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Jüdische Rundschau · 1909-01-29 · Heft 5 (29.1.1909) · page 1

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XIV (1909)
Issue
Heft 5 (29.1.1909)
Date
1909-01-29
Page
– (sequence 1)
Language
German
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I I I I « 1 ו 1 I I I t I I < I•* Aboanomont« ■11( die wöchentlich am Pre 1• ,md erscheinende ״Jüdische Rundscheu" Kosten t>cl der üxBtdltlon und bei allen Post• ■intern »lertcl|Khrllch 1.15 M, ausserhalb Deutschlands und Oesterreich •Un«arns 2— Mj für Mltfillcder jüdischerVereine Im Sammelbeius durch den Verein I,- M. Vertat lUluha Runditha■ E. O. m. b. M. •«Hin VH• H Zlmmertlr. 77. aeichaltsitunden: 3 bli 7 Uhr aueier Sonnabend u. Sonntag. י¬! « e I I I « t a « J r_1, f I I « I e » 1 I I Anzolgon kosten lür die (Unfgespaltene l'eiltselle oder deren Raum U Pf«.ן Stellen-Annebote und Gesuche sowie Verelnsmlt• tellungen u. ״Kleine Anzeigen* nur 15 PI«. O o o o 0 ■ 0 Manuskrinte werden, wenn Porto licllicgt, stets zurück• gesandt. - Redaktionsschluss Mittwoch mittags. Redaktion Jüdische Rundschau Uerlln-Charloitenbur«, tlelbtreU'Str. 4». Tel. Oh. MS(. Sprechstunden Dienstag und Donnerstag 6-7 Uhr abends. י••-••••••••••••. ד I I e ■ e e e » 1 e 1 e s 1 t J ALLG6M€iM€ Z6ITUMO Nummer 5 Berlin, den 29. Januar 1909 — 7. Sehe bat 5669 IXIV. Jahrgang : i Kaiser Wilhelm II. Wenn ein Laiiücsfiirst ein Gcburts- oder Ruici'iitiKsjiibilüum feiert, so pfiegt mau bis lici in tlie Kreise der Demokraten hinein!in rosig gviiifbtcn Artikeln das Wirken des Regenten zu würdigen und seine Vorzüge in helles Licht zu sei/cii. Gar oft ist dabo’ der Wunsch der Vater der ausgesprochenen Gedanken, und deshalb iiherkommt viele bei der Lektüre dieser Jiihiläiimsartikcl ein Gefühl der Unaufrichtigkeit, das trotz aller Verlogenheit int sonstigen polltischen Lehen bei solchem Anlass nicht soHtc;iiiikonuuen können. Wir sind in der glücklichen Lage, des IVuIscImii Kaisers an seinem fünfzigsten Geburtstagc zu gedenken, ohne heuchlerisches Lob verkünden oder berechtigte Unzufriedenheit Hirte:drücken zu müssen. Was mau die Aera Wilhelms If. nennt, die einundzwanzig Jahre der Regierung des nun iiinizig Jahre alten Herrschers, das hat uns Juden wesentliche Ucbcrrasehimgcn nicht ge* bracht. Als Wilhelm II. drei Tage nach seinem Reu.viiiiigsnntritt seine Proklamation ״An mein Volk״ crlicss, ׳in der er versprach, er wolle ״Frömmigkeit und- Gottesfurcht' pflegen, die Wohlfahrt des Landes fördern, den Armen und nedriingten ein Helfer, dem Rechte ein treuer Wächter sein“ — da herrschte wohl in den Kreisen der deutschen Juden noch die stiliie Beiiii'clitung. der jugendliche Kaiser möchte sieh 11 das Fahrwasser des Hofpredigers Stöcker treiben lassen und eine ultrakouservative und kirchlich-orthodoxe Politik pflegen. Indessen vikannten auch die Drahtzieher, die am Werke "ami, um den Herrscher in dieser Richtung vor* ";iris oder richtiger rfickwürts zu drängen, bald mit Bedauern, dass der starke und energische Wille des neuen Herrn sich nicht so leicht werde k-iten lassen. Die sozialpolitischen Erlasse vom 4, Februar is'Jü in unmittelbarer Folge des grossen Berg* aibcitcrstrciks in Rhc'nland und Westfalen vom Jahre 1889, die Einberufung der internationalen Arbeitcrschutzkoufcrcnz