Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XV (1910)
- Issue
- Heft 11 (18.3.1910)
- Date
- 1910-03-18
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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־־ד־ I :1 i *• נ י«י» Abonnement■ י «ul 111c wOchentllcl» am Prel. ■ 1,1 g mchrliicnde ״Jildlache I Ku.t»l'>־lwM״ ko»len bd der I 1׳. ...■.Iiiirtn nml hrl •tl«■■ ()«•1 ■ I:\!>1׳t!i Hort und brl allen Pou- >1111,•m vlorirliahrlkh 1.25 M. mivsi-rli.ilh Deulsclilandt und OrMom'ich-Ungarn» 2.— M: In Miigllcdcf indischer Ver. eine Im Sammclbciust durch den Verein I.*- M. Verlag Jlldlicho Rundichau I!. U. m. b. ||. Iierlln SW. 68. Zlramcntr. TT. 1i.vel1.H1"lunden: 3 bl* 7 Uhr uusscr Sonnabend und Sonniaf. ilU'Su i'WllllÄWVll« «iiu ööliniai^^ •4u& J\j V^J J _״ Anzeigen kosten far die lOnfteapallen* Pelluelle oder deren 25 l*(g.i Slellen-Ancebon und Qesucbe sowie Verelnsmlllelluntcn n. ..Kleine Anreigen mir 15 Pit. o u 0 o c o n Mamukrlrie werden, wen״ Porto beillegt, steis lurlick• gesandt. — Redaktjonsichtuts Mluwocb vormluag«. Redaktion Jüdische Rundschau ÜcrllmCharloitenburg. Dlelblreualr. 41 Tel. Cb. 9881. Sprechstunden Dienstag und Donnerstag 5-6 nachmittags. ר¬ ו I I 1 1 I 1 I I I I I ALLG6ASIHC3 3 y<|© OSSELS Nummer 11 Berlin, den 18. März 1910 — 7. fldar II 5670 | XV. Jahrgang Der Systemwechsel in der Alliance II 111 ־ iduiiiual I.tulwij׳ Max Goldberger j<1 Iv. -inntlicli der Autor des .Wortes vom ״Laiul der unbegrenzten Möglichkeiten“, als wclclu er Amerika vor einigen Jahren proklamierti 1 :at er darin vielleicht so Unrecht nicht, so in «,r doch sicher, wenn er einst geglaubt haben -Ille, die A 11 i a n c e 1 s r a e 1 i t e U n i- \ e r m : I e. zu deren deutschen Komiteepräsi* deute!: r berufen wurde, habe in der Judenhcit noch;!begrenzte Möglichkeiten“ vor sich. Der Anlaut. .u*11 er damals nahm, konnte den Hindruck 1!wecken, als habe er diesen Glauben, ['in ihn wahr zu machen, mußte aber die A.I.U. eine au.־;.•re scin.^ als sic ist, oder wenigstens haue;!.״:n Herr Goldberger selber andere Wege einsdilartu müssen als er für richtig gehalten hat. I! hätte vor allem von der allzu hohen Warte. .1111 die er sich gestellt glaubte, herab* steigen 1n!1>scn und sehen, daß die Judenheit in den Ki heit Jahrzehnten auch außerhalb der \lliancc. ohne sic und nicht selten gegen sie envas getan und erreicht hat, und er hiittc sich bestreivn *niissen. alles Vorhandene einer wirk* liehen ii'.'lischen Weltorganisation nüher/.ubrin- . gen. Das aber hat Herr Goldberger nicht ge* wollt. ׳ יder er hat es nicht gekonnt. Jedenfalls hat ihn der bei der Alliance übliche Hochmuts* uufel rann beim Kragen gehabt, und so hat er denn da es in der alten Weise wirklich eben einfach ment mehr geht! — in recht kurzer Zeit not/. evwi>ser äußt'rlicher l.rtolgc vollkommen abgcwii ischaftct. so vollkommen, daß man in einem systemwechsel, den die Wahl Timend! »riers zweifellos bedeutet, den einzigen Ausw:•״ sah, — - Pie :oeben erschienene Märznutnmer des Alliaii״••( )ruans ״Ost und West“ bringt end* lieh einen etwas ausführlicheren Bericht über die 7. Tagung der Deutschen Konferenzgemeinschaft der A!1'. als jenes Kommunique, dessen bered* tes S äweigen wir vor einem Monat kennzcich* i'rn ״!:inien. Nach der Wiedergabe der Rede f'joldi.׳rgers heißt es: ..fU׳r Bericht wurde mit lebhaftester Auer* kwinumu und Zustimmung aufgenommen. Nur cm Mu. icd des berliner L״ka!-K״1״itees machte den die!!heraus maltvolle Abwehr des I rasi* ׳Kniui gegen schmähende Angriffe in der zjoms; , 1l(:u (»tesse ak eine Herabsetzung des 410* 1״s ״*> hinziistcllen. Der Vorsitzende gab dem U»!:'.:;enden Uber die Verkennung der tatsach* hei!