Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XV (1910)
- Issue
- Heft 51 (23.12.1910)
- Date
- 1910-12-23
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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No. 51 JÜDISCHE RUNDSCHAU Seite 585 Warum genügt der Sclickcl niclit mclir den Bedtirfnisseu der Parteileitung? Weil in einzelnen Ländern mir vor Kongrelhvuhlen der Schekel fleißig eiligeholt wird, wahrend man sonst obstruiert oder passiv bleibt. Soll nun auch der Nationalfonds dem Moloch des Politihantcntums geopfert werden? Gewiß cs hat sich das Verhältnis der Landcspartcileitungcn zur Zentrale ähnlich gestaltet, wie das der seligen Umuiosfürstcn zum heiligen römischen Reich. Wem die Herren au der Spitze nicht recht zu Oesicht stehen, der röcht sich durch lässige Schckelcin- Ziehung -־ aber ist das ein Oruud auch den National• toiids in den Streit der Parteien zu ziehen? Wie wäre es, wenn das Wahlrecht an die zweimal hinter• einander erfolgte Scliekelzahlnng gebunden wtlrc? Wurden da die Gelder nicht reichlicher Hießen? Ich glaube, die Herren in Berlin, der Zentrale lii.Hlerncr Organisationslühigkcit, werden andere Mittel linden, unsere Spesen zu decken, und neue Ideen, den Zionismus neu zu beleben. Wie wäre cs, יי emi man versuchen würde, die Neigung zu Acuilerliclikciten die Genußsucht zu bekämpfen. Unsere Voreltern, die innerhalb der altjfldischen gesclilosse• neu Weltanschauung lebten, sie suchten keine au• deren Genüsse als lene, die sic innerhalb der Pa• milic, im Scholle ihrer Volksgemeinschaft fanden. Biese Einfachheit der Sitten, diese beglückende Be• schränkung, sie ist uns mit ihrem Judentum vorloren gegangen. Der Zionismus bedeutet die Erneuemng der alten Volksgemeinschaft auf moderner Basis — eine neue Anschauung des Lebens und der Welt *oll uns Kraft und Prcudc bescheren. Wir predigen die Rückkehr zum Boden der Väter und demgemäß zur Natur und Natürlichkeit. Killt da nicht von selbst weg, was den Anderen, den Irrenden, den Abfallenden das Leben wert macht? Sind wir Zionisten in der Lage, beglückt durch die Arbeit für unser Volk, auf hundert Acullcrlichkeitcn und auf viele Schaugenüsse des modernen Lebens zu verzichten? Welch eine Perspektive für die Pro• pagamla, welch eine befreiende Tat, wenn Zionismus zugleich Erlösung von dem Wahnsinn, der Hetze nach Genuß bedeuten wurde, die so viele kostbare Leben ausfiillt und noch mehr in die nie rastbietende Knechtschaft des Erwerbes zwingt? Und welch ein Treffer, welch ein segensreiches Beginnen, wenn diese neue Seite des Zionismus von Berlin aus propagiert würde, wo man die Last des perfiden Luxustreibens am härtesten fühlt und von wo aus die Juden Deutschlands die Schlagworte der Moden übernehmen? Man kann über diese Idee auch lächeln aber sie ist lange nicht so komisch als der Gedanke, Juden aus Berlin nach Palästina zu vcrpilanzcn. Ich glaube, daß der bloße Versuch Berlin viel Sympathie sichern würde. Dabei ist noch sehr zu überlegen, ob das zionistische Berlin nicht eine billigere Verwaltung einführen kann. Es wurde als eine Tat gepriesen, daß in diesem Jahre zum ersten Male ein Budget von der Zentrale in Köln aufgcstcllt wurde — aber cs wäre wohl erst dann diese Tat zu begrüßen, wenn es sich um ein balunzicrcndcs Budget handeln würde, bei dem die Ausgaben keinesfalls größer sind als die Einnahmen. Noch eine andere schwere Last, geeignet, sie recht unbeliebt zu machen, will die neue Leitung sich