Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XV (1910)
- Issue
- Heft 48 (2.12.1910)
- Date
- 1910-12-02
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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JUED1SCHE RUNDSCHAU Seite 555 Nr. ■18 ״Breslauer Morgenzeitunx** Unter dem Titel ״Charakterlosigkeiten" schreibt das demokratische Blatt gelegentlich der Diskussion des Tivoliprogramms u. a.: 111״ Berlin erscheint seit Jahr und Tag kein Aufm1, der, selbst wenn es um christliche Prachtkirchen oder um rein feudale Dinge, wie Heime fiir unversorgte Offizicrstöehter geht, neben Herzogen, Grafen und Baronen nicht einige alUcstainentlichc, freilich sehr metallisch nebenklingende Namen von grollen Bank- und Industrieherren tragt. Und die reichen Juden kommen auf leisestes Locken nur gar zu gern herbei. Der freiherrliche Nachbar ist ihrem jungen Weltmannstum noch eine gar zu starke Sensation, der sic nicht widerstehen. Man wünschte da oft gröberen Stolz und charakterfestere Herbheit. Wenn gar der Kaiser selber wirbt, da strömen die jüdischen Gelder in mächtigen Fluten heran, ohne Vorbehalt gewährt. Aber es muH gesagt werden, dnil dieses Verhalten der reichen Judenschaft unklug ist. Sic sollte in solchen Dingen von der ihr über Nacht kapitalistisch wesensverwandt gewordenen Junkerschaft lernen. Damit nur könnte sic nersönliehen Respekt bei den Machthabern erreichen, die heute immer noch in ihr die GcldsUcke berücksichtigen. Bin Beispiel für viele: Anlülllich des Jubiläums der Berliner Universität war der Kaiser in der l.agc, Mitteilungen von einer Millionenstiftung zu machen, die, wie die Doktorprumotiouen bewiesen, wiederum in hohem Malle judengoldhalti« war. Aber nicht ein einziger dieser semitischen Mäzene besaß so viel Charakter, an die Hergabe seiner Gelder die Bedingung zu knüpfen, daß die erste Landesuni• versitüt endlich mit ihrem unerhörten Antisemitismus aufräume, der seit Traubes Tagen keinem einzigen Juden ein Ordinariat mehr verlieh. Prinz August W ilhelm hat seine juristischen Examina mit Hilfe des anerkannt ersten Rechtslelircrs der Prledrlch Wilhelmsuniversität gemacht, aber diese höchste Kanazität der juristischen Fakultät ist Jude und deshalb nicht ordentlicher Professor. Die christliche Professorenschaft, Herr Rocthc an der Spitze, fühlt sich bei diesem schreiend ungerechten Modus durchaus wohl, da ihr die Konkurrenz hochwissenschaftlichcr Kräfte vom Leibe gehalten, und die fettesten Lehr- Pfründen Vorbehalten werden. Sic liebt diesen Zustand durchaus und wünscht ihm ewige Dauer. Wie aber stehen die da. die mit Hcrgabc jüdischer Gelder solche Ungerechtigkeiten, wie die Ucbergehung jiidischer Wisseusautoritälcn bei den Berufungen in die Ordinariate, schweigend gutheißen und indirekt noch fördern. Lcssings Wort: ״Der reichere Jude war mir nie der bessere Jude", das die deutsche Junkerscliaft freilich nicht unterschreibt, hat noch heut eine bittere Bedeutung. Die Konservativen haben recht, wenn sie solche l'.lemente halb und halb schon zum eigenen Heerbann rechnen, ohne Verzicht darauf, gesellschaftlich antisemitische Ausnahmegesetze weiter zu statuieren." ZIONISTISCHE BEWEGUNG Wir verabsäumten in der vorigen Nummer bckannt zu geben, daß das Aufführungsrecht des Festspiels von Frau Dr. Wachsncr. das wir in No. 17׳ veröffentlichten, nur gegen eine Oclbaumsncndc zu erwerben ist. Wir wiirrfcn uns freuen, wenn das Stück recht viele Oelbäumc einbringen würde. Neudruck des ersten Kongressprotokolls Die liidfsch-natlonale akad.