ו Vorkommnisse eine eindringliche und mit eit!11 ,״ tigern Beifall bcgrültte Belehrung." Aber nicht nur so kindlicher Größenwahn spukt in dem Bericht. Fs werden da auch an* derc Niinste geübt. Man lese z. B. das Folgende. . ..SchlicBlicIi lag ein Antrag des Breslauer b ׳׳ f;! 1 - K 0 m i t e c s vor. Von zionistischer ^ciie waren schon im vergangenen Jahre söge* 1'“1״׳te l'.ntrii.stungskundgcbungcn veranstaltet wor- 1len. ׳lie sich gegen die Alliance und Ihre Leitung f'chuicn. In Breslau haben sodann einige 410nisten den Zufall, da« die Generalversammlung I.okal-Komitccs überaus schwach -- von nur 11 .Mitgliedern besucht war, dazu benutzt, um ״>it א stimmen folgender Resolution zur Annahme *״ verhelfen:.״ (Die Resolution, die sich Kege״ djc (joldbergcrsche Rede vom.£3* 909 [iclittie. wurde von uns s. veröffentlicht, d. ״J. R"). Wenn man das liest, muß man nätürli^i tauben, die Generalversammlungen des ״res* lauer Lokalkomitces seien sonst immer sehr stark besucht, und diese hinterhältigen Zionisten hätten nun den höchst bedauerlichen ״Zufall“ . סיג heißt es ja! — der Anwesenheit von 14 l euten ״benutzt“, um eine Resolution durchzu* drücken, in der cs heißt, daß in der Goldbergersehen Rede, die ia an dieser Stelle im Juni vorigen Jahres mehrfach erörtert worden ist, ״eine Form der Kritik geübt wurde, die der Devise der Alliance und den Intentionen ihrer Begrün* der zuwiderläuft". Der Außenstehende weiß nun natürlich nicht, daß die statutenmäßigen Generalversammlungen der Lokal-Komitees in den meisten Orten überhaupt nie s t a 11 - finden, und daß eine Besuchsziffer von 14 selbst in einer Stadt wie Breslau eine sehr hohe ist. wenn nämlich die Versammlungen überhaupt abgehalten werden! Rechnet man drei Vorstandsmitglieder ab, so ergibt sich ja, daß in der Breslauer Versammlung außer den acht Zionisten, die die Resolution unnahmen, g a n z e drei M a n n bei jener ״Generalversammlung“ erschienen waren. Abgesehen aber davon — läßt sich denn der oben zitierte wesentliche sachliche Inhalt der Resolution nicht beinahe mathematisch beweisen? Daß nämlich Goldbergers Angriffe auf ״Hilfsverein“ und Zionisten nach Form und ürst eines Repräsentanten der Alliance nicht würdig waren? .Muß man das überhaupt erst beweisen? Und welchen Wert kann in der Oeffentlichkeit der Beschluß beanspruchen, der die Breslauer Resolution ״als völlig unbegründet mit aller Futschiedenhoit zurüekwoist“, angesichts der Tatsache, daß Herr Goldberger nicht mehr Präsident der P.C..G. der Alliance ist! Demi wenn am Schlüsse der Offiziosus der Alliance die Ankündigung des Herrn Gehoiinrat Goldberger, daß er das P r ä s i d i u m n i c d e r* lege, als eine ״Ueberiaschung“ bezeichnet, die ״geradezu erschreckend wirkte“, so kann er doch unsteii Lesern nur eben ein Lächeln abnötigen. Herr Goldberger ist doch nicht gegangen, weil er ganz persönlich nicht mehr wollte — niöglieh, daß das hinzukain ״• sondern weil sein System des Kampfes gegen andere Organisaf ionen nicht länger aufrecht zu erhalten war. Zwar erklärte Herr Goldberger noch in derselben Sitzung, in der er dann zurücktrat, stolz: ״Wir können in der Alliance cs nicht allen recht machen und wollen es auch nicht“ — aber die Wahl seines Nachfolgers beweist, daß die All!• ance doch nicht dauernd in ihrer splendid isolation bleiben will und kann. Des neuen Mannes, Justizrat Bert hold rimen-lorfer, oft ausgesprochene Mei- 1ung ist es, daß a 11 e j ü d i s c 11 e u O r g a n 1 - , a t i o n e n zusammen arbeiten n ü s s c n , und da Herr Timcndorfcr nicht nur Mitglied des Vorstandes der Berliner jüdischen lemcinde ist, sondern auch Großpnisident aller leutschcn U.O.B.B.