Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XV (1910)
- Issue
- Heft 7 (18.2.1910)
- Date
- 1910-02-18
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Adar5670 Nummer XV. Jahrgang Satonzionismus Wer kennt nicht den famosen Typus des Salonlirolers, wie er auf Defreggers Gemälden so köstlich dargestcllt wird? 111 Waden- Strümpfen, den 1 int mit der Hahnenfeder aufs 011:• gedrückt, sitzt er unter den einfachen Jiiio חיו und sauberen Madeln der Schenke und *sdr.t .idronicrt drauf los. Er ist sich nicht bewtissi. welch eine humoristische Figur er spielt, mul dass die Aufmerksamkeit der Zuhörer der lüliidigung entspringt, in die sich eine kleine Posi' von Geringschätzung mengt. An diesen Salontirolcr erinnert mich das 1 tch.ilnvii manches trefflichen Mannes, der den Zioni.'inus mit der ganzen Leidenschaft und Hingebung des Sports mense heu beticibt. es gibt eine Klasse von Zionisten, die ich al» ״Salonzionisten“ bezeichnen möchte. Sie tragen die Wadenstrümpfe der politischon Phraseologie und stolz nickt ihnen vom Haupte die iiidisclHiationale Hahnenfeder. Sie führen das grosse Wort inmitten einfacher Menschen und erzählen von den Gipfeln, die sie erstiegen, den Abgründen, über die sie hinweggeset/ten.—*Mag die urteilslose Menge stauiscnd den Mund aufreissen, wer im jüdischen Hochgebirge zuhause ist, der lacht ob des saloniirolers. Als ״Amhnarcz‘־ aufgewachsen zu sein 1>t ״ein Kummer, keine Schande.“ Der Kummer wächst sich aber zur Schande aus, wenn wir nicht bestrebt sind, die klaffenden Lücken nnscrer jüdischen Bildung auszufüllen. Tief in unserem 1 lerzen blüht die Liebe z.u Palästina, glüht die Liebe zur Vätersprache. Aber es gcniigt nicht, in wohlcinstudicrtcr Heldenpose die Hand aufs Herz z.u legen und mit der Bruststimiiic der Uebcrzcugung diese Liebe urbi et orbi zu proklamieren. Jüdische Erde und jüdische Sprache sind ebenso herrlich wie spröde, ln heisse!׳ Inbrunst muss um ihre Ounst gerungen werden. ״Ich lasse dich nicht, du segnest mich denn.“ Wie oft habe ich Lust, wenn der Phrasen- >chall des Salonzionisten meine Ohren betäubt, (len geehrten Herrn Redner bei Seite z.u nehmen und ihm auf den Zahn zu fühlen. Sage mir doch, du Heiland Israels, was weisst du überhaupt von dem Stückchen Erde, das unser ein und alles ist, von Palästina? Hast du je den inneren Drang verspürt, in mühsamer Arbeit — denn nur erarbeiten lässt cs sich —, das Land der Väter dir zu eigen zu machen? Die gesellschaftlichen Formen beherrschen die Salonzionisten ausgezeichnet, aber sie haben Leine Lust, zu flüchtigem Besuch ihr hcisses Dcf.1111 i״ des Land der Väter zu tragen. ך־ Ich keime Juden, die in ärmlichen Verhältnissen hbei) und Groschen auf Groschen bei Seite legen, um einmal ihr Ideal erfüllt zu sehen, die jüdische Erde zu küssen. Die Herren Salonziouisten leben oft in auskömmlichen Verhaltnissen. In Mentone und St. Moritz empfinden He ״die heilige Wonne ganz“, von ziomstiscliem Stolze den Männerbusen geschwellt zu sehen. Aber der Kulturmensch in ihnen hat einen Schüttelfrost vor der Reise ms Judenland, die ihnen mit Entbehrungen ־?