auibiirden, die Zerstörung der Pcdcration. Haben denn die Landesorganisationen so herr* liehe Priichtc getragen, daß man ihnen den ganzen Zionismus ausfolgcu darf? Oder stehen wir nicht inmitten einer Krise, hervorgerufen durch die falsche Politik einiger Landsmannschaften? In einer Ocsiimnngsgoineinseliaft, wie der 1111• seren, mit ihren differenzierten Bckcnnern, die außer• halh des Zionismus oft weniger Gemeinsames haben als Zionisten und Assimilanteii, ist cs notwendig, die v•:vscluedcmuUgsten VcrlvAudc ׳i.w bilden, um tunlichst viele Möglichkeiten der Organisation zu schaffen. Eine Vereinheitlichung, also eine Art Zwangsgenossenschaft kann mit einem Schlage einige lausend Schekel-Zahler abstoßen. Ich beglückwünsche die Herren in Berlin, die dies Ideen nicht propagieren, sic haben etwas spe• ziiisch Preußisches und könnten leicht mißverstan• den werden. Organisation in allen Ehren, aber sic darf nicht zum Selbstzweck werden. Plc Kriegs- Kontribution und die Zwangsgenosscnscbaft werden von unseren Gegnern als Zeichen der größten Schwäche gedeutet werden, als Beweis der Unfähig- Keit, mit rein geistigen Mitteln, mit seelischen Anregungen diu Bewegung weiter zu entwickeln. Und Berlin, gerade Berlin sollte nicht unter diesen Auspizien beginnen, denn Berlin steht ohnehin Jtn Rufe, daß das Geld dort den Geist beherrscht und trockene Organisation die höheren Regungen. Mail kann mit Disziplin, allein grolle ,Bewegungen nicht beherrschen, man braucht hierzu auch ״eine große! Summe von Sympathie. Und die wünschen wir alle; den Herren, die berufen sein sollen, das Erbe Theodor ׳ Herzls zu übernehmen. fl. I. (1. Die Sitzung der Deutschen Conferenz - Gemeinschalt. Infolge der Differenzen zwischen dem Zentralkomitcc der Alliance Israölite Universelle und der Deutschen Confcrcnz-Qcmcinschaft, über die wir zuletzt in voriger Nummer berichtet haben, hatte der derzeitige Vorsitzende, Herr Justizrat Dr. Max Puchs, auf Dienstag, den 20. Dezember, eine Sitzung der Deutschen Conferenz-Gcmcinschaft nach Berlin cinbcrufcn, zu der außer dem Vorsitzenden die Herren Picard- Frankfurt a. M., Rabbiner Dr. Wcrncr•München, Stadtrat Quttniann-Beuthen, F1 ö r s h e i m - Dortmund, Q 0 m p c r t z -Hamburg, Dr. P0rgcs• Leipzig, Dr. Vogclstein -Königs• borg I. Pr., Dr. Rosenthai-Breslau erschienen waren. Das Pariser Zentralkomitee hatte die Herren Profcssor Dr. Israel Lcvy und den Generalsekretär Higard entsandt. Außerdem war eine große Anzahl Mitglieder des Lokalkomitccs Berlin und verschicdcncr anderer, Lokalkomitccs anwesend. Der Vorsitzende cröffnctc die Versammlung, indem er des Hinschcidcns des Geschäftsführers Klausner und des Mitgliedes des Zentralkomitees, Herr Rechtsanwalt Behrendt in Danzig gedachte, und gab sodann Herrn Qompcrtz•Hamburg das Wort zutu Bericht über die Sitzung des Zentralkomitccs in Baris am 30. November d. Js. Herr Gompcrtz wiederholte im wesentlichen den schrift• liehen Bericht der fünf Mitglieder der Deutschen Coiiferenz-Gcincinsehaft, die an der Sitzung teilgenommen haben und faßte seine Eindrücke dahin zustimmen, daß er die Ucberzcugung gewonnen habe, die deutschen Mitglieder der A. I. U. sollten nach der Meinung des Pariser Zentralkomitees nur zahlen, aber nicht m i t a r b e i t c n. Deswegen und wegen des brüsken Tons, mit dem man die Herren aus Deutschland in der Sitzung behandelt habe, habe er sein Amt nicdcrgclcgt. Dieselbe Erklärung gab Herr Picard ab. Beide Herren hielten ihre Demission aufrecht, obwohl ihnen nahegelegt wurde, dieselbe zuriickzuzichcn, indem sie wiederholt darauf hinwiesen, daß sie hierzu vor allen Dingen die Art und Weise bestimmt habe, mit der die Herren in Paris gegen die Mitglieder in Deutschland aufgetreten seien. Der Vorsitzende Justizrat Puchs legte sodann in prägnanten Worten seinen Standpunkt dar. Das Pariser Z.