Ergebnis der Wahlen für das Zentralkomitee der Alliance lsraclite bereits bekannt. Alle Kandidaten des Zentralkomitees sind gewählt worden. Die gemeinsame Pariser und Berliner Liste von 21 Kandidaten erhielt fast 21 0(10 Stimmen; die nenn Kandidaten der Pariser Liste erhielten zwischen 13000 und IIOil'.) Stimmen, wahrend die 0, die mir auf der Berliner Liste standen, zirka 71:00 Stimmen ererhielteu. Solomon Reinach erhielt 13 121 Stimmen, fast (1000 mehr als der meistunterstützete Kandidat •der gegnerischen Liste, der 7337 Stimmen bekam. Petersburger Brief JUEDISCHE RUNDSCHAU Nr. 30 So hat mit Zustimmung zahlreicher Mitglied des Repräsentantenhauses Die Lage jedes ausländischen Juden in Ru Bl and ist derart, daO es längst für alle Re• gicrungen an der Zeit wäre, diesen unerhörten Rcchtslmiehen durch kategorische Forderungen ein Ende zu machen. Ein ausländischer Jude darf russi• sehen Boden mir dann betreten, wenn er Handel• treibender ist, jeder andere muH erst die Erlaubnis des Ministers des Innern haben, um dieser Wohl• tat teilhaftig werden zu können, was nur in den seltensten Falten gelingt. Indes auch Haiulehrciheiide dürfen sieh nicht I ä 11 g e r als s e e 11 s Mo n a t e im Laude aufhahen, und wer darüber hinaus auf russiselten Boden verbeiben will, uuiB eine fast niemals gewährte Erlaubnis von drei Ministern sieh verschaffen und eine hohe Steuer entrichten. Dabei ist der ausländische Jude im heiligen Zarenreich noch sonstigen Molestationeu ausgesetzt. Neuerdings ist der Pctrikaucr Gouverneur gar auf den Gedanken ver• fallen, auch diejenigen ausländischen llandeltrciben• den, die nur für kurze Zeit nach seinem Gouvernement kommen, mit einer hohen Steuer zu belegen. Doch ist dies nur ein Bezirk der flagranten Rcchtsverletzun• gen, die im Leben Rulllands ein reichhaltiges Ka* pitcl bilden. Alle diese Willkürtaten und Schikaiiierungen haben nun in den Vereinigten Staaten eine starke Protestbewegung hervorgerufen, und immer euer• gischcr ertönt der Ruf nach diplomatischer Ein• inischuug. Im nächsten Winter werden sieh darum auch die dortigen gesetzgebenden Körperschaften mit der Ma• teric befassen, Kollegen das S 111 / c r folgende Resolution beantragt: Der Senat und das Repräsentantenhaus der Vereinigten Staaten von Amerika, die sieh im Kongrefl versammelt haben, besehlielleii, ilall das Volk der Vereinigten Staaten es als ein fundamentales Prinzip aufstellt, dall die Rechte seiner Bürger weder im 111• noch im Auslände wegen ihrer Rasse noch ihres Glaubens geschmälert werden dürfen; dall die Regierung der Vereinigten Staaten ihre Verträge zum gleichen Schutz, aller Kate• gorien ihrer Bürger ohne Unterschied von Rasse oder Glauben abschliellt; ilall die Regierung der Vereinigten Skullen nicht Partei hei einem Vertrage sein will, welcher ein Unterschied macht oder der von einer der beiden Parteien so atisgclegt wird, dall ein Unterschied gemacht wird zwischen amerikanischen Bürgern nach Rasse oder Glauben; dall die russische Regierung den Vertrag zwischen den Vereinigten Staaten mul RuBland verletzt hat, der am 1$, De• zember 1$32 in St. Petersburg geschlossen wurde, indem sie sich weigert, richtig ausgestellte ameiika• nische Pässe amerikanischer Bürger wegen der Rasse und Religion ihrer Inhaber an/.uerkeimen; dall nach dem Urteil des Kongresses der besagte Vertrag aus oben genannten Gründen sobald wie möglich aufgelöst werde und dall zu diesem Zweck der Präsident beauf• tragt werden solle und hiermit beauftragt werde, die übliche Benachrichtigung au die russische Regierung gelangen zu lassen, dall der oben genannte Vertrag abgebrochen werde und nach Beendigung des Jahres, welches mit dem Datum dieser Benachrichtigung bc* ginnt, keinerlei Kraft und Wirkung haben soll. Dies ist mir ein Anfang, aber der Anfang kann ganz auBcrordeutliche Folgen nach sich ziehen. — I >ic K i e w er P 0 g r o in g c i s t 0 r, denen samt• liehe Gesinnungsgenossen im Lande sekundieren, wollen