Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XV (1910)
- Issue
- Heft 44 (4.11.1910)
- Date
- 1910-11-04
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 89% known words query
- IRI
…/2651273-2651657-2651702--07366-2664527- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
4 ]10 rr r Abonnement■ •ul die wöchentlich •re Frei, tif erscheinende ,,Jüdische Kund»ch*u״ koste! bei der Ksnrdltion uni bet •llen Post• »miern vIcrirlJlHrllch 1.25 M. •utterhslb Deutschlsadi and Ocsterrclch'Uatarns 2.- M; lür Mltdieder indischer Ver• el«e Im Stmmclbciu* durch de! Verein I.— M. Verl•! Jidlsche Ruedick•■ K, Q. m. b. II, Berll! SW. M. Zlrereentr. TT. Qeschlltsttuadrn: 1 bis 7 Uhr ••sier Sonatbeid uid Sc•• tag. f , ,:t Ob u r־\n;'pN<V־o Y\ f7/ CI ©00 ־—l Anzeigen kosten llr die ID*ltesp*ltt*e Petltielle oder deren Raure מ l»l*.; Stellen>An«ebot• ana Qesuche sowie Verelnsmlt• telluncen 0. ״KleUe Aszelge■ »ur 15 PI*, oooooo 0• Manuskripte werden, weaa Porto btllleft. stets lurOck• letandl. — Redakllonsschlu» Mittwoch vormllt•*•. Redaktlea Jüdische Riadtckia Oerlln-Charlottetibur*. Blelblreailr. 41. Tel. Cb. IM). Sprechstunden Dienst•* und Doaaeritai 5—b Dtchmltun. j' Nummer 44 Berlin, den 4. November 1910 — 2. Cheschwan 5671 XV. Jahrgang 1 er Zionismus erstrebt für das Jüdische Volk die Schaffung einer öffentlich-rechtlich gesicherten Heimstätte in Palästina. Baseler Programm. Ausweis K.itimvitz 150 Mk. Jahresbeiträge, l.eo Motzkin- ״m 10 Mk. Jahresbeitrag, lirnst HievfitlUMhlil- י ■*seil i. Bis. 5 Mk. Jahresbeitrag, Conrad Seluiver- .r;,11 15 Mk. Jahresbeitrag. Ur. I.azurus-Burgkundt 5 Mk. Jahresbeitrag. Kef. A. Wolf-Aurich 2 Mk. :!resbeitrag, Wollt Goldschmidt-hambnrg 5 Mk. iircsbeitrag. Pr. Hermann Feist-Frankfurt a. M. ן Mk. Jahresbeitrag. Jetlka Pick, Rudolf!,ick. Josef iwdmann-Ostrowo Je 1.50 Mk. Jahresbeitrag für i, (Juurtul 101(1. h'tir Parteifonds 2.05 Mk. aus Hau- ׳•er. (Spczif. im N.-F.-Ausweis.) Mannheiiii 21 Mk. .־Nickel, 20 Mk. Landesbeitrüge, Offcnbacli 20 Mk. •Nickel für 1910/11. 20 Mk. Landesbeitrüge für 1'00/11, Heidelberg l Mk. Schekel. 1 Mk. LandesviiraK, Stettin 7 Mk. Schekel. Königsberg 8 Mk. י Nickel. Königsberg 3 Mk. Schekel iiir 1910/11. Wies- .״len 1 Mk. Schekel. 10 Mk. Lundesbeiträge. Frank- :art u. 0. 2 Mk. Schekel. Bis zum 31. Oktober sind mithin für den Orgaiti- >ationsfonds (Jahresbeiträge und gelegentliche Zu- \\ cfiJungen) 8971,35 Mk. ciitgcgangcn. an Schekel gingen für 1909/ lü 4(>83.5ü Mk.. an Landesbciträgcn lur 1909/10 3084,30־ Mk. cm. ferner 23 Mk. Schekel ittr 1910/11 und 2ü Mk, Landesbeiträge für 1910 II. Der Genera isireik und die Juden Aus P a r i s erhalten wir von besonderer °׳ •יle Ui: folget ulen Ait^fiihrimj^en, die uns einer ILaclitunjf auch itt deutsch-jüdischen Kreisen weit erscheinen: Aul keinem Gebiete zeigt sich die Schwie- 1i;gkeit und l ’nvollkomiuenheit des jüdischen 1 dkiis in der Diaspora so deutlich, wie auf po־ htschem. Während sich für die meisten Staatsbürtfer, deren Zugehörigkeit zu dieser oder j. ner Partei ^anz einfach aus ihrer sozialen Stellung ergibt und höchstens noch von ihrer allgemeinen Welianschaiumg beeinflußt wird, nagt cs sieh fitr den Juden außerdem noch, wo r nicht als Angehöriger irgend einer sozialen 8 c 1.1 c 111, sondern als J u d e seine politischen Interessen am besten wahrnehmen kann. Ha nun die Parteien der Rechten, deren Angehörige größtenteils rasscnstolze Antisemiten •nd für den J 11 de 11 von vornherein nicht in Utraclu kommen können und infolgedessen 1 :herhaupt mir die der Unken in Präge gezogen ' erden, ist es verständlich, daß von Anfang an eie Juden sich in großer