Mannheim
Compact Memory

Jüdische Rundschau · 1909-04-16 · Heft 16 (16.4.1909) · page 4

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XIV (1909)
Issue
Heft 16 (16.4.1909)
Date
1909-04-16
Page
– (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
91% known words query
IRI
…/2651273-2651605-2651621--06339-2663421
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

JU ED ISCHE RUNDSCHAU Seite 179. No. K׳. *erden. Als Semiten besitzen sic für diese grosso Aiitobe eine besondere Eignung; sic können für sich ,uni die Menschheit damit eine welthistorische Aufeabe ernillcn, und bn Orient, nicht erdrückt von der vorccseliriticnen Kultur christlicher Völker, aber bo. jniclitct von dieser Kultur, könnte die Judenheit er- ״ent zu einer eigenartigen intellektuellen Blüte rclangen, ein Scrcii für sieb, Ihr das ottomanischo Reich wie für die Menschheit. Mit der QrllndunR (l,!cs iiiilisclien Technikums bn Orient würe alsdann cin einzelner Schritt zur ErflilluiiR dieser Krossen Mission getan. Biese tledankcn sollen nunmehr Wirklichkeit werden. Es stellt bereits heute ein 47 000 Quadrattneter grosses Terrain in Haifa für das Unternehmen ״!r Verfügung; die baulichen Vorarbeiten sind In Ancrii: genommen, und die Baupläne werden dem- ״äelist entworfen werden. p..s Technikum wird das erste hn Orient seht, eine Knlturiat von lang fortwlrkcndcm Segen. (Lebhafter Beifall.) |׳s ist vom Hilfsvcrcln und der Wolf Wlssotz.ky. <tiitu1׳.: eine selbständige Qcscliscliaft für das Technikuin :׳!s heben Rcrufcn. mit der der Hilfsvcrcln jer Putschen Juden durch Personalunion verbunden sein v li׳d; der Vorsitzende des Hllfsvcrclns, Herr jaii.es <imon, wird auch der Vorsitzende dieser Ge* sel!sci; ii? sein, in der nuch das Wissotzky-Kura* toriti: ׳ und hervorragende amerikanische Persönliclikeit.ii vertreten sind. AI-Juni berichtet der Generalsekretär des Hilfsvcreii-. Herr Dr. Bernhard Kahn Über die TfltlRkeit «!.' Hilfsvercins für unsere russischen Glaubensgen»•.• •■:a und auf dem Gebiete des Auswanderuugswesen.. IV. den traiiriRcn Verhültnissen Russlands war cs eine der Imupts.'icliliclistcn AnfRaben des Hilfsverein., auch In diesem Jahre die AuswaudcruiiR aus Rtis.vl t׳!j /u erleichtern. Für das russische HUfswirk t i! schliesslich der AuswandcriuiR mussten an Cie >'(״>!'• Mark ausgegeben werden. Obwoiil die Answ.t'ideriniR nach den Vereinigten Staaten fu den beiden Jahren 1907/08 ausserordentlich zurückRCsangen ist. 1'etriiRt die Zahl der jüdischen Auswan• derer nach privater Feststellung hn Jahre 1908 noch iii'iner (70—5<״ OOO. Die Hälfte davon, also zirka;«ססח jiidisclic Auswanderer haben Ihren Wcr durch Peutsciilaiid nehmen müssen. Die Mehrzahl dieser Auswanderer hat in der einen oder anderen Welse die Einrichtungen der Komitees des Hilfsvercins In Anjprucii genommen; rund 7000 wurden befördert, etwa isrmo verpflegt, beherbergt, bekleidet und eine nicht ceriiiec Anzahl in Kranklicitsfüllcn gehellt. Zur BewüUuiiih: dieser Fürsorgearbeit unterhalt der Hilfsverein V» Komitees an der Grenze, In den Hafen. stJdtcii und im Innern Deutschlands. Auch über Peutsciilaiid hinaus hat der Hilfsvcrcln der Deutschen Juden der indischen Auswanderung sich angenommen. Pie Auswnndcriingskomitccs in Basel, Rotter* dam und Antwerpen und ebenso In Kopenhagen wurden unterstützt. SV,um ist noch zu