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Jüdische Rundschau · 1909-10-22 · Heft 43 (22.10.1909) · page 9

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XIV (1909)
Issue
Heft 43 (22.10.1909)
Date
1909-10-22
Page
– (sequence 9)
Language
German
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No. 43. J.UED1SCHE RUNDSCHAU Seite 481. vit/.. wie bereits milgetcilt, festlich begangen. Die fei ten des Odessuer Komitees und vieler prominenter Persönlichkeiten der Bewegung wird den Vcraustal- 1i:h<cii einen besonderen Glanz verleilien. Das Pro- .. dessen Einzelheiten demnächst bekanntgegeben werden, umfasst einen ץcs tak t im R e p r äs c n t a nt c n s a a I e der jüdischen Gemeinde am VtMiniiiuKC• wobei die Bedeutung des Anlasses gehüiiend gewürdigt werden soll, ein liankett und ,•me «rosse ״ f f e n 11 i c 11 e V c r s a m tu l u n g am N.io'imiiiago. in welcher neben Herrn Präsidenten Woii'isolut einige hervorragende Parteiführer zu Worte kommen werden. In 41er jüdischen Bürgerschaft Ohersehlcsiens und Russisch-Polens sieht mau dem IVM!.n;e bereits mit grossem Interesse entgegen. ZiaPsychologiedes Jungjuden EliiiT'EnlflCfjnuno״an Hcliiricir/nargulles*) Von Dr. Lucvy• Berlin. (Schluss.) Fest steht einmal —• wie M. auch schreibt — dass dr! Zionismus in seinem Entstehen eine Reaktion auf ׳.!ן,!tische, wirtschaftliche, gesellschaftliche und ntora* Iin.Iic Zustande — (natürlich schlechte) — war. Der j,1;.;e ■lüde aber, der späteren junge Zionist, der ״Jung* i»k". der hätte sich nur dem Zionismus in die Arme ec" orfen aus ״intellektueller Bedrängnis", für die poiu.wlie. wirtschaftliche, gesellschaftliche und morali'ciie Not hätte der junge Jude kein Auge, kein Gefiiiil gehabt? — Der Verfasser hat ja allerdings eine M ir geringe Meinung von dem Verständnis und dem liücresse der Jugend für diese Dinge, und aus dieser t.ud mir aus dieser heraus erklärt es sieb, wie er zu *‘inen Schlussfolgerungen kommt. Männer wie Heine, \wo Wciningcr tmd Cald haben uns wohl mitgcltolfen, dem Zionismus Anhänger zuzufiihrcn — als abseiiieckende Beispiele dafür, wohin das Streben führt, .!.1s Judentum in der Versenkung verschwinden zu lassen und auf ihm ein reines Deutschtum nufzubaucn ein unmüglichcs Streben, ein Streben wider die innere Natur —, aber haben sic etwa auch nur in ganz geringem Masse eine Einschränkung der Taufen Iterbeigefiilirt? Keineswegs. Der Austritt aus ׳lern luden tum erfolgt,'mit geringen Schwankungen, heute noch so häufig wie zu jener Zeit. Aber an solchen Leuten hatte das Judentum nie etwas verloren. (?? Red. d. ״J. R") Von dieser Art von Menschen sind diejenigen an den Fingern her zu zählen, die aus einer bestimmten Ucbcrzcugimg heraus das Judentum von sich abzuschnttcln suchten, oft allerdings vergeblich: die grössere Gruppe der Abfälligen aber tritt aus ganz niedrigen Motiven aus. Das waren über auch nicht die, welche fiir Ule Gewinnung zum Zionismus in Frage kamen. Auch heute noch wird, wer sein Judentum vorleugnen will, durch solche Beispiele (Weiniger etc.) nicht abgeschreckt werden. Mag das aber damals der Pall gewesen sein, d. 11. dass junge Juden aus ״In* tcllcktucllcr Notwendigkeit" zu Zionisten wurden, die Masse seiner Anhänger, seinen Heerbann, gewann der Zionismus uns den Schwankenden, Purchtsamcn, Indolcnten, aus denen, welchen die jüdische Familie ein zu enger Kreis war, die sich zum bewussten Judentum hingezogen fühlten und lange keine geeignete Organisation als offiziellen Ausdruck der