Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XV (1910)
- Issue
- Heft 33 (19.8.1910)
- Date
- 1910-08-19
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Jahrgang Berlin, den 19. ftugust 1910 —14. ftb 5670 Nummer 33 Per / •nismus erstreb( für das Jüdische Volk die Schaffung einer öffentlich-rechtlich gesicherten Heimstätte in Palästina. Baseler Programm. Rü klritt Dr. Bodenheimers t Wie 0!» nnderer Stelle de bcutlRcu Nuimiu r ttiltsjeicilt (siehe ״ZioniMKcltc llcwegunu“) crklürl der bisherige Präsident der Z. V. 1.1)., Rechtsanwalt Dr.tiodcnhclmer Köln, eine Wiederwahl ment an• nelintcn zu künnen. S .1 Jahren hat Dr. Bodenheimer sich schon mit civii Gedanken getragen, den Vorsitz der ״Zion: iischen Vereinigung für Deutschland“ ab/up ben. Beim Breslauer Delegierten tag iin Jahre i‘>OS gelang es den Mitgliedern des Zeniralkc litecs nur mit großer Mühe, den Vorsitzen.!en wieder zur Ueberimlitne seines verantworti igsvollen Amtes zu bewegen. : sehr man überall in den Kreisen der dt.־ut>.l1eu Zionisten den Rücktritt Dr. Bodenheinn. s bedauern wird von einem Amte, das er solange, als es überhaupt eine zionistische Beweg 1 mg in Deutschland gibt, bekleidet hat — so wird man doch die Gründe respektieren müssen, die er selbst in seinem Riicktrittsschreibcn als ur Hinen Entschluß maßgeblich erklärt, und die er al> für sich zwingende erachtet. Die ersprießliehe Tätigkeit, die Dr. Bodenheimer als Leiter des. IVmTtorimus des , J ü d i s c h c n N a t i o -!Honus" ejiü'altct, nimmt ihn ganz und g,!!, '!Hpruch, und wir müssen es in einem lioiKiv!. zionistischen Interesse dankbar bc״rü- Ihn. dal» er seine ganze und ungeteilte Kraft dic'er vielleicht wichtigsten Institution der üioni'.'iMlien Bewegung fortan ausschließlich widme•11 will. Dem Nationalfoncls hat Dr. BodenlieiimT ja schon, als Prof. S c h a p i r a die Idee der Begründung eines solchen Ponds aussprach, sein lebhaüetes Interesse entgegengebraeht, und es i>; mir natürlich, daß er jetzt — seit Jahren zur 1 eiiung dieser volkstümlichen Institution bcrufen sich ganz auf sie konzentrieren will. Dr. Bodenheimer war von vornherein der j׳eg<!vne Führer der deutschen Landsmannm׳Ii.i:i im Zionismus war er es doch, der damal ler für Deutschland neuen Idee die erste organisatorische Form gab, indem er mit V.' 01 f f s o h n zusammen in Köln, lange vor dom 1Men Kongreß, die erste jüdisch-nationale firn, e auf deutschem Boden gründete. Eine man; iahe Tat war die Herausgabe seiner Brosein״ ׳Wohin mit den Juden des Ostens?“, in der , mit Entschiedenheit die nationale Einheit und kolidarität des jüdischen Volkes betonte. Von •,'()ln aus versuchte er Deutschland für den Zion■ -mus zu erobern. Er gründete im Mai IM7 die ״Nationaljüdische Vereinigung für Beu; »bland“, deren erstem Delegiertentag in Bing.;1 am 11. Juli 1807 er wie allen folgenden Tag,:•;gen präsidierte. Im selben Jahre noch folg: daun der Dclegicrtcntag in Basel zur Zeit des ). /.ionistenkongresses (am 28. August) und ein weiterer am 31. Oktober 1897, ebenfalls wie der ׳ iesjährige in Frankfurt am Main, auf dem die Nationaljüdische Vereinigung dann auf die Initiative Bodenheimers den Namen ״Zionistische Vereinigung für Deutschland“ annahm. _ Sein hervorragendes organisatorisches Talenr betätigte Dr. Bodenheimer aber nicht nur innerhalb