Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XIV (1909)
- Issue
- Heft 16 (16.4.1909)
- Date
- 1909-04-16
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 178. 1 ״7־ J U E DIS C HE RUNDSCHAU, No. 1r». Sammlung' iks llilisvcrcins unter Uem Vorsitze ües> Herrn James Simon statt; Der Vvirsit/emltf geüaciitc zuäiiclist der seit der voriälirigcu Sitzung daliingescliieiJeneii Mitglieder des *Zentralkomitee, u. a. auch Charles l״ H a 11 g a r t e 1t s, Frankfurt a. M,; besonders ersebiitterml wirkte die vor Beginn der Sitzung emgetrofiene Nachricht, dass Herr Justizrat I. a c 1111t a 11 tt r Berlin, gleich* falls Mitglied des Zentralkomitees, verstorben sei. Der Geschäftsbericht des Hilfsvereins, der den Mitgliedern des Zentralkomitees statuteugein.’iss zur Prüfung zugestelit war, wurde einstimmig genehmigt. Alsdann wurden gemäss dem gemachten Vor* schlage die Herren Rechtsanwalt Helix M a k o w e r* Hcrlin, J.onis l. u d c w i g - Chemnitz und Justizrat 13 e r ge r-Kijnigshiltte einstimmig /in das Zentralkomitcc kooptiert. Auf Anregung des Herrn Simon votiert das Zen* iralkontiiee Herrn Jacob II. Schiff für seine hochhcr/.ige Spende von Ion 001) Dollars iiir das Technik» m . das aut Initiative des Hilfsvereins in Haifa begründet wird, seinen aufrichtigen Dank. In der Ocncrul versa m m I u n g der M i t* g 1 i c 0 c r wurde in kurzem Abriss der Geschäfts-!»criclit erstattet. Der Vorsitzende stellte fest, dass der Verein sich in bester Entwicklung befindet. Die Mltgliederzahl ist von IS 000 auf filier 20 000 gc* stiegen. Die Mitglicderbcitriige haben sieh auf 151 000 Mark erhobt, in 0S5 Orten in Deutschland nehmen Lokaikoiuitees und Vcrtratteuslcute din In* tcrcssen des Vereins wahr. Weit filier die Orenzeii Deutschlands und lhiropas hinaus hat der Hilfsver* ein Anhänger und KrcunUc gewonnen. l'ür erfolgreiche Propaganda ist vor allem Herrn Siegmund!)ergeh dem Chef der Propagandakom« tttissioit des Hilfsvcrcins im Hhrcnamtc, Anerkennung zu zollen. , Insbesondere bringt der Vorsitzende unter Ich* : liaftem Beifall der Versammelten der Kiunilic 1 W i ss o t z k y und Herrn Jacob 11■ Schiff 111 New* York für ihre grosshcrzigeti Stiftmigcn seinen Pank zum Ausdruck. Auch dem früheren Dnniaabge.irdneteii Herrn Dr. Schninrjah i.ewin, der in der Versammlung־ anwesend war. sprach der Vorsitzende für seine erfolgreichen Verhandlungen in den Vereinigten Staaten zur Hürderung des hoch* bedeutsamen Unternehmens den Dank des Hilfsver* eins aus. Herr Simon bebt ferner hervor, dass die Wirk* sainkeit des Hilfsvcrcins auf kulturellem Oehiote den erfreulichsten Hortgang nehme und int Berichtsjahre wiederum eine Kr Weiterung ersahren Italic. Hur kn!- turellc Zwecke sind rund j30 000 Mark aufgewendet worden. Jn u a 1 i z i e 11 subventioniert der Hilisvcrein Kindergärten, eine Kreditgenossenschaft und ein Mmlchcnhcim. Von besonderer ־ Wichtigkeit aber auch besonders schwer ist es in Galizien, einem tarmcn Lande mit geringer Industrie, der armen und *verelendeten Bevölkerung A r b e i t s g e l c gen* I! c i t c u zu verschaffen tnul möglichst wehe Kreise zur Arbeit zu erziehen. Dies ist um v» schwerer, als durch den l'ortschrilt der Technik die Hausindtistrie, die man nach dem Stande der H.ntwlck* Iting vorläufig in Galizien cinznbürgeru suchen muss, zmückgcdrütigt wird. Doch gelang cs immerhin H.rfolgc zu erzielen der