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Jüdische Rundschau · 1908-12-25 · Heft 52 (25.12.1908) · page 6

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XIII (1908)
Issue
Heft 52 (25.12.1908)
Date
1908-12-25
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Seite 516 JÜDISCHE RUNDSCHAU No. 52 So hat das wahrhaft jüdische Entgegenkommen. das uns in Köln Grossgcmeinde und RcDräscntan/ zu unserer diesjährigen Vorturnerstunde so aufrichtig und herzlich bewiesen, unsere Zuversicht gestärkt, denn es ist ein deutliches Zeugnis dafür, dass die offiziellen Vertretungen der Judciiheit angefangen haben, uns ohne Vorurteil zu betrachten und nach unseren Leistungen abzuschätzen. Wir sind stets hur mit halber Freude in den Kampf mit unseren jüdischen Gegnern eingetreten: Soviel des Unechten und feig Zuri'ickgelialtenen sich hinter ihrer despotischen Maske auch verbarg, soviel persönlich geschäftliche und gcsellschaftliehe Motive, oft wohl unbewusst, in ihre Handlungen mit unterliefen, so konnte cs uns doch nicht entgehen, wie mitunter auch treu sorgende, aber schlecht beratene Liehe und missverstehender Eifer den zu unserem Gegner machte, der nach Wesens- und Wirkensart natiirgemäss an unsere Seite gehört hätte. Die Strasshurger Gewerbeschule genicsst weit über die engeren Landcsgrcnzcti hinaus den Ruf einer segensreich wirkenden Anstalt, in der seit Jahrzehnten die clsässischeu Juden ähnliche erzieherische Ziele zu verwirklichen streben, wie auch wir sie zur Gesundung unseres Volkstums für erspricsslich halten. Merken die Herren vom derzeitigen Verwaltungsrat nicht, dass sic den alten Ruf ihrer Anstalt freventlich aufs Spiel setzen, wenn sie unserem Strassburger Bundesverein das!.eben schwer machen? Ist die ganze Entwicklung des letzten Jahrzehntes denn spurlos au ihnen vorübergegangen? Wer sieh zum Verwalter jüdischer Allgcmcininteressen erwählen lässt, wie sie das von der clsässischeu Judenheit unterhaltene Institut der Gewerbeschule vertritt, der hat damit die heilige Piliclit übernommen, den Erageti, die eben diese Judenheit bewegen, seine ernste Aufmerksamkeit zu schenken, genau so, wie er ja auch seinen Privatinteressen seine Aufn:,erksamkeit widmet. Die Zeit steht nicht still und wenn Üerr X. V. nicht ständig auf dem!,osten ist und sich über die Ereignisse scir.cs Berufslebens, sei es als Kaufmann, sei es als Gelehrter, täglich unterrichtet hält, dann nimmt sein Geschuft und sein Ansehen unversehens den Krebsgang. Wen wir an die Spitze unserer Gemeinden und Wohliahrtsinstitutionen setzen, der hat nicht bloss die Geschäfte und Eormalien seir.es Amtes gewissenhaft zu verwalten, cs gilt auch, sic in jüdischem Geiste zu verwalten. Dazu gehört aber vor allem eine enge Fühlung mit dem, was unser Volk in seinem Tiefsten bewegt, mit unserem Ringen und Streben, mit dem jungen Frühling unseres Volkstums, den zu erleben und zu tragen unser Glück ist. Nur äusserste Unkenntnis unserer Bestrebungen konnte den Beschluss des Strasshurger Vcrwaltungsratcs zuwege bringen. An unsere Strasshurger Brüder aber tritt jetzt erneut die Aufgabe heran. Einigkeit und Ausdauer zu zeigen und ihren exponierten Posten mit allen Ehren zu halten. Dr. Georg Arndt, Vorsitzender des Ausschusses der Jüdischen Turncrschaft. Kunascnau Die jüdischen Nobelpreisträger Von den fünf Nobelpreisen wurden zwei an jüdische Gelehrte verlieben. Dies mag allen Rassenantisemiten als Beweis für die ״Inferiorität“ der Juden gelten. Die zwei jüdischen Preisträger sind Professor Paul Ehrlich. Direktor des Frankfurter Instituts fiir experimentelle Therapie, mul Gabriel Lippmaiiii. Professor der Physik an der Pariser Sorbonne. Professor Ehrlich ist ein Schüler des Pathologen und Mikroskopikers Weigert. Die jüdische Abkunft Professor Ehrlichs verschliss ihm bis jetzt die Lehrkanzeln der grossen deutschen Universitäten. Das Hauptverdieiist Professor Ehrlictis ist die von ihm cingefiilirte Verwendung der Anilinfärben zur Sichtbarmachung feiner Unterschiede in den mikroskopischen Präparaten. Auch die Farbemethode zur Erkeunung der Tubcrkclbazillen rührt von ilim her. Professor Iipplan 11 ist in Molleneh (Luxemburg) im Jahre 18*15 geboren. Seine Studien absolvierte er in Deutschland und Frankreich. In Deutschland beschäftigte er sieh mit dem S'udiuni der Elektrizität und machte mehrere wichtige Entdeckungen auf diesem Gebiete. Im Jahre 1891 erfand, respektive verbesserte er die Farbenphotograplüc. Im Jahre 1883 wurde er an der Sorbonne Professor der experimentellen Physik. Im Jahre 1887 wurde er zum Mitglied« der Akademie der Wissenschaften gewählt. Er ist Verfasser bedeutender