Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XV (1910)
- Issue
- Heft 2 (14.1.1910)
- Date
- 1910-01-14
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite M JUEDISCHE׳ RUNDSCHAU hebräische Sprache in sein Lehen aufitlnimt, der nimmt die schöpferische Funktion des Volksgeistcs in sich uuf; der ist nicht läiiKcr bloss nach Inhalt des Denkens• und Wollcns, sondern der innersten Form seines Daseins nach Jude. Lasst uns eine Schar solcher Juden haben und gebt ihnen Raum zum Wirken: daun erst werden wir in Wahrheit eine jüdische Bewegung haben. (Schluss folgt.) Die deutschen Juden und der Zionismus Lin zionistischer Kongress hat auf deutschem Boden stattgcfundcu. — Welchen Resonnanzboden hat er in der deutschen Judenheit gefunden, welchen Widerhall haben dort die Ideen, die vom Kongress iiusgingcn, erweckt, und welche Aussichten hat Überlumpt so weit sich dies hciiricllcu Bisst der Zionismus m Deutschland? Das sind Fragen, die von höchster Wichtigkeit und allcrgrüsstcm Interesse für uns sind und deren eingehende Erörterung an dieser Stelle ich für durchaus zeitgemiiss und notwendig halte. Zuntichst wollen wir einmal konstatieren, dass ן die jüdische Dresse Deutschlands im grossen Ganzen objektiv und durchaus nicht ansympathisch berichtet hat und in ihrer Kritik nicht zu weit gegangen ist. Auf die Stellung der d e u t - sehen Ta ge sp resse einzugehen ist n|.r im Rahmen dieser Bctruchtimg nicht möglich; es möge die Tatsache genügen,dass mau sich überall fast mit einer grösstenteils objektiven und sachlichen Bericht• erstattung begnügt hat und fast nirgends sich he• miissigt gefühlt hat, Dartei zu der Bewegung überhaupt zu nehmen. -- Nur eine demokratische Tageszeitung Siiddcutschlands brachte einige Aeusserungen ihrer Leser -• natürlich jüdischer Leser — zum Abdruck, in denen diese Herren gegen den Zionismus polemisierten, teils weil sie sich nur in religiöser Hinsicht als Juden fühlten, teils weil der Zionismus an• vereinbar mit dem Deutschtum sei. Diese Zuschriften * sind interessant, weil sie wirklich die Meinung einer grosser Zahl deutscher Juden wiedergeben und diese Argumente tatsächlich zu denen gehören, die uns stets wieder vorgeworfen werden und getreulich llami in Hand zu gehen pflegen. Glaubt man, den einen durch logische Beweisgründe widerlegt zu haben, so wird schleunigst der andere aus der Rüstkammer, in der die alten verstaubten mul verschimmelten Waffen der Gegner pietätvoll au'hcwnhrt werden, hervorgehoit; ist auch dieser abgetan, so fiiugt man mit derselben bewunderungswürdigen Hartnäckigkeit, die Mose schon bei seinem Volke nicht gerade freudig anzuerkennen pflegte, halt wieder mit dem efsten an. Es ist ein ewiger cireiilus vitlasus, der aber durch seine häufige Wiederholung reichlich ermüdend wirkt. Auch die Tatsache, dass man aus Hamburger offiziellen oder offiziösen Kreisen ähnlich klingende Waschzettel an die Presse versandte, die deutlich verrieten, dass ihr einziger Zweck sein sollte, den Eindruck des Kongresses bei der Hamburger Judenheit abzuschwUchen, macht uns die gekennzeichnten acgcngrlindc noch nicht einicuchtender. Wahrend mm gewissen Kreisen in der dent- Brüderchen und Schwesterchen Aus dem Englischen des Samuel Gordon. Orossmuücr stand am Fenster und flickte den Rock eines