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Jüdische Rundschau · 1910-01-14 · Heft 2 (14.1.1910) · page 1

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XV (1910)
Issue
Heft 2 (14.1.1910)
Date
1910-01-14
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Januar 1910 —4. Sch’bat5670 XV. Jahrgang Die hebräische Sprache j und der Kongress für hebräische Kultur Von Dr. Martin Bube r.*) N'iclu ohne schwere Bedenken habe ich der Au(- fordcriing des Komitees, die Diskussion über den Kongress cin/.ttleitcn, Folge geleistet. Das schwerste Bedenken aber war dies, dass ich über die Sache der hcbr.’iischcn Spruche in einer fremden Sprache reden muss, weil cs mir nicht gewahrt ist, in hehräisclier Sprache zu d unke 11 und ich es nicht über mich bringe, die Bedanken, die in der fremden Sprache gedacht sind, in die eigene, aber w eniger vertraute, zu übersetzen. Oie Tragik dieser Situation greift weil über den Einzelfall hinaus. Wir können unsere Aufgabe, die cs heitie zu bestimmen gilt, erst daun klar erkennen, wenn wir diese Tragik in ihrer ganzen Tragweite erfasst haben, dies aber erst, wenn wir uns die Rolle der Sprache im Leben des Volkes vergegenwärtigen. -- Uber die verschiedenen Erselicimmgsgruppcn des Volkslebens orientieren wir uns am einfachsten, wenn wir sie in Formen und Inhalte einteilen; je nachdem es sich aber um Phänomene des unmittelbaren Lebens ״der um Phänomene des Bewusstseins hundeli, können wir Lehensformen und Bewusstseinsformen• Lebensinhalte und Bewusstseinsinhalte des Volkes unterscheiden. Die Lebensinhalte des Volkes um* fassen den ganz«! Kreis der Zwecke und Interessen, der wirtschaftlichen und sozialen Antriebe, die dieser Volksgemeinschaft eigentümlich sind; die Lebensformen stellen die Gestalt dar. in der sieh das Verfolgen und Erreichen dieser Zwecke vollzieht: zu ihnen geboren die Sitten mul Gebräuche. die spezifischen Vergescllschafuings- und Organisationsformen. Die Bewusstseinsinhalte des Volkes umfassen sein ganzes Geistes- und Ocmütsleben, insofern es als der Sphäre der nationalen Gemeinsamkeit zugehörig betrachtet werden kann. Die Bewussts e i ח s f o rin des Volkes aber ist s e i n e Sprache: es hat wold andere Bewusstseiiiselemente, aller keine andere Bewusstseins f 0 r m als diese. Nun ist cs ja zunächst ganz offenbar, dass die Iörmcn eine unvergleichlich grössere Konstanz he* sitzen als die Inhalte, Ja dass wir, wenn auch etwas hyperbolisch, sagen dürfen; Die Inhalte wechseln, die Formen dauern. Was aber besonders licrvorgeliobeii werden muss, ist dies, dass die Bcwusstseinsformen eine grössere Konstanz besitzen als die Lebensformen; dies ist ja schon in der Orundtatsachc he* gründet, dass das Bewusstsein w׳ic im Individuum so auch im Volke die Einheit der Persönlichkeit, ihr Ich gegenüber allen anderen Lebcnsfimktinncn repräsentiert und dass sich in ihm auch die zeitliche Einheit der Persönlichkeit gegenüber ihren vcrscWcdcnen Umwicklungsphasen darstellt. Dazu kommt aber noch ein Weiteres. Was eine Menge glcichgcartctcr Individuen erst zur Volksgemeinschait macht, ist die durch die spe- /. i fi s c 11 c Grundform charakterisierte Geschlossenheit Ihres Verkehrs, die zu jenem Komplex gefestigter, normierter Beziehungen führt, welche wir das Volksleben nennen. Diese Geschlosscnhcit des Verkehrs bewährt sich einerseits nach aussen, allen anderen Nationen gegenüber, von denen sic dieses Volk nachdrücklich abgrenzt, andrerscits nach innen, allen einzelnen in diesem Volke enthaltcncn wirtschaftlichen, sozialen, religiösen Qruppcn gegenüber, die sic alle in stell umfasst. Die spezifische Grundform des Verkehrs aber, die ihm die nationale Geschlossenheit verleiht, ist wieder die stellt die Sprache zugleich die Einheit des Vefkcs gegenüber seinen einzelnen Entwicklung»• *) Referat, das Sprache und Kultur gehalten wurde. ״Der 7lonl*mut mtrebt tür da* Utditchc Volk dl» Schäftung einer Ollenillch-rectitllch genebenen Hvlnutltte m Halfiitlna." Da*clcr Programm. Aus ücni Inhalt 1)10 hebräische Spruche und der Kongress für hebräische Kultur, Von D r. Martin Buh er. — Der Zlonlsimis und die deutschen Juden. Von Hans Goslar. — Der IX. Kongress. (Schluss des Berichtes ) — Feuilleton: Brüderchen und Schwesterchen. Von S .