nationalen Zusammengehörigkeit kannten, aus jenen schliesslich, denen nicht allein die eigene gesellschaftliche Zurücksetzung, sondern noch mehr die Leiden der Ostjuden zu denken gaben. Und diese ״Jungiudcn" waren zum grossen Teil auch wirklich dem Lebensalter noch ..Jmigjudcn". Die Beschäftigung mit politischen und sozialen Prägen, zu der oft das Nachdenken über das eigene Leid fuhrt, hat also den ersten Anstoss bei der jungen Generation gegeben, au( den Zionismus zu blicken, und sic musste in ihm wohl Ideale sehen. Denn das wusste sie oder merkte cs bald, dass der Zionismus kein geschäftliches Unternehmen ist, oder etwa wie eine studentische Verbindung anzuschcn sei, deren Angehörige aus ihrer Zugehörigkeit im späteren Leben einmal irgendwelche eigenen Vorteile erwarten können, ־ es waren rein ideelle Motive, die die junge Gc- Iteration zur Beschäftigung mit zionistischen Prägen fulirtc und sie zu Zionisten werden licss. Hier aber kamt ich mich gut auf Margulies berufen, der davon spricht, wie eine Bewegung wertlos ist, die nur aut die Acsthetik der Gefühle beruht, und Ich mache den bc-' rcchtigtcn Rückschluss: Hat der Zionismus diese Bedeutting gewonnen, so kann sie eben nicht nur auf der Acsthetik der Qcfühle basieren. Wer sieh ,nur cm wenig mit zionistischen Fragen beschäftigt, der sicht ja auch bald, wie einmal praktische Aufgaben Im Nutiomiljudcntum zu lösen sind und gelöst werden können. ') Sielte No. 37/38. Durch den Stoffandrang der letzten Woche wurde die Veröffentlichung dieses Teils der Entgegnung leider unliebsam verzögert. <Dio Red.) Das ist also die grosse Masse, aus der sich der Nachwuchs' der zionistischen Bewegung rekrutierte. Die Intellektuellen Zionisten — sie wird cs auch geben, aber unbedeutend sind sic an Zahl. Das Voll; der ln- ן tcllektiialisten — eine sehr schöne ehrende Auffassung, von achtbarem Selbstbewusstsein zeugend —, aber eben eine Auffassung, die nicht den Tatsachen entspricht. Mag der Jude ״zum Orübcln neigen"; von da bis zum Intellektualismus Ist noch ein weiter Weg. 011 man die Jaden als Rasse, Nation oder sonstwie l>czeichnen oder registrieren will, es bestehen im Judentum ebenso viele feilte tmd grobe, kleine und grosse Unterschiede der Schichten, wie In jeder anderen Gcmeinschaft; cs gibt Kluge tmd Dtnmite, geistig hoch und niedrig Stehende, mehr oder weniger Strebsame, —geistige und Handarbeiter. Soll aber der jüdische Student etwa davon eine Ausnahme machen? Mau denke nur an die Berechtigung des Wortes vom geistigen Proletariat, ein Wort, das gerade durch die reiativ hohe Beteiligung der Juden um Studium besauderc Bedeutung gewinnt. Wenn aber auch schon, vermöge der Art des Berufes tmd der Beschäftigung, der Intellektualismus vornehmlich bei Leuten akademischer Bildung gehtn• den wird — ist deshalb Studium und Intellektualismus synonym oder stets bei einer Person vereint zu iiiulcn? Ist, diese allgemeine umfassende Bildung deren Besitz doch den Intellektualisten kcunzcieiineu soll — ist sie nicht oft in ganz hervorragendem Masse heim Handarbeiter vorhanden —, und wie oft fehlt sie dem Studierenden und dem Akademiker im wetteren Sinuc? Ich bin durch nichts überführt, dass der jüdische Student, so wie ihn Margulies zeichnet, weder in bezug auf Anlage noch Streben, der jüdische Durchschnittsstudcnt ist. ich achte das Selbstbewusstsein, das aus dieser Charakterisierung spricht: hic jiidischer Student tmd Intellektueller — hie niclttjüdiseher Student, der nur ״zur Ergänzung" liest! Aber