Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XIV (1909)
- Issue
- Heft 10 (5.3.1909)
- Date
- 1909-03-05
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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JUSDISCHE RUNDSCHAU Seite 111. No. 10. der Streik fortdauert, wird die gesamte ludenlieit gefährdet werden. Die Lager sind geleert. Sowohl!,oppelnuer, wie Lamm, sogar Gonczar haben vollkommen ausverkauft. hur den armen Mann ist die Anschaffung von Mcsusaus unerschwinglich ^•worden. Nur noch Mosse, Ballin, Marx sinä in der Lage, die hohen Kosten für eine Mesusa auf- ״!bringen. Der junge Bleichröder musste sich damit begnügen, die Mesusa an seinem Privatkontor an/ubringen. Nr die übrigen 17t Zimmer seiner neuen Villa konnte er die Mcsusaus nicht aufbringen. Die Raume werden deshalb nicht bewohnt, und alle Empfange und, Festlichkeiten müsse״ abgesagt werden. Das Rabbinat von Berlin hat die!־rage, ob Rabbiner am Sabbath fahren dürfen, trotz ihrer Dringlichkeit zurückge- *teilt und beraten, welche Massnahmen getroffen werden sollen. Der Versuch, eine deutsche Mesiisausindustrie zu schaffen, soll vollständig gescheitert sein. Seit der Einführung des obligatori* sehen indischen Religionsunterrichtes in Deutschland gibt es keinen Menschen mehr, der hebräisch schreiben kann. Der Vorschlag, Zcppelinmarkcn;11 die Pfosten zu kleben, stiess auf den heftigen WideiMand von Dr. Hschelbacher. Selbst Dr. kosenzweig konnte sich für den Vorschlag nicht erwärmen, da die Unterschrift ״Nationnlspende lur wegen ihrer Ähnlichkeit mit dem Jüdischen Natimulfonds beim Vorstand Verdacht erregen konnte und das Schicksal von Emil Cohn noch immer zur Vorsicht mahnt. So einigte man sich denn auf einen Antrag, fortan die ethischen (irumlsatze des deutsch-israelitischen Gemeinde• blinde» als Mcsusaus zu empfehlen, falls der Streik noch lange, anhallcn sollte. Als dieser Antrag ruchbar wurde in der Oeffentlichkeit, veranstalteten die orthodoxen Protcstrnbbiner sofort eine Protestver׳Sammlung. Sie forderten zum mindesten die l'eborsetzung der Sittensprüchc ins hebräische. Der Forderung von Dr. Cohn-Ansbach, den Schulchan Anich an die Pfosten der Türen zu heften, wurde nach einer lebhaften Debatte zugestimmt. Nur wurde wegen des Umfanges des Schulchan- Aruch eine Ausgabe in mikrophotographischcr Ausführung verlangt. Da» ist der Inhalt der Gerüchte, die jetzt in Russland verbreitet werden. Die Streikenden freilich bezeichnen diese Resolutionen als einfache Schreckschüsse, als die Manöver der Baisse- Spekulanten in Mesusaus an der Frankfurter Börse. Trotz des Hinweises, dass man auch bei den ethischen Kernsprüchen ruhig einschlafen kann, behaupten sie, dass nur im Schutze der Mesusaus ein guter Jude seinen Frieden finden könne. Sie beharren bei ihrer Forderung, dass der Schreibcrlolin für ein Gross Mesusaus fortan von 1 auf 2 Kopeken erhöht werden muss und sind entschlossen, die Forderung durchzusetzen, selbst wenn die ganze Judcnheit — weil sie ohne die liriüllung der Mesusauspflicht nicht leben kann — zum Atheismus und zum Christentum übergehen sollte. Die Törichten wissen nicht, dass sie ihr eigenes Grab schaufeln. Immerhin ist zu hoffen, dass die Deputation der deutschen Rabbiner —- sie hatten nur als Geschäftsreisende die Grenze passieren dürfen ־״ die Streikenden '0n dem Wahnsinn ihres Beginnens überzeugen "erde. Die Vereinigung für liberales Judentum soll —• sicherem Vernehmen nach — eine grössere bubvention zugesagt haben, wenn die Mesusausunb T fillim-schel-Kousch-Schreiber ihre Arbeit wieder aufnehmen. Es steht zu hoffen, dass das Eingreifen der liberalen Juden den Frieden und wird ^n'sPonnunß ^es Weltmarktes bringen c ,Pi? Conjunkturalpolitikastor nehmen diese bchudigung der russischen Exportindustrie als die .