crwiihncn, dass, die Arbeit der Komitees des Hilfsvercins durch dlo Rttckwanderum: ausserordentlich vermehrt wurde. Etwa 15• bis isitito Rückwanderer, darunter zirka 10000 aus den Vereinigten Staaten wunderten durch Deutsch- H״d nach ihren HeimntUindern, insbesondere nach Russinnü zurück. Bel Ihrer Ankunft Im Hafen und au der Qrcnzo mussten sieh in tausenden von Hüllen unsere Kontitces der Rückwanderer annchmcn. Herr Banbdircktor Ernst Simon, Scliatzmcistcr des Hilfsvercins im Ehrenamt, erstattet sodann den Kassenbericht. Das Kapital des Vereins ist von 249000 Mark im Jahre 1907 auf 264 000 Mark Im Jahre 1908 gestiegen״ Der Reservefonds ist auf 76 000 Mark zusantmcugeschmolzcn, seine Auffütlung bei den grossen Anforderungen sei also unbedingt notwendig. Das Vermögen des Vereins ist von 956000 Mark am 31. Dezember 1907 auf 1012000 Mk. am 31. Dezember 1908 gestiegen. Dio Versammlung Ist unter Bekundung Ihres lebhaften Beifalls damit einverstanden, dass in Ihrem Namen den um 29. Mürz in Berlin clntrcffendcn Mitgliedern der Familie Wlssotzky gedankt, und auch Herrn Jakob H, Schiff ein Danktclcgramm gesandt wird. Herr Simon lieht noch hervor, dass das Werk des Technikums auch noch von anderen Persönlich* keiten in Deutschland wie ln Russland und Amerika materiell gefördert sei. Auch der National* f o n d s werde dem Hilfsvcrcln ein Kapital für den Zweck zur Verfügung stellen. Aus der Versammlung wird dem Vorsitzenden Herrn James Simon und dem gesamten Vorstand für die vielfältige Mühewaltung zugunsten der notlcidcn* den und bedrückten Juden Dank und Anerkennung ausgesprochen. Cyrenaica Das ln unserer vorigen Nummer angekündigte ״BlaubueH" Zangwills über die Hingste Expedition der JTO ist mm erschienen und hat ihre Anhüngcr um c i n o 11 e u c E1111 il u s c 11 u n g bereichert. Professor Clregory resümiert seinen Bericht wio folgt: ״Trotz seiner vielen verlockenden Eigenschaften enttäuschte! uns Cyrenaica, well cs durchaus nicht so dünn bevölkert Ist, wie wir erwartet hatten und seine gegenwärtigen Bewohner einer dichteren land* wirtschaftlichen Besiedlung ernste Schwierigkeiten entgegensetzen würden. Nachdem wir das Land durchreist hatten, verstanden wir sehr wohl, warum dio türkische Behörde eine Hllfo bei der Nutzbarmachung der natürlichen Hilfsquellen des Landes so warm willkommen hlcss. Des weiteren fanden wir das Land weniger fruchtbar! als berichtet worden war, denn der Boden, obwohl an sich vorzüglich, ist ausscrordcntlieb porös 111111 daher zur Viehzucht eher geeignet, denn zum Ackerbau. Ich komme zu dem Schluss, dass das Land aus Mangel an Wasser niemals eine dichte Be* v ü 1 k c r u 11 g getragen bat und wahrschein 1 ich niemals t r a g c n w i r d. Dennoch ist das Land ausserordentlich anziehend wegen seiner Schönheit, seines gesunden, angenehmen Klimas und seiner einladenden Lage. Seine Nachbarschaft zu Pnlüstina mul die Tatsache, dass cs einmal cin beinabo JiUhsclicr 'Staat war, machen cs für eine JTO- Slcdcliing besonders einladend.'‘ Das Cyrcnaica-ProJckt verstnttet einige Parallelen zu dem Herrschen Versuch einer indischen Siedlung in El-Arisclu Am Scheitern beider Projekte trug der Wassermangel des Landes die Hauptschuld. Aber vor Absendung der El Ariscli-Expcdltion hatte Her/.l doch auf politischem Gebiet weit gründlicher sondiert, als cs seitens der JTO geschehen ist. Man hatte damals mit Lord Cromer genaue, schrittliehe Abmachungen getroffen, die, für den Fall, dass die natürlichen Bedingungen des Landes günstige würcii, die Möglichkeit weiterer Verhandlungen zwecks Gründung einer grossen * jüdischen Siedlung. ntich bestimmten, fcstgcicgtcn Richtlinien gewährleistet.