®?!;ל״״י״י ziefer identisch ist. Sie reden oft mit erstaun- 1׳eher Sicherheit über die letzten Ziele unserer Bewegung und haben — seltsam I ־־ noch nie ..Der Zlonltmui eritrcbt für das llldliche Volk dl» Sfcnaflim« einer OHcntllch-rcchtllch *csiclicrtcn Ifclmtdtte In PaUitina.“ Barctcr Prosramm. Aus dem Inhalt Soloii/Jonlsimis.VonNa 111 a 11 ben Mordccliut. — Der neunte Konercss. Von Dr. L. Weinb c r k - Dortmund. — Pcrcz Smolcnsky. Zu seinem 25jühriKcn Todestage. Von Joseph Lin- Berlin. - Unser Or«a11i8alI01158lnlul. (Referat zum IX. ZionlstcnknuKruss.) Von Dr. M. J. Boden he im er. — Aus aller Welt, (Deutschland. Russland, Finnland, Umcurn, Rumänien, Galizien.) — Literarisches Preisausschreiben der Jüdischen Turncrscliatt, — Zionistische Bcwckiiiik: Aufrut tiir den (iciiosscnschaftsfonds Moses Löh Llllenhliiiii; Dr. Joseph Cnlm; Zu Johann Krcinciiet/.kys 60. (ielmrtstimc. — Vcrclns-Kuiidscliau. — Feuilleton: Gespräch. Von Hanns Marjtulies. Heinrich Beine und die Franco. — Miszellen. — JmiK-lsrael.: Au JtiiiK-lsrucl. Der rechtschaifciic und Irelulbluc Arzt. Das Ghetto von VcucUIk. Fs wird cliimul sein. Von L i 11 v W i 11 k 0 r c 11. — Rätsel. VcrsaminlmiKskalciiüer siche Seite 75. Dieser Nummer Heuen Titel mul Reulstcr (iir Jalirmim: 1909 hui. das ehrliche Streben gehabt, sich an Ort und Stelle zu orientieren. Wer nun gar die Zumutung an sic stellen würde, nuszu wandern und in das arme Land den Strom des Reichtum•; zu lenken, den würden sie für einen vollkommenen Idioten halten. Seit wärmen vom jüdischen Bauern, all right; aber selber übersiedeln, - ja, jüdischer Bauer, das ist etwas ganz anderes. — Und dennoch, hic Rhodus, hic salta. Wer so gestellt ist, dass er auch ״drüben“ in guten Verhältnissen leben kann, der hat den Namen ״Zionist“ verwirkt, wenn er an dem Problem kühl voriibergeht. Ich weiss wohl, mit dem Auswandcm ist cs nicht so einfach wie mit einem Umzug aus dem Berliner Zentrum nach dem Westen. ״Ziehe fort aus deinem Lande, deinem Geburtsorte und deinem Vaterhause“ — bitter klingt’s. Auch Abraham hat den Schmerz der Trennung durchkostet ~ , und hat sich losgerissen, denen zu Liebe, die da kommen sollte 11. ״Euerer Kinder Land heisst meine Seele euch suchen und suchen gehn.“ Wie dem jüdischen Lande, so stehen unscre Saionzionistcn auch der hebräischen Sprache gegenüber, nämlich — harmlos. Wer nur cinigermassen mit der jüdischen Literatur vertraut ist, für den ist es eine Binsen- Wahrheit: Ohne intime Kenntnis des Hcbraisehen ist jüdisch-nationales Geistesleben eine Unmöglichkeit. Und cs gibt Männer, die keine ,.Saionzionistcn“ sind, sondern an eilender Stelle stehen und kein Verständnis für diese eiementarste Wahrheit haben. Sic geben die Parolc aus: ״Rückkehr zum Judentum“. Was yerstehen sie unter dieser Rückkehr? Ocwiss nicht das Teffilinlegcn! Aber was das Hebräische für uns bedeutet •־״ Existenz und Zukunft —, das wissen sie nicht. Da tagte vor einigen Wochen die hebräische Konferenz zu Berlin. Fs war mir eine schmerzliche Ent- Täuschung, mit welcher Ahnungslosigkeit unsere Leiter diese hochbedeutsame. Kundgebung