Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XVI (1911)
- Issue
- Heft 10 (10.3.1911)
- Date
- 1911-03-10
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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CH. 9kHf, Siirci.hstnmlcn DtciiM#« und י J u j|l1lll1llcf,|,l';_T 3_־fliiaeltinillags^^^ CT3־ d StDGßOSGKlQ EdlTyC Nummer 10 j Berlin, den 10. März 1911 — 10. ftdar 5671 XVI. Jahrgang Der Zionismus erstrebt für das jüdische Volk die Schaffung einer öffentlich-rechtlich gesicherten Heimstätte in Palästina. (Husetcr Programm.) in der türkischen Kammer ז 1 ä t'j. V•‘ t', ו¬ ו 1 I *. ‘ I >1־r Zionismus hat die Ehre gehabt, am Miusvoch der vergangenen Woche in der türkisilien Kammer den Gegenstand eincjr recht erregten Diskussion zu bilden, und am Donncr.stag früh meldeten das ״Berliner Tageblatt“ und andere hierzulande kurz ״Judcnblättcr“ genannte Zeitungen *) ihren Lesern freudestrahlend, der Großwesir des ottoinanischcn Reiches habe die Zionisten als Narren oder Charlatanc bezeichnet. An der Richtigkeit dieser Meldungen war von vornherein init Grund zu zweifeln, und die inzwischen eingetroffenen Zeitungen und ausftilirlichen Berichte aus Konstantinopcl lassen die Sache denn auch in einem wesentlich anderen Lichte erscheinen. Zunächst trug die ganze Debatte überhaupt )keinen n 111 i z i o n i s t i s c 11 e n, sondern einen an ti jüdisch cn Charakter. Aber auch das will recht verstanden sein. Um dem gegenwärtigen Großwesir Hakki Pascha, dessen angeblicher Rücktritt erst wenige Tage zuvor in der Presse gemeldet worden war, Schwierigkeiten zu bereiten, ihn vielleicht gar zu stürzen, hatte sich der Führer der Kammer- Opposition, der Deputierte von Ghumldjina Ismail Hakki Rcy von irgendeiner interessierten Seite dazu verleiten lassen, nach berühmten Mustern in Antisemitismus zu machen. Natiirlieh — dem Zwecke entsprechend —־ derart, daß er dem Großwesir bezw. dem Finanzminister Djavid Bey (bekanntlich einem Dömne, Nachkommen jener zum Islam übergetretenen Anhänger Sabbatai Zewis, die rassenreine Juden sind) vorwarf, die Regierung hätte die letzte lürkische Anleihe mit zionistischen Banken gemacht, die Zionisten seien im Begriff, auf Schleichwegen ihrem Ziel, dem jüdischen Reich, nahezukommen. Ein Zionist, Sir Er* ncst Cassel — so phantasierte dieses Mus• ter eines gutunterrichteten Abgeordneten weiter — hätte in Konstantinopel die Bauque Natio* nale gegründet, und durch diese Bank hofften die Zionisten, die Regierung allmählich kirre zu machen. Schon die Nennung des getauften englischen Juden Ernest Cassel als eines Zionisten hätte die Korrespondenten der europäischen Blätter belehren müssen, wie trefflich informiert der Ab. geordnete Ismail Hakki Bey war — wenn sie selbst nur nicht noch mangelhafter informiert gewesen wären! Auf die taktisch ganz geschickt auf den Chauvinismus spekulierende, inhaltlich aber überhaupt nicht ernst zu nehmende Rede Ismail Hakkis, die von den wahnwitzigsten und lächerliebsten Angriffen auf die ״Zionisten“ wimmelte, die er immer einfach mit den ״Juden“ identifizierte, mußte der Großwesir natürlich mit einer gehörigen Abfuhr antworten, wenn er seine Position retten wollte. Er verteidigte den über allen Zweifel erhabenen Patriotismus der türkischen Juden sowie die der Türkei erwiese¬ *) Eine rühmliche Ausnahme bildete allein die ״Frankfurter Zeitung". neu wertvollen Dienste einiger ausländischer Juden und erklärte wahrheitsgemäß, daß der Zionisntus mit der Anleihe zunächst einmal g a r n ׳i c h t s zu tun habe. Was aber dann die Befürchtungen Ismail Hakkis von der Gründüng des jüdischen Reiches angcht, so erklärte der Großwesir (wir zitieren nach dem regk*- rungsfeindlichen ״Stamboul“ vom 2. März): ״Un gouvernement ne se constitue pas ä Jörusalem et en Palestinc avec une poigncc de charlatans.“ ״Eine Handvoll Charlatanc wird in Jerusalem oder in Palästina keine Regierung installieren," Damit war der Zionismus — in dem Lachspicgelbild Ismail Hakkis! — und dieser Abgeordnete zugleich lächerlich gemacht, und der Großwesir verstärkte den errungenen Eindruck weiter, indem er diesen Zionismus als ganz bedeutungslos erklärte, zumal die Juden selbst nichts von ihm wissen wollten, diese Ju* den, die ein viel zu praktisches Volk seien, um einer solchen Chimäre nachzulaufen. Diese Rode des Großwesirs (die Schmock•‘!mißverstunden rasch hinaustelcgraphieren mußte, ohne daß ihm die Vorgänge überhaupt klar gewesen wären!) begriffe sich vollkommen aus der äußert gefährdeten Position des Großwesirs und der derzeitigen Regierung, deren momentane wankende Stellung ihr keinesfalls gestattet hätte, der politisch noch nicht sehr taktfesten, zudem durch die Hetzrede Ismail Hakkis aufgestachelten Kammer das wahre Wcsen des Zionismus auseinanderzusetzen und Ismail Hakki Bey für einen Ignoranten zu er-, klären. Da hätte die Kammer Verrat gewittert. ״Was? die Regierung verteidigt den Zionismus? Aha! Diese Schurken!