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Jüdische Rundschau · 1911-06-16 · Heft 24 (16.6.1911) · page 1

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XVI (1911)
Issue
Heft 24 (16.6.1911)
Date
1911-06-16
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Von liberaler Seite wurde in der Debatte vielfach von einer Kraftprobe gesprochen, die von orthodoxer und zionistischer Seite versucht werde. Das war in der Form, wie es vorgebracht wurde, gewiß nur ein Schlagwort. Aber auch wer nicht geneigt ist, nach Art der Vertreter verschicdcncr Großgemcinden mit dem Gedanken einer Zertrümmerung des D. I. G. B, zu spielen, wird es bedauern, daß diese Abstimmung ebensowenig, wie die vor zwei Jahren, eine Aufklärung über das tatsächliche Kräfteverhältnis der Parfeien gebracht hat. Dynn solche prinzipiellen Fragen — cs handelt sich doch auch hier um Assimilation oder positives Judentum? — können eben nur im parteimäßigen Kampfe nusgotngen werden. Und wenn diese Scheidung der Meinungen — die deshalb noch keine Spaltung der Arbeitskräfte zu sein braucht —, noch lauge auf sich warten läßt, dann werden die Bimdesdele* gierten noch mehrmals nach Hause fahren müssen, ohne über ein positives Ergebnis berich* ten zu können und die preußische Judenverfassung, die wir .brauchen, wird in unabsehbare Ferne gerückt sein. Unter diesen Gesichtspunkten begrüßen wir es, daß die zionistischen Delegierten zum erstenmal auf dieser Tagung als eine geschlossene Fraktion mit 37 Vertretern und 80 »Mandaten auftraten, ihren Standpunkt durch Hechtsauwalt Dr. Klee als Wortführer präzisierten und ihre Vcrtrotcr ins Präsidium und in die Kommissionen,entsandten. Die Tagung selbst war aus mehrfachen Griinden nicht geeignet, allzu optimistische Hoff mmgen auf die Organisationsfälligkeit unseres dcutsehen Judentums und die legislative Leistung seiner Vertreter zu rechtfertigen. Mußte man vor zwei Jahren bei der Beratung zum Entwurf eines Organisationsstatuts den Motivcnbcricht vermissen, der die Delegierten lange vor der l'igung selbst mit dem Gegenstände der Verh-aulhing hätte vertraut machen sollen, so war •׳weh diesmal durch die unverantwortliche Ver- Zögerung in der Bekanntgabe der Aemlenuigsvoi•- schlüge zu den Statuten eine vorbereitende Diskussion unterbunden und diese mit all ihren 1111geminderten 'Schärfen der Tagung selbst vorbehalten worden. Angesichts dieser Tatsache bcdeutete cs eine Nichtachtung desGemeiiuIctages, ״je nicht scharf genug gerügt werden kann, daß diesen für das weitere Gedeihen des Bundes so entscheidenden Beratungen nicht einmal ein ganzer Sitzungstag Vorbehalten war; und die Entrüstung der Delegierten war nur zu verstand- ״clb als ihnen vom Präsidium mitgeteilt wurde, daß man sie um 5 Uhr nachmittags nach Hause zu senden gedenke, da — über den Saal von da ab anderweitig verfügt seil — So kam es, daß die äußerst wichtige und dringliche Beratung über die Vcrsichcrungsfragc mit dem äußerst instruktiven Referat des Abgeordneten Potthof, die auf der Tagesordnung der Statutenänderung vor* angesetzt wurde, im Leffekt beinahe mir wie ein Obstruktionsmanöver des Ausschusses wirkeu konnte. Hatte man im Vorjahre zur Bera* tung des Vcrfassungsentwurfes die Delegierten zu einer zweitägigen Tagung berufen, so hätten die beiden Gegenstände der diesmaligen Tages* Ordnung gewiß einen gleichen Zeitraum bean* Sprüchen können. So ist das Ergebnis, die Wahl zweier Kommissionen, denen nur ganz wenige Anregungen als Grundlage ihrer Arbeiten gegeben wurden. Die Frage der Statutenänderung ist jetzt in Fluß gebracht. Ein derartiger Plan kann nur mit ganz schwerwiegenden Gründen gerechtfertigt werden. Solche Gründe lagen und liegen nach unserer mehrmals geäußerten Ansicht nicht vor. Denn die knappe Majorität von 183:178, die sich vor zwei Jahren gegen den miserablen Ent• wmf des Ausschusses erklärte, kann von uns als hinreichender Grund nicht anerkannt werden. Aber wichtiger als das Statut des Gemeinde• blindes ist uns d e r Best a n d des (i c m einde blind es selbst. Denn djts ist es ja, was uns Zionisten zu den berufenen und zuverlässigsteil Arbeitern in allen wnhihnft jüdischen Organisatioucn macht, daß die Organisation als solche eine Grund b e d i 11 g u » g unseres e i g e - neu Programms ist und daß wir uns selbst untreu würden, wenn wir jemals unsere Hand dazu böten, daß eine gewaltige organisatorische Leistung langer Jahrzehnte, wie sie der Gemeindebtmd darstellt, zerstört werde. Der Geineindelag