Knaben. Sie fühlte ihre Arme kaum mehr; sie hatte sic eine halbe Stunde in die Höhe gehalten, bevor cs ihr gelungen war, den Zwirn eiuzufädcln. Jankcl und Jcnta waren natürlich nicht zu Hause, um dieses Geschäft für sie zu besorgen. Wenn sie gebraucht wur* den, waren sie überhaupt nie da, nur wenn das nicht der Fall war — z. B. wenn sic mit leerem Magen zurückkamen und eine leere Speisenkammer vorfanden. Dann weinte Jenta, und Jankel schlich sich in das nächste Feld und stahl eine Rübe. So war das Leben beschaffen, das die drei führten, und ein angenehmes war es nicht. Das war’s auch, was Grossmuttcr dachte, und zwar mindestens dreimal täglich, um die Zeit, wenn in normalen Häusern gespeist wurde. So ging es, seit ihre Kinder Opfer der gefürchteten Fest geworden waren, die das Land vor fünf Jahren zum Beinhause gemacht hatte; und Jankcl und ihre Armut waren das einzige Erbe, das sie ihr hinterlassen hatten. Sie nähte an Jankclcs Rock und rechnete: In vier Jahren wird er Barmizwah sein, und kann ein paar Kopeken verdienen, indem er No. 2. sehen Judenschnft der Kongress nichts Weiler war , als das. Stichwort, bei dem sic wieder einmal mit frisch geölten Kehlen den alten Singsang gegen die ( böse״, vuterlandsloscn, unpatriotisehen Zionisten an- ■ zustimmen hatten, hat die Tagung des jüdischen I Parlaments gottlob bei anderen etwas andere Oe-; fühle ansgclöst. — Besonders in Hamburg war der Eindruck, den die dortigen Juden von den Verhandlungen, von det* Delegierten, von den mit dem Kongresse Hand in Hand gellenden Veranstaltungen empfangen liuhcii, sehr günstig und wird auch durch allerlei! gegnerische Machinationen wohl nicht so leicht zu verlöschen sein. Wohl gibt es in Hamburg ein gut jüdisches Lehen, aber wer hatte je dort schon erlebt, dass vierhundert Delegierte (und wohl zweitausend Kongressgüstc) der Juden ullcr Lündcr zusammengcströmt waren, diu sich trotz der Verschiedenheit der Sitten und Gebräuche, der Sprache, der Kultur, der religiösen Anschüttung begeistert als Juden lülüten, dieses Zusammengehörigkeitsgefühl trotz aller suchliehen Differenzen immer wieder zur rechten Zeit in den Vordergrund zu rücken wussten und in ernster Sorge tagelang über die Geschicke des jüdischen Volkes berieten? Was hatte cs dort schon gesellen, wie der Zionismus es ernst mit der körperlichen Regeneration der .ludc 11 meine, wie hunderte junge jüdische Turner Bilder blühender Kraft und Qcsundhcit zeigten, dass mit unserem so oft als untauglich verspotteten Menschenmaterial doch Grosses zu erreichen sei und wer hatte cs schon gesehen, wie sich lumdcric Arme jüdischer Studenten in die Höhe! reckten und aus hunderten und aberhunderten junger Kehlen begeistert der Schwur erklang, treu und zu j jedem Opfer bereit für alle Zeit zu Juda zu stehen? 1 Nein, das hatte man dort nucli nicht gesellen und gci hört, einen Hauch dieser jung-iüdischen Renaissance ן hatte man dort noch nicht verspürt gehabt. Und ein j jeder, der all dies sali und hörte, er musste unhc- I dingt Sympathie empfinden fiir diese Menschen, denen das Judentum ein und alles zu sein schien, denen cs kein toter, aus Pietät im Reliiiuienselircin auibewaltrter Körper, sondern ein Teil ihres Lebens, ein Stück ihres ״lcli's" war, die es so freimütig und stolz wie eine Kokarde