Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XV (1910)
- Issue
- Heft 25 (24.6.1910)
- Date
- 1910-06-24
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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JUEDISCHE RUNDSCHAU Seite 299. No. 2>_ UT6RARI5CH6 RUMDSCHA Die Kassentheorie und die Juden Von Dr. 1:11:1» Auerbach, Iluita, Pu• R n s sc 11111 co r i c 11 könne» mit Recht als ״.,!io der Kennzeichen des bcgintiemlcii 2U. Jalirtuiiidv.:י• angesproclien werden. Sie herinnen gerade jetzt der Enge einiger Zeitschriften lierauszutreten, wo sie mir einer bestimmten Schicht Zugang- 1 %׳I1 ־ •:eil. mul in die allgemeine Literatur und popu- Luc i ׳.iisielliinu überziigelicn. Sie Kcwiiutcn Hinflult ״ni Politik, auf die Kunst, auf die (ieschichts- SI1: mc. und wenn die Zeichen nicht trügen, ist j CM i 111I11H in aufsteigender Entwicklung begriffen. \ . Iideni diese Theorie nur e i 11 e Rasse, die >,<g1 1 :e germanische, als wahre Kultiirrassc aner- Kein1111 ־'I alle anderen, insbesondere auch die >. als inferior brandmarkt, ist sie zur cigciu- I ein Trägerin der antisemitischen Anschauungen gevor■: ר Hin Machwerk wie das Chainberlain'sclie |i::e ..Pie Grundlagen des 19. Jahrhunderts", das in V! c 1:>1: Kreisen der deutschen ״Gebildeten" wie eine H1K verehrt wird, hat gegen das Judentum mehr \'o! •eile aiifgehiiult. als eine Generation imstande ist 1 . derziireillen. י ist es auch nicht wunderbar, dall von einem .11!,.•• der Versuch einer umfassenden Kritik der geso 11 Rassentheorie gemacht wird. Pr. Ignaz 7. :' c h a 11 *) hat diese Kritik auf die umfassendsten 1i .!lagen gestellt, indem er die anthropologischen. ix •!*torischen mul die psychologischen Argumente Je Ivasseiitheoric sorgfältig prüft. Besonders wert- \t wird diese Kritik dadurch, dall ihr Autor nicht \ 1 uneiu grundsätzlichen Standpunkte aus einfach J.<. Iv.issentheoric verurteilt, sondern im wesentlichen Hit s; auf ihrem Boden stellt und nur ihre Einseitig- U.uii mul Uebertreibimgen rügt. l;r stellt zunächst die Meinungen der politisch- .;min ׳pologischen Schule über die germanische Rasse /::־*.oMinen und zeigt die völlige Willkiirlichkcit, mit .vi d e Germanen auf dem Wege einer ,.Wanderung" i.iwr.iü dorthin bugsiert werden, wo irgend ein neuer Kai'.iir Mttelpunkt sich bildet. Die Sumerer, die :u.i'iU; der Kultur Mesopotamiens, die alten Avch'.u Kurz alle Völker, die etwas Tüchtiges ״A *v. sollen germanische Beimischung ge> .; I .Diese Schule ist so hypnotisiert von t.en. dall sie sich eine Kultur ohne Ger- . incht denken kann. Demgegenüber zeigt / * ... d.iU auch innerhalb der europäischen \• 1: de vier grollten Kulturträger durchaus nicht .Va ..cu1i1.1111'>cliei1" Typus angeboren. \W:!1 man Vergleiche zwischen den kulturellen!.di e■ Uii verschiedener Rassen ziehen will, dann 1.1:׳ 'chliel’.IUli alles auf die Einteilung der Rassen . .. 1'. hier die heutige Anthropologie keine befriedies:.,!v:1 Ergebnisse bietet, fühlt jeder, der sich mit liieren .־■'lagen genauer beschäftigt hat. und Zollschau "end, t eich mit Recht gegen die Versuche, auf Grund uil.kiim.er Merkmale, wie des Schädeliudex. Rassen '1! einander ab/ngrenzen. I.eider aber begeht er hier t. Fehler. anstelle der einen Theorie eine andere um melns bessere zu setzen. Die Lehren, die er über •U \ i.iiidciliclikeit der Sehädclform unter dem Eäu-! .!.