Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XIV (1909)
- Issue
- Heft 6 (5.2.1909)
- Date
- 1909-02-05
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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r I t J * « ( i V. Abonnement■ ■tri die wöchemllch ■m Frei• U| crechelnende ״JUdlicha Rtm<t»clMUH Konen bei der BxHdlUon und bei allen Pos!, imiern vierteljährlich US M, ■uuertulb Deutschland» und Oetterreieh Ungarni i— M! fllr Mllslieder|UdJK11cr Vereine im Sammclbeiug durch den Verein l,— M. Viril■ JldUthe Runriichia B. O. m. b. H. Itrilit *W. M, ZliMientr. 77. OeubilUttundcn: 3 bis 7 Uhr ■utter Sonnabend u. Sonntag. י I t I I » I I I « V msaasas a» mb• ׳••••* «י •י 7״ ׳ ׳= I Anzelgon י_für d« lönfßeipalieni f '' י_für dl« lönfßetpaliene ־*־•יי^י־,* *לד* Portudle oder deren Raum US Plß.J Slellen-Andebote und rrnif><\(׳¥*,«h0 . verelnimlt• ״ruu5n\l«4lunß»n u. ״Kleine Amelien“ ., 1 nur IS/PI«. 0 o 0 o o 0 o ' ,״MAuZ/rlpte werden, wenn *! beilicd». Met» lurück• I **rsS.fäfa _ Rcdaktlonssch.uss Mittwoch miltag». Ridikllon Jödlieh» Rundithiu Ilcriln.Charlottenburß,. BI»IMr*».Stf. 4». Tel. Ch. Mit. Sprechitunden Dlenstaa und Oonnernag 0—7 Unr abend». t a » e a a t a a a 1 a t a a J ALLG6M€I(K1 גי* Z6ITUMÖ Nummer 6 Berlin, den 5. Februar 1909 — 14. Schebat 5669 XIV. Jahrgang 1 ׳»er cvr ד ״Spanier ohne Vaierland“ Seit einigen Jahren beschäftigt sich ein Teil der uimpäischcn!,resse von Zeit zu Zeit mit th/! MMiiioliselien Juden, die man nwrkwürji^ci'U'isc deshalli, weil sie noch immer eine An Spanisch sprechen, ״Spanier ohne Vater- 1,1ml" nennen zu dürfen Klaubt, obwohl sie doch na!•her 51H1 Jahr.’ii ans Spanien vertrieben s'iivl und kaum noch irgend welche anderen He- 7icl1uugc11 zu dem Lande jenseits der Pyrenäen iiaiu ii als eben die Mundart. Viele von diesen Juden haben es inzwischen in der Türkei, die timet» ein wahrhaftes Vaterland wurde, zu Ra 11k׳ und Würden gebracht, viele haben dort uviie Rcichtümcr erworben, nachdem Spanien ihre Vorfahren nicht mir des Vaterlandes, solldem auch des Vermögens beaubt batte, und it'uli die (ihrigen, die weder Ehren noch Schätze vrwaiben, — und das ist, wie überall, natürlich die überwiegende Mehrzahl — haben sich in der neuen Heimat cingctebt, bilden dort seit Jahrhunderten grosse Ocmcindcn und nehmen an den Geschicken des osmanischen Reiches den lebhaftesten Anteil, während ihnen Spanien und spanische Interessen naturgemiiss .seit!ankern völlig entfremdet sind. Ein liberaler Senator In Spanien, Pr. Angel Pu Udo, reklamierte als erster im 20. Jahrhundert diese Juden als Spanier und forderte ihre offizielle Rüekbcrufmig nach Spanien durch die Regierung Alfons XIII, Die Idee »1I aber seitdem in den fortschrittlichen Kreisen Spaniens eine grössere Anhängerschaft ge1* Tonnen haben und auch ein in Tanger lebender *panisch - marokkanischer Jude, Pinltas As.iyag, soll, neben einigen spanischen Politikern, ein Vorkämpfer dieser Sache sein. Ja, wie die ״Frankfurter Zeitung‘* mittc'Jt, hat sich *ogar vor kurzem in Madrid eine ״Allianza His- P-iiHi.Jzraelita“ gebildet, die einer Rückberufung der ehemals spanischen Juden den Boden bcfe ien will. Hin Aufruf zum Beitritt weist die Namen einflussreicher Persönlichkeiten auf, und de ״Correspondcncia de Espaäa“, die weder radikal noch antiklerikal ist,, brachte Ende 1-,uiuar einen Artikel ihres nach Konstantinopel mtsandten Redakteurs .1 n110 Caittba, der so iucressam ist, — nicht wegen dessen, was er *igt, denn das ist, ausser für seine spanischen h'iuisleute, wohl mir für wenige neu und ist "Nlit einmal durchweg richtig, als vielmehr ' gen der Art wie er berichtet — dass H i 1־ ihn an dieser Stelle im Auszug zutu Abdruck bringen wollen: ..In diesem babyioniscncn Ocwirr aller Sprachen!; t keine eine solch interessante Geschichte wie das! 1 ,:mische. Als die Juden Spanien vcrlicsscn, nahmen K:i die Sprache mit sich wie einen teuren Schatz 1'׳ul so pflegten sic sic auch. Ist cs befremdlich, dass '!