Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XV (1910)
- Issue
- Heft 10 (11.3.1910)
- Date
- 1910-03-11
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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JUKDISCHE RUNDSCHAU. Suite 112. No. 10. Vieles dürfte noch fehlen. Vielleicht manches Wichtige. Aber dem l'.iudruck wird sich schon nach dieser Uebersicht niemand entziehen *können, dass wir Juden der Welt und ״sogar" uns selbst etwas zu zeigen haben! auch in einer Ausstellung. I {leiben noch Fragen des Arrangements. Nötig wäre in erster Linie ein Ausstcllimgskomitce in Palästina. Dieses wäre leicht zusammen• zustellen. Ls ist aber auch in Luropa e ine ge• tn c i n s a m e 7. e n t r a 1 e nötig und Unterzentralen in den einzelnen!.ändern. Wenn die Sache jetzt in die Hand genommen würde, so können wir bereits in wenigen Monaten die ersten Ausstellungen inszenieren. Die Ortsgruppen sollten ihre Uruppcnverbüude, diese wieder die l.undsinnniiselinficn von ihren Wün• selten verständigen und die letzteren sollten sielt mit dem zu bildenden europäischen Komitee ins Linver• nehmen setzen. 11er erste Schritt dürfte sein, dass jeder, den die Sache interessiert, versuchen muss, andere ebenfalls zu interessieren _ und einen (larantiefonds atifzu• bringen, der die finanzielle Unterlage dieser Aus• Stellungen zu bilden hätte. Dann wäre den höheren Instanzen mitzulcilen, wieviel nach Abzug der lokalen Spesen (für Räumlichkeiten, Personal etc die Auf• sicht wurde wohl aus der Mitgliederzahl jeder Orts• gruppe gestellt werden) iiir die Veranstaltung ver* tilgbar bleibt. Hiernach kann das Zentralkomitee seine Leistungen bemessen. Die geplante Ausstelluugsorgaitisation würde die lligentumhchkeit haben, dass sie selbst das meiste an Ausstellungsobjekten zu stellen hülle und dass die eigentlichen Aussteller (zum Beispiel die Palästina• Weingesellschafteu. der ״Bezalel" und ähnliche Institute, sowie die Verleger von Publikationen) den verhältnismässig geringeren Teil beistellen würden. Aber die Materialien der Organisation Bilder, Re• Produktionen, kartographische und sonstige Dar• .Stellungen -- werden schon bei einer ganz kleinen Anzahl von herzustellenden hxcmplarcn nur noch ganz minimale Kostal verursachen. Line 1 lauptschw ierigkeit der grösseren Aus• Stellungen wird es sein, möglichst viele tat säe 11■ liehe Ausstellungsobjekte zusammen zu bekommen, da ein allz.ugrosses Ueberwicgen der Bilder• matcrialien etc. zu Imchmässig wirken könnte, /.war hat eine Oemäldcausstelluug vor ihrem voll• ständig illustrierten Katalog noch tineiullich viel voraus, und seihst eine Ausstellung, die nur ans Re- Produktionen und graphischen Darstellungen bestände, hatte noch immer vor einem aus diesen Materialien zusammaigestelUen Huche den grossen Vorzug, dass das ״ausgestellte" Buclmiaterial ganz anders ״gelesen" wird als das gedruckte. ״• Abgesehen hiervon aber müssen wir trachten, so viel als möglich ..lebendiges" Material zu bekommen, und das dürfte uns ausser den PaliistinaProdukten, ■ die reichlich x ortrete» sein werden, und den oben aufgeslelUai .,üegenstäiiden" - durch leihweise Beschaltung jüdisch-interessanter Gegenstände nicht schwer fallen. Alle Ausstellungen ־ grössere und kleinste — sollten mit I.ichtbilder-Vortrügen verbunden sein, und an Driicksachenpropaganda informativer Art sollte nicht gespart werden. Kleine Broschüren, die inlialtlieh und äiissalieh ansprechend hergcslellt sind, würden bei billigem Verkaufspreise auch reichlich ihre Kosten decken. Alle diese kleinen und ausführlichen Publikationen über Palästina dürften ~~ zusammen mit den Aus• Stellungen -- der Propaganda einen neuen, ki iftigca Anstoss geben, der allen jüdischen Bestre' »ngen vorwärts helfen wird. Mosaisch Wir erhalten folgende Zuschrift: In einem Aufsatz in No. 202 der ״Kölnischen