-K. hab»* weder das Recht gehabt, die D, C. G. aiifziilöscu, noch habe irgend ein Anlaß hierzu Vorgelegen. Das Bestehen der D. C. 0. beruhe nicht auf einer Genehmigung des Zentralkomitees, sondern auf den Artikeln 16 und 18 der Statuten ncr A. I. U, Das Zentralkomitee habe umso weniger die Möglichkeit, die D. C. G. auf/.tilöscti, als es selbst illegal sei. Denn es bestünde seit 1908 zur größeren Hälfte aus Mitgliedern, deren Amtsperiode abgetanfen sei. Zu diesen bereits ausgclostcn Mitgliedern des Z.-K. gehöre sogar der Präsident Nareissc Leven. Das Z.-K. habe auch keinen Anlaß gehabt, die D, C. G. aufzulösen, denn diese habe die Mitglicdcrzahl der Alliance in Deutschland in wenigen Jahren verdreifacht. Es sei auch nicht richtig, daß die D. C. 0. etwa deutsche Interessen zur Geltung zu bringen suche. Dies Hege allen dcutsehen Mitgliedern der Alliance (cm. Ihre Opposition beruhe ausschließlich auf lediglich jüdischen Grundsätzen. Die Deutschen beabsichtigtcn nicht, sich von der A. I. U. zu trennen. Sic haben aber ihre besonderen Ansichten, denn sic hätten die größten Bedenken gegen die Art und Weise, in der das Z.-K. in Paris die Geschäfte führe und diese besonderen Ansichten wollten sic geltend machen. Herr Justizrat Fuchs schloß mit der Vorlegung einer Resolution, die von! Berliner L 0 k a I k o m i t c e in seiner Sitzung vom 18. Dexemher bereits einstimmig a n g c n 0 in in c 11 worden ist. Die Resolution lautet: I. Die außerordentliche Tagung der D. C. G., die während ihres zehnjährigen Bestehens das Ansehen der Alliance in Deutschland in hervorragendstem Malle befestigt, die Mitglicdcrzahl der A. I. U. in Deutschland verdreifacht, ferner im Geiste ihrer Bcgründer und Ihrer Satzungen der A. I. U. neue Aufgabcngcbietc erschlossen und diese Aufgaben erfüllt hat, gibt ihrem lebhaften Bedauern und Erstaunen über den die Aufhebung der D. C. G. bezweckenden Beschluß des Zentralkomitees vom 30. November 1010 Ausdruck. Der Beschluß beruht auf einer vollständigen Vorkennung der berechtigten und maßvollen Wünsche der deutschen Mitglieder der A. I. U. Er widerspricht ferner dem Artikel 18 der Statuten der A. I. U. und ist überdies von einem nicht legal zusammengesetzten Zentralkomitec gefaßt rechtlich nicht verbindlich. Vor allem aber erscheint‘er geeignet, das große Werk der A. I. U״ und insbesondere deren universellen Charakter zu schäfortbcstclicnd 1906. digen, dessen Aufrechtcrhultung das eifrigste Bcmühen der D. C. G. stets gewesen ist. II. Die D. C. 0. erklärt sich daher als auf Grund des bisherigen Statuts von Hl. Alle deutschen Bezirks-, Landes- oder Lokal- Komitees haben daher nach wie vor ihre Einnahmen an Beiträgen und Spenden sowie ihre Abrechnungen, nach Abzug der notwendigen Kosten, und ihre Bcrichte dem Deutschen Bureau in Berlin zu übermittein. IV. Die D. C. G. fordert das Zentralkomitee auf, die seit 1908 statutenwidrig unterbliebenen Neuwahlen zum Zentralkomitee auszuschreiben. Herr Rabbiner Dr. Werner unterstützte die Resolution, die nach seiner Ansicht sehr maßvoll wäre und rief dem Pariser