Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XIV (1909)
- Issue
- Heft 42 (15.10.1909)
- Date
- 1909-10-15
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Redaktion Jildlsclio Rundschau UcrllmCIarlotlenburg, Olclbtreustr. 49. Tel. Cli. OSSI, bprcchstundcn Dienstag und Freitag» 11—1 Uhr mittags. 9 e s 9 9 9 9 9 e 1 I t « . J t\y 4 ח r>n,. U li\i O c^n n 0 יחז ס klJJ O Ir u vS ÖTU^(0 Nummer 42 ■*־* VgWB Berlin, den 15. Oktober 1909 — 30. Tfoischri 5670 XIV. Jahrgang EnUvirrung II. Politischer Zionismus.4) Der Mangel an Klarheit, der den gegen war*!,gen Zustand unserer Bewegung charakterisiert, lütt die Entstehung eines heute noch im Verbor• j!0nen blühenden Pseudo-Zionismus verschuldet, der von den tapferen und verdienstvollen Cho* wewe-Zion nur die Kleinlichkeit und Kurzsich• ligkeit, vom westeuropäischen Judentum nur die Angst vor entschiedenem Auftreten übernommen i!at. Die Anhänger dieser neuen Richtung, denen der Herzl’sche Zionismus zu geräuschvoll ist, möchten alle politischen und nationalen Forde* rungen zurückstellen, um die Abneigung der westeuropäischen Juden zu überwinden und ihr Geld für palästinensische Zwecke zu erlangen. Das ist jener ״Rettungszionismus“, der nichts mehr für die lebende Generation erstrebt, sondem nur die kommenden Generationen der äst* liehen Juden in Palästina ansiedeln will. Nichts unterscheidet diesen Standpunkt prinzipiell von dem der Alliance oder des Hilfs* Vereins, nur in der Methode der Arbeit liegen noch Unterschiede vor, die sich bei einigem guten Willen auch bald iiusgleichen werden. Zu einer offen auftretenden Partei haben sich die Vertreter dieser Richtung freilich noch nicht zusammengetan, ja cs gibt überhaupt nur ganz wenige bewusste Anhänger und Verfechter sol* eher Anschauungen. Dennoch müssen sie bekämpft werden, denn es scheint, als ob in manchcn Kreisen der Zionisten eine allzu friedliche Stimmung herrscht, die solche Bestrebungen fördert und durch schmeichlerisches Entgegenkom* men unserer Gegner grossgezogen wird. Mit allem Nachdruck sei es deshalb gesagt, dass die Ideen, die den Zionismus geschaffen haben, für uns noch ihre volle Gültigkeit besitzen. Mit allem Nachdruck werde denen entgegengetreten, die mit dem Hinweis auf ״taktische Rücksichten״, auf die ״Entwicklung des Zionismus4׳ ihren gednnken* und programmlosen K'hillezionismus rechtfertigen wollen, dessen Vater der Unverstand und dessen Mutter die Angst ist. Auch wollen wir gelegentlich den Herren von der jüdischen Presse auf die Finger klopfen, die uns mit ihrer gefährlichen Freundsclinft belästigen. Vor allem aber wollen wir im eigenen Hause für Ordnung sorgen und unsere Anhänger von dem Wahn befreien, der Zionismus von heute sei anders als der von gestern. Fast muss man sich schämen, das Selbstverständliche immer wieder zu sagen, aber die Erfahrung lehrt, dass politische Grundsätze nur durch ständige Wiederholung zum geistigen Ge* meingut werden können. Der Zionismus ist eine politische Bewegung. Politisch nicht deshalb, weil Herzl Audienzen beim Sultan hatte, son- (fern weil sein Programm das Programm der Wiederbelebung eines Volkes ist. Hat sich darin etwas geändert? Gewiss haben unsere Arbeitsmethoden sich gewandelt, gewiss sind die ״Mittel zur Erreichung unseres Zieles*‘ — wie es in der Parteispraclie heisst, andere geworden. Der von Herzl in den ersten Jahren vertretene Stand- Punkt der ״reinen Charterpolitik“, das heisst der Versuch, die rechtliche Herrschaft über ein Gebict zu erlangen und dann erst mit der Kolonisation zu beginnen, musste aufgegeben werden. *TvkTno. 