״j^cne des rigorosen Vorgehens gegen die jüdischen Lehren. Ohne dass es der Mclamed merken konnte, wurden unter den Bänken der Chedariin allerorten 17 Geheimschutzleutc versteckt, die dem hebräischen Unterrichte folgen sollten. Durch Azew hatte numlich die Regierung einen Wink be* Kommen, dass Tn den jüdischen Schulen gefährliche Weisheiten gelebtt würden. Dieser Verdacht scheint sich bestätigt zu haben. Kaum hatten die Lehrer die zehn Gebote besprochen und die Sätze ״du sollst nicht stehlen" und ״du sollst nicht morden", den Kindern elngcbläut, da sprangen die Agenten der Ochrana von unter den Bänken hervor, packten die erschreckten Melamdim, fesselten sie mit Handschellen und übergaben sie den vor der Tür stehenden Uniformierten. Samt* liehe Kinder wurden gleichfalls in Polizeigewahr• sam gebracht und sofort eindringlich verhört. Alle fast gaben zu, dass der Melamed gelehrt hncto: ״du sollst nicht morden" und ״du sollst nicht stehlen." Nur Chalm Doridels und Jankel Stirn* kneitscher konnten sich dessen niclit erinnern, Der eine hat mit seinen 2izz.es gespielt; der an* dere an die Mohnbeigcl gedacht, die seine Mutter heute backen wollte. Die armen Kinder wurden Opfer ihrer Träumerei und als verdächtig der Teil* nähme festgehalten. Die übrigen wurden entlassen. Wie wir aus guter Quelle erfahren, sollen die Lehrer, die das Verbot des Stehlens und Mordens im Unterricht behandelten, wegen Verächtlich* machung von Staatscinrichtungen nngcklagt werden. — — — Zum Schluss teile ich Ihnen noch einige An* gaben aus der letzten Kriminalstatistik mit. Gehängt. 3 700 Menschen. Erschossen .... 7 952 ״ Nicht gehängt ... 82000000 ״ Nicht erschossen . . 81 003 148 ״ Wegen Diebstahls und Unterschlagung er* griffen. 41 000731 ״ Nicht ergriffen ... 41 000469 Das Justizministerium weist durch Hinweise auf frühere Jahrzehnte nach, dass die russische Moral deutliche Fortschritte macht. Eine Ansicht, der ich mich als Unentwegter voll und ganz un* schliesse. An mein Volk! Ich muss von meinen Lesern Abschied nehmen. Mit dieser Nummer bin ich gezwungen, die Redaktion der ״Jüdischen Rundschau״ niederzulegen, und ich muss sagen: ich scheide ohne Trauer. Es ist nämlich durchaus kein Vergnügen, mit der Laterne nach Mitarbeitern zu suchen, und wenn man endlich einige gefunden hat, sie an der Strippe festzuhalten, den Leitartikel, das Feuilleton und die übrigen Berichte selbst zu schreiben, die Korrespon* denzen aus den eigenen Fingern zu saugen und ausserdem noch die Druckfehler In den Text hineinzukorrigieren. Dazu kommt als angenehme Beigabe, dass sich bald dieser, bald jener Leser durch eine Noiiz verletzt fühlt, und nennt man einmal einen Gesinnungs-, genossen einen Dussel, so ist er beleidigt. Man wird mir aber, das hoffe ich, die Ge* rechtigkeit widerfahren lassen und anerkennen, dass ich bestrebt war, Freund und Feind in der gleichen Weise -zu bedienen, ohne Ansehen der Person. Mit dieser Hoffnung scheide ich von der Redaktion und meinen Lesern und lege sie In die Hände eines Würdigeren. Ich wünsche aber, dass die RUNDSCHAU auch künftighin in demselben Geiste und demselben Ernste geleitet werde, in dem ich sie geleitet habe, Meine Zuversicht hierzu ist allerdings nicht sehr gross, Und ich sehe bereits heute voraus, dass man nach Jahresfrist wieder an mich heramreten und mich kniefällig bitten wird, die Redaktion Von neuem zu übernehmen. Dann werde ich nicht grollen, das verspreche ich Euch, sondern ihr werdet mich wieder auf dem Posten finden. Der Herr Redakteur. Literarischer Ratgeber Unser sehr geschützter Gesinnungsgenosse Herr Kann aus Den Haag beginnt sein Werk über ״Erez Israel" folgcndcrmasscn: ״Hrez Israel, das jüdische Land, wurde im Altertum Kanaan genannt, das ist ״Niederland״. Und in der Tat erinnert der niedrig gelegene Teil von Judäa, insbesondere dem Küstenlandc, an die hol* ländische Landschaft. Als niederländischer Jude empfand ich das mit Freudei" Künftigen Palästinafahrern ist dadurch ein dan* kenswertes Muster für den Anfang ihrer Reise* beschrcibungen gegeben. So z B. wird Herr Farbstein aus Zürich seine Ein* leitung beginnen: ״Ich landete in Beiruth. Aus der Ferne grüsste mich der schneebedeckte Hormon und erinnerte mich an die Alpen meiner Heimat. Als schweizer Jude empfand ic!1 das mit Freude!" Von Herrn D r. Heinrich L o e w c kann man folgende