Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XV (1910)
- Issue
- Heft 10 (11.3.1910)
- Date
- 1910-03-11
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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JUED1SCHE RUNDSCHAU Seite 113. No. 10. Kulturelle Institutionen - Kindergärten — zu unter- «Atzen, die Juden produktiven Berufen Zufuhren und .,__ b'rm ilfiitiM nn דו_י ד , ..“ MiH/״׳יז,י ך״״,׳ן י ך״;.ן״ •״1׳ uciuisn zuiunrcn und ihnen KrcdiUjuclIcn crsehliesscn. In Rumänien hat cr ausser dem Schul- und Erzichungswcrk sich auch (Ar die Besserung der ökonomischen und rechtlichen l agc der Juden eingesetzt. Russland. Hie l.eidensgesehiehte der Juden Russlands ist in diesem Jahre eine getrculiehe Wiederholung der Hi'dnickungen des vorigen Jalires. Nach der Volkszählung von 1897 beziffert sich die Zahl der Juden in Russland auf 5 215 805 Seelen, die heute auf über to Millionen sich vermehrt haben werden. Wenn diese jüdische Bevölkerung das Recht der Freizügigkeit in Russland hätte und sich so auf Russland verteilen könnte, so würde sic mit ihren 4,!״ Prozent der Uesamtbcvölkcrung auf dem gewalt'gen l’erritorium des russischen Reiches, das jo Millionen Ouadratwerst umfasst, ohne Schwicr1(jk׳n prosperieren können. Anders wird die Lage der Juden durch die Be- «.ciii.nkungen. denen sie unterliegen. Von der ges.ni cn jüdischen Bevölkerung sind 93,9 Prozent dm 1 grausame Gesetze in einem eng begrenzten Tu •mrünn eingeschlossen und zwar in 15 üouverneuier der sogenannten jüdischen Ansiedlungszonc, im \\e> u. und Süden des curopäis9hcn Russlands und 1er; 'יי Jeיי1 1׳ Uouverncmcnts des ehemaligen k'i.'iureiclies Polen, so dass sic von 60 russischen ,nie Imschen Uouverncmcnts im ganzen nur 25 bcwell .11 dürfen, die dem Flächeninhalt nach nur '/» dev .nvMSchen Reiches ausmacben. Infolge dieser Xnv ״.i'icndrängung erhöht sich der Prozentsatz der Judi 1 mi Ansiedlungsrayon auf 11.12 Prozent der Uc• ,,bevolkerung und in Polen sogar auf 14,05 Pro- ,*er; n׳r Uesamtbcvölkcrung.!! die Juden durch die Verordnungen vom J.dr. i>S2 und 1891 innerhalb des Ansicdlungsrayons ,,ui . Städte beschränkt sind, so bilden sic in den Sua׳■ wo *io i» drangvoller Enge zusammenwuliiii . müssen, oft die Hälfte bis drei Viertel der 11.111A!ו Bevölkerung. Oie unnatürliche Verteilung der 1‘!den in Russland, die gesetzliche Verfolgung und -!; ׳ last völlige Ausschluss von den Bildungs- ,iivulva sind cs. die auch die traurige Wirtschafthdu■ 1 .!ge der Juden herhcifiihrcn. Pas freie Spiel der Ki.n'te ist durch eine widersinnige grausame Üc- H'UgU'iing für die Juden vollständig unterbunden. \\!1׳ trostlos ihre Lage ist. dafür sollen nur zvici /•dilen sprechen. Zu den Osterfeiertagen!misvuii 1» Odessa 60000 Personen um Unterstützung bitten mul in Warschau gar 15 CMKI Familien mit 7sm«1 Personen. Angesichts der beispiellosen Not, m der 'ich die russischen Olauhensgcimsscn hefinde.!!!'Me die Tätigkeit des lliifsvcrcins in unvermindertem Massstahc fortgesetzt werden. Schulen;n Russland, in denen die Schüler zu praktischen Bcniicn licrangcbildct werden und die eine Zuflucht bilden iur diejenigen Bildungsdurstigen, denen anderwärts der Zutritt zu den öffentlichen Schulen durch die grausame Ocsetzgcbung in Russland verwehrt wird, lass der Hilfsverein Unterstützung zukommen. Auch fur eine Reihe von Bränden wurde der Hilfsverein, wie jedes Jahr, in Anspruch