* der Lebensweise und der geistigen Tätigkeit aufwerden von keinem Eaclmiann geteilt werden. Pie l »Veränderlichkeit und feste Vererblichkeit der leiform ist zwar noch nicht streng bewiesen, *•bet mc ist immerhin wahrscheinlich, während die IH iinung des Schädels, wie sie Zollschan vertritt, vor.miig ganz aullerhalb des Bereiches des Erforschlar.; hegt. — Auch in der Rassencimeilung Zoll- י:\. die im AnschluB an Stratz im wesentlichen n.־c' der Pigmentierung geht, vermögen wir keinen l'i.v liritt zu sehen. «Volün gehören die Juden als Rasse? Bis vor v.. 1,:,n Jahren, wo man in den Juden einen Zweig de ־emiien und Verwandte der Araber sali, war die An ■חסי klar gegeben. Seit aber die Theorie l.uvv iaiTs die herrschende geworden ist, gehören die Juki! mit den alten Hethitern und den heutigen Am .:״cm zu dem Rest einer vorderasiatischen Urk vulkerting, die von den Semiten stark verschieden o־.. Pur die kulturelle Befähigung der jüdischen Rasse ist das natürlich von großer Bedeutung, da daun nicht mehr die Juden mit den Arabern, Babyloniern ctc. zusammcngcstcllt werden dürfen. %rkw11rdigcrweisc gibt Zollschan über diesen Punkt ‘) Dr. Ignaz Zollschan, Das Rassenproblem, unter isonderer Berücksichtigung der theoretischen Grundw׳cn der jüdischen Rassenfrage. Wien und Leipzig. Alheim Braumüller, 1910. (VII, 492 S. 8°). keine klare Diskussion; er begnügt sich damit, die Juden zu dem dunkleren Zweige der weilten Rasse zu rechnen — eine viel zu unbestimmte Angabe! — und obwohl er die LiiscluuTselic Hypothese nicht, wie er eigentlich miillte, ableliut. zieht er später fortwährend die Araber zum Vergleich mit den Juden heran. Dieses anthropologische Kapitel des Buches kann daher nicht befriedigen; wir müssen aber dem Autor zugute halten, dall wir uns hier auf einem sehr un• sicheren Boden befinden. Vortrefflich sind dagegen die Abschnitte, in denen Zollsclnm sich mit den historischen und kulturgeschichtlichen Argumenten der Rasscnthcoric befallt. Gegenüber der einseitig verhimmelnden Aus* mulmig der germanischen Charaktere in der Oc* schichte wird liier auch einmal die Gegenseite gczeichnet: die Eülle von Barbarei. Grausamkeit. Treu* losigkeit und ethischer Verrollung, die mit dem Anbrechen des germanischen Mittelalters Europa wie ein tausendjähriger Traum erfüllte. Er zeigt aber auch weiter, dall alle die Züge, die unsere Rassenthcorctiker vom Schlage Chamberlains als besonders charakteristisch für den Germanen aufzälilcn, im Lau( der geschichtlichen Entwicklung den stärksten Schwankungen unterliegen, derart, dall cs überhaupt kaum möglich ist, die angeblich ewig unveränderten Rasseitcharaktcrc in einem bestimmten Hall fcst/.ulegen. Es mag sein, dall die Rassen eine bestimmte Anlage haben; jedenfalls aber sind Milieu, Schicksal und Tradition imstande, innerhalb weitester Grenzen eine Umformung eintreten zu lassen. Diese alte Streitfrage, wie weit die Vererbung fester Eigenschaften, wie weit Milieu und Entwicklung die Rasseiieigenart* bestimmen, erörtert Zollschan ganz ausführlich im Ausclilult au die neuesten T'orselumgeii der Vererbungslehre. Er stellt dabei auf Seiten derer, die in der Reinz.iichtung der Rassen eine wesentliche Bedingung ihrer Grolle sehen, und wendet diese Lehre gerade auch auf die Juden an. Es würde uns hier jedoch zu weit führen, wollten wir den biologischen Auseinandersetzungen im einzelnen folgen. Im letzten Hauptabschnitt finden wir Unter- Miclumgen über den