des jüdischen Volkswillens ignoriert haben. — A Ich gebe zu, dem Westeuropäer, der von fugend an im Hebräischen - nicht unterrichtet wurde, muss das Studium unserer Nationalspräche weit schwerer fallen als dem östlichen Juden. Es äst harter, steiniger Boden, der urbar gemacht werden soll, und die Beackerung erfordert Zeit und Mühe. — Aber die Salonzionisten rühmen ia so sehr die ״ersten Pionicre", die in Palästina mit dem steinigen Boden gerungen haben! Mögen sie wenigstens im eigenen Lande die Kolonisierung jüdischen Erdreiches vollziehen und den Pflug der Arbeit über das hebräische Oedland führen! Wahrhaftig, wir können der obersten Leitung schwere Vorwürfe nicht ersparen. Gewiss müssen die Gefühle und Ideen aus dem Volke kommen. Da aber die Gefühle schlummerten. wäre es Pflicht der obersten Leitung gewesen, die Gefühle wachzurütteln und den zionistischen Instanzen das Gewissen zu schärfen: Fs ist Ehrenpflicht eines Zionisten, mit dem Judentum und den Volksgenossen in Palästina sich dauernde Fühlung zu verschaffen durch intensive Pflege der Nationalsprache. — Meine Herren Saionzionistcn, ihr könnt euch nicht davonschleichen, sondern tn ü s s t das ganze, gewaltige Problem ins Auge fassen! Es handelt sich nicht um einen Sport, sondern um ein Entweder — Oder. -־ Der Frack und die weis־*« Binde um es nicht, und die Toaste und das Hedadrufen tun es auch nicht; nicht einmal das Sammeln für den Nationalfonds! Auch Bicrzipfel und Komment sind jüdisch-nationale Assimilationsformen, w e n 11 nichts Ernstes dahinter steckt. Wir lachen, wenn Leute, die auch nicht das gcrinste Interesse für jüdische Angelegenheiten haben, sich stolz in die Brust werfen mit dem Rufe: ״Wir sind gute Juden“. Wenn aber Menschen, die nichts vom Judentum wissen, sich in die Brust werfen und sagen: ״Wir sind gute Zionisten“, ist das nicht viel trauriger und lächerlicher? — Lasset fahren die glattgeölten Phrasen und die tönenden Worte. Es bedarf nicht der Wadenstrümpfe und nicht der Hahnenfeder. Es bedarf eines klaren Auges, das die Abgrundtiefe des Problems ermisst und eines festen, bedächtigen Willens, der weiss, dass er Felsen und Geröll nicht scheuen darf, um langsam, aber sicher zum Gipfel zu klimmen. — Opfer müsst ihr bringen, Kulturopfer! Erschrecket nicht vor dem Worte. So ihr wahre Zionisten sein wollt, könnt ihr euch nicht um jede Neuerscheinung kümmern im Leben der Völker, in deren Mitte ihr wohnt, und ihr müsst die schwere Kunst lernen, nicht nur das Kapital eurer Bank, sondern auch das Kapital eures Geistes nach Palästina zu konzentrieren. Verzichten müsst ihr auf manche Annehmlichkeit und manchen lieben Brauch gebunden auf den Altar legen, wie Abraham seinen Sohn, den er lieb hatte. — Nur dann wird der Abgrund im zionistischen Lager sich schliessen, und Eliahu erscheint, um das Herz des Ostens zum Westen zum Westen zu wenden, und das Herz des Westens zum Osten. Kulturopfer, ein erschütterndes Wort! — Aber der Höhenwanderer, der den Altar errichtet, sieht rings im Umkreis gelobtes Land färbenprächtig aufblühen.- Nathan ben Mordechai. v