40/41 der ״J. R.״. _ ״ ..Der Zionismus erstrebt IDr das IDdischo Vclk dl# Schaliumr einer ülicmllclwcchtllch ccslclicricn Hclmmuto 10 FalSstlna.“ Baseler Prosraam. r"ן—1־־׳ jIr*"1r1IK? iiä W-iwJ L <• Vtf M * y U4s*J«aa9W«4lft Entwirrung, II, Politischer Zionismus. Von Richard L i c h 111 e i 111. — Zur Frage des Agrarkredits. Von Dr. A. R u p p i n Jaffa. — Die Liberalen und die Judeuirage. Brief aus Petersburg. — Pro* biente der jüdischen Emigration und Kolonisation. Von D. T r i c t s c h. — Uas Judentum am Scheide*• vvege. Erwiderung von Ur, Felix Q o l d - m a 11 n - Oppeln. — Aus aller Welt (Deutschland, England. Türkei, Marokko, Amerika. Argentinien). ־— Palästina-Rundschau. — Rundschau der Presse. — Zionistische Bewegung. — Vom Hilisvcrcin. — Alliance IsraCütc Universelle. —־ Feuilleton: Der Gefangene von Sebastopui. Von Samuel G 0 r d o n. ־— Jung-Israel: Im Stroh. Von Salo Cohn. — Jophtlm und seine Tochter. — Rangstreit. — Rätsel. — Briefkasten. Mit allen Mitteln ist die Kolonisation Palästinas zu fördern. Anregung der Privatinitiative, Schaffung von Kreditinstituten und das wich* tigste: ein weitschauender Kolonisationsplan (der heute noch fehlt) — das alles muss die ständige Sorge unserer Leitung sein. Wir müssen in Palästina vorwärtskommen, wie immer die politischen Verhältnisse in der Türkei sind. Es gibt keine Schnellkolonisation und der Charter ist ein Fetzen Papier, wenn wir nicht im Lande ständig Vordringen. Wenn aber Herzls Methoden in diesem Punkte korrigiert werden mussten, so haben wir heute umso sorgfaltiger darüber zu wachen, dass die g r 0 s s e n Ideen, die den modernen Zionismus gcschaf* feil haben, rein erhalten werden. Die guten Leute, die mit den anderen Organisationen ihren Frieden machen und den Zionismus zum Kolonisationsvcrcin herunterent* wickeln wollen, wissen in ihrer Einfalt nicht, dass sie die grösste Tat dcs.Herzl’schen Genius, die Erweckung des jüdischen Gedankens in West* curopa, zu niclite machen. Sic übersehen, dass das zionistische Programm in erster Linie ein Erziehungsprogramm ist, dass die Rückkehr zum Judentum der Rückkehr ins Judcnland vor* angehen muss, weil sonst die moralischen Kräfte fehlen, durch deren Energie auch die nötigen materiellen Mittel zusammengebracht werden können. Diese Rückkehr ins Judentum bedeutet zu* nächst noch keine Rückkehr zur jüdischen Kul* Un*. Sie äussert sich vorläufig nur in dem Willen, durch planmässige Anstellung ein jüdisches Volk zu schaffen und heisst in dieser Form p 0 - litischcr Zi o 11 i s m u s. Was wir bisher erreicht haben — die Schaffung einer wcltumspannenden Organisation und Ansätze der Be- Siedlung Palästinas — ist einzig und allein erreicht worden durch die scharfe Betonung dieses nationalpoütischen Gedankens, und 'die treuher* zigen Palästinafreunde, die sich nur mit der Kolonisation Palästinas beschäftigen und um diesen Preis den ganzen Gcdankcninhalt des Zionismus über Bord werfen möchten, vergeu* .den das Erbe Theodor Herzls, das hundertfältige Früchte tragen kann, wenn es sorgfältig behütet wird. Wir sind kein Kolonisationverein, sondern eine Bewegung, die die Geister aufrüttcln, die Kräfte des Judentums neu beleben soll. Wir