Haar* ng 1 In der Spiueultäkelei- und Klöppelei, netzerei usw., wurde itu Jahre 390s durch Vennitt htiig des Wiener Hilisvcrein!» «iigcführ 3ä(M» Arbcits* kräftcn ein Verdienst von ca. ÄWOüO Kronen er* schlossen. In R 11 tu ä n i c 11 und Bulgarien suhvciitio• nierte der' Hilisvcrein wicüeruni eine Anzahl von Instituten, Hr forderte das dortige Schulwesen na* mcutlich durch Entsendung deutscher Lehrkräfte. -- Hie 1-age der Juden in Bulgarien ist Verhältnismiissig günstig, sic erleiden dort keine Bedrückungen. Hs ist bei der politischen Konstellation bisher noch nicht möglich gewesen, mit vollem Erfolg zugunsten der rumänischen Juden bei den Mächten zu luterveuicreu. Der Hilssvercin, der es im Jahre 190« an Bemühungen auch in dieser Beziehung nicht bat׳ fehlen lassen, behalt das Ziel, den Juden »tt Ru* iiifmieii zu ihrem Rechte zu verhelfen, nach wie vor im Auge. Nach Herrn James Simon berichtet der de* sehäftsfiihrer i. H., Herr Dr. Nathan, über das Schulwesen des Hilfsvcrcins in der Türkei. Hr gibt einen Uebcrblick über die Grmidsälzc, nach denen es organisiert und aufgebaut ist. — Die Umwälzun in der Türkei, die ganz überraschend erfolgte, ist folge- und aussichtsreich auch für die orientalischen Juden wie in weiterer Wirkung für die osteuro* päiseheit Juden in ihrer Gesamtheit. Hs werden jetzt in der Türkei Reehtsgarautieu für die Bürger ge* seluit'ien. die auch den Juden zugute kommen. Man kann ferner aimchmen, dass die wirtschaftlichen Verhältnisse sich ganz wesentlich bessern werden. —!11 Berücksichtigung der Verhältnisse im Orient, mit denen bereits in der alten Türkei zu rechnen war, hat der Ililfsvcrcin sein Sehulwerk organisiert, und die Neuordnung der Dinge gibt diesem Vorgehen noch eine erhöhte Bedeutung, Zunächst werden, soweit möglich, Kindergärten als l'tiitJamciit mitavcicgt; in diesen Instituten ist die (äiteirielits- und Umgangssprache hcüräi.scli, Die VivlMir.icliigkeit unter den Juden im Orient, die ans den verschiedensten Ländern der Welt stammen, zw ingt dazu, eine Sprache als Binde, und Verstau* digungsniiitel für alle Länder eiiiz.nfübren. Unter re.u pädagogischen Gesichtspunkte» wurde das Hebräische gewählt, das die Juden des Orients zu* sammenliäit. Nach Absolvierung des Kindergartens kommen die Kinder in verschiedenartig eingerichtete Schulen, einerseits!.and* und anderseits Stadtschulen, und zwar Ulcmcutar- und höhere Schulen mit einem den Bedrürfntsscn des Ortes entsprechenden Programm. U e b e r a 11 w ird die Landessprache arabisch oder türkisch sowie hcliräiseh gelehrt. In ’ den Dörfern alsdann noch die Realien, in den Städten 1 kommt gegebenenfalls eine Kultursprache respektive > soweit erforderlich, noch eine weitere hinzu. Deutsch 1 oder nach örtlichen Uriordcrnissen eventuell andere j Kulinrspraehen. Die Kenntnis des Deutschen ist | jetzt infolge der Ausbreitung des deutschen Haiidcl.s! im Orient von grosser Wichtigkeit.; Zur Hei anhibltmg von Lehrern im Orient ist lein I. e h r e 1־ s e 111' 11 a r in Jerusalem begrün• f det. wo sie Art and Geist des Orients als Lehens*; und BiUlungsatiimsphärc umgibt, ferner ebendaselbst eine Bandeisrealschule, wo auch Kranz.üsiseh und! linglisch gelehrt wird,! Zwei grosse Aufgaben sind alsdann noch zu realisieren. Einerseits die Reorganisation <|cr Tal* miid-Tiioraschulen im Orient, wo im wise11tiK(11.