zur Schau trugen. Jedem Men* sehen, ob Jude oder Nichtjudc, der im Grunde seines j Herzens ehrlich mul anständig fühlt und denkt, dem ן Heuchelei zuwider ist, dem nicht der Verstand von > kleinlichen Vorurteilen umnebelt und das Urteilsvcrmögen durch Parteilichkeit getrübt ist, musste alles dieses ein herzstärkendes, erfreuliches Bild bieten und auch imstande sein, seine nucli vielleicht recht schicfen Anschauungen von Juden und Judentum zu korrigieren. - — Und dieses Moment halte ich für ein ungeheuer wichtiges; ich halte die Eroberung eines solchen denkenden und fein empfindenden Menschen fiir einen ungleich grösseren Gewinn, als wenn wir fünf der Herren der Gegenpartei nach langem Debattieren mühselig die Ueherzcugung beigcbracht!lütten, dass der Zionismus wirklich und wahrhaftig nicht in imvcrbrückbaren Gegensatz zu ihrem *Teutschtum״ stünde, dass sie sich weder zivilnoch strafrechtlich vergingen, dass ihnen kein prcussiclier Staatsanwalt etwas anltaben könne, dass cs ihren Staatsbürger- I pflichten keinerlei Abbruch tun würde, wenn sie sich 1 offen zum Zionismus bekennen wollten. Der Zionismus I ist in Deutschland eine Minoritütsbewegung und wird cs meiner Ansicht nach auek bleiben — und gerade das lieben wir ja an ihm. Er ist nicht die Bewegung, zu der die kr4. 11 k l o s c n Massen s t r ö m e n, die Unterschiedslos jeder gut vorgctrageiien Meinung Beifall klatsehen, er ist nicht die Bewegung, die man ״mitmacht", weil sie modern ist, bei der ״man‘* dabei sein muss. Er ist nicht die Bewegung der Ehrgeizlinge und Streber, der kühlen Rechner und ״abgeklärten“ Charaktcrc - und er soll es nicht scinl - sondern er ist die Bewegung von Menschen, die grösstenteils auf Grund selbständigen Denkens und aus Vcrstiindnis fiir das Wesen, die Bedeutung und die Lage des Judentums, aus echter, ehrlicher Liebe zu seiner Zakuuft sich zu dieser Weltanschauung durchgcrungm haben. Unmittelbar wirken kann der Zionismus kr.nt seiner wundersamen Eigenart mir auf wirklich feine Naturen, auf Menschen, die ein gewisses, seelisches Taktgefühl besitzen, die nicht nur imstande sind, emem neu auf sic cinwirkenden Gedanken vo*"rteilsh»s cmgcgcnzutrctcn, sondern auch den Mut haben und (he Fülligkeit, ihn logisch zu Ende zu denken. Gewiss gehört nicht nur Mut, sondern aueli eine holie Ehrlichkeit unbedingt dazu. Wo *.ick diese Eigenschaften glücklich in einer Person s,reinigen, da kann der Zionismus hohen, nicht vergehlieh zu arbeiten. Es ist ein wahres Wort. — ich glaube, Benl1׳!ld Deiwel hat cs einmal ausgesprochen, l ״/.um Zionisten muss man unbedingt geboren sein." Sch»* oft habe ich erproben können, wie sehr es zutnift. Menschen, denen gewisse seelische Eigenschaften ah• gehen, sind vielfach gar nicht imstande, im Zionismus das zu verstellen, was wir in ihm gefunden liabcu. Und andererseits gibt es Leute, die geistig dazu pradestimiert sind. Zionisten zu werden und die auch, ob auf geradem!,fade, oder auf Uniwege». durch den Instinkt zu uns kommen müssen. Der Lärm des Alltags, das Brausen des Lehm hisst vielfach die Stimme des Herzens nur schwer 7.» Worte kommen, es übertünt sie mit seinem gehende* Marktgesehrci Immer und immer wieder. Die Ui. a׳. des heutigen Daseins lasst mir schwer zur inncica Einkehr, zur Aussprache mit sieh selbst