<■' sic סל pflegten, da cs la dtfch Juden waren.׳' •!kr ihrer Hut hat sich tlns Castcllaiiischo hier ';*fc!1 mclir als vier Jahrhunderte lang erhalten und?war besser noch als In Spanien selbst. Es Ist fast ■ *selbe Castcllitnlschc wie das des XV. Jahrhunderts, f״r mit einigen ausländischen Worten 'vermischt. ,£1י will hier nicht das Tun der katholischen Könige, jds sic die Juden aus Spanien vertrieben, erörtern; '211 will nur bemerken, dass, wenn dfo Juden Anlass zu Ihrer Vortreibung g a b 0 n» 1״e sich dann durch Ihre spätere ייhru 11K eine völlige Verzeihung vor- ״Oer Zlonlimuft 1-ritrcbt (Ur da» Jüdische Volk dlo Schonung einer öffentlich-rechtlich gcilchortcn Hclnutiltto In Palllitlna." Btiiltr Pro0r*mm. Aus dem .Inhalt ..Spanier ohne Vntcrlund.' — Dlo .Itidcnfrago In der Duma. Vom Ihmuiuhgcorünctcn L. N. N i s s e 11> wi t sc 11. (Schluss.) — Cliassldls• imis und Huskalnh. Von S. J. Hurwitz. — Die Juden In Westfalen• Von Pr. I״ W e in h c rg - Dortmund. — Aus oller Welt. — Pulü&tlnn• Rundstfliuii. — V o m Z i o 111 א in u h: Dr. Leopold Kulm. — Jildlacher Niitloniilfonds. — Zlonlstlseliu Uewegung. — Aus den ücmelnden. — Vereins- Rundschau. — Feuilleton: Ein Interview mit König David. Von 11. S'ork-Stcincr (Schluss). — Literat Ische Rundschau: ..Das Städtchen“. Von Louis Lc win Königsberg i. Pr. — Jüdische Turnzeituug. — etc. dient habe 11. Allein ihre Sprache musste gcniigcn, um sic der grössten Sünden ledig zu sprechen. (Wie gnfldlgl Red. d. ״J. R.‘D Hier, wo sich alle Idiome vermischen und verlieren, haben die Juden ihr Cnstcllanlscli vom Vater auf den Sohn vererbt wie oln köstliches Erbe. Muu muss bedenken, dass dieses Spanisch ihnen zu nichts diente, dass sie sich Im Handel und Verkehr underer Sprachen bedienen mussten. Nur unter sich redeten sie das Castellnnischc und Immer mir dieses. Noch heute ist cs der iMuttcrlsiut, in dein das erste Stammeln des Kindes klingt. ״Für uns dient cs zu nichts,“ sagten die Väter, ״aber ihnen wird cs vielleicht einmal nützlich sein." Demi so viele Geschlechter hindurch haben rie nie die Hoffnung verlöten, dass ihnen das Vater- Innd eines Tages wieder die mütterlichen Arme t Ifnen werde. Als Familicmisitiicn haben sic Namen ihrer spanischen licimatstiiltc angenommen. Darum findet mau unter den ersten ü.mkicrs von Konstant!• tinpcl, Namen, die dem Ohr des spanischen Reisenden so vertraut klingen: Seflores Totedo, Gebrüder Ciicnea. Noch viele andere Juden ncimcn sich mit den Namen unserer Städte: Sevilla, Cordoha, Zaragoza. Rosas, Calahorra. ' Dann möchte ich noch den merkwürdigen Umstand erwähnen, dass es israelitische Zeitungen gibt, deren spanischer Text in hcbräiselicii Lettern gedruckt wird. 111 dieser Form erscheinen in Koustantinopcl die beiden israelitischen Tageblätter ״El Ticnipo" und ״El Tclegrafo". Jetzt ist man daran, noch eine andere Zeitung zu gründen, die in lateinischen Lettern gedruckt weiden soll, Wie kommt cs, dass unsere Regierungen niemals dieses so überaus wichtige Problem der luden des Orients studiert haben? Nicht mir um der Gerechtigkeit willen hätte'man sich Ihrer niinchmcn, sondern aus praktischen Gründen sich Utrcr hcdleueu müssen, Spanten war verpflichtet, alte Aufmerksamkeit der Stimme seiner Söliue zu widmen. Was hätte cs gekostet, einige Schulen In der Türkei zu errichten, um das Castcllanlschc der spanischen Juden zu reinigen und zu modernisieren? Welche geringe Arbeit würde es bedeutet haben, sic allmählich zu Protegierten und zu Staatsangehörigen zu machen? Im Jahre 1905 wandte sich der damalige spanische Konsul In Kniistnntlnopcl, Herr Moral y Cafictc, nach einer Versammlung der •Juden, die Im Konsulat stattgcfmidcu hatte, an schic Regierung, um sic in dieser Frage bis ins einzelne zu untcrrlcbtcn. Vier Monate später erhielt er In einer Kabinettsorder den Bescheid, der nicht la 'und nicht nein lautete, ״dass aber die Regierung die Anhänglichkeit der Juden an Spanien zu schätzen wisse, dass sie tatsächlich, — aber dass sic hinwiederum . . . .