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Jüdische Rundschau · 1910-11-18 · Heft 46 (18.11.1910) · page 1

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XV (1910)
Issue
Heft 46 (18.11.1910)
Date
1910-11-18
Page
– (sequence 1)
Language
German
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November 1910 — 16. Cheschwan 5671 XV. Jahrgang Der Zionismus erstrebt für das Jüdische Volk die Schaffung einer öffentlich-rechtlich gesicherten Heimstätte in Palästina. Baseler Progra mir. Ausweis Schekel PHO/II: Briesen •1 Mk״ Hamburg 8 Mk. -* Jahresbeiträge: Brust Jscciig-Hamburg 5 Mk.. Wolf! Goldschmidt-thmihurg 5 Mk.. Hermann Uold.selmiidt• Hamburg 5 Mk., Josef 1101dscl1111idt-Itaitibtirsc 5 Mk״ Df. mal. Otto Jonas-Düsseldorf 20 Mk.. Max Jonas- Florenz 21) Mk. — Oruuiilsuilonsfoiids: Bernhard Haum-Pcucnn 2 Mk.. Dr. Bambcrger-Kromteh SD Mk.. f•'. (loliliiiaiiit-Macasser (NiedcrI. Indien) durch Julius Bttsse-Berliu 10 Mk., Hamtover (It. Spezifikation im Nationalfoiuls-Ausweis) 2.00 Mk. (icsamtohigaug bis 18. November l'JIü: Schekel PHO II: .10 Mk. Organisntiousfonds (Jahresbeiträge mul gelegentliche Z11\vcnd1111«en> 91-17,95 Mk. Die Gemeindewahl in Berlin Die Berliner Jüdische Gemeinde steht seit Wochen im Zeichen des Wahlkampfes. Kein T.1־g vergeht, an dem nicht wenigstens eine öiientliehe Versammlung oder Vertrauensmänner, sit/uni׳ stattfindet. Auf beiden Seiten wird mit Anspannung aller Kräfte gekämpft, und es muß deshalb mit einer ungewöhnlich hohen Wald- Beteiligung gerechnet werden. Handelt es sieh ja in diesem Wahlkampf um die entscheidende!•■rage, welcher Richtung die Majorität und damit die Herrschaft in der Cimcinde zufallen soll. Das jammervolle System der 1 isienwahi hat diesmal eine eigentümliche Konstellation ge• zeitigt. Vor o Jahren siegte eine rein liberale Liste, vor 3 Jahren begingen die Liberalen den von ihrem Standpunkt taktischen Fehler, sich mit den Konservativen in ein Kompromiß eiiizulassen. Da die Blockbrüder sich nicht gegenseitig irauieu, so wurde auf beiden Seiten fleißig gestrichen. Was man nun auch sonst den Centralvcrcinlern an Cichässigkeit und Saumseligkei. vorwerfen konnte, in diesem Lalle zeigten sic sieh auf der I lohe. Sie strichen mit großem Heiße und treuer Hingabe und der Frfolg sollte nicht ausbleiben, Fs wurden die konservativen Kandidaten gewählt, während die Liberalen sich mit der Rolle der Frsatzrcpräsentanten begnügen mußten. Jetzt verbleiben 7 Konservative und i Libcraler in der Repräsentanz, während die übrigen 13 mul 5 Frsatzrcpräsentanten — sämtlich liberal — sich von neuem zur Wahl stellen müssen. Fine ganz neue Wendung hat nun der jetzige Wahlkampf dadurch erhalten, daß bald nach der letzten Kompromißwahl der N e u e Jüdische G c m e i n d c v e r ei 11 auf den Kampfplatz getreten der c1ur11*.־ seine inten• sive dreijährige Tätigkeit unserer Gemeinde eine gänzlich neue Orientierung zu geben gewußt hat. Nicht ״liberal'‘ oder ״konservativ“ sind jetzt die Gegensätze, sondern in den Vordergrund ist die Frage gerückt, mit welchen Mitteln ein lebendiges, wurzelechtes Judentum zu erhal* ton und zu erwecken ist. Die Frhaltiing des Sab bat hs und der hebräischen Sprache, die J u g e n d er Ziehung, das Volks« und Relrgi- 01t s s c h u 1 w e s e n und eine Reihe demokra* tischcr Forderungen bilden den wesentlichen Inhalt eines Programms, für das die J