genommen. Zur Sicherstellung der Zukunft der Waisenkinder, die durch die Pogrome ilire liltcrn verloren haben, zur Ifrlcieliterung ihrer späteren Sclbständigmacltung hat die ürossloge mit dem Hilfsvcrcin gemeinsam für jedes der Kinder ein Sparkassenbuch angelegt. Die Kosten, die bisher aus diesen Sparriicklagcn für die ׳י> Waisenkinder in Deutschland erwachsen sind, hetragen iur den Teil des lliifsvcrcins allein 3340 Mk. Die grösste Hilfe, die wir gehen konnten, blieb auch m diesem Jahre, die Möglichkeit zu gewähren, sich ihren Verfolgungen (hirch Auswanderung zu entziehen, hur das russische Hilfswerk inkl. der Auswanderung hat der Hilfsverein im Jahre 1909 die Summe von ’1)iio'in Mark ansgegeben. Auswanderung. In! Jahre 1909 haben etwa 100000 jüdische Aussan■derer ihre europäische Heimat verlassen müssen, laria ur mehr als 05 000 aus Russland. Das bc- Ru!.׳’ gegen das Vorjahr, in dem infolge der Krisis ״ Amerika die Emigration stark zurückgegangen var, emc Zunahme der jüdischen Einwanderer um :tu.. 30 Prozent. Rund 45 000 Auswanderer haben itif 11 er Reise nach den Hafenstädten ihren Weg Jureli Deutschland genommen. Zur Fürsorge für die scharen der Hilfs- und Schutzbedürftigen unter diesen Mjs\ .imlcrcrmasscn hat der Hilfsvcrcin an den drei/.orten, im Innern Deutschlands, und in den nafeimlätzcn 36 Komitees und Bureaus errichtet, die iiucl. mi verflossenen Jahre ihre schweren Aufgube.1 in der besten Weise erfüllt haben. In mehr als 13585 Einzclfällen wurde die Hilfe unserer Vcrtraueuslcutc angcrufcn. 8538 Personen wurden hefördert, und fast die doppelte Anzahl beherbergt, wrpil.gt. bekleidet oder in Krankheitsfällen unter- Mutzt. Um die Fürsorge für die jüdischen Auswandcfer einheitlich und damit wirkungsvoller zu gestalten, um namentlich den Auswandererschutz beim Ucbcrstang;,11 der russischen Grenze und bei der Durch- Wanderung durch Deutschland bis zu den Hafen- Mäüten noch weiter auszubaucn, haben sich die Bureaus der Jcwisn Association in Russland und des lliifsvcrcins in Deutschland zu einer engen gerne nwinen Arbeit an der Orenze vereinigt. Neben der Auswanderung hat der Hilfsverein auch den Rück- *anderem seine Fürsorge zugewandt und er ist zur Zeit bestrebt, gemeinsam mit dem Dcutsch-Israclitlsehen Ücmcindebundc und anderen Jüdischen Organlwtionen zur Unterdrückung des Wanderbettels geeignete Vorkehrungen zu treffen. So hat der Hilfsverein Im abgclaufcncn Jahre seine bisherige Tätigkeit nicht nur fortgesetzt, sondern auch in mannigfacher Weise erweitert. Das gesamte Kultur- und Hilfswerk des Hilfsvereins der Deutschen Juden erforderte im Jahre 1909 die namhafte Summe von rund Y\ Million Mark. Das Hilfswerk in Russland Der Zentral-Fonds für das Hllfswcrk in Russland in London gibt jetzt seine Schlussabrechnung. Bekenntlich war dieser Ponds — nachdem telegraphischc Vorverhandlungen zwischen Lord Roths c h il d - London, Jacob H. Schiff-Ncw York uijd Dr. Paul Nathan vom Hilfsverein In Berlin die Ucbcrcinstimmung der Organisationen dieser drei Länder ergeben hatten — In einer Konferenz in London geschaffen worden, damit in dem entsetzliehen Unglück, das durch die furchtbaren Pogrome In Russland über unsere russischen Glaubensgenossen hcreingcbroclicn war, schnelle und ausreichende Hilfe gewährt, das Hilfswerk auf einheitlicher Orundluge durchgeführt werden könne und sich nicht wirkungslos zersplittere. Dem Ponds schloss sich alsdann auch die Wiener Allianz und die Pariser Alliance an, so dass schliesslich sämtliche Jüdischen Korporationen in dieser Zentrale vereinigt waren. Die Gelder des Zentral-Fonds setzten sich aus folgenden Summen zusammen: Vereinigte Staaten (New York) . . . 4800 000 Mk. England und Kolonien (Russo Jewish Committee). 2262 820 ״ Deutschland. 1 180000 ״ davon Hilfsvcrcin der Deutschen Juden . 780000 Mk. ausserdem wurde mehr als die doppelte Summe vom Hilfsverein direkt für Russl. ausgegeben. Hilfskomitee für die notleidenden ostcuropäischcn Juden .. 400000 Frankreich (Alliance) ׳. Oesterreich (Wiener Allianz) . , Brüssel (Jewish Relief Committee) Schweiz (Hilfskomitee Basel) . . Aus anderen Ländern. . Sa. 9487 780 Mk. Die Verteilung der notwendigen Entschädigungen an die Opfer der Pogrome nach Russland konnte dank der geschaffenen Organisation in kürzester Frist, insbesondere auf Grund der persönlichen lnformationen, die die Herren F c i n b c r g (ICA- Petersburg), Dr. Paul Nathan (Hilfvcrcin-Bcrlin) und Carl Stettauer (Russo Jewish Committee- London) trotz der gefahrvollen Zeit an Ort und Stelle cinholtcn, erfolgen. Insgesamt wurden aus dem Zentral-Fonds 8335 700 Mk. für das Hilfswerk in Russland ausgcgeben. Die übrigbleibcndcn Beträge verblieben unter der Verwaltung von Lord Rothschild in London, weil die traurige Lage der Juden in Russland es notwendig machte, für alle Eventualitäten gerüstet zu sein. Erst im Beginn dieses Jahres hat das Russo Jewish Committee in Ucbcrcinstimmung mit allen beteiligten Korporationen die in London deponierten Summen teilweise zurllckgczahlt, damit die Einzel- Organisationen diese Mittel Ihrer Bestimmung entsprechend verwenden. Um aber die unter so schwierigen Verhältnissen geschaffene und so glänzend erprobte Zentralstelle auf rech tzuerhaltcn und um bei grossen Unglücksfällen unseren Glaubensgenossen ungesäumt Hilfe bringen zu können, Ist ein Fonds von 100 000 Mk. weiter unter der Verwaltung des Herrn Lord Rothschild verblieben, an dem die oben genannten Organisationen entsprechend beteiligt sind. Dadurch ist das Fortbestehen der Zentralc gesichert. Da der noch verbleibende Fonds nur für Kalamltäten grossen Umfanges bercltgchalten wird, so können In Zukunft Unterstützungen anderer Art von London aus nicht mehr gegeben werden. Solche müssen entweder von den lokalen Institutionen oder von den Hilfsorganisationen der einzelnen Länder getragen werden. Für die umsichtige Verwaltung der grossen Summen, die dio Judenheit der ganzen Welt zur Linderung des namenlosen Elends ln Russland beigesteuert hat, für das harmonische Zusammenarbeiten mit allen jüdischen Organisationen, für die rasche, plamnässige und sachlich vortreffliche Abwicklung des ganzen grossen Hilfswerks gemeinsam mit dem auf der Konferenz in London eingesetzten Zentralberichtsburcaus des Hilfsvcrcin* der Deutschen Juden, bleibt die gesamte Judenheit dem Russo Jewish Committee und seinen Leitern, vor allem den Herren Lord Rothschild, Lord Swaythling, Carl Stcttaucr und den verewigten Herren Reverend Singer und N. S. Joseph zu dauerndem Danke verpflichtet. Judentaufen in V/ien Uber dieses vielbesprochene Thema entnehmen wir einem längeren Artikel der ״Jüdischen Zeitung“ (Wien) folgende Ausführungen: Dr. Jakob Thon bezeichnet in seinem grundlegenden Werk ״Die Juden Österreichs" Wien mit Vi aller ״jüdischen Apostasien“ als den Zentralherd der Taufbewegung in Österreich und beweist auf Grund der bis 1903 benützten Daten aus dem Jahrbuch der Stadt Wien, wie der Abfall vom Judentum in Wien nicht nur absolut, sondern auch relativ geradezu sprunghaft zunahm. Darnach gab cs im Jahresdurchschnitt: 1868-1879 50 Apostaten mit einem Fall auf 1200 Juden ״ 420-430 ״ ״ .. 