Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XIII (1908)
- Issue
- Heft 47 (20.11.1908)
- Date
- 1908-11-20
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 91% known words query
- IRI
…/2651273-2651552-2651599--06057-2663119- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
No. 47 Seite 467 JÜDISCHE RUNDSCHAU Jüdische Gemeinde in Berlin Berlin. In einer vom ״Neuen jüdischen Gcmciiidcverein“ veranstalteten öffentlichen Versammlung sprach am 12. Nov. in der Bötzow-Brauerei Herr Rechtsanwalt Dr. Klee über ״Die Berliner jüdische Gemeinde - wie sic Ist und wie sie werden muss.“ Der Redner ging v״n der Tatsache aus. dass die Gemeinde zur Zeit nichts mehr ist als ein Verwaltung*• opparat, von dem mau nicht einmal stgen könne, dass er mit funktioniere. Denn den Aufgaben des Kultus sei die <icmcindc nicht gewachsen, wie die Missstande in den zu den hohen Feiertagen beschafften Gebetstättu; und die zahlreichen Mündel des Religionsunterrichts zur Genüge beweisen. Es müsse also geiordert werden, dass die Berliner Gemeinde zunfichst diesen Aufgaben des Kultus gerecht werde. Darüber hinaus aber habe sie mannigfache Forderungen au! politischem und sozialen Gebiet zu erfüllen, wie z. B. Mitarbeit an dem grossen Problem der Judcuw audenmg. i'ehuifung von Herbergen für Purchwandercr. Gründling eines Volkshauses. von Vorschusskassen etc. Was die Verwaltung der Gemeinde betrifft, so verlangt Redner dieselben freiheitlichen Prinzipien die die jetzigen Machthaber der Gemeinde wohl im öiientliehen Lehen vertreten, aber für die jüdische Gemeinde nicht gelten hissen wollen. Dem mit grossem Beifall aiifgcnninmenen Vortrair folgte eine anregende Diskussion. Mehr a:s SO Gemündemitglicder schlossen sich dem neuen Verein an. Verband der Synagogenvereine Am in. d. Mts. fand im Restaurant v«-n Breslauer, Berlin. Künigstrasse. eine vom Verband dir Svnagogen-Vercine ein• berufene, sehr stark besuchte Versammlung aller Vorstände der Privatgemeinden stau. In derselben wurde unter anderin über die misslichen Verhältnisse der Vereine berichtet welche trotz grösster Opfer ihrer Mitglieder mi: ständigen Geldvcr- Icgcnheiten zu kämpfen haben, trotzdem ihr Fortbestehen in I blue rummelnder < icmeindesvnagogen eine dringende N'< twendi^keit namentlich in den V״ro:ten und der Peripherie ist. Die Subventionen shid. mit Ausnahme für die Reinrm und der Charlottenburger Relbgiousgemeinde so karg bemessen, dass weder eine würdige Ausstattung der Svnagoge noch eine angemessene Honorierung der Beamten und Lehrer erfolgen kann. Nach eingehender Debatte, i!! welcher diese Hebelstünde von allen Seiten anerkannt w urden, beschloss die Yersammhlung der Gemeindeverwaltung in einer Denkschrift diese Verhältnisse klar zu legen und tun Abhilfe zu bitten. Die Beiiicksichtigung dieser Bitte ist ums׳» eher zu erwarten als bekanntlich alle Parteien vor den Gemeindewahlen eine ausreichende Subventionierung der Rcliginnsvereinc in ihrem Programm aufgcnommcii haben und nun zeigen könnten, dass sic diesen Programmnunkt erfüllen wollen. Konflikt Strassbiirg. Zw ischen dem Jüdischen Turnverein und der israel. Gewerbeschule ist ein Konflikt ausgebrochen. Bis jetzt hat der Turnverein die Halle dieser Schule an drei Abenden in der Woche benutzt. Als aber eine Zöglingsriege cingcrichtet werden sollte um! ca. S•1 Knaben und der Turnlehrer erschienen, erklärte der Leiter der •Schule kurzweg: Die Halle ist verweigert.' Minen Grund anzugeben, wurde nicht beliebt. Persönliche Rücksprache mit Mitgliedern des Verwatungsrates ergab zunächst einige naive Ausreden wie. die Kinder machen Lärm und ähnliches. Frst ganz zuletzt mir w iderwillig, kam der Picrdciuss zum Vorschein: wir wollen nicht separieren, wir wollen dem Antisemitismus keine Nahrung gehen. So spricht der Verwalhmgsrat einer Jüdischen Anstalt! Die Herren meinen, den Jüdischen Turnverein bevormunden und jeden richtigen Beschluss sanktionieren zu müssen. Und dabei s inkonsequent: versichern in jedem Brief, bei jedem Zusammentreffen ihre grösste Sympathie; jetzt hintertreiben sie eine Kinrichtung, die für die Mxistcnz des Vereins unbedingt nötig ist. Aber die Hauptsache ist die: die Herren vergesten ganz, dass cs sich nicht um Kundgebung ihrer privaten antijüdischen Gesinnung handelte, da sic dein Verein ja nicht ein Geschenk aus ihrer Tasche machen sollten. Sie sind doch nur Verwalter einer Einrichtung', die für die jüdische Allgemeinheit geschaffen ist und von der jüdischen Allgemeinheit unterhalten w ird. Diese Anstalt muss auch den! j ii d i s c h e n Interesse dienen: besonders einem Vereine, dessen Bestrcbungen denen der Schule so verwandt