treten für die Kolonisation Palästinas ein, nicht, um eine Anzahl Juden aus dem Ghetto zu befreien, sondern um die Gesundung des Volksorganismus anzubahnen, zu dem wir selbst gehören. Dies ist der Sinn des Zionismus, und wer ihn aus Opportunitätsgründen entstellt, gefährdet die Erreichung unseres Zieles. Diese Opportunitäts-, gründe sind in Wahrheit nur der Ausfluss einer Kampfmüdigkeit, die wohl begreiflich, aber keineswegs zu rechtfertigen ist. Für uns westeuropäische Juden hört jede innere Beziehung zum Zionismus auf, wenn dieser die nationalen Ideen Herzls verleugnet. Die Kolonisation Palästinas bietet weder uns noch unseren Kindern materielle Vorteile. Sie ist uns eine heilige Pflicht, weil sie die wichtigste Gegenwartsaufgabe des e r w a c 11 enden Judentums darstellt, aber sie wird uns gleichgültig, wenn wir sie nicht mehr im Namen des jüdischen Volkes verrichten wollen. Kurzsichtigkeit und Ängstlichkeit haben manche Zionisten von dem Wege fortgelockt, den Herzl einst bcschritt. Sie wollen die Fahne, um die wir uns geschart hatten, hcrunterholen und einen traurigen Wimpel hissen, der kein Symbol der neuen Freiheit ist und uns nichts mehr bedeuten kann. ״Was ist eine Fahne?“ - so schrieb Herzl eins! an Baron Hirsch. — ״Eine Stange mit einem Fetzen Tuch. Nein, mein Herr, eine Fahne ist mehr als das. Mit einer Fahne führt man die Menschen, wohin man will, selbst ins Gelobte Land.“ RichardLichtheim.. Zur Frage des Agrarkredits Von D r. A. R u p p i 11, Jaffa. I. Voraussetzungen für die lirrichtuns: eines Agrarkreditinstituts. ln den Verhandlungen des bevorstehenden Kongrosses wird aller Voraussicht nach die Frage im Vordergründe des Interesses stehen, inwiefern durch Schaffung eines Instituts für Agrarkredit die laudwirtschaftlichen Koionisationsbestrebungen der Juden in Paliistina wirksam gefördert werden können, ich bin nun ersucht worden. mich zu dieser Frage zu äussern und komme diesem Ersuchen hierdurch nach. Es ist selbstverständlich, dass meine Ausführungen nicht den Anspruch erlichen, .das ganze Problem autoritativ zu beantworten. Ich werde bcfriedigt sein, wenn sic die Grundlage für eine suchliehe Diskussion schaffen, in der hoffentlich von andern fruchtbare Gedanken entwickelt werden. Aus zwei Hoifmmgcn heraus ist, wenn ich mich nicht täusche, der Plan eines Agrarkreditinstituts gebaren: erstens aus der lloitming. dass die neue freie Türkei die Gesetze, welche bisher Iniinobilicngeschiiftc sehr schwierig oder unmöglich machten, in kurzer Zeit beseitigen werde, und zweitens aus der Hofimmg, dass für ein Agrarkreditinstitut, welches nach dem Vorbiide europäischer Pnrzcllierungs- und Hypothekenbanken arbeiten und dessen Aktien und Obligationen damit eine sichere Kapitalsanlage bieten würden, mit Leichtigkeit grössere Kapitalien atifzutreiben wären. Ich unterlasse es an dieser Stelle, diese Hoffnungen atif ihre Stichhaltigkeit zu prüfen. Ich will annelimen, dass sie sich erfüllen werden und dass ottomanischeii Akticngscllschaftcn dasselbe erlaubt sein wird, was in Europa zum Geschäftskreis der Parzcllicrungs- und Hypothekenbanken gehört: 1. Land zu kaufen und zu verkaufen; 2. über die gekauften Terrains nacli freiem Bclieben zu verfügen, sie zu amclioricrcn, zu parzellieren, zu verpachten, zu bepflanzen und zu bebauen; 3. Hypotheken zu erwerben und Obligationen in Höhe der erworbenen Hypotheken auszugeben.