dieses Urteil, wenn auch erfreuend, ist leider durch Liebe zum Judentum getrübt. Das Gesagte gilt aber kaum für einen Studierenden des einen Fachs mehr als für den eines anderen. -- Der Verfasser wird sagen: Der Student sei von ihm nur als ״vergröbertes Beispiel" angeführt worden. Die jüdischen Studenten machen doch aber einen re- Iativ bedeutenden Teil der jüdischen Jugend aus. Es liegt daher sehr Italic zu verallgemeinern. Für den jüdischen jungen Kauf m a n n haben die Ausführungen des Verfassers scheinbar mehr Gültigkeit. Die Juden sind — warum, ist liier nicht nötig zu entwickeln — zum grossen Teil im Handel beschüftigt, und der einzelne Jude findet sich deshalb hier zumeist in einer ihm gleichartigen Umgebung. Für ihn kämen vielleicht also soziale Momente nicht so sehr in Betracht, wie für die anderen Berufe; aber auch bei ihm war immer noch mehr aus sozialen Momenten heraus ein Zug zum Zionismus zu er* kennen, als aus der sogenannten inlellektiicllen Not- Wendigkeit. Auf der Suche nach einer neuen Weltanschauung wurde die Menge derselben nicht zu Zionisten: das Ist auch viel weniger zu erwarten bei dem Im allgemeinen nüchternen, berechnenden Kaufmann, der mehr nbwiigt und mehr mit den praktischen Mögllchkcitcn rechncnt. Es werden sich sicher in allen Lagern einige finden, denen der Zionismus eine willkommene .Erlösting aus der Unsicherheit Ihrer Weltanschauung war, aber immer nur einige wenige. Und bei diesen wird der Prozess, der Werdegang so sein, wie ihn M. treffend und schon schildert; aber die Mehrzahl der ״Jungjuden", der jüngeren zionistischen Genera- Hon, sind m. E. aus sozialen und politischen Motiven zu überzeugten Zionisten geworden. Und das ist auch dem jungen Juden menschlich näher und vorstündlicher, wenn man ihm zeigt, in welcher gesellschaftücUeu und. uwraUsdww Bedrängnis er sich bcfindet. Zur sogenannten intellektuellen Notwendigkeit, eine neue Weltanschauung gebärend, kommt der junge Zionist erst nach längerer tieferer Beschäftigung mit! zionistischen Fragen; und hier komme ich zu demselben und doch entgegengesetztem Schlüsse wie Margtilics: M. hat recht, wenn er die Agitation ־— und deren Taktik spielt eine nicht zu unterschätzende Rolle wie in Jeder, so auch in der zionistischen Bcwcgung — wenn er die Agitation recht praktisch und nüchtern gestalten will: Keine Schlagwortcl Gerade das Ist auch mein Streben: Keine Schlagwortcl Aber kann eine Agitation nüchterner sein, als wenn sie uns Tatsachen aus unserer gesellschaftlichen und moralisehen Bedrängnis in der ganzen Welt vorführt? Und da wir deutschen Juden diese Bedrängnis jedenfalls weniger fühlen als die grosse Masse unserer Stammesbrüder in anderen Ländern, so steckt auch ein gut Teil Idealismus darin, dass wir uns für deren politische, ökonomische, geistige Befreiung bcgeistern können. Das war es, was uns bisher die Masse der Anhänger zuführte. Und so wird cs auch in Zukunft sein! 0 ■ ■ ... P—- .' *-Sfr■...1 ■" ■—.•■"■t-rrri—jb-hwth .1" 1..' mrmm 1 Cesare Lombroso 1 Am 19. Oktober ist in Turin der in der ganzen zivilisierten Welt als Begründer der KriminalaiUhropologie bekannte Cesare Lombroso gestorben. 