ü d i - sehe Wall!Vereinigung — bestellend aus dem ״Neuen jüdischen Oemeindeverein“, dein ״Verbände der Synagogenvereine“, dem ״Verein zur Frlialtung des überlieferten Juden- Iums“ und dem ״Verein selbständiger 1 lauclwerker jüdischen Glaubens“ — in diesem Wahl• Kampf sich einsetzt. Diese moderne Auffassung von den Aufgaben einer jüdischen Großge• meiiule findet bei den ״Liberalen“ natürlich nicht das geringste Verständnis und deshalb wissen sie in ihrer Verlegenheit nichts anderes zu um, als auf den Zionismus, den großen Uebeltätir los/uschlagen. Uns kann diese Iden• lifizierung des Zionismus mit moderner, domo• kratischcr und jüdisch-sozialer Gemeindepolitik gewiß nicht unwillkommen sein, zumal die uu• glaublich kindischen, zuinteil rohen Angriffe unsere Freunde Klee, 1.0 ewe, l.ewiu, W i t k o w s k y u. a. auf den Kampfplatz gerufen haben, die von der grundsätzlich auf 10 Minuten beschränkten Redezeit der liberalen Vtrsammlun• gen guten Gebrauch zu machen wissen. Allerdings unter Aufbietung aller stimm• liehen Kräfte, da die Geroiztheii. einen ruhigen Verlauf ihrer Versammlungen unmöglich mach». Wie anders das Bild, das die Versammlungen der ״Jüdischen Wahivcrcini• gung“ bieten! Der geschickten Leitung des demokratischen Fabrikdirektors F. Lichtenstein, der den Gegnern die größtmögliche Redefreiheit gewährt, ist es immer noch gelungen, einen würdigen Verlauf der Debatten zu erzwingen. Datier erwecken diese Vcranstalum• gen einen ungeheuren Lnthusiasmus bei den Anhängern der Wahlvereinigung und das inslinktive Bewußtsein des Frfolges scheint die Massen zu beherrschen. Alles in allem ist es ein frischer, mit leidenschaftliclier Hingabe geführter Wahlkampf. Wem der Sieg auch zufallen mag, die im Sinne eines positiven bewußten Judentums geleistete Arbeit wird in jedem Falle ihre Früchte tragen. Die Kandidatenliste der Wahlvereinigung enthält folgende Namen: Rentier Müritz, M a n 11 e i in e r. Rentier H e r - mann Aron. Dozent Dr. B duard Bauet 11, llamlel.M'ieliter Hugo lleilinann, Bankier U:* 11 c o n II e v in a 11 n , Spe/.ialarzt Dr. Bugen Israel, Kaufmann S a 11 i K i r s e 11 s t e i n . Rechtsanwall Dr. Alfred Klee. (ich. Med.-Rat Prof. Dr. I.c0(|״ld Landau, Rechtsanwalt Dr. ßdttard l.esz ynsky, Prof. Dr. Carl Lew in. Chemiker Dr. Max 1. ewinski, Magistratsrat Dr. Adolf Neu in a 11 n , Stadtverordneter Max S a 1 i n g e ז . Kaufmann Bernhard Salz. Stadtverordneter Rechtsanwalt Jacob Schachtel, Bankier S i e gh e r t S e c k e I s 01111. Buchdrucker Max Silbe r I) c r g. Wir fordern alle unsere wahlberechtigten Leser in Berlin auf, nur diesem Kand id a te n ihre Stimme zu geben, keinen Namen von der Liste zu streichen, da dies bei der nun einmal existierenden Listenwähl den Erfolg gefährden könnte. Eine starke Demonstration für einen wirklichen Liberalismus muss diese Wahl bedeuten — der Erfolg wird dann nicht ausbleiben I Liberalismus oder Radikalismus? Zum neuen Frankfurt er (i e b c t bu e h. Zur rechten Zeit, für die Berliner Gemeindewählen wenigstens, ist ein Buch auigetauclu, dessen ßrscheinen sonst - aulicr für den Sammler v »n Kuriositäten kaum von Interesse wäre. Das neue : Frankfurter Gebetbuch, im Aufträge der Verwaltung t der israelitischen Gemeinde in Frankfurt a. M. ihr die neue Westend-Synugogc vo;1 Rabbiner Dr. C. Selig 111 a 1111 hcraiisgegchen, ist. wie cs in der 1 ..Allg. Zeit. d. .lud." kurz und präzis licüU. ein wesentlieh deutsches Gebetbuch und lost um einem Schlage* die Frage, ob mit Recht der indische Gemeindeliberalismus als Radikalismus bezeichnet wurde. <»!) es wirklich eine ״verfängliche Unterstellung" ist. wenn behauptet wird, dali das Ziel dieses Liberal sums di״• möglichst vollständige Beseitigung oder Binschränkung der hebräischen tiebctssnrache ist. liier w ird es über allen Zw eifel klar, wohin der Kurs ce.1t. Das Hebräische hat in diesem Buche den Wert einer Zierleiste für den deutschen Text. Das vicigcschmuhtc Union Prayer Hook ist diesem Buch gegenüber cm fast hebräisches. Und erschien der amerikanische Gottesdienst bisher fast legendenhaft radikal, diesem Gottesdienst gegenüber ist er Konsulvativ. Kein Liberaler'aber und auch Herr Prof. Kaliseher nicht, der das Hebräische mir als ״Zugeständnis an die nicht i.bzuleucncnde Unkenntnis" eingeschränkt wissen will, hat selbst in dieser Wahlzeit Kegen üiese Ver-! unglimpiung unseres Gebetbuches und unserer Gebetssprache Widerspruch erhoben. Von liberaler 8'citc haben wir nur eine Lobpreisung dieses Buches als einer mutigen, bedeutungsvollen Tat vernommen.ן Wie dieses Gebetbuch aussieht, sollen ein paar Beispiele zeigen. Im Freitagahendgebet linden s.eii liebrüiseli, ob als Zicrschmuck oder für den Vortrag bestimmt, wird dabei nicht klar, der Satz — wohlverstanden nur der eine Satz : lecho daudi. Borelui (2 Zeilen), das Schema, dem eine mit dem Ursprung-I liehen Text nicht viel tuelir als Berührungen autj weisende Umdichtung beigegeben ist. weschoniiii. I Kidduseii und Kaddisch. Alle» andere, d. 11. also so! vtut wie der ganze Frcitagabcndgottcsdicnst. ist deutsch: Leeim ucranneno. das eigentliche lechodaudi. mismanr schir lej.nim haschaboii usw.. und selbstverständlich auch die Sclteimme ellre. Dafür findet sich am Bingang. und so wiederkehrend am Beginn der meisten Gottesdienste, der schone, nach Rhythmus und Reimgebung gleich geschmacklose. Vers: Froh nah ich Dir. Du stilles Haus des Herrn. Wie liegt von liier Der laute Tau so fern! Und für den Kiddiiseh findet sich die gcsclimack« ׳ volle poetische Uchcrtragung überhaupt feiert in diesem Buch eine produktive Dichtcrseeie wahre Orgien — ־. Mit des Weines holder Labe. Die uns Deine Güte beut» Stehend wir Dir dankend heut usw. M V I I % > | v I besser fortgekommen. Hebräisch ist der erste Absalz von Boruch seheoniar. jisclitabbacb. Sehern 1 mul einiges wenige mehr. Das Aushebern ist wese״:- lieh hebräisch, wie auch das Mussaph, luer Hauptgehet genannt, etwas hebräisch ist. Interessant ist die Zurcehtsiutzung des llallel. das auf etwa ein Hinftel seines Umfangs zus.mimengexclmitzt is?. wenigstens an dieser Steile: sonst und auch im Morgengebct für Wochentage ist es vollständiger geblieben. Wie überhaupt der Werktagsgottesdienst hebräischer tmd jüdischer ist. Für diesen Gottesdienst ist man eben wesentlich aut Minjanleute angcwiesen - auf die Mitwirkung des Rabbiners verzichtet man hier selbstverständlich und für solchen Gottesdienst finden sich indische Leute nicht einmal für ( cid. - Den zweiten Teil des Gebetbuchs, für die jonnlii nauronn habe ich nur flüchtig durchgesehen. Die Purnu-Zeliung berichtet, man weiM nicht, ob billigend oder millbilligend: ״Der Gottesdienst für das Neujahrsfest umfallt im ganzen noch

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