Zeitung" vom 2t. Lebruar ,.Zentrum mul deutsche Katholiken in der Ostmark" berichtet Amtsgerichts• rat Briill in ('niesen, warn der Fremdling ans dem Reiche sich in die Provinz Posen verirre und Oe• legailicit nehme, etwa einer Scliöbensitzimg in einer kleinen Stadt bei/.uwolincn, so werde er mit Lr• staunen walirnchmen, dass es in diesem Winkel des Vaterlandes fast gar keine Christen (weder evan• gelischc noch katholische) und Juden mehr gebe. ״Denn die Präge des Richters an einen Angeklagten oder Zeugen nach dessen Religionsbekenntnis wird in mindestens achtzig von hundert Füllen dahin bcaut• wortet, dass der Betreffende deutsch, bezw. polnisch, bezw. mosaisch sei. Weshalb im letzten Palle von dem mehrtausendjährigen Gebrauche abgegangen wird, das Glaubensbekenntnis durch die Angabe der Stammcsaugehörigkcit zu bezeichnen, mag hier tu!• erörtert bleiben." Schonend geht der Verfasser über unsere mosaischen Stainmesgcnosseu hinweg. Als Aucli-niiicr-Vischer vor der Gründung des Reichs in bittere Klagen ausbricht über d'e Verachtung, die noch auf der deutschen Nation laste, ruft er aus: ״Fast gleichen wir ja den Juden, die auf Kohlen sitzen, wo das Gespräch auf ihr Volk iälirt." Die Worte des alten Visclier sind herb für die Deutschen der Zeit, die noch eine deutsche Präge kannten, wieviel beschämender aber für uns, für die sie bis heute ihre Berechtigung nicht verloren haben, wahrend die Deutschen mit tler P.rrichliing des Reichs bewiesen bähen, dass sie zu den Nationen gehören, die ihr Alles an ihre Lhro setzen. Bei Gericht, wo die Dame mit ihrem Alter, der Verbrecher mit seinem Strai* register, der Jude mit seiner Konfession hernusrnekai muss, erlebt mau die feinsten Niiancierungeii. Der eine tritt hei der gefürchteten Frage des Richters ganz nalie au die Barriere und haucht kaum hörbar seinen mosaischen Glauben aus. der andere gestellt mit ent• schuldigendem Seitenblick immerhin. Israelit zu sein, tler dritte bekamt sich einfach, wie ihm der Schnabel gewachsen ist, als Juden. Nach meinen Lrfnhrungen gibt es bei Gericht 75 Prozent Mosaische, 20 Prozent Israeliten und 5 Prozent Juden. Ich kenne einen Amtsrichter, der stets, wenn er die Antwort ״Mosaisch" erhält, mit lauter, schonungsloser Stimme seinem Protokollführer ״jüdisch" diktiert. Ich will den Namen des Mannes nicht nennen, damit ihn nicht unsere deutschen Staatsbürger mosaischer Konfession zu einem Antisemiten stempeln, der er nicht ist. Jeder unserer Brüder sucht sich in der peinlichen Oeifcntliclikcit des Geriehtssaales so gut wie möglich aus der Afiäre zu ziehen. Sic wissen doch, wie Leib Mausciiel es machte? ״Wie alt?" fragt mich der Richter, erzählte er seinem alten Stammesgeiinsscn, 2 5״". .,Welcher Religion?" ״Katholisch". — ״Was wnr’n Se früher?" ״Mosaisch". - - — Nach vier Wochen muss ich wieder zmii Gericht. Fragt mich der Richter: ״Wie alt?" ״ - - ."52״Welcher Religion?" ״F.vaiigcliseir ״Was war'n Se früher?" ״Katholisch!" . Das Ponim 011 dem Goj iiättste sehn soll'uü" Ha r ry F.ps teilt. Hilfsvercin der Deutschen Juden Am t». März, fand unter Vorsitz des Herrn J a m c s Simon eine Sitzung des Zentralkomitees, sowie die Generalversammlung des H i I f sverein s d er D c 111 s e 11 c n J 11 d e 11 statt. In der Tagung des Zentralkomitees wurde der Geschäftsbericht erstattet. Mit lebhaftem Beifall nahmen die Anwesenden Kenntnis von den Fortschritten des Vereins auf allen Gebieten seiner Wirksamkeit. In das Zentralkomitee wurden die Herren Julian M c i s c I - Berlin: Smiitatsrat Dr. Siegmund Salzb 11 rg - Dresden: Max M. W a r b 11 r g - Hamburg: Jiisti/rat IM;1 c z e k - Posen: Julius Co 11 n - Berlin: Bankier M. A. S t r a 11 s s-Karlsruhe und Justizrat 11 01 z. Königsberg einstimmig gcwäiiit, die sich süimiicb in verschiedenen Richtungen in hohem Grade um den llilfsvetein der Deutschen