1836 in Verona von jüdischen Eltern geboren, bcgann Lombroso seine Laufbahn als Irrenarzt tmd wandte sich dann der gerichtlichen Medizin zu, deren Grundsätze er zuerst den Studenten von Paviu vortrug: später siedelte er nach Turin über. Neben seiner akademischen Tätigkeit entfaltete er eine sehr reiche schriftstellerische und journalistische, denn er war ein unermüdlicher Arbeiter. Auf seine literarischen Erfolge war er immer besonders stolz. Miissig ist er wohl nicht eine Sekunde seines Lebens gewesen, und die notwendige Erholung schrankte er auf die denkbar geringste Zeit ein. Es gibt kaum ein Gebiet des m c n s c h I i c h c n S c c I c n I c b c n s, das mit öffentlichen Interessen zusummenhüngt. dem er nicht seine Aufmerksamkeit geschenkt hätte. Seine bekanntesten Werke ״Genie und Irrsin n" und ״Der Mensch als Verbrecher" sind in alle Kultursprachcn übertragen worden tmd haben auf den verschiedensten Gebieten der l'orscliung — man darf sagen: revolutionierend gewirkt, wenngleich ihre Grundtheorien sich mehr und mehr als tllzu einseitig erwiesen. Wie alle grossen Anreger hat Lombroso selbst sich freilich von der cx- 11 einen Ausdeutung seiner Theoreme nicht frei machen können. Und deshalb war sein Ruhm schon etwas iin Verblassen, als den Drciundsiebzigjülirigen jetzt der Tod liiiiwegnahm. Aber seinen Namen als Forscher, Deuker und als einer der liberalsten Geister dieser Zeit hat er mit festem Griffel in die Geschichte cingcgrabcn! Kongress für hebräische Sprache und Kultur Vom Berliner Komitee zur Vorbereitung eines Kongresses für hebräische Sprache und Kultur geht uns folgende Zuschrift mit der Bitte um Pulüi- Kation zu: ״Mit Rücksicht darauf, dass wir Bisher unsere Stellung zur jüdischen Volkssprache (dem sog. Jargon) nicht bekundet haben und in Anbetracht der vielfachen diesbezüglichen Anfragen und Zuschriften sehen wir uns veranlasst, folgende Erklärung ab/u* geben: Das Komitee zur Vorbereitung eines Kongrosses fiir hebräische Sprache und Kultur bcabslchtigt nicht, den Kampf gegen die jüdische Volkssprache in das Prog r a m m des Kongresses mit ein z u bcziehen. Selbstverständlich wird cs jedem Teilnehmer am Kongress, und somit auch jedem einzellten Mitglied des Komitees, freistehon, nach eigenein Ermessen diese Frage zu berühren und zu ihr Stellung zu nehmen, An dem Kongress für hebräische Sprache und Kultur kann jeder Jude tcilnchmcn, der die hebräische Sprache als unsere nationale Sprache anerkennt und fiir ihre Förderung und Weiterentwicklung zu, wirken gev illt ist, — welche Stellung er auch zu den anderen in der Judcnhcit herrschenden Sprachen cinnchmen möge." I: ßUS ÖLLCR W6LT Bukowina Die Bukowinacr Waldreforni ist gemacht. Die jüdische Kurie ist ausgoschaltct. Man hat die Juden mit den Deutschen zusammcngckoppelt und ihnen grossmtttig konzediert, in diesem wirklichen Wahlghetto eine ״Intcressenpolitik" zu treiben, ln diesem Sinne wurden für die Städtemandatc Majoritüts- und Minoritütsvertrctungett bezüglich des dcutsch-jüdisehen Katasters vorgesehen, während in den ״deutschjüdischen" Landgemeinden das Prinzip der territorialen Abgrenzung möglichst gcwaltrt blieb. Dadurch sind den Juden neun Mandate gesichert. Der Landtag soll sich folgcndcrmassen zusamtnensetzen: aus 2 Virilstimmcn, 13 Vertretern des Orossgrundbesitzes, 7 Vertretern der Handelskammer und der Städte, 24 Vertretern der Landgemeinden und 17 Abgeordneten aus der־ allgemeinen Wählerklassc der Städte und Landgemeinden. Es entfallen somit auf die einzelnen Nationen von den 29 Abgeordneten der Qcmcindcn: 10 auf die rumänischcn, 10 auf die ruthcnischcn, 8 auf die deutsche und jüdische und 1 auf die polnische Bevölkerung; während von den 17 Abgeordneten der allgemeinen Wählerklasse 6 auf die rumänische, 6 auf die ru-

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