־» m u e I G 0 r d 0 n. Den Subskribent•.׳!! der auf besserem Papier bcrgcstclltcn Ausgabo der ״J. R.“ gehen die gebumlencn Exemplare sodort nach Erscheinen des Registers zu. — Die neue Subskription auf den .luhrgmig 1910 (Preis gebunden א. Mk.) wird um .11. Januar geschlossen. Wir bitten datier um sofortige Aufgabe der Bestellungen. Verlag Jüdische Rundschau. Phasen und die Einheit des Volkes gegenüber seinen einzelnen Bestandteilen dar. Wir dürfen sic daher schlechthin bezeichnen als die Ein 11 citsform des Volkslebens. Au», diesen einfachen und von ledern nachprüfbaren Prämissen ergibt sich, dass von allen Krankheilen unseres Volkslebens diese die schwerste und gefährlichste ist: dass unsere Sprache ihre lebendige Kontinuität cingcbiisst hat und dass sie auigeliort hat, alle Elemente des Volkes mit einander 711 verbinden. Denn diese Krankheit bedroht nicht ein einzelnes Organ, sondern die Einheit und den Zusaimncnhang des ganzen Organismus. Und wenn durch das Pehlen des eigenen Landes uns das n 0 r m a I c Volksleben versagt ist. so wird durch die Verdrängung der eigenen Sprache das Volksleben überhaupt, der Fortbestand der Nation in Frage gestellt. Insbesondere aber seitdem die Geschlossenheit der Lebensformen gesprengt worden ist. Geben wir uns nicht länger der Illusion bin, cs könnte eine Erlielning des nationalen Willens, d. 11. das, was wir ״nallonalü Bewegung" nennen, den Mangel an nationaler Einheit, den Mangel an nationalen Lehens- und Bcwusstseinsformen ersetzen. Eine Erlielmng des blossen Willens kann - wie wir am Beispiel aller nationalen Bewegungen erkennen ein Volk nur für den Kampf einen und vereinigen, fiir einen Kampf um die nationale Freiheit und Selbständigkeit. Dies hat seine Ursache darin, dass der Wille nur in seiner höchsten, gesteigertsten Intensität die Fähigkeit hat. die Menschen zu einer einheitlich handelnden Gruppe zu verschmelzen, und dass er diese höchste Intensität naturgemüss nur durch jene Erregung erlangen kann, die den Momenten des Kampfes eigentümlich ist. Dazu kommt noch, dass der eigentliche grosse Kampf, der Kampf der höchsten Erregung des Willeils, der Kampf gegen den äusseren Feind von vornherein nicht Inhalt und Aufgabe der jüdischen Bewegung ist. Aus dieser Erkenntnis der Eigenart nationaler Bewegungen überhaupt und der jüdischen Bewegung insbesondere erklärt sich die Wandlung, die sich in der letzten Zeit in dieser Bewegung vollzieht: die Wendung auf das Positive hin, das Streben, an die natürlichen Funktionen des Volkslebens selbst anznknüpfen, von den wechselnden Inhalten auf die ewigen Formen ziiriiekzugrcifcn, die eben diese Funktionen repräsentieren, und zwar dies In der Weise zu tun, dass das persönliche Lebens jedes Einzelnen von diesen Formen und Funktionen durchdrungen und durch sic fruchtbar gemacht werde. Ich kann hier nicht alle Wege verfolgen, auf denen sich diese Wandlung vollzieht, auch nicht den wichtigsten von allun, der darin besteht, dass Immer mehr Juden ihr eigenes persönliches Leben in Palästina aufbatten und so die grosse Frage zwar nur für sich, damit aber zugleich vorbildlich lösen. Uns geht hier nur ein einziger Weg an: das Streben, einem möglichst ' grossen Teile des Volkes die einheitliche; Bewusstscinsfurm, die Sprache wicdcr/.iigebcn. Dieses Streben ist aller von allem, was ausser 11 a I b unseres Landes zur Heilung und Erlösung des Volkes geschehen kann, bei weitem das Bedeutsamste. Denn wenn wir