״ m1r Talmud gelehrt wird und keine prakt, Kenntnisse vermittelt werden. Die /״gi.uge dieser Schuten *sind nicht {״r UuS 1'cl,a1 v"rhcrc,lct 4»״ können sich daher ihr Brot nicht verdienen. v..1d״n sind zum Schaden für sich selbst und die Gesamtheit :,״/ die Cliuhikkali angewiesen. Die Reorganisation ‘soll ohne Verrückung der religiöse״ Grundlage der i n s ti t tt t e erfolgen, nur durch Modernisierung der Methoden und zeitgemnssc l.r. Weiterung des Lehrplans, indem auch die Realien h, den l’ntcrrichtsplan angenommen werden. Des würde zu einer Regeneration des eingesessene״ J״. dentnms fuhren. Alsdann drängt sieh dem Redner bei sein,״ Reisen’ im Orient die Notwendigkeit auf. (t e c h n i * sehe Kräfte üir das Land hcraazulülden. zwar im Orient selbst, so dass sie l.am! ,!!ן״!.eilte und Sprache des Orients kennen. Ia! .tc sich auch bei einer flüchtigen Durchquerung t,::ä. seiten Gebietes, welch ausserordentliche Bed...■.:!,־ die moderne Technik für die Umwicklung des l.r > rs hat. Das Land .st in starkem Aufschwung l ״• griffen, dort wo cs moderne Strasseiiaiilagen 111. w״ es Hisciibaliueii gibt. Der Sec verkehr hebt sic!, v, Kai-Anlagen vorhanden sind, während Jene Gel - u־. die dieser Segnung noch entbehre״, in tiefstem \ , r. fall liegen, und zwar selbst solche «legenden, äv nach weislich im Altertum zu hoher Kultur gU et waren. Die Entwicklung in der Türkei wird . v> wesentlich davon aMiängen. dass die moderne '1 '. 1!ik mehr und mehr diese Länder crschiiesxt. - ׳ .. iingt cs. jüdische Techniker in leitende StcHtm. ui hiiicinzubriiigeu. so wird es alsdann auch tm.. v>! sein, eine grosse Anzahl jüdischer Arbeiter, die 11 Technikern unterstellt sind, zu beschäftigen. I ■ .• Heranbildung jüdischer Techniker brächte denn!:1'.׳ nicht mir einer kleineren Anzahl Glaubcnsgenos^, ״, die in der Lage waren, sicli eine höhere Bildung;־,!• /iiügneii. Vorteil, sondern gleichzeitig den imiiw’ 1 Massen, die heute noch in Armut versunken ' Umwickelt sich der Orient, wie vorauszusehen, 1,! nehmen an dieser Umwicklung des Orients uns. ״. in der Türkei wolmliafteii Glaubensgenossen e!. hervorragenden Anteil, so wird cs alsdann mogäJi sein, russische, gali/ische, rimi'mische luden. ,״ ׳• unter so furchtbaren Verhältnissen jetzt leben müssm, nacli Asien Iiiniiberziifiilircn und damit unter IJmstim •vii einen sehr erheblichen TeÜ der jüdischen Answ.!!:. dermig von den Jetzigen Ziclpmiktcu. den nberi1!׳• teil Kulturländern und von den Vereinigten Staav.i ab. um! in den Orient liiueiu/ulcnkcn. Uiir dos.־ Aufgaben sollte ein Technikum für die jüdische In• gend errichtet werden. Die Kosten fur das l'nKr. uelmicii wären in runder Summe etwa auf 700 1•!1 ׳ Tranes zu bemessen. Wenn die Institute in a'.hn ihren Teilen in Betrieb sind, so wird für diesen Zwe.k ausserdem jährlich ein Betrag von so non bis 10ün.1״ Uraltes erforderlich sein. Erwägungen der i!. .scheu Näelisteuhebe uiul Erwägunge» einer voraus, scliaticmlen jüdischen Politik malmen aber gemein• snni unsere besser gestellten 1 ilanbeiisgeiiosse'i! iler ganzen Weh. sieli der nricutaliscbcii Jiidenh. in dieser Scliieksalsstiuule nnzimelniien. Unsere orientahsebeit Glaubensgenossen erscln neu dazu bestimmt, die Mittler zwischen der <׳.,'׳ . dentalen Kultur einerseits mul der langsam sich wei• ter entwickelnden Kultur des Orients andrerseits r.t Lea Ein Strasscnbild Von Bcn-Avlgdor. Aus dem Hebräischen von