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Jüdische Rundschau · 1910-12-09 · Heft 49 (9.12.1910) · page 1

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XV (1910)
Issue
Heft 49 (9.12.1910)
Date
1910-12-09
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Jührtjanjj Der Zionismus erstrebt für das jüdische Volk die Schaffung einer öffentlich-rechtlich gesicherten Heimstätte in Palästina. Baseler Programm. Ausweis Schekel 1909/10: Güttingen 12 Mk.,!.einzig .1 Mk.. Merlin 1 Mk. Lumlcsbellräue 1909/10: Merlin 1 Mk.. Leipzig 2 Mk. Orga»Isatlo11s10nüs: Hamburg 3 Mk. (exkl. Nr. 39 der ,.Jüdischen Rundschau"!t. Spezifikation int N.-F.-Auswcis). Gleiwitz 5 Mk. (Spezifikation im N.-F.-Auswcis). Cicsauitciimaiis* bis 7. Dezember 1910: Schekel 1909/10: *17-13.50 Mk., Landesbeltriige 1909/10: 3173.3(1 Mk., Organlsatlonslonds; 93 03.50 Mk. Dr. Hirsch Hildesheimer ז־צ־ל Von Rudolf Lesczynsky. Am letzten Dienstag ist uns plötzlich Dr. Hirsch Hildesheimer durch den Tod entrissen worden. Wer ihn gekannt hat, weiß, was wir an ihm verloren haben, und es ist doppelt schwer für den verehrenden Schüler in dem ersten übcrwältigenden Schmerze die Worte zu finden, nicht um seine Wirksamkeit zu schildern und zu würdigen — das wäre in diesem Augenblick noch unniög* lieh — sondern um schlicht und wahr am frischen Grabe nur einiges wenige von dem zu sagen, was heule die Brust von vielen Tausenden bewegt. Als Sohn seines großen Vaters trat Hirsch Hildesheimer hinein in das Leben der großen Welt. Sein Vater war R. Lsricl 1 iiklesheinier, einer der bedeutendsten und hervorragendsten Führer der jüdischen Orthodoxie, und die Riehtung des Weges, den der Sohn gehen mußte, war in dieser Abstammung schon begründet. In einem Hause aufgewachsen, in dem sich Glaubenstreue mit Adel des Charakters in glücklichster Weise paarte, hat er dies Erbe seiner Familie treu bewahrt und vermehrt, hat die alten Traditionen wie ein heiliges Banner hochgehalten. Mit der ganzen Glut seiner Ueberzeugung hielt er an dem Gesetze seines Volkes mit unwandelbarer Treue fest. Die Befolgung der überlieferten Lehre war die Grundlage seiner Lebens- und Weltanscliatumg, aus dieser seiner Auffassung vom Judentum flössen die Quellen für sein Wirken und Handeln, auf ihr beruhte sein ganzes Sein. Aber wenn er so völlig auf dem Boden der Orthodoxie stand, so war das für ihn nie ein Grund, sicl\'ab/.uschUeßcu gegen die Andersdcnkenden unter seinen Brüdern, sich zu trennen, sobald es galt, gemeinsame Interessen zu verfcch* ten und gemeinsamen Zielen nachzugehen. Allen Parteien und Bestrebungen, die zum Wohlc des Judentums, für die Erhaltung und Kräftigung des Judentums arbeiteten, alle Organisationen, die einen Zusammenschluß der jüdischen Kräfte für gemeinsame Arbeit und gegen gemeinsame Feinde bezweckten, fanden in ihm einen aufrichtigen Freund und tatkräftigen Helfer. Eine Unzahl jüdischer Vereine steht trauernd an seiner Bahre und wird künftig sein Fehlen in Rat und Tat schmerzlich vermissen, in erster Reihe der Hilfsverein der Deutschen Juden, dein er Zeit und Arbeitskraft und Gesundheit opferte. In die• sem Sinne leitete er fast ein Mensclicnalter hindurch seine Zeitung die ״Jüdische Presse" und focht den unendlichen Kampf gegen den Antisemitismus in vornehmer Weise