sich noch immer nicht beruhigen, obwohl der aus Petersburg entsandte Untersuchungsrichter für besonders wichtige Angelegenheiten den Mörder des Knaben Jiistseliinsky in seinem Stiefvater aus• findig gemacht und seine Verhaftung ungeordnet hat. Immer noch wird die Broschüre ״Der Miirtyrcrknnbc Andrei Justscliinsky“ in Tauscn d e ח von Ex c 111 plaren verbreitet, während die lokalen und nicht• lokalen ״cclitriissischcn“ Blätter nach Rache gegen die Juden rufen. Mit Hilfe aiifhetzender Bilder fachen nah und fern die gewissenlosesten Agitatoren die niedrigsten Instinkte des rauh• und niordliisternen Gesindels an, und in Kursk diente eine feierliche Messe dem gleichen Zwecke. Für diese Gesellschaft gibt es nicht einmal überzeugende Tatsachen, mag es selbst feststcheu, daB dem Untersuchungsrichter ein Beamter beigegeben war, der in engsten Beziehungen zu Purisehkewitseh und Bulal/cl steht und bei ihnen sehr akkrcdicrl ist. Was machen sich die Hetzer aus Ergebnissen der Untersuchung? So war es immer bei Ritualmordaffärcn, so ist es auch diesmal. Ja, um der Pogroinpropaganda eine weitere Stütze zu ver• leihen, hat die Sciustschina soeben sämtliche angch• liehen Ritualmorilc vom Jahre •HO nach Christi Gehurt bis zum Wilnaer Prozeß Blondes und zur Blutaffärc von Alexandrien aus dem Jahre 10110, insgesamt SOS au Zahl, zusaiuinengestellt und fordert zu einer ״Ein• Wirkung auf die Juden“ auf. Was dies in RuBlaml zu bedeuten hat, versteht ein jeder . . . Vielleicht werden jedoch die menschlicheren Eie• mente unter den Reaktionären durch die weitere Unter* suchinig beschämt und zur Vernunft gebracht werden, (»rund genug zur Beschämung ist noch in einem speziellen Vorgang gegeben: Der Knabe Justscliinsky ist niimlieh unter solchen Umständen getötet worden, daO offenbar der Schein geweckt werden sollte, man habe es mit einem Ritualmorde zu tim. Da unter• liegt es keinem Zweifel, ilall der Stiefvater Helfers• helfe!• gehabt hat, und man geht nicht fehl mit der Annahme, ilall sie unter jenen Mannen zu suchen sind, die sieh als Hetzer besonders auffällig hervor• tun. Wer weil! also, was für Enthüllungen noch kommen werden? Auch n.'icli einer anderen Seite haben sich die Ritualniordbeschuldiger blamiert. Sie berufen sich in ihrer Beweisführung immer von neuem auf das Buch eines berüchtigten Judenfressers Ljutostanski, in dem alle möglichen Sünden, in besonderer Ausführlich• keit aber Ritualmorilc den Juden nngehängt werden. Nun stellt es sich aber heraus, daß Ljutostanski erst vor einiger Zeit bei Roditschew erschienen und sich erbötig gemacht hat, gegen ein gewisses Entgelt das Buch zu vernichten. Er hat dabei recht schlecht abgcsclmitten. Kompetentere Leute wissen allerdings noch aus früherer Zeit, daB der oft genannte Krimzeuge Ljutostanski schon vor Jahren ein zweites Buch zur Widerlegung seines früheren Werkes verfaßt hat. Damals verlangte er von den Juden dafür eine Stil)• vention, die ihm aber von den Bösen verweigert wurde. Darauf vernichtete er selbst sein zweites Buch. In einzelnen Exemplaren ist cs aber noch vorhanden. <«• AUS ALLCR W6LT Deutsch fand י Bei den Preßcrörlcrimgcii über die neuesten m,!. rokkanisclien Verwicklungen muß sich das Deutsche Reich vom ,Daily Chronicle" sagen lassen: ,Die Entsendung eines Kriegsschifies mit der aiigeh. liehen Absicht, deutsche Interessen in einem llaUu zu schützen, wo keine Interessen existieren als viel• leicht die einer einzelnen Familie, die atillerilem c i 1 ״• r Rasse »»gehört, die in D e u t s c h I a n 11 g!■• r i n g s c h ii t / i g b e 11 a 11 d e 11 w i r d, ist nicht der Weg. zum Ziele zu gelangen.