Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XV (1910)
- Issue
- Heft 6 (11.2.1910)
- Date
- 1910-02-11
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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33d Qr Abonnent >nta •ul die wflchntilkh am Prtl- I.1K 1r»clui1K1ul»• ״JmlUUio kuml»4l1.111" koMen bei der!!»pediiioii und bei allen Poet• «intern vioritliaiirllcli 1.2s M.!•nsverliill' l>n1(-d1U1uh und Oi'eiem'ich-UuKiirn« 2,— M! lur .Miluhnla Jttülsclicr Vcreine Int b.iinmclliirin: durch den Verein I,— M. Verla« JlidUcho Rundfchau I'.. 0. in. b. II. Perlln SW. t», Zlmmcrttr. מ. Ucech.tltNsinnOrn: d hh 7 Uhr «imer Soun.1l1eml und Sonntag, ו¬! I I I I I I I I I I I r—: Anzeigen kosten fOr die lllnfBCipalten• l'ciltrclle oder deren Kuum 25 PI«.; Slellen-AnBcbotc und (lesuche »ovvle VcrcSnMnlttrllunaen ti. ..Kleine Anicitccn nur 15 PI«. 0 a o o 0 o 0 8 Manuskripte werden, wenn l&rto beilleit. stets turiick« sandt. — Redaktionsschluss Mittwoch vormittags. Redaktion Jüdische Rundschi« flerlln-Charloltenbnr«. Dlelblreestr. O. Tel. Ch. 96SI. Sprechstunden Dienstag und Donnerstag &—6 nachmittag». ALLC6MSIt3<! 3USE1DSSMS ZSITUNG Nummer 6 Berlin, den 11. Februar 191U — 2Jfldar 5670 1 XV. Jahrgang Der ״Fall Lessing“ Eins• unerquickliche jüdische Geschichte. Wer von dem hannoverschen Privatdozen• u11׳ Dr Theodor Lessing bisher etwas gehört hat, dt•■׳ kennt wohl nu»־־ seinen verdienstvollen Kanin gogen den Lärm, der ihn zur Begrün• dun!: tkh ״Antilänitvereins“ führte, einer viel vtrl.uiih'n Sache, in der aber doch der berechtigru- Kern kaum zu verkennen ist. An diesen l.oriveren scheint es Hern! Dr. Lessing leider nieI.! genügt zu haben. Fr hat auf zwei anderen 1 'u;'-eien literarischen ״Ruhm“ gesucht und — luder gefunden. Nur deshalb, weil die Sache 111.11 einmal grosse Kreise zieht, sehen wir uns ge/wungen, zu der Angelegenheit Stellung zu m Ismen. Wir hätten sonst — gewiss im Sinne 11r. I.essings — den Lärm lieber vermieden und um Autor der im folgenden zitierten Artikel sitii und seiner Schande überlassen. I lerr Dr. Lessing hat eine Reise nach Gali/ieii gemacht und der Verlockung nicht widersieben können, seine ״Eindrücke“ darüber schriftlich zu fixieren und sie gar der ״Allgemeinen Zeitung des Judentums“ zu übersenden, nu> deren Redaktionsstube sie ganz unfassbarer Weise den Weg in das grüne Blatt gefunden ״aben. Wir ersoaren uns jede Inhaltsangabe; sie werden genügend charakterisiert durch das folgende Schreiben, das Rabbiner Dr. Osias Thon in Krakau an den 1 lerausgeber der ״Allg. Ztg. d. J.“, Herrn Geheimrat Prof. Geiger gerichtet hat, und das folgenden Wortlaut hat: K r a k a u, 3. Februar 1910. Sehr geehrter Herr Oclicimrat! I’.rst vor kurzer Zeit :1111 die Artikelserie ״Eindrucke aus Galizien" von Herrn Dr. Theodor Lcssing;׳»imerksani gemacht, habe ich dieselbe durchgelcscn und einige der dort enthaltenen, geradezu in die Ansen springenden Uinvahrschcinlichkciten nachgcnrut:. Ich finde mich nun veranlasst, im Einvcr- 1iehu.cn mit dem Präsidenten der hiesigen indischen Gemeinde, Herrn Pr. Samuel Tillcs, Ihnen, sehr geehrter Herr Geheimrat, als dem Redakteur der ..Allgemeinen Zeitung des Judeniiiuis־• folgende Bemerkungen zu übermitteln: Herr Pr. Lcssing cr/ülilt zur Illustration der v* n ihm behaupteten moralischen Verkommenheit der gatizischcn Juden eine Geschichte, die ihm in k.:K;1u passiert sein soll. Pa soll ein gewisser 1 ifimkelstein ihm seine) Hjährigc Tochter gegen 1׳ Zahlung angeboren haben. Für den Kenner der ׳,':nschen und Verhältnisse hier ist cs ircilich aut «Tn ersten Blick ausser jedem Zweifel, dass diese anzc Geschichte durchaus erfunden und erlogen 1v. Wir haben uns aber die Mühe nicht verdriessen lassen, bei den Behörden — und zwar bei allen, die hierbei in Betracht kommen, — nach dem Träger dieses glanzvollen Namens nachzuforschen. Pas l-igelmis unserer Nachforschungen ist, duss cs ׳,inen Mann oder Familie dieses Namens in Krakau überhaupt nicht v: i b ti! Hier haben sic einen eklatanten Beweis lur die Wahrheitsliebe Ihres Mitarbeiters. Freilich habe ich von diesem seltsamen Lehrer «kr ״Philosophie und Pädagogik“ nichts Besseres erwartet, nachdem ich schon im Hl. Kapitel seiner ••T rau m - Eindrücke" auf die bewegte und dabei ergötzliche Schilderung eines chassidischen Bethauses ״Klaus". - sticss, in das Ihr phantasicbcgabtcr Pichtcr gerade am Freitag Abend hincingcrutcn ist. In dieser ״Klaus", in der allerdings eigenartige Wilde hausten, sah Herr Lcssing am Freitag zu ״Maariw" ״Zizith und Thcfllllm" zum Beten hernusholcn (Nr. 51 S. 611 Sp. 2 Z. 1). Was Wunder, dass der ..Der Zlonlimus eritrcbt IDr da« indische Volk dl• Schaifimg einer ölfcntllch-rcclitllch «cilchcrten Heimstätte ln PaUillna.'* Banaler Proeramrn. Aus dem Inhalt Der ״Fall Lcssing". — Der neunte Kongress. Von Dr. L. Weinberg-Dortmund. Bio Erziehung zum Zionismus. Von Heinrich Margullcs. Das Werk des Ullis Vereins. — Vom Zionismus: *Aufruf des E. A.-K — Verband liiüischcr Frauen für Kulturarbeit In Palästina. — Aufruf. — Alliance IsraGlte Universelle. (Rücktritt des Gebcimrats Goldberger vom Präsidium.) — Aus aller Welt. — Aus den Gemeinden. — Vcrelnsrundscltau. •- Feuilleton: Um den niemand wetnte .... Von Wilhelm B c r k c 1 s h a m nt c r. Vcrsammltiiigskiilciulcr siche Seite 6.1. Hannoveraner Lehrer der Philosophie und Pädagogik ״ein Gefühl des Dankes und der Erleichterung" hatte, als er aus dieser Gesellschaft hinaus ins Freie flüchtete und glücklicherweise an einem Abend, an dem ein ״so ftircltth.ircs Weiler" herrschte, dass er ״sich sich nicht ohne Schirm auf die Strasse getraut hätte." den er dann vorsichtigerweise ״unter seinem Pelze fest cingckuiipfi halte," mit einem Mate ״iliaussen den klaren, blauen Nachtlmnmcl und die grossen, gesunden Sterne sah. . . ." Es liegt mir gewiss ferne. Ihre redaktionelle Tätigkeit zu kritisieren. das mag Sache Ihres pnhlizistischcn Gewissens mul Sorge des Verlegers bleiben, der Sie zu dieser Tätigkeit bestellt hat, — aber ich muss doch meine Verwunderung darüber ansdrücken, dass Sie ein derartiges Geschwätz, in einer Zeitung des Judentums veröffentlichten. Jeder Satz trägt ja das Stigma der Unwahrheit an der Stirn! Wussten Sie denn nicht, sehr geehrter Herr ('1ehe1mr.it. dass man bei Juden am Freitag Abend zu Maariw nicht mit Zizith und Thcfillim hantiert? Schon dieses Absurdum allein hätte Sic ja stutzig machen sollen! Sic ahnen gar nicht, Herr Gclicimrat. wie grotesk erlogen z. B. die Schilderung ist von dem jüdischen Primaner, der sich Herrn Lcssing als ״Deutsch-national" und ״antisemitisch" vorstcllt. Herr Lcssing kann die philosophische Bemerkung nicht miterdrücken, dass dies ״ein echt jüdischer Zug" sei. Möglich. Schade nur. dass d i c g a n z. c G c s c h i c h t c c r 10 g c n ist. Ein liiüischcr Student ln Krakau Ist etweder liidlscli-natlonal, oder polnischnational, neiitsch-imtlonal Ist er nicht und kann cs nicht sein. Dazu fehlt ihm jede Möglichkeit, dazu hat er weder die Stimmung, noch die Vorbildung, noch das Milieu. Nur noch einige, wenige F.inzclhcitcn, aufs Qcratewohl herausgegriffen, zur Charakterisierung dieses sonderbaren Reisenden. Herrn Lessing wird erzählt: 111״ Krakau dürfen nur Freitag Hochzeiten geleiert werden." Das gerade Gegenteil ist wahr: nur am Freitag dürfen Hochzeiten nicht gefeiert werden. Das weiss in Krakau, da cs alte Ortssittc ist, jedes kleine Kind. Herr Lcssing hat einmal In Leipzig In einer