nach Berlin, die kurzer Band erfolgte Entlassung Bismarcks, der mit der neuen Richtung durchaus nicht o'nvcrs>n.udcn war, die Aufhebung des unseligen So* rialistsngcsctzcs und zugleich die Versicherung, k’den revolutionären Versuch der Sozialdemokratic mit eiserner Faust unterdrücken zu wollen alle diese Massnahmen Wilhelms II. erwiesen Bereits In den ersten drei Jahren seiner Remerung, dass der ]ungc Kaiser jedenfalls seine eigenen Wege gehen wollte. Ali das be- "'ics aber auch, dass er von einem hohen Streben ,nach sozialer Gerechtigkeit 1׳rillllt war. Auch die Juden durften danach hoffen und 1'f'fftcn, so oft ihre Lage auch von aülgcme'nen Verbesserungen unberührt geblieben war, dass 1'er Monarch der ״Berliner Bewegung" des christlich-sozialen Hofpredigers, die es auf die Willige wirtschaftliche und soziale Boykottierung der Juden abgesehen hatte, keine Unterstützung testen werde. Wilhelm II. hat denn auch nach einer vorübergehenden Hinneigung. zu dieser Achtung — man denke an die bekannte Wälder- ״Utr Zionismus erstrebt für das jüdische Volk die Schaltung einer bUcntllcIvrcctitllcti gesicherten Helmitütte In PaWstlna." Bsislsr Pregrimm, Aus dem' Inhalt Kaiser Wilhelm II. — Theodor Herzig Ansprache an den Deutschen Kaiser tu Jerusalem. — Die Judonfrago In der Duma. Vom Duinaabgcordnctcn L. א. N i s s c l o w 11 s c h, — Zanawlll übor Nationalismus. Von N a c 11 a s. ~ Aas aller Well. — Jozel Israels SS, Geburt*tu« (mit Porträt). ־־ Vorn Bczalel, — Pnliistlna.Rundschau, — Vom Zionismus, ־־ Aus den Gemeinden. — Vereins- Rundschau. — . Feuilleton: Ein Interview mit König David. Von H. Y 0 r k-S t ciim c r. — etc. etc. scc-Vcrsammhmg — deutlich erklärt, dass er diese Bestrebungen nicht billige. Genügsame Seelen jubelten auf. Aber die Verhältnisse und ciire geschickt auf niedere Masseninstinktc spekulicrendc, von allen Skrupeln freie Agitation erwiesen sicli stärker als aller guter Wille des Kaisers. Ja, der künftige jüdische Historiker wird sich fragen müssen, ob der Antisemitismus in Deutschland um die Jahrhundertwende stärker geworden ist infolge des passiven Geschchcnlassens der Ausschiicssnng der Juden aus Heer und Verwaltung, mit der auch 'Wilhelm II. nicht brach,, oder infolge der Bevorzugung, die der Monarch einzelnen in hervorrageuder Stellung befindlichen Juden zuteil werden l'css. Ging doeli jene Volksverhctzung, die wir bedauern und bekämpfen mögen, deren Resultate wir aber als Tatsachen anerkennen und in Rechnung stellen müssen, soweit zu bchaupten, dass jüdischer Einfluss cs gcwesen sei, der Kaiser Wilhelm II. zu allen jenen Schritten veranlasst habe, die in Deutschland oder Im Ausland Missfallen erregt haben. Gewiss, in den massgebenden Kreisen nimmt man solche Redereien so wenig ernst, wie sid es verdienen; — aber das darf uns kein Trost sein, donn die Früchte solcher Aus- Streuungen, den immer verschärften Hass gegen ״die Juden" als die an allem Ucbcl Schuld'gcn, gcnlcsstmanincbcndcnselben Kreisen mit grossem Behagen! Nur zu gern beruft man sich auf die ״Volksstimmung", die den Juden nun einmal abgeneigt sei auf die ״weiten Bevölkerungskreise", die vor einem Jüdischen R’chtcr keinen Eid ablegcn wollten usw., und bestärkt eben damit diese Stimmungen, deren Vorhandensein man heuchferisch bedauert. An