Juden verdient gemacht luilien. An die Sitzung des Zentralkomitees schloss sieh die ordentliche Versammlung der Mitglieder. Herr James Simon stellte zur lebhaften Befriedigung der Versammlung fest, dass die Lnlwickhmg des 1 lilfs- Vereins auch im verflossenen Jahre einen günstigen Fortgang genommen und das Va trauen titid die Ancrkcimung weiter Kreise in Deutschland wie im Ausland gefunden Italic. F.r gab darauf in grossen Zügen eine Uebersicht über die politische, ökonomische mul rechtliche Lage der Juden in Galizien und Rumänien und über die Tätigkeit des llilfsvercins der Deutschen Juden in diesen Ländern wie in Bulgarien und der europäischen mul asiatischen Türkei speziell auf dein Gebiete des Sclnilwerks. Insbesondere hob er auch hervor, dass ein noch engeres Zusammenarbeiten der grossen j!1 ׳j. sehen Organisation als bisher dadurch gewährleistet sei. dass der Hilfsvercin durch Vorstandsmitglieder in Personalunion mit ihnen getreten sei. Herr Generalkonsul Lugen Landau berichtete alsdann über das Hilf sw erk des Hilfs- Vereins der Deutschen Juden in Russland mul ferner gab er anstelle des am Lrseheincn verhinderten Schatzmeisters im Hhreuumt. Herrn Bankdircktor Brust Si inott. einen Ucberbliek über die Finanz e 11 des Vereins. Herr Generalsekretär D r. Bernhard Kahn snracli über die Organisation und die Für- .sorgetätigkeit des Hilfsvereins auf dem Gebiete des A 11 s w a n d c r 11 ti g s w c s c n s. Hie Versammlung der Mitglieder genehmigte darauf einstimmig den Geschäftsbericht und erteilte der Verwaltung Pnllastung. Zu Bücherrevisoren wurden wiederum die Herren Kommerzienrat Sigmund Pi ne ns und Georg T i c t z gewählt. Die auf der Tagesordnung stehende Acnderimg des § 10 der Statuten, die eine Vereinfachung der Geschäftsführung lierbciführcn soll, wurde gleichfalls einstimmig genehmigt. Die Versammlung snracli dem Vorstand lebhaften Dank für die erfolgreiche Mühewaltung aus. Aus dem Geschäftsbericht des llilfsvercins seien' folgende Linzclhciteu wicdcrgcgcbcn: Das 9. Geschäftsjahr hat dem Hilfsvercin auf allen Gebieten seiner Tätigkeit grosse und zum Teil neue Aufgaben gestellt. Das Vertrauen der deutschen Glaubensgenossen, die seit der Gründung des Ililfs. Vereins seine Arbeiten in so opferfreudiger Weise unterstützt haben, ist dem Verein wie Bisher treu geblieben, und auch ausländische Glaubensgenosse:! beteiligen sich mehr und mehr finanziell an seinem Werke. In den J'.itmalmicii. die bisher von Jahr /״ Jahr gewachsen sind - wenn auch bei der <iros■^ der Not, deren Linderung vom Hilfsvercin erwaitet wird, nicht in gleichem Masse wie die Ausgaben spiegelt sieh am klarsten die Anerkennung wu.de:, die sem Wirken findet. In besonders grossem l; . fange sind im Jahre IW neben den Jahresbeitrag( einmalige Beiträge cingegatigen. nu llt aus Deals.; . I.rnd allein, sondern auch aus Russland. Sie lictin.:׳ , rund UM 5(Hi Mk. so dass die Gesamteimuihiue dies . Jahres sich auf 2771)0(1 Mk. beziü'at gegen Ino; , Mk. im Vorjahre. Scliulwcrk. In dem Ausbau des Schul- und Lrzieliimgsw e! wurden im abgelaiii'encn lalire weitere Fortsehri: gemacht. Insgesamt unterhielt oder unterstützte־ d■ Hilfsvercin der Deutschen luden Am Anstalten. dav> •t in Galizien. <> m Rumänien. 2 m Bulgarien. 5 der euiopäischeii Türkei und 20 in Palästina. Au. in Russland subventioniert er einige Institute u zwar speziell solche, die der Ausbildung und Fm bildtmg im Handwerk dienen. In den Ikdkanlutuk■ wie im Grient wurde das Sclnilwerk amgebaut 11 erweitert. Fs wurden weitere Anstalten subven;! niert: der Lehrkörper ist durch eine Anzahl nem tüchtiger Kräite verstärkt mul der Lehrplan au gestaltet worden u. a. durch Limühruiig von II.n, fertigkeitsimterriclits und Ausdehnung des Spr.u! Unterrichts. Lntsprcehcml der wachsenden An hreilimg des deutschen Handels in Rumänien,!'