-Logcn und stellvertretender /arsitzender im Hilfsverein der deutschen Juden ,0 darf man annchmen. daß auch seine Politik n der Alliance von diesem Gesichtspunkt getra- .1״ sein wird. Mit Justizrat Timcndorfer tritt 'ines von den Mitgliedern der A.I.U. ף die Stec, die nach Herrn Goldbergers Wort ״in c" an sich rühmlichen, auf Ausgleidiung der legensätze gerichteten Vermittlungsabsicht dalingekommen sind,. ... aufbeiaenSeiten -uhinken.“ Warten wir ab. ob sich dieses System nicht doch vielleicht besser bewähren wird als der all. zu temperamentvolle Kampfesmut des Herrn Goldberger, und hoffen wir, daß es in der Alli* ance überhaupt zur Herrschaft gelangt. Damit würde dem Frieden in Israel jedenfalls ein wesentlicher Dienst geleistet sein. Ein Arbeitsamt für jüdische Akademiker Ucr politische Antisemitismus, der von Stöcker und Trcitsciike in den achtziger Jahren des vorigen Jahrhunderts propagiert wurde, um schiiclilich in Karikaturen wie Altlwurdt und Piicklcr auszuarten, konnte den Juden zwar nichts von ihrer gesetzlich verbürgten Gleichberechtigung nehmen, hat aber doch durch Weckung der nationalen Instinkte der! in seinen Formen durchaus korrekten und darum nicht faltbaren gesellschaftlichen Antisemitismus gezeitigt. Dieser bringt den Juden direkt und indirekt die schwersten wirtschaftlichen Schädigungen: direkt durch Boykot* ticrung Jüdischer Geschäfte und Ablehnung jüdischer Angestellter, indirekt durch den Mangel an Protektion und gesellschaftlichen Beziehungen, die bei der Be• Werbung um zahlreiche angesehene und gut dotierte Stellen bedeutungsvoller sind als alle Zeugnisse und Diplome. So hat besonders das in Form von Aktienbanken arbeitende Kapital, trotz I.cilung durch Juden, viclfa-.l• die Tendcn׳. jüdische Angesichte nicht zu beschäftigen. Die durch die gegenwärtige Zwangslage und historische Faktoren bedingte abnorme wirtschaftliche Lage der deutschen Juden zeigt sich am krassesten in ihrer Beteiligung an den akademischen Berufen. Legt man die Zahl der Volkszählungen von 1905 zugründe, so beträgt der Anteil der Juden an der Bcvölkerung 1,0 Prozent, dagegen ihr Anteil am Universiiaisstudium im selben Jahre ca. 9 Prozent, auf die einzelnen Fakultäten verteilt: Jura . . . 9,35 %, Medizin . . 16,14 ‘u Philosophie . 4,88 ׳ü. Dasselbe Bild zeigt die Berufs-Statistik. Der Anteil der Juden an den technischen Studien dürile zwar erheblich geringer sein als derjenige am Univcrsitats- Studium, doch ist liier die Lage insofern weit ungünstiger, als die Angehörigen der tchniscltcn Berufe selten Gelegenheit zur Selbständigkeit haben und auf eine Anstellung in öffentlichen oder privaten Bciriebcn angewiesen sind. Die wirtschaftliche Konkurrenz der Juden kann als solche erst empfunden werden, wenn ursprünglich ein siarkcs, rassenhaftes Untcrschicdscmpfinden vorbanden ist: das ist aber am stärksten in akademischen Kreisen ausgeprägt: haben diese doch dem Antisemilismus sogar das Mäntelchen der Wissenschaft umgehängt. Bisweilen wird er vom Katheder herab gepredigt, hauptsächlich aber züchten ilm die studentischen Korporationen Semester fiir Semester in ihrem Nachwuchs groll, der nach Verlassen der Hochschule seine antisemitischen Prinzipien im Leben betätigt. So ist cs kein Wunder, wenn viele Behörden und Firmen bereits in ihrer Ausschreibung die Zugehörigkeit zum Christentum als Bedingung stellen. Fine grolle Anzahl anderer begnügt sich damit, in ihren Annoncen oder Fragebogen, die den Bewerbern zugeschickt werden, nur die Angabe der Religion oder in noch verschämterer Weise die Ucbcrscndung einer Photographie zu verlangen. Einige Firmen bcschäftlgcn zwar mit Rücksicht auf Irgend einen cinflullreichen Jüdischen Qcldmann ein oder zwei Renommier- Juden, lehnen aber Im übrigen jüdische Bewerber ab Die Klagelieder des Jüdischen Privatdozenten, des Jüdischen Richters und Lehramtskandidaten sind zu bekannt, als daß ihrer an dieser Stelle mehr als Erwähnung getan zu werden brauchte.