Kultnrwcrt der jüdischen Rasse. Indem er die Juden zusammen mit den Völkern betrachtet, die ihre nächsten Verwandten sind, zeigt er die (ingclictirc Bedeutung, die schon auf dem Gebiete der materiellen Kultur den Juden seit jeher in der Geschichte der Menschheit zufiel. Weit übertroffen aber wird diese Rolle der jüdischen Rasse durch ihre Leistungen für die sittliche Kultur der Menschheit. Mit Recht sicht Zollschan liier das wirklich Balmbrechende nicht in irgendwelchen religiösen Wahrheilen der jüdischen Lehre, sondern in dem sittlichen Idealismus, im Altruismus an und iiir sich, der auf dem Boden Palästinas erwachsen ist und zur Idee der sozialen Gerechtigkeit geführt hat. Diese nennt er daher kurzweg Judaismus. Wer dem Verfasser dieses außergewöhnlich vielstitigcii und interessanten Buches bis hierher gefolgt ist, wird nun gespannt die Konsequenzen erwarten, zu denen seine Anschauungen über das Judeiitiiip ihn fuhren. Diese Konsequenz kann nur sein, dall die Eigenart der Juden als eine überaus wertvolle verdient erhalten zu werden; und da das nur durch die Sicherung der nationalen Existenz zu erreichen ist, muH der Zionismus als einzig denkbare Lösung erscheinen. In der Tat erkennt Zollschan diese Folgerung an, und der Zionismus kann sich über dieses Zeugnis eines ringenden und ehrlichen Denkers, der sich seine Aufgabe nicht leicht gemacht hat, nur freuen. Aber Zollschan glaubt trotzdem nicht an die Durchführbarkeit dieser Lösung. Ihm erscheinen die Schwierigkeiten zu groll, die Machtmittel des Zionisums zu klein zur Lösung seiner Aufgabe. Er sicht die Auflösungsprozesse im Judentum fortschrciten, und stellt ihm nur den Untergang in Aussicht. Sein eigenes Werk erscheint ihm nur als eine Grabselirift, die der Ehrenrettung dieses begabten Volkes dienen soll. Es Ist keine unabwcislichc Notwendigkeit, der trüben Vorhersage Zollschan beizustimmen, denn er fallt die dem Zionismus gestellte Aufgabe zu weit. Eine Repatriierung aller Juden darf mit Recht als eine Unmöglichkeit bezeichnet werden. Dagegen die Herstellung eines jüdischen Zentrums, das die Erhaltuug der jüdischen Rasse als solcher verbürgt und gegenüber dem fortschreitenden Zerfall größerer Teile des Judentums die Möglichkeiten weiterer Selbstcnt- Wicklung bietet, Ist eine Aufgabe, deren Lösung sich unter unseren Augen in Palästina zu vollziehen bcginnt. Wie man sich auch in Einzelheiten zu dem Buch Zolischans stellen mag — gerade der wohlwollende und clndringcnde Kritiker findet manches zu tadeln—, so kann man doch im ganzen dem Autor lebhaften Dank sagen, daß er die aktuellen und vielfach ungcklärten Probleme der Rassentheorie in so gründlicher und echt wissenschaftlicher Weise zusanmiengcstellt und kritisch beleuchtet hat. Ein solches Buch fehlte bisher. Hier kann man jetzt sich ein Bild von dem machen, was Rasscnthcoric heißt. Jeder, der sich in das Buch vertieft, wird tausendfältige Anregung darin finden, und man muß den Mut des Ersten auch da rühmen, wo man die Lücken findet, die erst eine zukünftige Forschung ausfiillcn kann. Bücher-Besprechungen Max Nordau über das Judentum im P). und 20. Jahrhundert. Linen unverlösehliclien Eindruck hat der Vortrag, welchen Max Nordau gelegentlich des Kongrosses in Mamburg gehalten hat, hei allen denen hinterlassen, die ihn mitanhürcn durften. Gespannten Blickes hatte eine tausendköpfige Schur, die bis hoch in die Galerien