hat mit seinem jetzigen Statut die zweimaligen Acndcrungeu betrafen mir unwesentliche Punkte — •12 Jahre lang gearbeitet und wer mit dein Maß der geleisteten Arbeit nicht vertraut ist, dem sei das zuletzt erschienene Heft 7S seiner Mitteilungen zur Lektiire empfohlen. Er würde auch weiter auf Grund seiner gegenwärtigen Verfassung seinen Aufgaben gerecht werden können, wenn der Wille zur Macht, den die Vertreter einiger Großgemein* den -- wie uns dünkt, an recht falscher Stelle — tätigen zu sollen glauben, dem nicht entgegenstiimle. S o wird m a n s i c h i m 1 n t e r c s s e >1 e s B11 n d c s in i t der Notwendigkeit einer A e 11 d e r 1111 g ii b c r h a u p t a b f i 11 d e n m ii s - s e n. Man wird das um so leichter tun können, als das gegenwärtige Wahlrecht tatsächlich ein recht kompliziertes und willkürliches ist und mir a u f U m w e g e 11 eine Vertretung zustande bringt, die jener demokratischen Zusammen- Setzung, die wir in einer jeden jüdischen Körperschalt erstreben, einigermaßen ähnelt. Was die liberalen Herren am Sonntag vorbrachten über die Notwendigkeit, daß der großereu Leistung zu den Bundeszwecken auch eine stärkere Vertretung in der gesetzgebenden Körperschaft entsprechen müsse, mochte manchem leidlich klingen. Und auch das Pathos, mit dem man an die demokratische Gesinnung der Delcgierten appellierte, konnte bei naiven Gemütern Glauben finden. Aber cs wurde da doch recht Wesentliches verschwiegen. Tatsächlich nämlich kamen auch bisher die Großgemcinden sehr wohl zu ihrem Recht. Denn zu ihren (icineiudeinandateii sind zunächst jene zu/ii/ählcn, die fast ausschließlich ihnen als Vertreter der Gemeindeverbände zukommeii, ferner die Stimmen der Ausschußmitglieder, die wiederum mit den liberalen Vertretern aus den Großgemcinden identisch sind, und endlich jene große Zahl von ßlankomandaten, die gleichfalls von denselben Herren wahrgeuommen werden. Alle diese Sonderrechte müssen fallen, wenn man aufrichtig eine gründliche Reform des § 13 im demokratischen Sinne wünscht. Aber all das kann den Gemeindetag noch immer nicht zu einer wahrhaften Vertretung der Judengemeinden machen, solange nicht die Vorstandswahlen in den einzelnen Großgemcinden die teilweise sehr starken konservativen »Minoritäten zu ihrem Rechte kommen lassen. Der Weg, auf dem das erreicht werden kann, ist das P111 r a 1 * W n h Irecht mul die Möglichkeit der allgemeinen Durchführung hei der staatlichen Organisation gegeben. Daß den kleinen Gemeinden die »Woglichkeit gegeben werden muß, ihr »Mandat durch Leute ihres Vertrauens, wo sie auch wohnen mögen, ausüben zu lassen, ist ein Gebot primitivster Gerechtigkeit. So sehen wir zwei »Möglichkeiten: Entweder das in der Theorie durchaus nicht demokratische, in der Praxis brauchbare Wahlrecht bleibt wie es ist, oder aber, man entschließt sich zu einer Reform im demokratischen Sinne von Grund auf. Diese beiden Wege sind ehrlich, alles andere wäre eine Gesetzgebung zu Souder zweck eil, die sich über kurz oder lang rächen müßte. Wir liegen die Zuversicht, daß die Herren der Kommission gründlich und ohne Verzug zu Werke gehen werden. Denn die große politische Aufgabe, die des Gemeiiuletages wartet, hebt ihn aus seinem stillen Wirkenskreis heraus mul wird darüber entscheiden müssen, ob er als fähig gelten darf, die deutschen Judengemeinden lind damit das deutsche Judentum überhaupt, in Fragen seiner wichtigsten Lebensinteresscii zu vertreten. 1)01111* die Mitteilung Prof. P h i I i p p s o h n s, daß der Ausschuß von der Ausarbeitung eines Oiganisatiousentwurfes endgültig Abstand zu nehmen gedenke, beruhte auf einer irrtümlieUeu Voraussetzung und ist überdies doch wohl zu absurd, als daß sie als definitive Entscheidung zu betrachten wäre. Die n e u e J u d e 11 v c r f a s s 11 n g m 11 ß u n d wird kommen, und wenn der gegenwärtige Ausschuß nicht imstande ist, einen für alle Parteien annehmbaren Entwurf vorzulegen, so wird es ein zukünftiger tun müssen, oder — und das würden wir bedauern — die Arbeit müßte von einer geeigneteren Korporation übernommen werden. Uns Zionisten hat die Tagung gezeigt, daß wir bei geschlossenem und zicibcwußtcm Vorgehen heute sehr wohl in der Lage sind, auf wichtige Entscheidungen im deutschen Judentum Einfluß zu nehmen. Den anderen aber haben wir wiederum unsere Bereitwilligkeit be* wiesen, mitzuarbeiten. Wo man in den ״bcstimmenden jüdischen Kreisen" unsere Mitarbeit nicht

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