Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XV (1910)
- Issue
- Heft 38 (23.9.1910)
- Date
- 1910-09-23
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Delegiertentag In nichts ist die Mitwelt dem Irrtum lcichter unterworfen als in der Beurteilung der Bedeutung eines Kongresses, einer Versammlung, die Vor:roter einer bestimmten Wissenschaft, einer poetischen oder sozialen Idee veranstalten. Wie ist •tian in Deutschland mit Achselzucken über di. ersten?.ionistenkongreß hinweggegangen. um:!loch hat er die imposanteste jüdische Volksbewegung eingeleitet, an der heute selbst der IVivlwollcndste nicht mehr achtlos vorübergehen!. a n n. Wie oft andererseits sind kolossal'• Veranstaltungen mit weithin tönenden Reden nach wenigen Jahren spurlos vergessen, versunken im Strome des Geschehens, in dem sie kaum einige leichte Kreise zogen. Das lehrt in der Wertung von Kongressen vorsichtig sein. Weil c> eben für den miterlebenden Zeitgenossen den beteiligten natürlich noch mehr als den unbeteiligten — schwer ist, die wahre Bedeutung großzügig aussehender Aktionen zu ermessen oder den wichtigen Kem in unscheinbaren Beschlüssen zu erkennen. So konnte cs kommen, daß der XU. Dele* giertentag der ״Zionistischen Vereinigung für Deutschland״, der am 11. und 12. September in Frankfurt am Main stattfand, bei Gcsinnungs* genossen und Außenstehenden zunächst unterschätzt würde, weil er ohne die erregten und erregenden Debatten früherer Delegiertentage verliei, weil er anscheinend rein geschäftsmäßig seine Aufgaben erledigte und auseinander ging mit lauter ziemlich einhellig gefaßten Be- Schlüssen, die eine besondere Tragweite auf den «־sten oberflächlichen Blick hin nicht erkennen lassen. Demgegenüber mochten wir es nicht unterlassen, auf einige Momente hinzuweisen, die für die Entwicklung der zionistischen Bewegung — nicht nur in Deutschland, sondern in der ganzen Welt — von einschneidendster Bedeutung sein können, wenn die Entwicklung sich in den mutmaßlichen Bahnen vollzieht, und deren erstes kristallisiertes Erscheinen einstmals doch a 1f diesen zwölften Dclegicrtcntag wird zurück-׳ führt werden müssen. p.-r Dclegicrtcntag hat auf Antrag unseres Wflidici Parteisekretärs Kurt B1 u m e n f e 1 d seine Ansicht dahin kundgegeben, daß der nationale Charakter unserer Be- Regung in der Agitation unzweideutig betont werden müsse, insbesondere soll entscheidendes Gewicht auf den prinzipiellen Unterschied zwischen dem Zionismus, als tl e r jüdischen Volksbewegung, und allen andcien jüdischen Organisationen gelegt werden.“ Diese Resolution faßt in sehr glücklicher Vereinigung zwei Gesichtspunkte zusammen, die in der Tat in letzter Zeit häufig nicht die Beachtung gefunden haben, die ihnen zukommt. Gewiß ist unser Ziel ein soziales und politisclu v. gewiß ist unsere Arbeit einer grandio- *»Philanthropischen, d. h. menschenfreundlichen Aktion gewidmet, aber der Wille,', dem sic!״rc Entstehung verdankt, ist nicht die Absicht, [fgondwclchcn Juden aus materiellem und mora- ״schein Elend heraus zu helfen — denn das Wollen auch alle nichtzionistischen Juden! sondern ist der nationale Wille, der mit diesen Juden solidarisch will, und das . . _ -Der Zlonlimai erstrebt lOr dt! Ifldliche Volk dl« 0 7. 11•״,“״,r McotUcb-rachUlcIi!eiicherwn Helmtillt« ln PalliUm," DaiaUr Proaraaau Aus dem Inhalt Der XII, DotCKlcricnta*. — Zur DeaclUun*! — ,.Ito-Spekulatlonen." — Der Zionismus und sclno Feinde. — Aus aller Welt. — Palästina-Rundschau. Zionistische Ucwcbiiiik. — Fclcrtagsarbclt. — Ver* einsrundschau. — Aus den Gemeinden. — Fculllcton: Der Golem. Von A. Frischmann. ן letzte Ziel, auf das wir hinstreben, ist eben nicht die Ansiedlung von einigen tausend oder sogar hunderttausend Juden im türkischen Orient, sondern das nationale Ziel der Wiedergeburt des jüdischen Volkes auf dem Boden, der ihm die fortgeerbte nationale Eigen* art einst gab. Jeder Groschen, der für zionistischc Zwecke gegeben wird, dient diesem klar ausgesrpochcncn Ziele, und nicht einer wie immer gearteten, wenn auch noch so ähnlich aussehenden Hilfsaktion. Das ist der gewaltige Unterschied, der uns von alle n anderen jüdischen Organisationen trennt und trennen muß --trotz aller Gemeinsamkeit mit manchen dieser Verbände in der Art der Arbeit oder anderen Dingen. Wie der moderne Mensch klar den Unterschied erkennt zwischen den Beiträgen, die er einer Berufsorganisation zahlt, und denen für eine politische Partei — trotzdem vielleicht auch die