Schilderung erwarten: ״Bei meiner Ankunft in Jerusalem stieg ich im Hotel ״Alles* beiss״ ab. Tagsüber fühlte ich mich fremd, nachts aber im Bette wurde es lebendig und gemütlich. Iloplu sapperment. — Aber als er eingcschlafcn war. träumte er von Adele, der Jungfrau mit den heilten Knaben, von Adele, die ihn zum Vater ilircr Kinder gemacht hatte. Der Traum lag auf seiner Seele wie ein drückender Alp; doch wie der Regen vom Sonnenschein abgelöst wird, so ward auch er *) endlich abgelöst von einem schöneren Traum. Joscfowitsch sah sich als Zionist auf demselben Podium* von dem [nan ihn am vergangenen Abend im Triumphe hinnusgetragen hatte. Er wetterte gegen die Taufe, gegen Geiger, gegen die Orgel und gegen die Mischehe, und das Volk klatschte jubelnd in die l lande. Brausender Beifall lohnte jedes Wort, das er sprach, und begeistert schloss er seine Rede mit dem Freudenschrei: Hedad, hedad, hudad! - Entsetzt stürzte die Wirtin ins Zimmer iind fragte: ״Menschenskind, nee, wat is denn floss passiert? Ick dachte, Se sind minstens aus’t nette jefaiion. Reden Se doch ums Himmelswillen ten Wort un sogen Se, ob Se tot sind I" Josefo* Kitsch richtete sich mit einem Ruck in die Höhe und sprach: ״Wie hoch steht die Sonne am Himmel, Weib?" — ״Wat is'n det?" rief die Wirtin verzweifelt aus; ״det scheint ja ängstlich 1וייז Ihnen zu sind. Machen Se nur, det Se nlcn jn unsc Wohnung überschnappen. Haben Se ver*!echt Kopfschmerzen oder liegt Ihnen sonst wat "ה Magen?״ — ״Adele liegt mir Im Magen,״ erwiderte Josefowitsch; ״nun ziehen Sie ab, dass *) der Traum. :11. aulstehen kann." Ais die Wirtin den Raum erlassen hatte, duselte er eine Weile vor sich in, und dann sprang er mit einem mächtigen Satz us dem Bette und kleidete sich an. O wie wohl tt seinem Antlitz das kalte Wasscrl Sein Schädel ׳ard wieder frei und erlangte die Fähigkeit, Be* riffe, die in ihm nebeneinander lagen, Ute in and er zu verbinden. Zionismus — *dele. Wie wenig er auch beide liebte, so konnte r sic doch famos gegeneinander ausspielen. Adele war früher die Tochter eines verstorbenen friechischen Prinzen, der sich vorübergehend in icrlin aufgehalten hatte, später wurde sie Schnei» lerin, und Josefowitsch war zuletzt ihr Liebhaber. >ie und ihre Nachkommen hingen an ihm wie!ine Klettenkette, obwohl er nichts für sie übrig lattc. Doch er konnte sie nicht los werden, da;ie alle seine Gründe stets zu widerlegen ver* nochte. Aber heute.warte mal," sprach!r zu sich selbst und lachte diabolisch: he, he, ie. Er ergriff mit der einen Hand eine National* öndsbüchso und mit der andern einen Oclbaum* ׳weiß, und so ging er zu Adele, und indem er hre Wohnung betrat, sprach er den zionistischen «eitsatz, den ihn Otto mit der grosson Schnauze iciehrt hatte. ״Was soll das?" fragte Adele. — ,Wahrlich," sprach Josefowitsch, ״die Zeit hat;Ich erfüllt, dass ich von dir scheiden muss. Ich 3in ein Zionist geworden und darf keine Mischehe äinßehen, sondern ich gehe in ein zionistisches Kloster —lebe wohl!״ — ״Ha, falsche Schlange!" unterbrach ihn Adele, ״Ich kenne dich. D a s 181 der Umweg, auf dem du frei werden willst. O meine Kinder, meine armen Kinderl Sieh, Grausamer, diese beiden Knaben, die ich dir (Fortsetzung folgt.) Traurige Geschichte eines Menschen, der einmal eine Erzählung geschrieben hat. Von Lazarus Barth. Ich hatte eine Erzählung geschrieben, wie man so mitunter Erzählungen schreibt, nachdem einem garnichts eingefallen ist. Die Erzählung wurde gedruckt, wie mitunter auch Erzählungen gedruckt werden. . . . Bis hierher ist nichts Auffälliges. Aber nun kommt's: Die Erzählung wurde gelesen! An diese Eventualität hatte Ich nicht gedacht. Ich wäre sonst vorsichtiger gewesen. Nicht etwa, als ob, was ich geschrieben hatte, gegen die Moralbegrllfo eines gebildeten Westeuropäers ver* stossen hätte oder sonst zionistisch gehalten gewesen wäre. Es war einfach eine Purim •Be* trachtung, wie man eben mitunter zu Purim Betrachtungen anstellt. Da, als ich eines Morgens bei der Arbeit sass, ' wurde ich durch das Klingeln des Briefträgers aus