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Jüdische Rundschau · 1910-07-22 · Heft 29 (22.7.1910) · page 1

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XV (1910)
Issue
Heft 29 (22.7.1910)
Date
1910-07-22
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Jahrgang per Zionismus erstrebt für das Jüdische Volk die Schaffung einer öffentlich-rechtlich gesicherten Heimstätte in Palästina. Baseler Programm. Do; Berliner Judenbrennen ' 1 10. Juli waren cs vierhundert Jahre, daß I lin ein Schauspiel erlebte, welches allen in 1u. er Zeit so geflissentlich verbreiteten Mürel .1 von der Schönheit des deutschen Mit* ulilt׳ ein eigenartiges Relief gibt. Man liebt ts liei. ■, alle dazumal verübten Schandtaten auf tlas K ato eines noch unaufgeklärten, rohen \olkv־ a setzen, um so den Raum zu gewinnen mr o v Verherrlichung der Kultur und der Kulu1i...iger jener Zeiten, die in unserer Ge- «ciiidt.!• bekanntlich mit blutroten Lettern vertwigt :1111. Gewiß, man verbrannte damals ad n!..;orem dei gloriam auch gut christlichumi.' MH’he ״Hexen“, man folterte auch andere virkluäc und vermeintliche Verbrecher und upreUn־ durch die ״peinliche Befragung“ von den Aerm>«־׳n so unsinnige ״Geständnisse“, daß denen, die guten Willens waren, wohl eine Alumne, der Wahrheit dämmerte — aber sic ver-!aoehten eben nichts gefeit den sadistischen Fanatismus der ״Diener Gottes auf brden“. Das war mm einmal der Wahnwitz der Zeit. Spezielle Motive von besonderer. Eigenart aber lassen sich aufdecken, sowie cs sich einmal um Jmkn handelt. Da lungern hinter dem o>rgesc!10be11en Aberglauben immer so allgemeine ״men'Chliche“ Gründe hervor, daß einen schaudert \<>r soviel menschlicher Niedertracht. Im Anfang des Jahres 1510 hatte in dem liavelländi'chen Dorfe Knobloch ein Einbrecher aus der Kirche eine kupferne, vergoldete Monstranz. und zwei in einem Messingsbüchschen ufwahiii׳ I lostien gestohlen. Anstatt anz.uiidiineii, daß die 1 labgier des Diebes einfach durch die Vermutung gereizt worden sei, daß die goiolilcncn Kirchengeräte massiv golden 'tu 11, wurde sofort von der Geistlichkeil tici- Verdacht ausgesprochen, daß es dem Diebe nur um die geweihten Hostien zu tun gewoeii Mi, und daß er zu dem Raube nur von den luden a n g e s t i f t e t worden sei. Als die M. nsiranz bald darauf in Stücke zerschlagen hei Bernau gefunden wurde, wohin der Dieb sie *ewoMcn haben mochte, nachdem 'er ihre WertbsiglM ii erkannt hatte, richtete sich der Verdacht der I iterschaft auf einen Kesselflicker namens Paul 1 romm, einen wüsten Gesellen, der in 'knv.ui in der Nähe des Stadtgrabens wohnte und i.,1 bösesten Rufe stand. Von einem Delcüierit ,1 des Brandenburger Bischofs verhört und darauf!Angewiesen, daß es unglaubwürdig ni, daß er die Hostien für sich habe tntwuulen wollen, gestand er, obwohl seine Täterschaft nicht klinn und klar erwiesen war, daß er der Dieb sei, daß er die eine Hostie gedie andern aber dem Spandauer Jüdin Salomo um ncun Groschen Verkauft habe. Hem inquisitorischen Verfahren war damit die breiteste Grundlage pe״ebcn. Salonio ״gestand“ auf der Folter, daß er Tcale der von ihm mit einem Messer zersplitterten Hostie nach Brandenburg und Stendal gesandt habe, und da noch andere luden in Verdacht gerieten, ließ der Kurfürst schließlich sämtliche Juden verschiedener märkischer Städte verhaften. Die Peinliche Befragung richtete sich auch auf die Teilnahme der Fcstgcnommenen am rituellen Kiudsinord, und da alle Angeschuldigten unt e r d e r F o 11 c r ״g c s t a n d c n“, w a s m a n von ihnen wollte, und i h r G e s t ä n dn is, um nicht nochmals gemartert zu werden, nicht widerriefen, hatte man schließlich, nach dem einige an den Folgen der Folter gestorben und andere im Gefängnis Selbstmord verübt, 42 Personen beisammen, an denen das Todesurteil durch Verbrennen vollstrcckt wurde. Auf dem Neuen Markt, an der F.cke der Weber- und Frankfurter Straße, waren am 10. Juli 1510 nach der Geburt Christi drei Schaugerii ste mit den Plätzen für einheimische und fremde Rechtsgelehrte, die Herren vom Gericht mit ihren Gerichtsschreibern und die Zeugen erbaut. Nachdem die Akten verlesen, die Verbandlung erfolgt und das Urteil gesprochen, folgte unmittelbar darauf die Vollstreckung der Strafe. Drei von den Verurteilten, die die Taufe empfangen, fehlte n. Für Fromm und die anderen 3$ Juden war hinter dem Rabenstein ein dreistöckiges Gerüst erbaut xvorden, auf dessen einzelnen Etagen 1mm auf mit Holz, Stroh und Pech bestreuten Rosten die Verurteilten iestband. Nur Fromm hatte einen eigenen Marterpfahl erhalten. Dann wurden brennende Fackeln in das pechgetränkte Reisig geworfen. Wild loderten die Flammen gen Himmel, und