berufliche Vereinigung politische, die politische Partei bcruflichsozialc Arbeit leisten soll — so muß der moderne Jude den w e s c n tliehen Unterschied erkennen lernen zwischen aller blos philanthropischen Arbeit für arme und verfolgte Juden und der zionistischen Arbeit für die Erneuerung und Wiederherstellung seines alten Volkstums, das noch eine unge-!teure Kulturarbeit leisten kann und leisten soll! Diese unüberbrückbare Kluft zwischen allem assimilatorischen ״Helfen“ (den anderen!) und dein zionistischen ״Hilfswerk“, das uns a 11 c 11 s e 1 b e r g i 11 in moralischer und materieller Hinsicht, muß in der Agitation nicht verkleistert sondern klar aufgedeckt werden', ohne daß man sie gehässig auszubeuten brauchte. Es muß den deutschen Juden klargemaclit werden, daß es sich im Zionismus um ein nationales Werk von weltgeschichtlicher Bedeutung han* delt, dem man freund oder Feind sein, dem man aber nicht indifferent und teilnahmslos gegen* überstellen darf! Daß der zwölfte Delegierten tag nach den Ereignissen der letzten Jahre das allen Zionisten wieder einmal klar ins Bewußtsein gerufen und als notwendige Voraussetzung aller Agitation hingcstellt hat ~ das wird ihm vielleicht einmal eine heute noch nicht zu übersehende Bedeutung sichern. Aber noch ein anderes Moment ist es, das dem zwölften Dclegicrtcntag der deutschen Zionisten in der Geschichte des Zionismus eine nicht kleine Rolle sichert. Ein mehr äußerliches Moment, dem aber die tiefgreifende Wirkung , nicht wird abgesprochen werden können. Das ist die Verlegung des Schwerpunkt e s der zionistischen Arbeit nach dem größten deutsch-jüdischen Zentrum, nach, der Reichshauptstadt Berlin. Wie immer man über die | Notwendigkeit dieser Verlegung denken mag, so kann doch niemandem zweifelhaft sein, daß sie nicht nur für den deutschen Zionismus sondern für die ganze zionistische Bewegung ein Akt von höchster Bedeutung ist. Der Frankfurter Dclegicrtcntag hat — nach dem allseits bedauerten Rücktritt Dr. Bodenheimers - einhellig Dr. Hantke zum Vorsitzenden des Zentralkomitees der Zionistischen Vereinigung für Deutschland gewählt und damit auch bekundet, daß er Berlin als den gegebenen Ort für die Zentrale der zionistischen Bewegung in Deutschland ansieht. Es wäre sicher gegen die eigensten Intentionen des neugewählten Vorsitzenden der deutschen Landes- Organisation, wenn wir hier seine bisherigen Verdienste um den Zionismus darlegen und Hoffnungen für die Zukunft daran knüpfen wollten. Dr. Hantkc zieht im allgemeinen T a t e n , auch wenn sie den Verhältnissen entsprechend nicht immer gleich ganz große sein können, schönen Worten vor, und das werden gewiß die Zionisten auch ferner an ihm mit Recht am meisten schätzen. Berlin soll aber im Zionismus eine noch größere und bedeutungsvollere Rolle spielen als nur die deutsche Zentrale zu sein. Es ist — wie auf der Frankfurter Tagung Präsident W 01 f f s o h n selber hervorgehoben hat — der einzige in Betracht kommendeOrt für den zukünftigen Sitz der Leitung der zionistischen Gcsamtorgänisation. Damit erhält die Wahl des zwölften Dclegiertentagcs eine weit über Deutschland hinausreichende Bedeutung. Die Leitung der zionistischen Weltbewegung und die Leitung der deutschen Landesorganisation werden in Zukunft in noch weit engerem Zusammenhänge stehen als bisher schon. Daraus ergeben sich Möglichkeiten für den Zionismus und Verpflichtungen für die deutschen — und ganz besonders für die Berlincr — Zionisten, von denen ein anderes Mal die Rede sein soll. Wir haben von der Regelung der Finanzfrage, von der einhelligen Zustimmung des Delegiertentages zu einem Anträge, der die Verbreitung der ״Jüdischen Rundschau“ betrifft u ä trotz der großen Wichtigkeit dieser Dinge hier nicht gesprochen, weil wir nur die beiden un- *eres Erachtens wesentlichsten Fragen herausgreifen wollten. Diese beiden Momente aber zeigen mit erfreulicher Deutlichkeit, daß unser vor dem Delegiertentage hier ausgesprochener Wunsch, die Frankfurter Tagung möge wieder einen Anfang für den Zionismus bedeuten, aufs Beste erfüllt worden ist. rropneien, wenn wir sa״en, daß der X deutsche Dclcgierentag, der von allen intern Zwistigkeiten so glücklich verschont war, jede falls eine der wichtigsten zionistischen Tagt gen war, und daß er für die Geschicke des Z;.nismus eine entscheidende Bedeutung besit n!« ^,id,*cl1cn Rundschau*4 jjcla« Leser° U ° d°* ' Quar,a!* In <110 Hände unsci 0י1'"“1"״״ ׳ En,ou־r־u"! ׳•״ Verla* *Jüdlscho Rundschau.*