«. garien und im Orient tritt die deutsche Spraci immer stärker in den Vordergrund, und demzui׳*is hat der Hilfsvercin Gesuchen um Lntsemhmg den scher Lehrkräfte soweit wie möglich gern statt«• geben. Besonderen Wert legt der Hilfsvercin 1K Deutschen Juden daraut, dass der Unterrieht an du Instituten im Orient, der sich von Beginn an de dortigen Bedürfnissen angepasst har, der neue: L 11 t w i c k 11111 g der Türkei, die sieb um > überraschender Schnelligkeit vollzogen hat und , so stetiger und krafvollcr Weise ihren Fortgang nimmt, immer mehr gerecht wird. Der Uuterriel: in den Landessprachen wird noch weiter a! bislicr ausgedehnt, und es werden auch l'ortbildimg' kiirs.׳ eingeiuhrt. um die der Schule Lntwachsaiei. mit den nötigen Kenntnissen fürs Leben auszurüstai Besonders hervorzuheben ist, dass durch das Le 11• rer Seminar des Hilfsvereins in Jerusalem das Bedürfnis nach modern atisgcbiideten Lehrern im Orient von Jahr zu Jahr mehr befriedigt werden kann, so dass dieses Institut ausserordentlich kulturfördernd mr den Orient zu wirket! berufen ist. Ausser in Palästina sind auf dem lern• salaiier Lehrasanmar;»1s״chil;b*»c Lehrkräfte in Bulgarien und der europäischen Türkei tätig. Line blähende Lntwickelmig hat insbesondere auch da־• vom Hilisvcrein in Palästina cingeiiibrte Kindergarte n w e s e 11. das Fundament seines dortigen Selmlwerks, gaumimen. Durch die Liiiriclitung eines K i 11 de r g ä r 111 e r i n n c n k 11 r s ti s in J e r 11 s a - Icm ist einem lange empfundenen Notstand abgehoben worden. ln den indischen Kolonien Pa las 11• nas. die sieli zum grössten Teil in bester Wer■ entwickeln, mul eine bedeutsame Rolle für das <n- ‘״mitlel'cn der jüdischen palästinensischen ItevolU nmg zu spielen berufen sind, hat der ILlisvae auch im vergangenen Jahre weiter l'nss gefasst. 1:1 einer der stattlichsten Kolonien Palästinas, in Reck׳ hoth, wirken jetzt bereits 5 am Seminar des Ihlk• Vereins in Jerusalem ausgcbildete 1.01;rkreifte. Ls 1•׳ ferner hervorzuheben, dass die Vorarbeiten für 1!;. Lrrichtimg eines T e c 11 n i k n m s in 11 a i f a . dessen Begüinlmig der Hilfsvercin der Deutschen Juden u•• auguriert hat, mm so weit gediehen sind, dass : 1 Kurze die Grundsteinlegung erfolgen kann. Wie ■; den vorigen Jahren hat der llilisveroin auch F>״■׳ ן den 1־ alaschas, dem versprengten indisch(.׳! Stamm in Ahessynicn, sein Interesse entgegen׳:.׳. Bracht. Lr hat die der Lrforschuug mul der lies'.- nmg der Lage der Falaschas dienende Lxpcdit!1 ׳ des jungen Gelehrten Dr. Faitlowitsch imterstut/.t m. I die Ausbildung einiger F.dasetvas in Jerusalem ntn ־. nominal, die nach ihrer Heimat zuriickkclircn u: l eine Verbindung der Falaschas mit der Kulturw ׳. hersti'llai sollen. Die erfreulichen Resultate, die d > Sclnilwerk des llilfsvercins der Deutschen Juden g zeitigt hat, das wachsende Vertrauen, das d ■ orientalische Bevölkerung in ihren l lauptgemeiiuU! der sepliardischcn Lspaiiioliseheu) w ie der ase! kcnasischcn (r»«*‘-!«chen. galizischen usw). dem 1: Ziehungswesen des llilfsvercins entgegenhri11־g1 zag י sieh in der von Jahr zu Jahr sich steigernden A: zahl von Schülern und in den vielen dringenden G suchen der verschiedensten Gemeinden der Balka; l;m׳W und des Orients, in denen er um llrricluung von neuen Schulen und Stellung von Lelirkrafu : angegangen wird. Galten im Orient die Bemühungen und Arbeit des llilfsvercins in erster Linie der F<uücrung der Bildung, Lrziclmng und Kultur, so hat:׳ er in Osteuropa auch im ,ibgol nifenai Jahre wiederum au schwieriges und bedeutsames Hilfswerk f 11 r die notleidenden Glaubensgenossen zu vollbringen. 1 Galizien. Rumänien. J In Galizien hat der Hilfsvercin in Kooperation . mit der Grossloge iiir Deutschland und dem Wiener Hilfsverein für die notleidende jüdische Bevölkerung ‘ seine Tätigkeit wieder in der Richtung erstreckt.