mit unfaßbarer Ausdauer und Geduld. Eine seiner mühevollsten Arbeiten auf diesem Gebiete war die Sammlung von Gutachten zugunsten des Schächtens, duren die er die weitere Ausbreitung des Schächtverbots, das der deutschen Judenheit drohend bevor stand, erfolgreich abgewandt hat, und die gewallige Bedeutung, die dieser Arbeit zukommt, hat inan unter den deutschen Juden bei weiten! nicht genügend anerkannt, weil man die Gefahr nicht genügend beachtete. Aber I lirsch Hildesheimer erkannte klar, daß cs nicht genügt, die bereits geschlagenen Wunden immer wieder nachträglich zu verbinden, sondern daß es die Aufgabe des jüdischen Politikers ist, vorzuarbeiten und vorzubeugen. Soviel er für die armen vertriebenen Stammesbrüder in Rußland tat, er wußte stets, daß es unmöglich ist, die Judenfrage auf diese Weise zu lösen, und deshalb richtete sich sein Auge auf das Land unserer Väter, dem er mit der ganzen iiberströnicnden Liebe seines fühlenden Herzens zugetan war. Nicht nur dem jüdischen Volke, auch dem jüdischen Lande galt seine Arbeit. Die unablässige Tätigkeit für Palästina ist eines der Ruhmesblätter seines reichen Lebens. Ja, er war unser! Mag das stolze Wort den lauten Schmerz gewaltig übertönen. Was ihm Palästina war, das beweist, daß er zu uns gehörte. Die wissenscliaftlichcn Studien seines Lebens bezogen sich auf die Erforschung des heiligen Landes. Bewundernswert war, wie er in allen Einzelheiten dies Gebiet kannte, das er zu seinem größten Schmerze nie mit den Augen sah. Hand in Hand mit seinen Arbeiten über die Geographie Palästinas gingen seine Forschungen über die Geschichte des jüdischen Volkes, soweit sie sich auf dem heiligen Boden abspielte. Aber in den geographischen und geschichtlichen Vor• lesungen, die er am Rabbinerseminar zu Berlin hielt, suchte er auf seine Schiller nicht nur die umfassende Kenntnis vom Lande Israel, sondern auch die Liebe zu ihm zu übertragen, und er selbst war ganz der Mann, die Liebe, die er in! Herzen trug, auch zu beweisen und tätig für die Kolonisation Palästinas einzutreten und zu wirkcn. Daß er das Referat über Palästina, das er für den ersten Baseler Kongreß übernehmen sollte, nicht gehalten hat, daß er nicht an die Stelle kam, die ihm gebührte und wo wjr ihn so gern gesehen hätten, in die Leitung der zionistischen Bewegung, das war die Folge einer Keile von unglücklichen Verwicklungen, und so beschränkte er sich darauf, mit freundlichem Interesse die Arbeit der jungen Bewegung zu verfolgen. Es war eine seiner letzten Freuden, als sich Freunde zu* sammentaten, »un ihm ein ewig grünendes Denkmal im Lande der Väter zu setzen. Das und noch viel mehr war er als Jude. Was er als Mensch war, vermag nur der zu schätzen, der ihn gekannt. Ein goldener Charakter, ein aufopfernder Freund, eine edle Erscheinung — so haben viele Hunderte verehrend zu ihm emporgeblickt, zu dem großen freundlichen Mann mit den großen treuen Augen, die sich nun für immer geschlossen. Das jüdische Volk ehrt seine Toten nicht mit Bildern von Erz und Stein. Hirsch Hildesheimer hat sich in seinem Leben voller Arbeit für Jas Judentum selbst sein Denkmal errichtet, er hat cs sich verdient, im Herzen seines Stammes dauernd fortzuleben, und statt verwelkender Kränze legen wir den Dank von i ausenden an seinem Grabe nieder. Wir pflegen den Trauernden die echt jüdischen Worte zu sagen: השקום ינהש א־־/כש כתוך שא* אכלי ציון וירושלים der Allmächtige tröste euch inmitten der übrigen, die da trauern um Zion und Jerusalem. Wir müssen uns diese Worte heute selbst zurufen. Der Schmerz um den großen Toten geht auf in das große Weh um unser Volk, das nicht stark genug ist, viele solcher Wunden zu ertragen. Der Streit in der Dessauer Stadtgemeinde Her ehrenamtliche Sekretär der A. I. U . Herr Rechtsanwalt Dr. Apfel, «reift in jüdischen Blättern den Zionismus an. indem et die Beliaupumg aufstellt, ein Zionistcnfiilircr habe sich von Amtsemiten als Stadtverordnctcnkandidnt aufstdieit lassen. Damit soll offensichtlich Herr Rcchtsanualt Dr. Ascher aus Dessau gemeint sein. Als Mitarbeiter der hiesigen zionistischen Ortsgruppe sehe ich mich veranlallt, die Sache richtig zu stellen. Ich halle es für um so notwendiger, als sich auch die Redaktion des ״General-Ar,Zeigers für die (iesamt- Interessen des Judentum.»" gedrängt fühlt, Klarheit in dieser Sache zu verlangen. Herr Dr. Ascher gehurt der nationahiber; len Partei an. In seinen politischen Reden vertrat er einige Forderungen der Mittelstandsvereinigung auf rein wirtschaftlichem Gebiete. Nach einer Erklärungsabgabe der Parteiführer dieser Vereinigung, dal! die Mittelstandspartci hierorts zu dem unter der Führerschaft des Herrn Rahardt in Merlin stehenden Verband gehöre, der nicht allein Handwerker, sondern auch Gewerbetreibende und jüdische Kleinkatifleute wie auch Mitglieder aller politischen Parleien in sich fasse und von Antisemitismus vollständig frei sei. trat Herr Dr. Ascher in die Mittelstandsvereinigung ein und wurde zu deren Vorsitzenden gewählt, Bei den diesjährigen Stadtverordnctenwaitlen wurde er von dieser Partei als Kandidat aufgcstellt. Die Konservativen unterstützten seine Kandidatur, weil Herr Dr. Ascher m deren Kreisen sehr geschätzt ist und nicht zum geringen Teil wegen seiner positiven Stellungnahme zum Judentum und zum Zionismus, fur den man in den hiesigen höheren Gesellschaftskreisen Verständnis hat. Da die hiesige Fortschrittliche Volkspartei, ac. deren Spitze der Herr l.aitdtagsabgcordncte Dr. Cohn steht, eine Kandidatur von der Mittelstands- Vereinigung nicht annehmen wollte, so entstand ein heftiger Wahlkampf. Wie bei jedem Wahlkampf Schlagworter in die Menge geworfen werden, die auf ihren Wert nicht zu prüfen sind, so wurde auch liier von der Gegenpartei das Schlagwort in die Oeffentlichkeit geschleudert. Dr. Ascher habe sich von Antisemiten aufstellen lassen. Dieses unsinnige Schlagwort machte die Runde durch die Dresse, und Herr Dr. Apfel mochte sich daraus seine Information geholt haben. Wie weit man auf Seiten der für Dr. Ascher cintretcnden Parteien bemüht war, den geringsten Schein von Antisemitismus nicht aufkommen zu lassen, geht aus folgendem an Herrn Dr. Ascher gerichteten Brief eines antisemitischer Gesinnung verdächtigten Kandidaten hervor. Der Brief lautet: Dessau, den 2. November 1910. Herrn Rechtsanwalt und Notar Dr. Ascher Dessau, Askaniscltc Str. H3. Ich beziehe mich auf Ihre gestrige Unterredung mit meinem Kollegen, Herrn HehnolcJ. meine Stellung zum ״Antisemitismus" betreffend, und gebe Ihnen

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