Zahl dem Sozialismus 1. die Amte geworfen haben. Die Zeit, da Marx und Lassalle der Welt 1 ue neue ).ehre predigten, stand noch unter der Nachwirkung der französischen Revolution mit 11m n Schlagxvorten von der Freiheit, Gleichheit mul Brücletlidikcit, und in der allgemeinen i יegeiSterling für die gute Sache ging man sogar so weit, den Juden, für die die Ghettomau• < in eben gefallen waren, brüderlich entgegenzu• kommen, und in dem allgemeinen Verbriide־ 1 ungsdusel durften sie hoffen, daß nun endlich die Welt dahin kommen würde, auch sic als gleichberechtigte Brüder anzusehen. Aber in den Frwartimgen, die sie auf ihre Parteigenossen sctz.tcn, haben sie sich — als ,1 u d e 11 — tausend Mal getäuscht gesehen. Wo es speziell j ti d i s c h c Interessen zu vertreten galt, haben die ״Genossen“ in unzähligen Fül• len versagt, ja sie, deren erste Apostel aus dem Judentum hervorgegangen sind, haben sich vielfach nicht gescheut, die jüdischen Parteian* gehörigen bloßzustellen. So erwähnt die ״l.iberte“ die revolutionäre Gruppe der ״russischen Zionisten“ als besort* tlers verdächtig, und Guichard, der Chef des Pülizet-Departemeuts, der der Ueberwachung der Anarchisten seine Haupttätigkeit zuwendet, hat einen Bericht verfaßt, der freilich von überalcn Blättern als ״hinsichtlich der Juden stark übertrieben“ bezeichnet wird. In diesem Be* rieht behauptet Herr Guichard: ״Wir haben in Paris eine große Anzahl verdächtiger Plemcntc jeder Nationalität, hauptsächlich aber russischer und polnischer Her• kunft, und diese sind die gefährlichsten; zu Hun. derttausenclen sind sie nach Amerika ausgewan• dert, wo sie freundschaftlich als ״slawische Pin• Wanderer“ aufgcnottimen wurden. Zu Zeiten waren 900 üöß solche Pinwanderer in New York und fast ebensoviele in Philadelphia. Ha sii jedoch in jedem Laude, in das sie kamen, Unruhcit verursachten , wurden sie gezwungen, Amerika allmählich zu verlass;» und haben sielt daraufhin vorwiegend nach Spanien, Portugal und Frankreich gewendet. Sie sind diejenigen Flemente, die uns mit ihren Beziehungen zur revoluiionäreu Soz.ialistcnpar• lei und der ״Gonfederation du Travail“ die meiste Mühe machen, Wenn wir auch einmal eine Anzahl solcher Fremden in ihrem Stamm• lokal in der Rue de Bretagne verhaften, so ist dies nicht ihr einziger Zufluchtsort. Sie sind über alle Bezirke von Paris verstreut, aber vor• wiegend in der Nähe ihrer Glaubensgenossen, bei denen sie ihre Mahlzeiten einnehmen, Ver- Sammlungen abhalten und in ihrer Mutterspräche sprechen.“ Gegenüber diesen ganz, offenbar feindselig gefärbten Angaben liegen die tatsächlichen Verhältnissc folgendermaßen: l.s existieren itt Paris eine oder mehrere zionistische Gruppen, die sich allerdings vorwiegend aus russischen Juden zusanimenselzen. Diese haben ihre Versammlungsorte, vcranstal* ten Vorträge, stehen aber allen p o I i t i - sehen F ragen, die Frankreich betreffen, absolut fern. Sie sind friedliche Bürger, ehrliche Handwerker und junge Leute, die sieh in Frankreich oder nach Rückkehr in ihr Heimatland in freien Berufen betätigen wollen. Das sind gewissermaßen die ״offiziellen Zionisten“. Ps hat sich hier in Paris, speziell aus den Rc'hcn des e i n g c \v a n d c r t e n j ü d 1 - sehen Proletariats, die Partei der ״Z i 0 n i s t c ״ - S o 7. i a 1 i s t e n“ gebildet, die hauptsächlich aus Schneidern, Mützenmachern und russischen Studenten bestellt. Um jedoch von den sozialistischen Organisationen nicht des jüdischen Partikularismus verdächtigt zu werden (!), nehmen die Zionisten-Sozialisten cs mit dem revolutionären Sozialismus besonders genau. ln keiner der beiden zionistischen