Benjamin Segel. (Schluss.) Aber cs dauerte nicht lange. Einige Jahre• nach Leas Hochzeit widerfuhr ihrem Vater ein Ungiück, das ihn um sein ganzes Vermögen brachte. K.i1׳c (ialcere. die sein Getreide nach einem fernen Markte trttg, zerschellte auf dem Wasser und die ganze Ladung ging in den Grund. Kautu dass der Unglückliche soviel rettete, um seine Schulden zu bezahlen und den guten Namen, den er in der• langjährigen kaufmünnischcn Laufbahn immer makellos erhalten, vor Schande zu bewahren. Aller Habe ent* bllisst. standen sic da, aber keine Klage kam über die Lippen des greisen Maaucs, der mit Ergebung Gottes Schickung hinnahin. Nicht lange darauf segnete er das Zeitliche und die ganze Hamiilc blieb olme Stütze zurück. Die Pachtung kam in andere Hände. Da begann Lea in ihren Mann zu dringen, dass er sich um ein Rabbiueramt bewerbe, da er sielt eines grossen Ansehens als Gelehrter erfreute. Aber Salmon fühlte sicli ungeeignet zur Ucbcrnalunc eines derartigen Amtes, das Energie und Standhaiiigkeit, Mut zum öffentlichen Auftreten erforderte. Eigenschaften, über die der sanfte, stille, iiii sich gekehrte Mann nicht verfugte. Lea war der Wunsch ihres Mannes immer heilig.. und so licss sie vom Drängen ab. Und Gott vcvUcss sie nicht in der Not. Der Gutsher!׳ ilberlicss ihrer Mutter die Pachtung der Milchwirtschaft; hundert milehreiehe Kühe licicrtcu einen Ertrag, der zu einem bescheidenen Leben hinreiehtc. Lea leitete die Wirtschaft mit Umsicht und Ausdauer. Zehn Mägde bcsorgten die gröbere Arbeit, und ein Huhrmaim führ die Ware täglich zur Stadt. Bald darauf betteten sie auch die alte Mutter zur ewigen Ruhe an der Seite des Vaters, und das Geschäft ging ganz auf Lea über. Während Salmon cifrig dem Studium der Thora oblag und die Tage dem Gottesdienst und dem Unterrichte des herauwachscndcu Sohnes widmete, mühte sich Lea emsig, das Haus zu erhalten. Sic arbeitete angestrengt Tag und Nacht ohne zu murren, im Bewusstsein, die Stütze des gelehrten, frommen Mannes zu sein, dessen Verdienste vor Gott auch für sic dereinst selige Früchte tragen würden; diese Ucbcrzeugnng, wie auch der Anblick der blühenden Kinder lohnten reichlich ihr unablässiges Mühen. So verflossen fünfzehn Jahre. Das Unternehmen war zwar nicht glänzei,.' man konnte dabei nicht reich werden, denn du• Auslagen waren gross und der Gutsherr erholt e jährlich den Pachtzins. Aber sie konnten doj! schlecht und recht leben und wenigstens 7.r. Zeiten auch Wohltätigkeit üben. Ihr Hanstand stets den Armen und Diirltigen offen und kein Hungriger ging ungesättigt von ihrer Tii־. Auch die Jcschiba") und die Wobltätigkeitsvcreine der nächsten Stadt Versalien sie öfter mi: ansehnlichen Gaben. Zebu Meilen in der Runde war Lea geachtet und bekannt als gewandte Hausfrau, als fromme und treue Gattin und man stellte sie als Muster hin. Und in der Tat. sic war ilircm Manne nicht nur eine treue Gattin sondern zugleich eine sorgsame Mutter. Sie erriet alle seine Wünsche, er lohnte cs ihr durch die ausserordentliche Hochschätznng, die er ihr zollte und die sic glücklich machte. Er pflegte immer zu sagen, er schütze sich glücklicher als König Salomo, der sich ja beklagte, unter umsend Frauen keine einzige würdige gefunden zu haben; er dagegen dürfte sich rühmen, ein Weih sein zu nennen, das an unsere Erzmiiltcr durch Ihre Treue und Gottergebenheit erinnere. *4) Talmtidscluilc.