“ Demgegenüber sei festgestellt, daß Deulsclilami die Interessen seiner ausländischen Untertanen stets mit gleicher Energie vertreten hat, ohne zwiscli. n Nichtjudcn und Juden zu unterscheiden. Daß eine derartige beleidigende Unterstellung möglich ist, l;u man dem dauernden Rcchtshruch gegenüber den in Deutschland ansässigen Juden zu danken. Auch die Dienstleistung, welche seitens der deutschen IU•- Ilürdcu dem russischen Reiche bei der imterschi. |. liehen Behandlung reichsliiiidiseher Reisender zukil wird, ist gewiß nicht geeignet, das deutsche An. sehen im Auslände zu stärken oder eine besomErs hohe Meinung von dein Schutze, den das Reu 11 seinen Juden zuteil werden läßt, aufkonimen zu lass An liarnl der Berufszählung von 1007 mau,ן der ״V o rw ä r t s“ Berlin einige Bemerkungen über die angebliche ״Vcrjudung“ des deutschen Volkes. Die Antisemiten und Konservativen liehen es, sich künstlich über die angebliche ״Vcrjudung“ des deutschen Volkes auf/uregen und den Anschein einer grausigen Gefahr zu erwecken, die dem Deutschtum drohe. In Wahrheit gibt es verschwindend wenige Juden in Deutschland, (»egen (12 Millionen Im• wohner Deutschlands wurden bei der Berufszählung l‘)()7 festgestellt, und darunter nur etwa eine halbe ״Million Juden, genau 5(17(10(). Das macht noch kein ganzes Prozent der Bevölkerung aus. Und wenn bc• haiiptct wird, daß diese wenigen Juden sich in ein• zeinen bestimmten Berufszweigen ungebührlich mal in einer für die übrige Bevölkerung bedenklichen Weise verdrängen, so wird auch das durch die amt• liehe Statistik bündig widerlegt. Mau spricht /. B. gern von der starken Dtirchsel/mig des I lamlels mit Juden. Nun ist es wohl richtig, daß von den erweths. tätigen Juden, deren Zahl ruml 202 000 beträgt, fast die Hälfte, nämlich 137 000 im Handel tätig sind. Aber neben diesen 137 000 jüdischen Handelsleuten gibt es 17000(1 katholische mul 11000 22־ ev.ingclischc Händler. Nur etwa den 25. Teil der Uainleltreibenden Bevölkerung machen demnach die Juden aus. Da kann von einem Uebermall jüdischen An• teils oder jüdischen Einflusses im Ernste wohl näht die Rede sein. Wenn also die antisemitischen Hetzer erzählen, daß die Juden sieh deshalb vor/ugsweise dem 1 lamlel ztiwcnilcii, weil mau in diesem Gewerbe angeblich am leichtesten ohne Arbeit auf amleier Leute Kosten leben könne, so trifft dieser Vorwuii nur eine Handvoll Juden, dagegen!>.׳ Million!1 Christen. Ebenso falsch ist die Behauptung, daß die Jini•n in den Berufs/weigeii, die schwere körperliche Aib 1׳ erfordern, mir vereinzelt an/u!reffcn seien. In ihr Beriifsahleilting Bergbau mul Industrie wurden 03(.«>(» Juden gezählt, also halb so viel wie im I lamlel. Da• von kamen auf die Bekleidungsgewerbe 21300,;•״( die Gewerbe der Nalmmgs• und Geuußmittel 13?“ 1. Nach mehreren Tausend zählen sie außerdem iu <!• r Metallverarbeitung, der Maschineniiulustne, der To.il• iiulustrie, der Lederindustrie, der I lol/hearbeilmig 1 ul dem Baugewerbe. Auch fanden sieh (»700 Juden. im häuslichen Dienst Außerdem gab es lä .,'I r •1׳ Juden in der Gruppe ״Militär•, Hof-, bhrgeiii׳ Dienst, freie Berufe“, wo sie in großer Zahl Iuders als Rechtsanwälte, Aer/Ic, Richter, Sta amvälte usw. tätig sind. Wir finden /. B. als h<A .0 Reichs• und Staatsbeamte 211 Juden, das sind 1 zwei Prozent; als Richter und Staatsanwähe ׳ ׳, dus sind •U 1 Prozent; als miulvrc Reichs• 1׳ Staatsbeamte einschließlich der Justizvcrwahimg 5S0 usw. Von besonderem Interesse ist, daß in der Ait von 1805 bis 1007 die Beteiligung der Juden an An verschiedenen Gewerben sieb in umgekehrter l׳V<■• limg geändert hat, als das antisemitische Vorm ,11 behauptet. Im Hamlet hat sieh der jüdische Au'eil verringert; er betrug 10(.׳ Prozent im Jahre 1:1 •'», unter 8 Prozent im Jahre 1007. Dagegen in der Fortwirtschaft, im Bergbau, in der Metallverarbeitung, der Maschineniiulustrie und noch einer ganzen Kcdie anderer Industrien ist die Beteiligung der Juden ge* 'stiegen! Insgesamt sind die Juden so gering an Zahl, daß es schon ein merkwürdig schwaches Volk suii müßte, das ihrem Einfluß erliegen könnte, seihst wenn der jüdische Einfluß ein eigenartiger und ver• (!erblicher wäre. Es sind aber — und das ist die Hauptsache — die Juden genau 80 schädliche und nützliche Menschen wie die Christen. Und es ist