Gruppen, gibt es jedoch Personen, die irgendwie an Unruhen oder Verschwörungen beteiligt gewesen wären. Die wirklich anarchistischen Organisation nen haben absolut nichts Jüdisches oder gar Zionistisches an sich, sondern rekrutieren sich, aus denselben einheimischen und fremden Eiementen, die auch anderwärts dem Anarchismus angehören. Man muß immerhin bedenken, daß nicht ein beliebiges antisemitisches Winkelblatt diese Ausführungen gemacht hat, sondern der Chef eines großen Pariser Polizeidepartements, also ein hoher Beamter der Exekutive. Die Juden aber, die Zionisten besonders, sollten es endlich einmal einsehen lernen, daß — wie radikal ihre politischen Anschauungen auch sein mögen — sie einfach zu schade sind, um den revolutionären Parteien immer wieder die Kastanien aus dem Feuer zu holen. Jugendbewegung und Kulturarbeit Von Heinrich M a ז g u I i e $. Bin Almanach. der von den Ergebnissen unseres neuzeitlichen Kulturkampfes in überaus iürtceü'licher und erfreulicher Weise Zeugnis ablegt, lenkt wieder einmal unsere Aufmerksamkeit aui diejenigen, die sich um die Herausgabe des wertvollen Büchleins verdient gemacht haben: auf die österreichischgalizisdte Jugend. Die Hochachtung, die wir dem Weihe und seinen Schöpfern zollen müssen, z.wingt miis aber auch, wieder einmal Umschau zu halten in' unseren eigenen Reihen. Wollen doch bei uns die Stimmen nicht ermüden, die die־ dcutschjudisehe Jugend auf Kosten 'der aullcrdeutschen herausstreichen, ihren Idealismus, ihre durchgebildcte Orgunisation, ihr tatkräftiges und fruchtbringendes Arbeiten in oft übertriebener Weise preisen und unverdient potenzieren, um die Disziplin- und Organisationsiosigkeit nichtdeutscher, rauferischer, angeb-!ich glicttobehaftcter Juden wirksam hiervon abstehen zu lassen. Mit einem fast deprimierenden Gefühl der Beschämung werden wir uns eingestchen müssen, daß all die erwähnten Vorzüge, die wir unbestreitbar den östlichen Jugendorganisationen voraus haben, uns weder bisher befähigten noch wohl in allzuraschcr Zeit befähigen dürften, auf kulturellem Gebiet, im Schaffen jüdischer Werte. Aehnliclics zu leisten. F.inc traurige Tatsache, und leider fast noch gefährlicher als traurig. In Oesterreich ist der Gegensatz zwischen Natioiiuljudcntum und Taufjudentum ein so schroffer, daß zwischen diesen beiden Extremen kein Platz ist für schwach nuancierte Vcrmittlungsformcn. Der österreichische Jude ist entweder Zionist oder er ignoriert sein Judentum. J!s ist in Österreich schwer denkbar, daß sich Organisationc bilden könnten, die eine Pflege und Verteidigung des Judentums erstreben und gleichzeitig den nationalen Tendenzen feindselig aggressiv cntgcgcntrctcn. Wer in Oesterreich überhaupt ein noch so schwächliches Intcrcssc an seinem Judentum nimmt, wird in die Reihen der Nationalen gedrängt. Alle anderen, alle diejenigen, die ihrem Judentum keine rechte Freude abzwingen können, tauchen unter in den Massen des Liberalismus und der Sozialdemokratie. Die Besseren unter ihnen ignorieren den Judenkampf oder bckämpfen ihn, weil sic wähnen, erstrebenswertere Ziele gefunden zu haben: der Rest verleugnet sich aus Motiven äußerlicher Gewinnsucht und manchmal des politischen Ehrgeizes. Somit ist derjenige junge Jude, der sein Judentum überhaupt noch empfindet, als Abiturient, grüßtcntcil schon weit früher, Nationalludc nicht nur aus erworbener 'Ucborzcugung. sondern als etwas g:nz Selbstverständliches und einzig Mögliches. Der große, allein schöpferische Nationalitätsgedanke ist urlebendig in ihm und dient ihm als Grundlage, auf der er nunmehr mit größerer Leichtigkeit sein jüdisches Schaffen aufbaut.