Werke über Thermodynamik und wurde vor kurzem von der Universität Cambridge IEngland) mit dem Titel ״Ehrendoktor“ ausgezeichnet. Ehrlich und L i p p m a 11!1 sind beide ungetauft. Wir haben daher um so mehr Anlass, uns über die Anerkennung, die ihnen gezollt wurde, zu freuen. Denn die Preise sind nicht bloss Gelehrten jüdischer Abkunft, sondern ehrenhaften, stainmcsbcwnsstcn Juden zuerkannt worden. Kunstgewerbe in Jerusalem Der ,.Be za lei“. Verein zur Verbreitung von Kunstg c w e r b e und Hausindustrie in Palästina und den Nachbarländern, erstattet soeben seinen dritten Tätigkcitsbcricht. Eingelcitct wird der hübsch ausgestattete Bericht mit einem kleinen Porträt Samuel H i r s 7. e n b c r g s , des am 15. September dieses Jahres in J c r u s a 1 e m verstorbenen Künstlers, der als Lehrer an der Jerusalemer Bezalel- Schule Vortreffliches leistete. Der Verein will zum Andenken an den Verstorbenen ein Hirszcnbcrg-Stipcndium am ״Bezalel“ begründen. — .. a\u der Jerusalemer Anstalt des ״Bezalel“, die im Berichtsjahrc in zwei neue vom Jüdischen Natiniialfouds dem ״Bezalel“ mietweise überlassene Häuser iibcrsiedclte. bestehen gegenwärtig eine Teppich- A h t e i 11111 g 1111 d F ä r b e r c i, in der insgesamt •M Arbeiterinnen beschäftigt sind, eine Abteihmg für Holzschnitzerei mit einem Meister und drei Gesellen, eine R a 11 in e n - A b t c i 111!1 g mit einem Meister und neun Arbeitern, eine Abteilung iiir 1'i I i g r a 11 - A r - beiten mit einem Meister und drei Arbeitern, eine Abteilung iiir S t e i!1 h a ti e r - A r b e i t e 11, in der in einem dreimonatigen Kursus 29 Arbeiter ausgcbildct wurden. Den Vorbercitungskursns der Kunstschule besuchten zehn Schüler im Alter von 16 bis 22 Jahren, int Februar nächsten Jahres ׳wird am ״Bezalel“ auch eine Abteilung für Korblind K 11!1 s t in ö b c I - F 1 e c 111 e r e i eingerichtet, iiir die die nötigen Entwürfe von der Kunstabteihing des ״Bezalel“ geliefert werden. Ausserdem sollen im nächsten Semester hesondere Werkstätten iiir D a m a s k 11 s - M ö b c 1 eingerichtet werden. Das mit dem ״Bezalel“ verbundene Museum erircut sich bei der Jerusalemer Bevölkerung eines lebhaften Interesses. Die aus der Anstalt bis jetzt hervorgcgaiigcnen Arbeiten, sowohl Teppiche wie Bilderralinicn, Gold- und Silberfiligran-Arbciten usw. zeigen deutlich den Fortschritt, den die Schule seit ihrer Begründung gemacht hat. Besonders die Teppiche finden das Interesse und die Anerkennung aller Fachleute, von denen sic bisher geprüft wurden. Ucber den Absatz seiner Produkte hat der ״Bezalel“ nicht zu klagen. Er hatte im Gegenteil mehr Aufträge, als er im letzten Jahre cffcktuicrcn konnte. Es ist aber unbedingt nötig, den ״Bezalel“ soweit pekuniär sicher zu stellen, dass er in der Lage ist. grössere Quantitäten von Rohmaterialien auf einmal und dadurch erheblich billiger zu kaufen, als cs ihm jetzt möglich ist. Bis jetzt hat der ״B c z a i e 1“ bewiesen, dass er I e b c 11 s fä big ist, und dass er wahrscheinlich nicht mehr allzu lange der materiellen Unterstützung bedürftig sein wird. Gerade deshalb aber verdient er sie jetzt in reichstem Masse, denn hier ist der Grundsatz der edelsten Wohltätigkeit verwirklicht worden, der fordert: nicht Almosen, so 11- ׳ der« Ar b e i t! In der in der letzten Woche in Berlin unter Vorsitz des Prof Dr. War bürg stattgehabten Generalversammlung wurde dem Vorstände, besonders auch den rührigen Schatzmeistern des Vereins. Berthold Israel und Bertrand Hambürg mit Dank Entlastung erteilt tmd der Vorstand wiedergewühlt. Der jüdische Deputierte in Konstantinope Noch bis zum letzten Augenblicke, einen Tag vor den Sclilusswahlcii. war keine Voraussage über das Ergebnis möglich. Es waren und blieben drei jüdische Kandidaten, deren ieder seine Vorzüge tmd Anhänger hatte. Das musste schliesslich gar zu einer Katastrophe führen, wenn keine Acndertmg eintrat. Wenn die indischen Wahhnäniier — zu denen 11. a. unser Gesinnungsgenosse und Vertreter des Hilis- Vereins, Advokat Dr. Leo Schönmann, zählte — uneinig hUeheu und ihre türkischen Parteigänger mit ihnen ihre Stirnmen auf die drei iiidisehen Kandidaten zersplitterten, so konnte, ja musste fast die Wahl eines Juden überhaupt in Frage gestellt sein. In den letzten zwei Tagen klärte sich jedoch die Lage zum Besten einer Einlieitskandidatur. Das jüdische Wuhlkomitee, an dessen Spitze der Colonel Moisc bev dal Medien stand, hatte das jungtiirkische Komitee endlicn dazu gebracht, die Kandidatur Faraggis gutxiiheisscn. Auf der Kandidatenliste des Juugtürkenkomitecs erschien sodann

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