gar lieblich zog der Bratenduft in die Nasen der Rechtsgelahrten und frumben Gottesdiener. . . . So klar wie hier hat die jüdische Forschung selten die wirklichen Motive eines Judenbrennens feststellen können. Die I labgier der mit Adel und Geistlichkeit ausnahmsweise einmal verbündeten Städte — auch damals schon fanden sich die widerstrebendsten Elemente zusammelt, wenn’s gegen die Juden ging! — ließ es sielt an der Mordbrennern vom 19. Juli nicht genug sein. AlleJudenderMark Branden bürg mußten vertrieben werden. Und das war nicht schwer zu erreichen. Wenn man einigen Juden z\rme und Beine gehörig ״streckte“, wenn man die Daumenschrauben etwas fester als gewöhnlich anzog, so gestanden sic ja ihre Schandtat, daß sie nämlich bei den Juden in der ganzen Mark Geld sammelten, um Cliristenkindcr zu kaufen, deren Blut dann zur Geschmacksvcrbesscrung der Osterbrote gebraucht wurde. Der Kurfürst Joachim J., der zwar die Juden, wie viele seiner Standesgenossen, recht nötig brauchte, ließ in ״Glaubcns“sachen nicht mit sich spaßen und jagte die Juden außer Laudes. Hei, was da auf einmal Schulden nicht mehr bezahlt zu werden brauchten; wie billig man die kostbarsten Stücke erwerben konnte — wahrhaftig, so eine Juden Vertreibung nebst voraufgegangenen Mordbrennen war ein überaus profitables Geschäft! Die from* men Gottcsschnfe und lieben Landeskinder zahlteil gewiß dann den Geistlichen und den Herren freiwillig, was man sonst erst mit einigen Umständen von den Juden erpressen mußte . . . . Wir wollen unsere Leser nicht mit einer eingellenderen Darstellung der Nachweisung der Unschuld jener vor vierhundert Jahren in Berlin Gemordeten behelligen. Wer die lehrreiche Ocschichte genauer zu wissen begehrt, lese Dr. Ackermanns ״Geschichte der Juden in Brandenbürg“ (Verlag Louis Lamm, Berlin). Der Schmerz unserer Antisemiten, daß trotz des Aufschwunges des /Antisemitismus heute das Geschäft des Rilualmordschwindels nicht mehr so recht gehen will, wird nach Obigem von allen verstanden werden. Wenn man heute mal alle jüdischen Bankiers verbrennen und morgen alle jüdischen Journalisten zum Teufel jagen könnte — hei, was würde da der Koniwucher blühen, und die ״Kreuzzeitum׳“ und die ״Deutsche Tageszeitung“ könnten gar nicht soviel Rolationsniaselliucii licrbeischaffen, um die Riesenauflagen zu drucken, da sie doch die ״Judenpresse“ ersetzen müßten. Wir begreifen das wehmütige Gedenken, daß diese Blätter dein 19. Juli 1510 widmeten. Xanten, Könitz und so viele andere mißglückte Versuche — es scheint doch nicht mehr zu gehen. Aber daß der Wille noch derselbe ist wie anno domini 1510, das sollte unseren gar zu fortschrittstrunkcnen Juden doch zu denken geben. In Rumänien, in Rußland fand dieser Wille noch gestern Wege und wird er sie morgen wieder finden. Meine Studienreise in Paläslina Von Dr. Franz Oppenheimer, Berlin, t. Zwei Frauen waren cs hauptsächlich, die sich mir als Vorbedingung für eine erfolgreiche Aktion in Palästina stellten. Erstens: Eignet sieh das Land technisch für intensive, rationelle Kultur? Zweitens: F.ignct sich der jüdische Arbeiter, wie er sich jetzt in Palästina findet, physisch und vor allen Dingen psychisch für einen genossenschaftliehen Betrieb? Ich schicke meiner Auseiandcrsctzung voraus, daß ich glaube, beide Fragen unbedingt bejahend beantworten zu können, I. Die laudwlrtschaitlich-tcclintschc Frage. Die landwirtschaftliche Technik in Paliistina schwankt zwischen den beiden möglichen Extremen. Die Pomi-Kultur. wie sie namentlich Judäa be• herrscht, steht auf dem höchsten denkbaren Gipfel der Kapitalsiutcnsität und teilweise der Arbeitsin־ tensitüt. In den Orangegärten z. B. sind durch• schnittlich 10 bis 12 (!00 Fres. auf den Hektar in* vestiert; das Produkt ist eine höchst gezüchtete Frucht, die teils wegen ihrer frühen Ernte, teils wegen ihres ungewöhnlichen Wohlgeschmacks auf dem Weltmarkt der Apfelsinen die erste Stellung cinnimmt und die höchsten Preise erzielt. Trotz der holten Kosten der Bewässerung und Bearbeitung und der hohen Zinsen und Abschreibungen rentieren sich Baumgärten nach der Aussage aller Sachvcrständigen, die ich befragt habe, bei tnittlern Prcisen mit zwischen 12 und 15 Prozent. Auf der andern Seite steht die Agrikultur, wie sic namentlich die jüdischen Kolonien in Galiläa beherrscht, fast auf der tiefsten Stufe der Kapitals- und Arbeitsintensität und der rationellen Technik. Die galitäischen Bauern haben im Verhältnis zu der bedeutenden Größe ihrer Grundstücke (25—35 ha durchschnittlich) ein sehr geringes Kapital an Geld, Geräten und Gespannen. Und die Technik läßt über• aus viel zu wünschen übrig.

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