der deutschen Landsmannschaft: auch das Organisationsstatut der Gesamt- Partei ist im wesentliche!] durch seine tätige Mitarbeit zustande gekommen. Sowohl der dem II. wie der dem V. Kongreß vorgclegte Statutenentwurf beruht auf seinen Ideen und vorbereitenden Exposes. Und er blieb auch weiterhin der Vertrauensmann des Aktionskomitees in allen organisatorischen Fragen. Auch der neueste Entwurf, der einschneidende Acnderungen unscrer Gcsamtorganisation vorsieht, ist ein Werk Bodenheimers, das ja noch der Beratung des X. Kongresses als Grundlage dienen wird. Außerordentlich vielseitig ist die Tätigkeit, die Dr. Bodenheimer in der zionistschen Bewegung bislang entfaltet hat. An der Gründung der ״Jüdischen 1< o 1 o n i a 1 b a n k“ hat er hervorragenden Anteil genommen und hat außerdem dauernd als Sekretär des Aufsichtsrates seine wertvolle Arbeitskraft in den Dienst dieses wichtigen zionistischen Unternehmens gestellt. Auf allen zionistischen Kongressen war Dr. Bodenheimer Mitglied des Präsidiums, und er hat oft in schwierigen Situationen die Verhandlungen mit Geschick und Umsicht geleitet. —- Wenn also heute Dr. Bodenheimer das höchste Amt, das unsere Landsmannschaft zu vergeben hat, uiedcrlcgL-so ist es unsere selbstverständliche Pflicht, uns dankbar dessen zu erinnen!, daß er gerade in jenen Jahren, in denen die Arbeit für den Zionismus so unendlich viel schwerer noch war als heute, auf exponiertem Posten ausgchalten hat. Sein eigenes Verdienst ist cs, daß er heute das verantwortungsvolle Amt ruhig in andere Hände legen kann, in dem Bewußtsein, daß als Frucht seiner Arbeit heute eine wohlgcfiigtc deutsche Landesorganisation im Zionismus existiert. Sieben Jahre lang hat Dr. Bodenheimer allein in Köln das Zentralburcau der Z. V. f. D. geleitet. Erst der Hamburger Dclegicrtcntag im Jahre 1004 entlastete ihn wenigstens insoweit, als er das Burcau des Zentralkomitees nach Berlin verlegte. Nach wie vor aber blieb Dr. Bodenheimer Vorsitzender des Z.-K. und der Leiter der Deutschen Landsmannschaft auf Delegicrtentagcn und Kon- Jetzt, wo er sein Amt in die Hände des Zentralkomitccs zuriicklcgt, dürfte cs naturgemäß angebracht sein, die Leitung des Zcntralburcaus und des Zentralkomitees wieder in einer Hand zu vereinigen. Nachdem vor zwei Jahren der Geschäftsführende Ausschuß des Z.-K. in Berlin eingesetzt wurde, wo siel! auch das Zentralbureau seit sechs Jahren befindet, könnte die Verlegung des Präsidiums der deutschen Landsmannschaft nach Berlin leicht als ein rein formeller Akt erscheinen. Wer aber das Wirken Dr. Bodenheimers auch in diesen letzten Jahren kennt, dem , wird cs nicht zweifelhaft erscheinen, daß sein Rücktritt für unsere Landesorganisation nicht nur ein schwerer Verlust ist, sondern auch sachlich eine große Bedeutung hat. Denn Bodenheimer ist allezeit ein Parteimann im besten Sinne des Wortes gewesen. Stets hat er seine prinzipiellen Ansichten ohne Rücksicht auf mehr oder weniger zufällige Majoritäten mit Entschiedenheit vertreten. Auch in seinem Rücktrittsschrciben zeigt er uns den Weg, den er für die Zukunft des deutschen Zionismus für den richtigen und allein gangbaren hält. Und die Geschlossenheit seiner tiefen und aufrichtigen zionistischen Gesinnung wird auch auf diejcnigen ihren Eindruck nicht verfehlen, die seinen Ansichten