unsere Sprache wieder haben, haben wir unsere Einheit wieder. Zn den gleichen Ergebnissen kommen wir, wenn wir die Bedeutung der hebräischen Sprache fiir den einzelnen Juden betrachten. — Die Sprache ist von allen Funktionen des Volkslebens diejenige, weiche zuerst in das Leben des Individuums eintritt. Ehe das Kind 7.u sprechen beginnt, gehört es nur der grossen Menschengemeinschaft an; erst mit dem ersten Worte, das seine Lippen formen, wird cs in Wahrheit Mitglied seines Volkes, nimmt es an dessen Leben teil. Und wieder zeigt sich die Not lind Krankheit unseres Volkslebens 111 keiner anderen Erscheinung so deutlich wie darin, dass die Sprache, in der die ersten Worte unserer Kinder gesprochen sind, fast durchweg nicht die ist, in der die Einheit unseres Volkes in• Raum und Zeit einst lebendige Wirklichkeit wurde und war. Demi es ist nicht gleichgültig, sondern von höchster Bedeutung, in welcher Sprache das Individuum zu sprechen beginnt, in der Sprache einer. Volkes haben sich seine Urkräfte aufgespeichcrt, bereit in jedem wirksam zu werden, der diese Sprache als den notwendigen, ja einzigen Ausdruck seiner ursprünglichen Regungen erlebt; in der Sprache eines Volkes loben die tiefen Quellen seiner Art und seiner (irössc fort, bereit jeden zu tränken, der diese Sprache in der ersten, bildsamsten Lebenszeit empfängt und sic nicht als eine Sprache, sondern als die Sprache, als das wunderbare Wort des Daseins selber empfängt. Alles, was die Abstammung, was das Blut an Volksart. an Volkswesen in den Einzelnen gepflanzt hat, all das wächst erst unter der Wirkung der gesprochenen Sprache zu reinem, vollem Leben heran. Das Blut gibt ihm die Disposition, die Sprache die Aktivität; dam, erst können Leben und Lehre auch die Bewusstheit entwickeln. Bei uns lelilt das Miltelsiudium ganz oder fast ganz; es ist leicht zu ermessen, was dies iür das Volk, was cs für den Einzelnen im Volke bedeutet. Dabei bedenke man, dass gerade fiir uns, gerade fiir die Juden unserer Zeit die hebräische Sprache eine Bedeutung haben könnte, die die Sprache fiir kein anderes Volk und fiir keine andere Zeit hatte. Wenn wir nach dem tiefsten Sinn der Epoche der jüdischen Geschichte fragen, in der wir leben, wenn wir nach dem tiefsten Sinn der jüdischen Bewegung fragen, die aus dieser Epoche hcrvorgegaiigen ist. wenn wir fragen, was uns die Berechtigung gab, das Wesen dieser Bewegung als ״Renaissance" zu bezeichnen, so ist cs dies, dass wir an unsere Antike, an die grosse klassische Zeit unserer Rasse nnknüpften. wie die Italiener des Trcccnto an die klassische Zeit ihrer Rasse ankvmphcn, und dass wir dies nicht bloss wie sie auf dem Gebiete der Kultur tun, sondern auf dem Gebiete des gesamten Volkslebens. Wir wollen das Judentum retten vor dem Verfall und wir selten nur Einen Weg, wir haben nur Einen grossen Helfer auf Erden, den wir anrufeit können: das ist die Urzeit unseres Volkes. An diese Urzeit knüpfen wir an. Dies und nichts anderes bedeutet die Wiedererweckung Palästinas, des Landes der Urzeit, nies und nichts anderes bedeutet die Wicderbclebuiig der hebräischen Sprache, der Sprache der Urzeit. Es ist nicht dies allein, dass in dieser Sprache die grossen Schöpfungen der Urzeit geschrieben sind, sondern diese Spruche ist selbst der allcrgrösstcn Schöpfungen eine: aus ihren Worten, aus ihren Formen imd Fügungen redet der Geist jener gewaltigen Zeit zu uns: aus ihr erfahren wir im Innersten, was JpiJcntum ist; von ihr empfangen wir die< Offenbarung' unseres reinen eigenen Urwcscns. Wer die hebräische Sprache wahrhaft in sein Leben aufnimmt, der ninnnt die bewegende Kraft des Judentums in sein Leben auf: der weiss fortan, wie er deni 'Qcnius unserer Art zu dienen hat, Wer die 1f der Konferenz für hebräische Berlin (19.—21. Dezember 1909)

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