-tcchn. Verbindung Barlssia ln Prag hat beschlossen, zur Feier ihres 15. Semesters der zionistischen Welt zum 10. Kongroß ein Geschenk in Form einer Neuauflage des seit vielen Jahren vergriffenen Protokolles des I. Zionistenkongresses zu widmen . Die vorbereitenden Arbeiten wurden bereits in Angriff genommen. Mitteilungen des Zenlratbureaus der Zionistischen Vereinig, für Deutschland Die zweite Auflage unseres Merkblattes kann nunmehr In beliebiger Anzahl von Exemplaren zum Versand kommen. Von einer Intensiven Verbreitung dieser kleinen Schrift erhoffen wir nicht nur zahlenmäßige agitatorische Erfolge, sondern wir glauben auch, daß die propagandistische Tätigkeit eines jeden unserer Freunde anhand dieses Vadcmccums an Sicherheit und sachlichem Ernst gewinnen muß. Unsere Freunde, die sich der mühevollen Zusammenstellung des Merkblattes unterzogen haben, dürften den Zionisten damit ein Lehr- und Propagandamittcl geschaffen haben, das in der gcsamten deutschsprachlichen Parteiliteratur seinesgleichen sucht. Sache eines Jeden von uns Ist es jetzt, an der Verbreitung und — Benutzung des Heftes an seinem Teile mitzuwirken. Die Preise von 10 Pfennig für einzelne Merkblätter, 9 Pfennig beim Bezug von 100 Exemplaren und 6 Pfennig bei 500 Exemplaren verstehen sich ohne Porto. Bestellungen richte man an die Zionistische Vereinigung für Deutschland Berlln-Charlottenburg, Bleibtreustr. 49. AUSDCM GEMEINDEN Dl« Mitarbeit unterer Leser an dieser Rubrik Ist besonder! —־.ו—• trvünscht— - Uärwalde. Die hiesige jüdische Gemeinde, die auf drei Familien zusantmcngcschmolzcn ist, hat die Absicht, die ihr gehörige Syuagogo zu verkaufen und den Begräbnisplatz der Stadt in Verwaltung zu übergeben. Für die Instandhaltung der Gräber und <lie Binzäummg des Friedhofes will sic der Stadt mindestens 3000 Mark Übergeben. Die Stadtbehör- Gon haben das Angebot angenommen. München. Die ״Frankfurter Zeitung“ schrieb dieser Tage in Bezug auf die Verhältniswahl und das Centrum in Bayern, daß die Stellung dieser Partei eine verschiedenartige (je nach den Interessen, welche sie zu vertreten hat) sei. Auch innerhalb der ״vereinigten Liberalen" dürfte cs nicht besser bestellt sein, was sich an nachfolgend beschriebenem Beispiel zeigt. - Die Verwaltung dcrlsruclltlsehcn Kuttiisgcmeliidc in München setzt sich zu 7« aus Vertretern der sogenannten liberalen Richtung zusammen und diese Herren ״Kultusrüto" sind im politisehen ).eben eifrige Anhänger der liberalen Sache. Nim sollte man doch meinen, daß dieselben ihrer ״liberalen Ucbrezcugung gemäß der Minorität in der Gemeinde eine gesetzliche Vertretung zubilligcn mußten. Doch davon ist man in diesem Kreise weit entfernt. Auf dem Wege des Kompromisses ist cs bisher häufig gelungen, einige wenige Herren mit anderen Anschauungen in das hohe Kollegium zu wühlen: als jedoch vor einiger Zeit von religiös• konservativer Seite der Antrag auf Änderung des Wahlrechts, zu Gunsten der Verhältniswahl, gestellt wurde, leimte die ״liberale" Mehrheit dies Ansuchen einstimmig ab. Diese Frage ,wird wohl sicher bei der in Bälde vorzimchmcnilcn Änderung des veralteten bayerischen Judengesetzes von 1813 zur Zufriedenheit der Minoritäten in den Gemeinden gelöst werden müssen, allein bei einer richtigen Zusammen- Setzung in der Verwaltung könnte schon jetzt eine w ir k I i c 11 liberal e" Gcincindeverfassung gcschaffen werden. Im Laufe des Dezember findet eine Ersatzwahl zur Kultusvcrwaltung statt, und cs hat für 6 austretcmlc Herren eine Neuwahl in das aus 18 Mitgliedern bcslchcnde Kollegium zu erfolgen. Neben der Frage der Verhältniswahl sind cs noch eine Anzahl anderer wichtiger Fragen, welche eine zeitgemäße Regelung erfordern. In erster Reihe ist es das Stcucrgesctz, welches auf eine moderne Basis gestellt werden sollte. Nicht die leistungsschwachen, sondern die mit einem besseren Einkornmen Bedachten sollten die größeren Lüsten tragen: hier ist es umgekehrt. Die geringste Stcuerstufc ist א Mark (!) und wer dies nicht zahlen kann, hat kein Wahlrecht. Ein Mitglied mit z. B. 121)0 Mark Einkommen zahlt Iß Mk. Steuer, eines mit 12000 ML zahlt 96 Mk.; ist das ein Verhältnis? Ein weiterer Minstand liegt dar'n. daß die Gemeindemitglicder über die inneren Vorgänge, besonders über die Oebarnng des Finanzwesens, durch keinen Rechensehaftsberieht. wie in anderen Großgemeindcn. unterrichtet werden. Der Finanzbericht liegt zwar allialulieh kurze Zeit in der Gciueiiidekunzlei öfieutlich auf. allein wer hat immer Zeit zur Einsicht? Warum soll eine Gemeinde von 1!*-12000 Seelen ihren Mit- Gliedern keinen ausführlichen Bericht zustellen? Die Sitzungen der Verwaltung sind wohl ״statutarisch" öffentlich; wer hat aber Kenntnis von der Zeit dieser Sitzungen, da nie eine solche öffentlich ,' kannt gegeben wird? Die Armenpflege erheischt dringend eine bessere Organisation: nicht minder soll die Gemeindeverwaltung der in jüdischen Kreisen nötigen sozialen Fürsorge ihre Aufmerksamkeit widmen. Ein wichtiger Punkt im Programm der Gcmeindeverwaltung muß auch der sein, die Einrichtungen des Kultus so zu gestalten, daß allen rcligiösen Ansprüchen Gerechtigkeit zu teil wird. Wie man hört, hat sich nun ein Komitee für volkstümliche Wahlen aus Konservativen und wirklich Liberalen (nicht ״Liberalen" im Sinne des ״sogenannten" .Liberalen Vereins filr das Judentum") gebildet, das!Guulidatcn aus den verschiedensten Richtungen vorschlagen wird, welche filr ein Programm mit obigen Richtpunkten clntrctcn werden. Ein späterer Bc- Ticht soll Näheres über die Wahlagitation resp. die Wahl bringen. Amltal t7£Re1NS*R0NDSCHÄQ Die Schrlttfflhrcr der Vereine werden gebeten. die Derlcbie mogllclitl knnne zu hatten und sie stets rechtzeitig einzusenden. Manuikrlnto nur tut otnor Sotto beschreiben — deutliche Schrillt Berlin. Am Sonntag, 4. Dezember, nachmittags 4 Uhr präzise, findet ein geselliges Beisammensein der Braucn-Abtcllungcn des Jüdischen Turnvereins Bar Kochba bei Ncumann, Roscnthalcrstr. 36, statt; Vortrag von Herrn Dr. Jalowlcz — Vorsitzender der Jüdischen Turnerschaft — über ״Unsere Tendonzen". Damen als Gäste herzlich willkommen. Berlin. Der ״Veroln selbständiger Handwerker jüdischen Glaubens“ begeht am Sonntag, 4. Dczcmber, sein XV. Stiftungsfest im großen Saale von Ncumanns Fcstsälcn, Roscnthalcrstr. 40/41. Der Eintrittspreis beträgt 1 Mark. — Am Montag, dem 5; Dezember, nachmittags 2 Uhr, findet der diesjährige JUdlscho Handworker-Verbandstag In Berlin, Burg-Hotci. Burgstr. 20. statt. Anschließend hieran, findet abends 8 Uhr ein Festessen statt. Berlin. Am Mittwoch, dem 7. Dezember, spricht Herr Robert Hirschfeld im Jüdischen Jugcndbund über ״Die Entstehungsgeschichte des Christentums". Lokal: Burg-Hotel, Burgstr. 20. Anfang 9 Uhr. Gäste willkommen. Berlin. Am Sonnabend, den 10. Dezember d. J״ abends 9 Uhr, findet in den Ocsamträumcn der Philharmonic, Bcrnburgerstr. 22-25, zum Besten des Fonds fiir die Errichtung eines eigenen Heims des Jüdischen Jugendbundes ein Winterfest (bestehend aus Konzert und Ball) statt. Karten ä 2 Mk. sind int Kaufhaus des Westens, im Bureau der Phi!- harmonic, in der Buchhandlung Louis Lamm. Neue Friedriclistr. 61/63, erhältlich. Berlin. Am 7. Dezember d. J., abends 9 Uhr präzise, spricht Herr Richard L i c h t h e i m auf Einladung des Hcrzl-Klubs im ״König von Portugal über ״Die zionistischen Institutionen zur Kolonisation Palästinas". Gäste, besonders junge Kauflcute, herzlich willkommen. Berlin. Der zweite Gc sc h ich t s v 0 r t r a g des Jüdischen Frauenbundes für Turnen und Spurt findet am Mittwoch, dem 7. Dezember, abends ,/HO Uhr, im Restaurant Tiergartenhof (Klause) statt. Herr cand. Löwenthal spricht über .,Die Parteien in Israel". Damen als Gäste willkommen. Rntlhor. Am Sonnabend, dem 10. Dezember, abends üi9 Uhr, veranstaltet unsere Zionistische Ortsgruppe in großem Rahmen als jüdisches Geincindevergnügen ein ״W 0 h 11 ü t i g k e i t sf e s t für die ölbaumspend e", bestellend aus einer Festansprache, reichhaltigem Cabaret und Tanz. Die Vorbereitungen werden von einem neutralcm Damcnkomitec getroffen. Wir hoffen, recht viele Obcrschlcsier mit ihren Damen als Gäste bei uns zu begrüßen. Bcuthcn (O.-S.). Die Zionistische Ortsgruppe veranstaltete eine von Mitgliedern gut besuchte Ver- Sammlung, in der Herr Parteisekretär Blumenf c 1 d über das Thema ״Zionismus und Menschheit sidca 1", sprach, ln der anschließenden Generalversammlung erslattcte der Vorsitzende einen kurzen Bericht. Die Zahl der Mitglieder ist sich gleich geblieben und bcträgt 90. Die Kasscnvcrhültnissc sind günstig. An zionistische Institutionen wurden im verflossenen Cieschüftsjalii• über 2000 Mark abgeführt. Es fanden mehrere Vorstamlsitzimscit lind eine Anzahl öffentlieber Verunstaltungen statt. In den Vorstand wurden wiederbezw. ncugcwählt die Herren Dr. Dobrzinsky als Vorsitzender. Kaufmann J. Hcrzfcld als Kassierer. Dr. B lock als Schrift- (iiltrer. Frau Dr. Emmerich und die Herren Ingenieur Eugen l'ränkci. Kaufmann Löwenstamm. Dr. L c w k o w i t z als Beisitzer. Für das kommende Winterhalbjahr ist die Abhaltung monatlieber Mitgliederversammlungen in Aussicht genommen. in denen Referate und Zcitutigsschaucn die Vertiefung des Verständnisses filr unsere Bewegung fördern sollen. Zum Schluß empfahl Herr Lesse•־, der die Oberschlcsischc Bücherzcntralc mit großem Eifer leitet, dringend die Unterstützung dieser für unsere Propaganda wichtigen Einrichtung. Den anwesenden Kattowitzcr Gesinnungsgenossen sei für ihr Erscheinen gedankt. B. Stargard I. P. Am 21. November wurde in einer von dem Rabbiner Herrn Dr. Silber stein einberufenen Versammlung ein Jüdischer JiigonUhutid «•«!*rundet. dem sofort 22 Herren und 9 Damen als ordentliche Mitglieder beitraten. Der Stettiner Jugcndbund war bei der Gründung durch drei Herren vertreten. Frankfurt n. M. In der Zionistischen Jugend• gruppe, die sich eines wachsenden Interesses erfreut, sprach am 22. November Herr Dr. Göttlich über Allgemeines zur Statistik der Juden“. An Stelle des erkrankten Dr. W. Hanauer sprach alsdann Herr D. Siegfried S c 11 w a r z s c h i I d über ..Zusammensetzung der j ü d 1 s c It cn B c - völkerung in Palästina". Herr Dr. Schwarzschild, der Gelegenheit halte, in Palästina selbst Land und Leute kennen zu lernen, berichtete in sehr anziehender und fesselnder Weise über seine persönlichen Erfahrungen an Ort und Stelle. Beide Vorträge fanden großen Beifall. In der sich anschüc-!,enden Mitgliederversammlung wurden per Akklarnation L. Perlmutter zum Vorsitzenden, Frau Bamburgcr, Jos. B 011 a g - Fcuclitwangcn, Dr. Jur. Göttlich und Lehrer Baruch Stern in den Vorstand gewählt. f׳r?nk[urt a. M. Die Mitgliederversammlung der Mlsrnchl-Orlsgruppo, die im Kursaaic Milani stattand, cröffnctc der Vorsitzende. Herr Professor A. yJ ITli* ^c.m Ausdruck der Befriedigung darüber, daß die Eimgkcitsbestrcbungcn zu einer Arbcitsgemcinschaft zwischen Misrachi und Dcutsch-Zionist Ortsgruppe geführt haben und besprach die einzelnen Punkte der Tagesordnung. Dann ergriff Herr Lehrer Stern das Wort zu seinem Referate über den XII. Dciegiertentag unter Berücksichtigung des