hinatif den Saal füllte, nach der Bühne hiiigchoreht, w0׳ der greise Führer in jtigendlieber Elastizität am Rednerpulte stand und in breiten Zügen darlegte, aus welchen Gründen dem E>. und 21). Jahrhundert die Bedeutung einer Schicksalswende für das jüdische Volk bciztimcsseit sei. Was die seltene Wirkung auf den Hörer ausubte, hatte seinen Ursprung nicht allein in der klaren Zergliederung des Stoffes und in der sprachlichen Meisterschaft der Rede, aus deren ernsten Gedankenlosen mannigfacli die satirischen Lichter wie glühende Funken hervorstoben, jener Bann ist vielmehr auf die überlegene geistige Persönlichkeit des verehrten Altmeisters zuriickzuftiliren. die gleichsam jeden Satz, jede Red.•- '•׳endung durchpulste und seine Worte zu einem lückenlosen in seiner aphoristischen Kürze vollendet gegebenen Kapitel jüdischer Geschichte werden ließ, das man nicht geschildert hörte, sondern mitfühlte, miterlebte. •- Der Vortrug ist soeben im Druck erschienen; der ״Jüdische Verlag" (Köln) hat Ilm licnmsgegeben.) Ich glaube, eines weiteren Ihnweises bedarf cs nicht. L. L י א;רת ר־דבי Das Scliächtfach. Von M. Il־enklärten Probleme der Rasentlieorie in so gründlicher jamln. Verlag von Gustav Engel- Leipzig. Diese von S, Neu mann mit Holzschnitten und einer grollen farbigen Tafel versehene Neubearbeitung ist cm Lehrbuch des Schüehtens. das aus der Praxis entstanden und für die Praxis bestimmt ist. In lückenloser systematischer Aufeinanderfolge wird 1111 ersten Teile, der צהיצד* . von der Handliabmig des Scliächtmesscrs bis zur wissenschaftlichen Begründung des Scliüelitcns in klarer, leicht {ältlicher und anschaulicher Weise alles dargcstellt. was der angehende עידיט wissen 1111111. Der zweite Teil -- die!נדיר״ - wird den strengsten Anforderungen dieses schwierigen Gebietes gerecht. Von den Vorkcmitnisseii der ,בדילך und der Lunge bis zu den wihebtigsten Fehlern aullerhalb derselben hat sich der Verfasser auf den Standpunkt der strengsten Beurteilung jeder רעדזא gestellt, was dem Werke nur /.um Vorteil gereicht. Dazu erleichtert eine Darstellung der fehlerhaften Lunge und Umgebung neben dem alnliabetiselien Sachregister die Handhabung des Buches. Der dritte Teil — das Porsclicn oder Triebern — will in seiner IcichtfaJllichen klaren Behandlung eine längst empfundene Lücke ausfiillcn. So ist dies Lehrbuch des Scliäehtfachcs das beste, was ich in demscher Bearbeitung gesehen habe. Den jungen Leuten, die sich im SeUäciuLich ausbilden wollen, wird das Werk, das sich nach Anlage und Inhalt, nach Form und Ausstattung von selbst empfiehlt, ein sicherer Wegweiser durch die schwierige Materie sein, deren Erlernung cs ungemein erleichtert. Auch dem praktischen עוהט• wird cs ein willkoiiiinenes, übersichtliches Nachschlagcbiicli. das als Grundlage späteren Quellenstudiums sich sehr gut eignet. L. Katz, Lehrer (Erlangen). Dr. Nathan Birnbaums (Mathias Achcrs) Ausgewählte Schriften zur jüdischen Frage erscheinen in der allernächsten Zeit. Das so lange von so vielen sehnlich erwartete Werk wird aus zwei starken Bänden in Groß*Oktav bestehen und sehr schön ausgestattet sein. Preis jedes Bandes, deren erster ein ausgezeichnetes Bildnis des Autors enthält. 3.50 Mark, gebunden 4,50 Mark. ״) Das Judentum im 19. und 20. Jahrhundert. Vortrag, gehalten in Hamburg am 29. Dezember 1909 von Max Nordau. — Jüdischer Verlag Q. m. b.H Köln a. Rh. und Leipzig. 1910.