russisch-polnischen Schule eine Diskussion über Bcth-lia-kliissc mit angebört, gelegentlich eines Vorträges aus Sanltcdrirt 99. Ausgerechnet: Sanhcdrin 99! Dort finden sich nämlich geradezu wundervolle Gedanken über Messianismus, über Epikurücr, über den bösen Trieb u. dcrgl. m. Alles Ocdankcn von grundlegender theologischethischer Bedeutung. Und gerade dabei müssen solche abstruse Disputationen abgeführt werden. Doch genug der Widerwärtigkeiten! Nun will Ich Herrn Lcssing seinem krankhaftunwahrhaftigen Gehirne überlassen und nur die Bemerkung machen, dass derartige unwahre, vcrleum* I dorische und direkt — judcnfclnlichc Elokubrationen vor Jahren blöd in der Staatsbiirgerzcitung*) zu erscheinen pflegten, heute können sic auch in der ״Allgemeinen Zeitung des Judentums" abgelagert werden! Tempora mutantur. . . . Mit vorzülichcr Hochachtung Dr. Osias Thon. Wem das noch nicht genügt, der lese die Kritik, die Prof. Dr. S. Kali sch er in der ״Allgemeinen Zeitung d. J.“ selbst (Nr. 4) veröffentlicht, und die in etwas milderer Form sachlich zu genau denselben Schlüssen gelangt, dass nämlich Herr Dr. Lessing in einer unerlaubten und in diesem Falle geradezu schämlosen Weise — sagen wir einmal: aufschneidet. Mit diesen Artikeln hat Herr Dr. Lessing sich so sehr selber gerichtet, dass einen fast Mitleid erfassen könnte mit diesem armseligen ״Gelehrten“, der sich mit einer solchen Selbstbesudelung blamiert. Fast noch schlimmer liegt aber der andere Fall. Herr Dr. Lessing hat in Siegfried Jakobsoll ns Wochenschrift ״Schaubühne“ über Samuel Lublinskis Buch ״Die Bilanz der Moderne“ einen achtseitigen Artikel veröffentlicht, der seinen Verfasser unter anständigen Menselten eigentlich erledigt sein lassen sollte. Es bleibt natürlich jedem unbenommen, über die Bücher unseres ehemaligen Oesinnungsgenossen Lublinski zu denken wie er will; auch Herrn Dr. Lessing hätte cs kaum jemand verargt, wenn er seine geringe Wertschätzung von Lublinskis neuem Buche so scharf wie möglich zum Ausdruck gebracht hätte. Was tut er aber? Fr setzt über seinen Artikel die literarisch ebenso vornehme wie schöne Ueberschrift: ״Sa* mucl zieht die Bilan z.“ Und dann heisst es in einem nicht näher zu charakterisierenden Ton u. a. folgendermassen: ״Auf ein paar ganz kurzen fahrigen Bcinchcu ein fettiges Synagögtcin, sein Bäuchlein wie die Apsis weit in die Ausscnwclt vorgestreckt. Gleichwie der Frosch sein Bäuchlein vorplustcrt, wenn er stolz tut und durch einen Tümpel schwimmt. Aber auf dem schwammigen Bäuchlein kurz aufgepfropft sass ein schwarz-rundes Köpfchen . . . Aber das Männlein mauschelte sicli gar naiv ins Zimmer und licss Wortwürmlein fallen. Und das Gcbürtclicn knixte sich wieder rückwärts und machte neue Abschiedssermönclicn und mauschelte mit den Bcinchcn und streckte gar weit sein tfiiuchlcin heraus .... Er heisst Samuel Lnblinski und kommt aus Finne in Posen." Mau könnte uns Zorn gegen diesen unglaubliehen niedrigen jüdischen Antisemitismus des Herrn Dr. Lessing vorwerfen — also lassen wir einen christlichen Kritiker über das Lessingsche Elaborat sprechen. Paul Z s c 11 o r 1 i c h schreibt in der von Friedrich Naumann hcrausgegebenen ״Hilfe“: ״Ich kenne Herrn Lublinski nicht, kenne kaum sein Buch und setze einmal den Fall, ich würde es sachlich ebenso verurteilen wie Herr Lcssing. Auch dann noch müsste der anständige Mensch in mir gegen diese literarische Flegelei protestieren, die ich in einem seriösen Blatt abgedruckt finde. Ich mit Recht die Lcssingschcn Enunziationcn teilwei abgedruckt und dazu bemerkt, was die Juden wo sagen würden, wenn sie derartige Erzählun?« brfjfhtc. Eine schärfere Verurteilung dieses L.S redlvlous Ist eigentlich nicht gut denkbar. Red! mJ» K•