sind. Ms. ist anzunehmen, da das Gros der hiesigen Bevölkerung sich au! Seiten des Turmcreius stellt, dass man keinen Sinn für diese Inkonsequenz hat. Am Samstag, dem 28. Nov.. spricht Herr Dr. Humeiidenger über «Degeneration und Regeneration im Judentum‘*. Der Vortrag findet im Restaurant Blum statt. Gäste sind willkommen! . Kleine Mitteilungen Berlin. Der lüdfsche Turnverein ״Bar Kocbba“, Berlin, veranstaltet am Sonntag, dem 22. November, pünktlich 3‘e Uhr nachmittags in der Turnhalle des Dorotheenstädtischen Realg\ mnasiuuis Dorotheenstrasse. Eingang Prinz Louis M’crdinaud- Strass״׳• Io. nahe Bahnhof Friedrichstrasse, ein Schauturnen, bei dem e׳u jeder als Gast willkommen ist. Im Anschluss hieran findet in Neiimann's Fcstsälen. Rosenthalerstr.36. ein Gesells e h a f t s :1 b e il d m i t T a 11 z statt. Beginn '-•9 Uhr. Karten; I Mk. Im Vorverkauf auf Jen Turnsälen ä 75 Pfg. Jüdisches Genesungsneim Das in Lehnitz in herrlicher Lage am Lehnitz-See helegene jüdische Genesungsheim hat in diesem Jahre JÖ9 weihlie: en Pilegbngcn. welche durch i :ח• Tätigkeit überanstrengt oder durch Krankheit geschwächx wtren, ihre Arbeitsfähigkeit w ,e.lergegeheti. Ein״• gegen das Vorjahr w eitaus grössere Anzahl von Pfleglingen konnte' das H׳'im in diesem Jahre \ersorgen. da es bereits im •März mit ca. -P! Pfleglingen eröffnet wurde und sich in׳ Oktober noch Ol Personen im Hei.11 befanden. Die Erfahrung hat gelehrt, dass die erzielten Erfolge• in den .Frühjahrsunj ilcrhstmouutcu stets die gleichen wie in den Sommermonaten sind, und empfiehlt es sich in Anbetracht dessen, dass d׳s Heim in den 8• mmertnonaten stets iilwriäit ist. Gesuche 11.n Aufnahme bereits im Januar unter Beibringung eines ärztlichen Attestes an das Bureau des Vereins Jüdisches Genesungsheim. Rosenstr. 2/A. zu richten. Fiötzeusce. Im Suaigcjäiigiiisse zu Plot/.eusec fand die Einweihung einer Anstaitssynagoge für die israelitischen Gefnitgciien st »tt. Köln. Jüdischer Turnverein in Köln. 1' e ber die körp e r I i c h e Hebung der Juden sprach am Sonnabend, den’ 7. d. M.. abends 9 Uhr, in׳ I n d i s c!1 c n T u r 11 v e r e i n Herr N a t it a n G ross aus VV j 0 n. Der Vortrag, der im Saale des Gabriel Riesser-Vertins stzttfaud. hatte ein zahlreiches Publikum an gezogen. Der Referent behandelte eingehend die Frage der körperlichen Tüchtigkeit der Juden, die unter den langen Jahrhunderten der Knechtung und Yerfolgtmg und durch die dadurch bedingte einseitige Gcistespflege sehr gelitten habe. Zu ihrer Kräftigung sei eine intensive Körnerpflegc. die Pflege des Sports und speziell des Turnens erforderlich. Dies könne in rationeller und fiir die Gesamtheit des Jüdischen Volkes crspriesslichen Weise mir in jiidisehen Vereinen geschehen, die auf die besonderen Eigenheiten der Juden gebührend Rücksicht nehmen könnten und ihnen zugleich die Möglichkeit gäben, ihr jüdisches Selbstbewusstsein zu kräftigen. Gerade darin liege aber die Lösung der Judenfrage begründet, dass es gelinge, die Juden zum Bewusstsein ihres Wesensinhaltes und ihres Judentums zu bringen. Die Achtung vor sich selbst, die ihnen heute in bedauerlichem Masse abgehe, würde die Achtung der anderen nach sich ziehen. Der Vortrag fand lebhaiten Beifall. Es entspann sich eine lebhafte Debatte, in der auch Gegner der Anschauungen des Referenten zu Worte kamen. Erst gegen Mitternacht schloss die gehaltvolle Veranstaltung, die dem Turnverein mehrere neue Mitglieder gewonnen hat. Vandalismus Vor der Strafkammer in Gnescn hatten sich die fugend• liehen Burschen Brouislaus Meyer und Johann Fritsch (lollantsch wegen Schändung der jüdischen Leichenhalle dortselbst zu verantworten. Die Taugenichtse zerschlugen mit langen Stöcken die au den Wänden!längenden religiösen Bilder und Gcbetstafcln. Die Trümmer warten sie in eine Tonne und steckten diese in Brand. Mever erhielt zwei Wochen und Fritsch zwei Tage Gefängnis. Jüdische Muhammedaner Wilna. Wie HMD HASMAN meldet, sind 18 jüdische Studenten, denen die Aufnahme au den russischen Universitäten verweigert wurde, zum Islam iihergetreten. Als neugebackene Muhammedaner stand ihrer Aufnalime nichts mehr im Wege. Köln. Dieser Jage veranstaltete der hiesige Verein i ii r j ii d i s c I» c G e s c 11 i c 111 e und Literatur den ersten Vortragsabend, seines auf 5 Vorträge berechneten Bihelzvklus. Redner des Abends war Herr Dr. Benzinger aus Jerusalem. Sein Thema lautete: ..Volksleben im , Lande der Bibel.“ Mit gespannten Erwartungen begaben sieh s auch unsere Gasinnungsgenossen y.u dem Vorträge, lim auch einmal aus christlichem Munde Schilderungen aus dem Lande unserer Väter zu hören. Aber enttäuscht kehrten sic wenig-