׳' Und seitdem ist die Sache keinen Schritt weiter gekommen. Unter dem allen Rcglmo hatte ein ausliln* dlsclier Staatsangehöriger oder ein Protoglcrtcr In der Türkei mehr Vorteile als aJla Türken. Er bozahlto keine Steuern, er genoss die Privilegien der Verträge und durfte auf die Hilfe seiner Landesvertretung In allen gerichtlichen Dingen rechnen. Darum wollte kein Jude lürklselier Untertan werden. Noch heute entbehrt ihre Mehrzahl einer gesetzlichen Staats• Zugehörigkeit. Die Verfassung wird nun aber in «Uesen Zuständen gründlich Wandel schaffen. In Zukunft dürfte der Ausländer keinerlei Bevorzugung vor den Türken gciilcssun. Dann werden sieh also die 500 0110 oder ööimmhi |:<ruclitcn der Türkei in tlir* kisclie Bürger verwandeln, und Spanien wird eine Ungerechtigkeit und einen Irrtum zugleich bereuen müssen. Es wird eine Quelle beträchtlicher Ein• künfte, ein Stück reicher Zukunft seines Handels und ein mächtiges Element zur Verbreitung seiner Sprache lür Immer verloren linhcn. Sieben Nationen welss leb zu nemieii, die. klüger als Spanien, sehr viele Israeliten des Orients mit ihrem Banner schützen, — nämlich Italien, Frankreich, Griechen• Innd, England. Deutschland, Oesterreich und Persien. Ja, sogar Persien!'* Der spanische Korrespondent vergisst unter diesen Ländern noch eines: Russland! Das beschützte nämlich in der Tat seine Juden in der Türkei weit besser als im eigenen Lande, weil diese Bcschiitznng den schönsten Anlass zu dinloniat'selicu Konflikten mit der Türkei gab, 15ci denen die türkische Regierung natiirlieh gegenüber der russischen• der sie ohnehin verschuldet ist, initiier den Kürzeren zog. Nun sollen also womöglich die scphardischcn Juden der spanischen Regichmg die Möglichkeit geben, sich ebenfalls «in türkische Angelegenhcltcn clnzumcngcn? Denn dass man im Ernst daran denken sollte, die Juden wieder in Spanien heimisch zu machen, Ist einmal wenig glaubhaft und ist vor allem für die Juden durchaus nicht so wünschenswert, wie die spanischen Patrioten offenbar annchiucn. Ganz abgesehen von der augenscheinlich geringen Geneigtheit der spanischen Regierung —* Alfons XIII. hat ja erst kürzlich einen jüdischen Schneider mit stolzer Gcbcrdc rcflisicrt. weil er sielt von einem Juden nicht berühren lasse! — haben die sephard'selien Juden Bulgariens und des osmanischen Reiches näher liegende Ziele, wenn sic ihren Wohnort w echseln wollen als die iberische Halbinsel. Jetzt m a g man sie in dem zurückgeblieben •: 11 S p a n i c u ja v i e!leicht b ra 11 e h e 11 — aber wer kann ׳ihnen dort die Garantie geben, dass nicht neue Ferdinands und neue Isabeilas erstellen und sic abermals auf die Wanderschaft treiben? Nein — das Experiment bietet 7.u wenig Chancen, um das Risiko atisziiglelchcn; auch sind die Sepliardim der Türkei für die ihnen erwiesene Gastfreundschaft zu grossem Danke verpflichtet, und deshalb dürften sich kaum viele finden, die dem Rufe ״Zurück nach Spanien!“ Folge zu leisten berolt wären. Die Zukunft der Juden, und gerade der scphardischcn, liegt I nt Orient, w׳as die Scplfardim auch recht gut wissen. Und es erscheint uns geradezu unverantwortlich, im Interesse Spa- ח lens, das seine Juden im Jahre 1492 barbarisch verjagt und sieh seitdem Jahrhunderte lang nicht mehr um sic gekilmmet hat, heute Verwirrung itt die Reihen der türkischen Juden zu tragen und 81c von ihren wahren und nächstliegenden Aufgaben ahzulcnkcn, die die Stärku׳״g des osmanischen Reiches und Ihrer Position in diesem Reiche bedingen.