selbst nicht in allem beizustimmen vermögen. Wenn nun Dr. Bodenheimer mit dem XII. Delegierten tag wirklich von der Leitung des Zentralkomitees zurücktritt, so hoffen wir doch zuversichtlich, daß er neben seiner reichen allgemein-zionistischen Tätigkeit auch in Zukunft an den Arbeiten und der Entwicklung der deutsehen Landsmannschaft den lebhaftesten Anteil nehmen wird. Der Berliner Religionskongreß Wenn man von den überspannten Dithyramben auf der einen, und den hämischen Verkleinerungen auf der anderen Seite absicht, so bleibt immerhin der Eindruck einer gewaltigen Kundgebung. Es kann mit Genugtuung begrüßt werden, daß das Judentum bei dem Kongreß nicht unvertreten blieb, denn wir haben keine Veranlassung, den Lehrgehaii der israclitischcu Religion in einen Zeiilrumsturm zu sperren. Es soll uns auch die Freude an der Kundgebung nicht rauben, daß all die Thesen von Menschenliebe, Briidcrlichkcit etc., die mit so hohem Pathos verkündet wurden, die Dt’keiu'or der mosaischen Religion nicht vcrbluticn konnten, weil sie ihnen seit drei Jahrtau• senden — Ocmcinplütze sind. — Die beiden Vertreter des Judentums, Prof. Dr. Cohen aus Marburg und Prediger Dr. E. Mir sc 11 aus Chicago sind voll der lautesten Begeisterung für die Ideale, die in den ethischen Weissagungen unscrcr Propheten nicdcrgelegt sind. Und wahrlich, wenn sic von der Redncrbiihnc ihre Blicke schweifen ließen über das Heer der religiösen Kämpfer aller Völker und Zonen, dann mußten sie in dieser großartigen Manifestation, die die Einheit des Menschengcschtechtes in überwältigender Weise zur Durstetlung brachte, den Triumph des prophetischen Gcdankens erblicken. ״Und viele Völker werden ziehen und sprechen: Wohlan, lasset uns hinaufgehen zum Berge des Ewigen und zum Hause des Gottes Jacob, daß er uns lehre von seinen Wegen und wir wandeln auf seinen Pfaden, denn von Zion wird atisgchen dio Lehre und das Wort Gottes von Jerusalem.“ Die jüdischen Vertreter haben aber, in gutgemcinter Uebcrzcugung, vom Standpunkte des mo- ‘lernen Judentums gesprochen, und dagegen müssen wir mit Energie Einspruch erheben. Aus nationaler Urwurzcl ist heute ein modernes Judentum emporgewachsen, das weit stattlicher ist als der abstraktc prophetische Ethizismus der Herren Cohen und Hirsch, ein Judentum von solcher Urwüchsigkeit, Kraft und Zukunft, daß der Liberalismus der alten Schule bereits einen Anachronismus darstcllt, eine verknöcherte Tradition, ״bcr die das blühende Leben hinwegschrcilet. — Und darum bedauern wir auf’s Lebhafteste (und wir richten dies Bedauern an die zionistische Organi* sation), daß auf dem Berliner Religionskongrcß kein Jude nationaler Richtung vertreten war, um die Welt über modernes Judentum aufzuklären und die Auslassungen des Herrn Dr. Hirsch in wesentlichen Punkten zu modifizieren. — Herr Dr. Hirsch hat — nach einem Berichte der ,,Vossischcn Zeitung" - seine Ansprache mit folgenden Worten geschlossen: ״Die Schiffe auf dem Ozean zeigen zwei Plaggen; die eine besagt, woher die I ährt, die andere, welcher Hafen angclaufcn werden soll. Auf unserem Schiffe des modernen Judentums weht die doppelte Palme: die eine Ist diejenige Isracls, getränkt mit Blut und oft befeuchtet mit Tränen, aber umspielt von dem Sonnenglanzc schöner Hoff- ■ nung, die andere Ist die Fahne der geeinten Mensch-