“ Welcher Gedankengang hätte der Konstantinopler Kammer näherliegen können als dieser, dessen Konsequenz der Sturz des Kabinetts gewesen wäre! Und der Großwesir tat also, was er tun mußte, wenn er nicht ein zionistischer Märtyrer werden wollte — Zionismus? Gibt’s ja garnicht. Wir werden uns doch nicht vor einer Handvoil Charlatane fürchten!“ Damit hatte e r den Chauvinismus, und sein Gegner war der feige Gespensterscher. —-- Wie gesagt, die Rede begriffe sich allein aus diesem zwingenden Räsonnement. Aber einige Stellen der Rede Hakki Paschas zeigen, daß auch der Großwesir über den Zionismus und die zionistische Bewegung so bedauer* 1 i ch f al sc 11 i n f 0rm i c r t ist, daß wir Zionisten ein Recht haben, von dein schlecht informierten an den besser zu informierenden Großwesir zu apellieren. Auf unseren Kongressen ist — in aller Oeffentlichkeit —־ so oft und so überzeugend die absolute Identität unserer Interessen mit denen des ottonvan i sch en Reiches dar* gelegt worden, daß niemand uns den guten Glauben und das ehrliche Wollen absprechen kann, ohne unsere Argumente zuvor wirtschaftlich und politisch widerlegt zu haben. Das ״jüdische Königreich“ mag Herrn Ismail Hakki Bey aus Ghumldjina schrecken: des Groß-, wesirs politische Einsicht aber sollte so weit reichen, die zionistischen Bestrebungen nicht nur objektiv zu würdigen, sondern vielmehr ihren eminenten Wert für das ottomanische Reich zu erkennen. Vor allem auch müßte er wissen — was anscheinend zu vieler Verwirrung den Anlaß gibt! — daß in unserer westeuropäischen Sprachgewohnbcit das von uns viel augewendete Wort ״ A u t o n o m i! c“ n i c h t den in der Türkei üblichen Sinn von privilegiert er, durch fremde Mächte anerkannten Autonomie hat. Wir zitieren unten den Artikel eines türkischen Autors aus dem ״Jcunc-Turc“ vom 2. März, der — ohne daß wir uns direkt mit seinem Inhalt identifizieren — jedenfalls das Wesen des Zionismus besser erkannt hat, als das aus der Rede Hakki Paschas ersichtlich ist. Die europäische Judenheit, soweit sie sich zum Antizionismus der liberalen Blätter bekennt, sollte sich aber hüten, über die Koustantinop'er Kammerdebatte vom 1. März zu jubi- Heren, Diese Angriffe gegen die angeblichen Zionisten waren solche gegen die Juden, und gerade gegen die nichtnationalen, gegen die ״internationalen“ Juden, gegen das ״jüdische Börsenkapital“, wie es im hiesigen Antisemiten• jargon heißt, gegen Herrn Ernest Cassel und Consortcn — und die stehen dein ״Berliner Tageblatt“ ö tutti quanti doch näher als uns! Wenn das auch auf der Joumalistcntribüne der türkischen Kammer nicht begriffen wurde, so sollte man doch in der Jerusalemer Straße zu Berlin dafür Verständnis haben! * Für uns Zionisten hat diese Debatte nichts, aber auch garnichts Beunruhigendes. Sie ist uns ein Symptom dafür, wieviel Aufklärungsarbeit wir noch zu leisten haben — weiter nichts. Freilich ist cs, nachdem durch diese Debatte eine gewisse Erregung der öffentlichen Mcinung eingetreten ist, die zur Aufklärung vor* züglich ausgenutzt werden könnte, doppelt unangenehm, daß die für Ende dieses Monats einberufene Sitzung des Großen Aktionskomitees unmittelbar vorher hatte verschoben werden müssen. Jedenfalls muß diese Sitzung sobald als möglich stattfinden, und es wird dort zu prüfen sein, inwieweit sich die Art unserer bishörigen Arbeit in Konstantinopel bewährt hat. Das kann nur ein eingehender persönlicher Be־ rieht unseres Vertreters in Konstantinopel ermöglichen. Soviel aber steht wohl für jeden fest, der die Dinge ruhigen Blickes betrachtet: die offenbare Verwirrung aller Anschauungen yon unserer Bewegung bei den türkischen Politikern muß mit der inneren Consolidierung der fwVischcn Verhältnisse immer mehr schwinden und einer objektiven Erwägung Platz machen. Nur in einem so jungen, in sich wenig gefestigten Parlament wie dem türkischen sind so fundamental falsche Auffassungen einer von jedem nachprüf• baren Sache möglich.