kommen. Der schwere wirtschaftliche Kampf ums Dasein gestaltet nicht, lange seelischen Impressionen nachzugehen, allzu schnell verwischen so Eindrücke, die sonst leicht zu Erlebnissen hatten werden können. Und so kommt cs, dass es jahrelang bei vielen dauert, bis sie de■ Weg zu uns finden. Es ist ferner klar, dass eine Bewegung, die ihre■ Anhängern keine materiellen Acquivalentc, sondern - ich spreche, wohlgcmcrkt, stets von den deutsche■ Juden — vor allein kulturelle und ideelle Gegenleistungen verspricht, von vornherein nicht auf die breiten Massen rechnen kann. Denn wirklich feinfühlend in dieser Beziehung ist meines Erachtens die grosse Menge der deutschen Juden nicht in dem Masse wie die des Ostens. Während unter den U׳!r• tigen Juden nicht nur unter der sogenannten ״Intclli• genz", sondern auch in weitesten Kreisen des Volkes ein walircr Hcisslmnger nach Kultur, nach jüdischer, nach ureigenster Kultur, nach innerer seelischer Frei• heit zu finden ist, wo man doch am ehesten glaube« sollte, dass diese Leute vor allem eine Besserung Mordcchai dem Hausierer, bei seinen Wunderschaffen durch die umliegenden Dörfer mit dem Packen behilflich ist; und Jenta wird zwölf sein, und kann in Dienst gehen, wenn auch nur zum Stiefelputzei» und Geschirrwaschen. —• Herrlich! Von allen Seiten wird cs Geld regnen — mindestens neunzig Kopeken die Woche — und sic kann behaglich zu Hause sitzen, anstatt in der kleinen Stadt, um Speisereste zu betteln, Sommer mul Winter, bei Regen wie bei Sonnenschein. Nur Geduld, Geduld; sie hatte ja so lange auf ein wenig Glück gewartet — und sie war noch ganz jung, erst achtzig. — Sie nahm Jankds Rock und suchte eine Naht für den neuen Fleck. Ilm! Sie musste ihn höher halten, mehr zum Licht, es war auf einmal so finster geworden — noch höher.•— nein, wie seltsam — je höher sie ihn hielt, desto weniger sah sie — ein grosser Schatten breitete sich über ihre Augen, über die Sonne, über alles — es konnte doch noch nicht Abend sein? Fs war ja hochslens zwei Uhr, Jankcl und Jenta waren noch nicht zum Essen gekommen — ah, etwas in ihrem Kopfe ging entzwei und riss ihr Geh in» in Stücke. Sic konnte gerade noch zu dem Strohlager beim Kamin tappen — und da blieb sie liegen*. Das Glück war gekommen, bevor sie es vermutet hatte. ׳ Zeh»» Minuten später sprangen Jankcl und Jenta ins Zimmer. ״Gib uns Essen“ schrie Jankel in den hochsten Tönen. ״Pst!“ malmte Jenta, den Finger an den Lippen. Ein seltsames Geräusch war hörbar — ein heiseres Röcheln, oder besser ein Gurgeln, wie wem» man Wasser durch eine Röhre bläst. ״Ach was, die Alte schläft,“ sagte Jankcl gleichgiltig. ״Du da,“ rief er, ״hör auf zu schnarchet» und gib uns das Essen — was soll das heissen, an» hellichtcn Tage schlafen?“ Keine A»»twort. Jankcl trat ärgerlich an das Lager. ״Wenn du nicht sofort aufsteht, schlag' ich das Fenster ein, und dann wirst du vom Zug Zahnweh in den Qglcnkcn kriegen!“ rief er. Diesmal kam eine andere Antwort. Das Gurgeln wurde zu einem langet» Aiheinzug, und dann war alles still. Jankcl trat zurück. Die plötzliche Sülle erschreckte ihn. ״Sieh nur, wie weiss sie ist — und sie rührt?ich nicht und droht auch nicht mit den Fingern, wie sonst,“ bemerkte Jenta. Jankel war etwas eingefallen, und er sprach es mit bebender Stimme aus: