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Jüdische Rundschau · 1910-07-08 · Heft 27 (8.7.1910) · page 1

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XV (1910)
Issue
Heft 27 (8.7.1910)
Date
1910-07-08
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Jahrgang De! ’ionismus erstrebt für das Jüdische Volk die Schaffung einer öffentlich-rechtlich gesicherten Heimstätte in Palästina. Baseler Programm. liilderslurm in München Am 27. Juni hat die Direktion der Müncliomr Glnspniast-Ausstcllung den polnis c 1! <• n M a 1 e r F a h i n n s k i aufgefordert n’ sein Gemälde ״A us dem Reiche des Zaren“ aus der Ausstellung, in die es von der J.try zugelassen worden war, sofort 7.u entfern•'<־, da es einen politisch-tendenziösen Charaku. habe. Und cs wurde in München ganz oiiu! erzählt, daß die Ausstellungslcitung damit, (im;1 vom russischen Gesandten ge* äu' mien Wunsche naehkomnie. W ir sind in Deutschland an offizielle und offiziöse Liebedienereien gegen die ״befreundete“ ״cliiNiliclte“ Nachbarregierung nachgerade zu sehr gewöhnt, um uns über diesen Fall an sich besonders aufzuregen. Aber diese neueste Episode deutscher Kn echt Seligkeit, spezifisch deutscher Lakaiengesinnung — in K’iißland würde man sich in ähnlichem Fall den Teufel um die Sache kümmern! — hat •loch ihr besonderes, das sie aus der großen Reihe ähnlicher Fälle herausliebt. Was war^ denn an dem Bilde des Herrn l'abuuvki so Gefährliclus? Es stellt den Kiewer l’nu 0 111 aus dem 190ר. Jahre nach der Gebun Jvm! Christi dar. Und zwar liegen vor s »1! S:׳!:.!! schwer verwundete und getötete 1 und Männer und Kinder — Juden — ( und an einer Wand dicht dabei sieht man das J ivilieiMnanifest“ des ״Friedenszaren“ kleben. \\ er sich dabei was denken will, kann das in zweierlei Richtung tun. Er kann das denken: so faßt also ein blödes, rohes Volk den uuieii Willen eines edlen Fürsten auf! Kann Zar und Volk bedauern und recht moralische und siaatserhaltcnde Empfindungen mit nach Haipe nehmen. Er kann aber auch denken: welelie gemeine Heuchelei, welche, verschlagene Memiu-Imörderpolitik das ist, freiheitliche Pedu; teil zu führen und hintenherum den Pöbel zu ii.i/.en gegen Juden und ״Intelligente“, um unbc jueme Mahner loszuwerden oder einzuscliü* litern und die Unreife des eigenen ״gelicht 1׳ Volkes“ zu beweisen! Her unbefangene und mit russischen Siiten nicht;illzuvertraute Galeriebesucher wird viel- Licht der ersten Gedankenrichtung eher folgen. Mw wie charakteristisch ist es, da(: die russischen Herrschaften nur die andere Deutung sahen! I nd wir wollen uns doch auch nichts vormachen, gleichviel, wie der Maler es gern ei n t hat -- er läßt jetzt eine harmlose Deutung in den Zeitungen propagieren — die zweite peuh.ng trifft das Richtige! Hat denn nicht '׳ätcKhen Zar die Pogrome — wenn nicht anstiften lassen — begünstigt und die Po- «romiieldcn begnadigt? Hat nicht die Polizei tatenlos den barbarischen Judenschlächtereien 7ugesehen und die Juden den Hooligans;n die Arme geliefert oder sich gar selber an dem Morden und Rauben beteiligt? Hat nicht des Zaren Regierung die ״echtrussischen“ Leute, den spezicll zu Pogromzwecken gegründeten Verband des Schurken Dubrowin, in unerhörter, skanda* loser Weise geradezu bevorzugt und ansgezeichnet, so daß in der russischen Beamten- 5diaft, wer vorwärts kommen will, diesem Verband angehören muß? Ist nicht durch die Ver* öffcntlichungen des Fürsten Urussow, durch die Dumavcrhaiullungen einwandfrei nachgcwiesen, daß russische Regierungsorgane Pogrome direkt augestiftet haben? Sind das nicht alles öffentlich bew i es e 11 e Tatsachen? Ist das alles nicht bekannt und.unwiderleglich klargcstellt? Und wenn dem so ist, dann darf man in Deutschland, in Bayern, in München sogar — in Berlin würde es schon weniger wundcinehmen — kein Bild ausstdlen, das alle diese Dinge von Ferne dem kundigen Beschauer andeuten könnte? Wir sitehen nicht an, das Verhalten der Münchener Ausstellungslcitung als von blamabkr Schwächlichkeit eingegeben zu kennzeichnen, wenn es nicht einen stärkeren Ausdruck \crdient. Sind wir wirklich schon dahin gekommen, daß ein ausländischer D i p 1 o m a t in Deutschland den Kiinstzcnsor Spieler» darf, wenn es sich zufällig einmal um Rußland und um — die Juden handelt? Wo bleibt die Entrüstung unserer deutschchauvinistischen Presse über solche An m a 1* 1 i c!1 k e 11? Und über so feige Nachgiebigkeit einer doch ganz und gar unabhängigen Kunsikörpcrschaft? — — — Herr Fnbianski, der Maler des Bildes will, wie man sagt, gegen die Verfügung der Aussiellungsleitung Protest einlcgen, weil ihr Erlaß von Erwägungen absolut unkiinstlerischcr Natur diktiert sei. Das ist sein Recht und seine Pflicht als Künstler. Im übrigen mag er’s der Direktion der Ausstellung danken, wenn er durch die ihm zuteil gewordene Reklame sein Bild rascher und besser verkauft, als es ihm sonst möglich ge• wesen wäre. Damit kann der Fall für ihn erledigt sein. Wir dagegen haben als Juden u n d als deutsche Staatsbürger andere Rechte und Pflichteil. Das Recht festzustellen, daß das Bild, um das cs sich hier handelt, wenn es auch in der Ausführung noch so kraß wäre, und wenn cs die — im Sinne eines russischen Beamten — schlimmsteil Deutungen zuließe, doch nur ein schwacher Wiedersehen» der Wahrheit wäre. Wem» diese roh und brutal ist, wenn sie mit der Majestät des Zaren nicht verträglich erscheint, so ist das jedenfalls nicht die Schuld des Malers. Und wir haben die Pflicht zu protestieren, daß eine deutsche freie Behörde dem russischen Gesandten so bereitwillig ihre Dienste anbietet — denn zu befehlen hat der Herr in diesem Falle ja nichts — wenn es sich darum handelt, zugunsten des Zaren und seiner Regierung ein bißchen Geschichte lälsclien zu helfen und Väterchens Schande zu verstecken. Das ist um so dümmer uud unzweckmäßiger, als cs da doch wirklich nichts mehr zu verstecken gibt .... Und für unseren Protest erwarte»! wir die lebhafte Unterstützung aller derjenigen —־ Juden und Christen — die sonst so rasch bei der Hand sind, Deutschlands nationale Würde zu wahren, wenn es sich um Marokko und die Gebrüder Mannesmann handelt oder um einen in der Türkei verhafteten deutschen Landstreicher. Zionistische Jahreskonferenz Bericht des E. A.-K. (Auszug.) Die innere Lage unserer Bewegung seit dem letzten Kongreß ist dergestalt, daß sic eine sehr ernste Beratung verlangt. Es war vielleicht nicht zu vcrmeiden, dafl die entgegengesetzten Ansichten, welche so nachdrücklich in Hamburg zum Ausdruck kamen, auch weiterhin das Thema der Diskussion bildeten, sowohl in unser» Landesorganisationen, wie auch in der zionistischen Presse. Es steht indessen zu befürchten, dal( diese Diskussionen in verschiedenen Ländern den größten Teil der Arbeitskraft und Energie unserer Gesinnungsgenossen absorbieren, was sowohl für die Wohlfahrt unserer ücsamtorganisation, wie auch für die Interessen unserer verschiedenen Institutionen von großem Schaden wäre. Solche Folgeerscheinungen sind zwar gewiß nicht bcabsichtigt, sind aber nichtsdestoweniger höchst bedauerlieh. Es sollte daher der ernste Wunsch aller derer sein, welchen das Wohl unserer Bewegung am Herzen liegt, der gegenwärtigen gespannten Situation ein Ende zu machen und Bedingungen zu schaffen, die eine friedvolle Tätigkeit in allen unser» Reihen und fruchtbare Resultate aller unserer Arbeiten sichern. Einen der wesentlichen Punkte des Kongresses bildete die Forderung, die Mitglicdcrzahl des Engeren Aktionskomitees zu erhöhen. Diese Forderung wurde vom Kongreß nicht erfüllt: trotzdem hat man weiter für sic agitiert. Da aber diese Forderung nur von einem Kongreß erfüllt werden kann und unter den gegenwärtigen Umständen der nächste Kongreß frühestens nach Jahresfrist stattfinden wird, wäre cs sehr zu beklagen, wenn die Zwischenzeit mit bcständigen Diskussionen ansgcfüllt würde, wodurch die Aufmerksamkeit unserer Gesinnungsgenossen von manchen wichtigen Aufgaben, welche der vereinigten Anstrengungen aller bedürfen, abgelenkt und das Wachstum unserer Bewegung gehindert würde. Wir wünschen daher dein in Frage stehenden Verlangen cntgegcnzukommcn. so weit dies ohne Verletzung des geltenden Organisationsstatuts möglich ist. in* dem wir einzig und allein von der Absicht geleitet werden, die Harmonie in unsern Reihen wiederherzustellen und zu erneuter Tätigkeit aufzuntuntem. Deshalb schlagen wir vor, daß die Jabrcskonferenz einen Au ssc hu fi von sechs Mitglicdern wühlen soll, welcher in Verbindung mit dem F. A.-K. über alle wichtigen Maßnahmen entscheiden soll. Die Bildung dieses neuen Komitees wird es seinen Mitgliedern ermöglichen, einen führenden und einflußreichen Anteil an der Leitung zu nehmen. Es soll gemeinsam mit dem E. A.-K. die Geschäfte der Leitung führen, soweit cs mit dem Organisations- Statut vereinbar ist. Es Ist notwendig, daß diesem Komitee der Vorsitzende des Direktoriums des Jcwish Colonial Trust und der Vorsitzende des Direktoriums des Jüdischen Nationalfonds angeboren. Bei allen Beratungen, dio mit finanziellen Fragen verbunden sind, ist cs von größter Wichtigkeit, daß die Präsidenten unserer zwei Hauptfinanzinstitutc das Recht haben, an ihnen tcilzimchincn, wodurch eine schnellere Realisierung unserer Pläne zuversichtlich zu erwarten ist. Es ist indessen das erste Erfordernis dieses Komitoes, wenn cs seine Funktionen wirksam ausiiben soll, daß es in regelmäßigen Zwischenräumen zusantmentritt, zum wenigsten einmal, innerhalb dreier Monate. Wir geben der Hoffnung Ausdruck, daß die Jahreskonferenz die vorstehenden Vorschläge anncltmcn wird, wodurch auch die, welche eine Vergrößerung I des E. A.-K. als eine Hauptforderung aufgcstollt I haben, befriedigt sein werden.

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