alledem hat auch Kaiser Wilhelm II. nichts zu ändern vermocht, hat cs vielleicht infolge tendenziöser Information gar re'cht versuchen können. Wir sahen unter Wilhelm II. gar manche viel bejubelte Auszeichnung einzelner Juden -־- Irgend eino Besserung der allgemeinen Situation der deutschen Juden können wir aber nicht vorzeichnen. Die ״Schnorrer und Verschwöreiri'-Acusserungen, die systematischen Aus.wois ungen ausländischer Juden, der ganz offen ausgeübte ׳!,aufzwang für. alle Juden, die o’nc Professur, eine Stellung in der Verwaltung o. ä. erstreben, das alles und tausend andere kleine Zurücksetzungen und Schikanen ist uns Juden leider nicht weniger sondern von Jahr zu Jahr mehr fühlbar geworden. Alle d'c Schwalben, die uns von Zeit zu Zeit erschienen, haben uns den Sommer nicht gebracht.- Wir Zionisten haben einst von Kaiser Wilheim II. eine Ermunterung erfahren, die von weittragendster Bedeutung schien. Das war im Jahre IÖV0, als der Kaiser seine grosse Reise nach Palästina machte, in Begleitung der Kaiscrin und mit einem grossen Gefolge, das den staunenden Orientalen Deutschlands Macht und Grösse vor Augen führen sollte. Damals empfing der Kaiser unseren verewigten Führer Dr. Hcrzl in Konstantinopel und ein zweites Mal an der S|1itze einer Deputation, der u. a, auch David Wulffsohn angchürtc, im Zeltlager vor Jerusalem. Dort hielt Theodor Hcrzl jene Ansprache an Kaiser Wilhelm, die nicht nur ein literarisches Meisterwerk sondern auch ein musterhaftes Beispiel ihrer Art darstellt durch die. vornehme, gemessene Würde, die in ihr zu unvergleichlichem Ausdruck kommt. ■Gleich entfernt von allem Byzantinismus wie von phrasentönendem ״Männerstolz vor Königsthronen" hat Hcrzl damals dem Deutschen Kaiser in knappen Worten die uralte Sehnsucht des jüdischen Volkes nahe gebracht.*) Und der Kaiser, in Gegenwart des damaligen Staatssekretärs von Bülow, bemerkte in längerer frcundl’chcr Antwort, dass alle diejen igen Bestrebungen auf sein wohl w 01lendes Interesse zählen können, die auf die Hebung der Landwirtschaft Palästinas zum B c s t e 11 d c r Wohlfahrt des türkischen Reiches unter voller Respektierung der Souveränität des Sultans ab zielen. Auch heute noch erinnern wir uns gern dieses Ereignisses, das allein genügen sollte, um so manche törichten Einwändc abztischuciden, die dem Zionismus noch immer gemacht werden. — Das Schicksal der Füsten ist es, dass diejenigen, die zu ihren Festen nicht mit Q a b c n erscheinen, Wünsche bringen, in deren Er-!Übung selber der Lohn der Mächtigen v.ch birgt. Auch wir haben solcher Wünsche genug: Als deutsche Juden wünschen wir, dass Kaiser Wilhelm II. in den folgenden Jahren seiner Regierung mit der •,hm eigenen Energie Gelegenheit nehmen möchte, die ungeschriebenen Ausnahmegesetze gegen die deutsehen Juden atifzuhcben, wie er seiner Zeit das ordnungsmüssig eriassene Ausnahmegesetz gegen eine politische Partei entgegen dem Wüllen weiter Kcise in wohlerwogener Absicht aufhob, Und als Zionisten hoffen wir, dass der Kaiser die freundliche Gesinnung, die er vor Jahren dem Zionismus entgegenbrachte, auch als Freund der neuen Türkei In Zukunft betätlgcn mügo I *) Wir bringen zur besseren Erinnerung dieso Ansprache umstehend zum Abdruck. . ׳•׳

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