220 1889־1880 ״ 260-270 . 455 1890-1903 Die klar ersichtliche Tatsache dieses durch Jahrzehnte anhaltenden Verfalles hinderte einen im Solde der ״Alliance“ .stehenden Fälscher nicht, vor 2 Jahren zu entdecken, dass ausgerechnet Herzls Auftreten anno 1897 die Taufe in Mode gebracht habe, und diese Entdeckung in ״Ost und West" als das Fazit des glaubcnsfcindlichcn Zionismus zu brandmarken. Jeder, der nicht böswillig ist, musste doch cinschcn, dass der Zionismus nicht mit einem Schlag die alte Verrottung hat ausmerzen können, cs sei meinetwegen gar zugegeben, dass der jugendfrische Wind den Abfall so mancher Faulirucht beschleunigt habe; aber selbst die begeisterten Parteigänger des Zionismus hätten es kaum zu träumen gewagt, dass die durch ihn bewirkte Gesundung des Judentums schon so bald auch in der ״Tauf- Statistik“ nachzuweisen sein werde. Nach der seit 1902 zugänglichen Statistik des Wiener jüdischen Matrikelamtes, welches abweichend von der städtischen Statistik auch die Kinder unter 7 Jahren einbegreift, ergibt lehrreiche Tabelle: sich nämlich folgende Aufall vom Übertritt zum Im Jahre: Judentum Judentum Saldo 1902 646 98 548 1903 638 105 533 1904 623 111 512 1905 607 107 500 1906 602 117 575 1907 603 134 469 1908 607 151 456 1909 592 170 422 Also, seit 1902 nimmt die Flucht aus dem Judentum fast stetig ab und der Uebcrtritt zu ihm noch stetiger und rascher zu. Der sich hiernach durch Subtraktion der Proselytcn — von den Apostatenfällen ergebende Verlustsaldo ist mit einziger Ausnahme des abnormen Jahres 1906 in auffallend schneller Schrumpfung begriffen. Mit den absoluten Ziffern aber wollen wir 1ms nicht begnügen; vielmehr crsclilicsst sich ihre Bedeutung erst im Vergleich zur jeweiligen Zahl der Wiener Judenschaft. Wenn 1902 auf 153 126 Juden 646 Apostaten entfielen, dann müsste man, da die Zahl der Juden Wiens jährlich um 2'A d. h. 3500 Köpfe wächst, bei gleich starkem Anwachsen der Apostasien um jährlich 2!׳׳$ %, d. 11. 15 Fälle, für 1909 auf 177 300 Juden 751 Apostaten erwarten. Da cs jedoch ihrer — Gottlobl — nur 592 gab, bedeutet die eine ausserordentliche starke relative Besserung. Diese Besserung würde noch klarer erscheinen, wenn die uns leider unbekannte Zahl der Juden des XXL Bezirkes mitkalkuliert wäre, da ja auch die sie betreffenden Rcligionsändcrungcn seit März 1909 vom Wiener Matrikclamt zufolge Einverleibung der Kultusgemclndc Floridsdorf registriert werden. Diese relative Besserung drückt sich auch in dem Verhältnis der abnehmenden Apostasien zu den zunehmenden Übertritten aus. Darnach entfallen auf je 100 austretende Juden in den Jahren 1902—1909 zu uns Übertretende: 15.17, 16.46, 17.82, 17.63, 16.91, 21.22, 24.88, 28.71, also eine fast stetig steigende Verhältnlszahl. Sage keiner, lene Proselytcn seien für uns wertlos! Wären es selbst durchwegs Arier, welche nur die Absicht einer Mischehe mit Juden herübcrzlcht, so zeigt diese Erscheinung Immerhin von wachsendem Selbstbewusstsein der ״ 720 639 ״ 020 442 ״ 000 60 ״ 26660 ״ 560 76