Zentralkomitee zu, cs solle vorsichtig sein, denn es gefährde mit seinem einseitigen Standpunkt und durch Mangel jeder Rücksichtnahme auf die jüdische Volksseele die Integrität der A. 1. U. Prof. Levy-Paris versuchte die Ausführungen der Vorredner zu entkräften. Auch das Zentralkomitcc in Paris wolle den allgemeinen Gedanken der Alliance Isradlitc Universelle aufrecht erhalten. Es könne aber nicht dulden, daß in Deutschland eine Sonderorganisation entstände. Nicht nur die A. 1. U. würde leiden, wenn die Deutschen austreten würden, auch das deutsche Judentum würde leiden, wenn es nicht mehr an dem allgemeinen Werk der A. I. U. beteiligt sei. Die folgenden Redner wiesen mit Recht darauf hin, daß diese Antwort nicht genüge. Professor Landa u-Berlin betonte, daß niemand in der D. C. G. deutsch-nationale Politik treiben wolle. Das Z.-K. sei es, welches, gegen den allgemeinen Gedanken in der A. I. U. verstoße. Dr. Hantkc-Berlin erklärte unter allgemeine׳.' Zustimmung, daß die Idee einer Separation oder die Verfolgung spezifisch deutscher Interessen oder territorialer Eitelkeiten vollkommen außerhalb des Gesichtskreises der D. C. G. lägen. Die deutschen Mitglieder der A. 1. U. wünschen nur die Rückkehr zu den ursprünglichen allgcmeinen jüdischen Gedanken der Gründer der A. I. U. Das Pariser Z.*K. sei cs, das gegen diese Grundsätze verstoße. Die Zeit sei vorbei, in der ein kleines Komitee sich das Recht anmnlien könnte, namens der Jmlcnheit zu sprechen, ohne daß es irgend ein Mandat hierzu habe und ohne sich der Kontrolle deröffentliehen Meinung zu unterwerfen. Rabbiner Dr. Vogclstein- Königsberg. Rabbincr Dr. V o g c I s t c i n - Stettin, Justizrat Dzialoszynsky stimmten den Ausführungen des Vorredners bei. Nur Herr Flörsheim war der Ansicht, daß die D. C. G. dem Pariser Z.-K. oft genug Anlaß zum Mißtrauen gegeben und kein Recht habe, sich über Par i s zu beklagen. Allerdings ist auch er der Ansicht, daß der Beschluß des Z.-K. vom 3ü. November ungesetzlich und statutenwidrig gewesen ist. Auch Stadtrat Guttm a u 11 - Heutlieu brachte einige Bedenken vor. Die Abstimmung der Resolution ergab deren Annahme. Nur Rabbiner Dr. Borges stimmte dagegen, weil er sich nicht mit allen Punkten der Resolution einverstanden erklären könne. Die Herren Picard und Gompcrtz enthielten sich der Abstimmung, da sie ihr Amt niedergelegt hätten. Die Deutsche Confcrcnz-Gcincinsehaft hat sich also in ihrer großen Mehrheit auf den Standpunkt gestellt, daß der Auilösungsbeschlull vom 30. Novciuher ungesetzlich ist. Sic bleibt weiter bestehen und fordert in der eindringlichsten Weise von! Z.-K. sofortige Ausschreibung der statutenwidrig unterbliebenen Neuwahlen. Es bleibt abzuwarten, tn welcher Weise das Zentralkomitee in Paris dieser Tatsache Rechnung tragen wird. AUS ALL6R WCLT Deutschland Auf dem Vorbandstagc der Ticrschutzvcrclne in Düsseldorf erfolgte vor zwei Jahren die Errichtung einer Kommission zur Verbesserung der Schlachtviehtötung. Im Aufträge des Verbandes wurde von dieser im Jahre 1909 ein Fragebogen an die dcutsehen Schlachthöfc ausgegeben, in dem einer der Hauptpunkte die Schächtfrage bildete. Intercssant dürfte cs sein, daß letzt die Antworten eingelaufen sind, wenn auch nur 400 von 600 cingingqn und 20 als unbrauchbar ausschlcdcn. Abgesehen von vielen anderen Bemerkungen hat sich die Kommission auch danach erkundigt, wo bis jetzt behördliche Vorschriften für das Betäuben der Schlachttiere