־!(. Als sich hcratisstclite, dass das Land ungeeignet sei, da wurde nicht das Erscheinen eines Berichtes angckündigt, und cs wurden keine Hoffnungen geweckt, die cin paar Tage später in nichts zerrinnen sollten. Des Misserfolges wurde lediglich seitens Hcrzls In der Eröffnungsrede des nächstfolgenden Kongresses Erwähnung getan. Hält cs die JTO für angebracht, von Zeit zu Zeit cin Lebenszeichen von sich zu geben, so sollte sie das ,doch In einer Welse tun, die weniger geeignet Ist, die gesamten jüdischen Kolonisationsbcstrebungcu vor Juden und Nlchiudcn zu diskreditieren. Dass Zangwill kein Mann der kleinen Mittel ist, und dass alle soinc Unternehmungen einen polnischen Zug ins Qrosso tragen, das brauchte er uns nicht erst durcii das umfangreiche Cyrcnalca-ßiauhttch zu heweisen. Von Interesse ist das, was der Bericht über Zangwills Briefwechsel mit Vamböry in dieser An* gelcgciilicit zu sagen weiss: ״Während der Vorbereitungen für die Expedition hielt cs Zangwill für angebracht, seinem Freunde Arminius Vambery von dem Plane Mitteilung zu machen. Professor Vambery drückte postwendend seine Zustimmung und Bereitwilligkeit ans. seinem Volke sowohl vom Standpunkte des Tcrritorialismus als von dein des Zionismus zu dienen. Er erklärte siel» bereit, wenn nötig, nach Konstantinoptl zu reisen, um die Sache persönlich zu vertreten, inzwischen teilte er den Plan dem Sultan durch seinen ersten Sekretär, Tahsiu Pascha, mit uml legte die politischen Be* dingungen wie folgt dar: Der Snitnu sollte, den Kolonisten Selbstverwaltung zubilligen, sie als seine Vasallen anschcn und sich mit einem jährlichen Tribut, den sie selbst erheben, und cn bloc an den türkischen Staatsschatz ahfiihrcu sollten, begnügen. Die Antwort der Piortc Hess auf sieb warten. Vnmböry riet deshalb Zangwill, seihst an den Sultan zu schreiben, was nach seiner Ansicht dio Antwort beschleunigen würde. Er schrieb ihm ein türkisches Einführungsschreiben an den ersten Sekretär des Sultans, der Zangwills Schreiben weitergeben sollte, inzwischen war aber Red ich Pascha, der Qciicrnlgouvcrncur von Tripolis, der den Plan in grossherzigster Weise unterstützt hatte, gestorben." Besonders lehrreich mag für Zangwill die Erfnhrung gewesen sein, dass cs ihm möglich war, irti Machtbereich der Neuen Türkei politische Verbandhingen zu führen ohne seinen Worten auch nur durch einen Piaster Bakschlsch den gewollten Nachdruck zu verleihen. Der jüngste Misserfolg der JTO erhält dadurch erhöhte Bedeutung, dass er in eine Zeit fällt, in der sielt dem Zionismus die grössten politischen Möglich* keiten crsclilicssen. Der Präsident der türkischen Kammer hat siel» erst jüngst mit grösstem Nach* druck für das sofortige Einsetzen einer grossen Eiraim uml Dinnh wuchsen heran. Lea milmi einen Lehrer ins Haus, der dein Sohne Unter rieht crfcltc, während das Mädchen der Mutter in der Hauswirtschaft half. Der Knabe machte glänzende Fortschritte und als .er dreizehn laliö־.׳ alt ward, veranstal'tcte sifc ein Krosses Fest; zahlreiche Gelehrte aus der näch- «sn Sv.rüt waren zugegen, der Knabe hielt eine ״Dernseliah'V’’־) worüber die Kenner gar verbifiiii waren und ihm eine grosse Zukunft prophe- Zeiten. Das Mädclieit entwickelte sielt herrlich. s'c hrnte lesen und schreiben lind die Bibel verstehen, kurz, die Kinder waren die Freude ihrer Ehern. Wer konnte das künftige Los dieser zärtlich erzogt.neu 1mtj sorgsam behüteten Kinder ahnen? Wer konnte voraitsschen, dass sic so tief In das Eiend sinken würden? Keinem, der damais die Familie gekannt, hätte dergleichen a״vh nur in den Sinn kommen können. Lea, ihr Mann und ihre Kinder wandelten stets die Pfade der Frömmigkeit und der Gottesfurcht. Warum straft sic Gott nun so hart? Aber Gott ist gerecht, kein Fehl ist ln seinem Urteil! Jene fünfzehn Jahre waren In Ruhe und IC ’) Rede über gelehrte taimudlicho Themen. Wohlstand verflossen, aber dann kamen andere Zeiten voll Kummer und Drangsal . . . Das Unglück begann sie zu verfolgen. Der alte Gutsherr starb, das Gut fiel einem neuen Besitzer zu, einem jungen Manne, der die Juden hasste. Kaum hatte er den Besitz angetreten, als er Lea rufen Hess und ihr erklärte, dass nach Ablauf des Pachttermins sie nichts mehr auf seinem Gute zu schaffen habe, da er keine Juden bei sich dulden könne; das Unternehmen werde ein Christ bekommen und sic müsse fort .. . Das traf wie cin Blitz aus heiterm Himmel. Vergebens bat und flehte ,Lea, umfasste sic seine Knie nad weinte, dass er mit ihr und ihren KIndern Erbarmen haben und ihnen nicht das Brot aus dem Munde nehmen möchte. Nichts half. Der Befehl musste pünktlich ausgeführt werden. Auf Jenem Gut war sie geboren, dort hatte sic ihre Jugend zugebracht und die schönsten Tage verlebt. Sic kannte hier jedes Gebüsch, Jeden Stein, jcd'es Bächlein; mit allen Fasern ihres Herzens hing sie an der Gegend; dort war sic 38 Jahre alt geworden — und nun musste sie den Ort für immer verlassen. Es war ein schrecklicher Tag, der sie und die Ihrigen aus der liebgewordenen Heimstätte verjagte. Dann wülltc 610 elno Milchwirtschaft auf einem anderen Oute pachten; alles war schon in Ordnung; schon sollte Lea die Wirtschaft übernehmen, und die Unglücklichen atmeten auf. Da kam der Erlass, der den Juden verbot, in den Dörfern zu wohnen ... Da war keine Rettung. Sic mussten in dfc Stadt ziehen und eine Handlung eröffnen. Lea verstand vom Geschäfte nichts, und so gingen die geringen Geld- Vorräte bald verloren, utn so rascher, als die Familie sieh um zwei Häupter vermehrt hatte. Jetzt musste Salmon der Ernährer des Hauses werden. Seine Thora musste er zum Werkzeug machon. um für Frau und Kinder Brot zu schaffett. Jetzt würde er gerne ein Rabbincramt übernommen haben, allein die Tage des Glanzes waren Jangc dahin ... so musste er zum ״Melamed“■־' werden. Lea vergoss im Stillen. bittere Tränen bei dem Gedanken, dass ihr Mann, der weit und breit berühmte Oeflehrte, der die Zierde des vornehmsten Rabbiner- Sitzes hätte sein können, und der noch dazu von so schwächlicher Gesundheit und zarter Konstitution war, nun unter die Metamdim gehen, und die schwere, wenig lohnende und zudem so gering geachtete Arbeit ausüben musste. Aber cs gab keinen anderen Ausweg, und so zogen sic ln eine entferntere Stadt, wo Salmon sich nun um Schüler bewarb. .« י

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.